Attack of the Weekly Links: Godard, Gorbatschow, Winnetou, Vietnam und Mao-Rap

Mai 68: La chinoise, Barbarella, Erotissimo | Letzten Dienstag ist der französisch-schweizerische Regisseur Jean-Luc Godard gestorben. Vor ein paar Jahren hab ich an einem Filmabend der Gruppe Konverter La chinoise gezeigt, Godards Film über die 68er-Bewegung, bevor die 68er-Bewegung tatsächlich losging (sowie über Maos Kulturrevolution). Ein sehr interessantes, aber auch extrem schwieriges Werk (die Konverter-Leute hätten beinahe gegen die Vorstellung revoltiert).

Gorbatschows Pizza-Hut-Werbeclip | Apropos sterben und so: Auch Michail Sergejewitsch Gorbatschow ist vor wenigen Wochen von uns gegangen (er und Godard lagen alterstechnisch übrigens bloss ein Jahr auseinander). Es wurden viele Nachrufe geschrieben, und es dürften bald so einige Biografien, Dokumentarfilme und Co. folgen. Aber wir sind uns wohl alle einig, dass das wahre Vermächtnis, das Gorbatschow der Welt hinterlässt, diese Pizza-Hut-Werbung ist. Hier ein paar Hintergründe zum Video und hier eine leicht gereizte Einordnung (beide sind noch vor Gorbatschows Tod entstanden).
Und weils so schön ist: Hier ein ÖBB-Clip mit Gorbatschow.

Winnetou-Fake: So peinlich fällt auch Söder drauf rein | Das Zurich Film Festival zeigt den umstrittenen Winnetou-Film (mehr dazu hier – Achtung, Paywall), und ich hab mit einem Kollegen drüber gesprochen. Wobei sich herausstellte, dass er dachte, die ARD habe die alten Filme aus dem Programm verbannt. So schnell setzen sich Fake News fest. Volksverpetzer setzt auseinander, weshalb die angebliche Winnetou-Verbannung Unsinn ist.

Is Vietnam Socialist? | Ein Podcast von Azure Scapegoat mit Emerican Johnson von NonCompete und einem Gastauftritt von Luna Oi. Oi und Johnson leben zusammen in Vietnam und erzählen vom real existierenden Sozialismus dort. Unter anderem gehts um das vietnamesische Kino und um ein Gedicht, dass die hohe Stirn von Lenin mit der von Ho Chi Minh vergleicht.

Musikvideo der Woche: Bambu – «Chairman Mao» | Man kann über den Sozialismus sagen, was man will, aber revolutionärer Hip-Hop haut rein. Hier ein ziemlicher Rocker von Bambu, einem philippinisch-amerikanischen Rapper aus Los Angeles. Passend zu Godard, Mao und Co.

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Attack of the Weekly Links: Kulturelle Aneignung, tödliche Hacks und der Irakkrieg

Was Sie wissen sollten, bevor Sie sich über kulturelle Aneignung aufregen | Die Brasserie Lorraine in Bern und die Bar Gleis in Zürich haben Musiker:innen ausgeladen, weil sie als Weisse Dreadlocks trugen. Das hat eine riesige Diskussion im ganzen deutschsprachigen Raum losgetreten. Und diese hat vor allem gezeigt, dass sich niemand damit auseinandersetzen will, was kulturelle Aneignung eigentlich ist.
Wer es besser machen will: Dieser Artikel von Jens Balzer bei der Republik gibt eine Einführung.
Ergänzend: Zuhören als Provokation von Kaspar Surber bei der WOZ.
Ebenfalls ergänzend: Cultural Appropriation, Revisited, ein Youtube-Video von T1J.
Apropos Gleis: Als wir beim Züritipp letzten März eine grosse Geschichte über Zürcher Bars gemacht haben, hab ich eben übers Gleis geschrieben. Siehe hier (Achtung, Paywall). Ich empfehle den Ort nach wie vor weiter.

Debunking DEADLIEST craft hack, 34 dead | Beim Fractal Burning (auch bekannt als Lichtenberg Burning oder Wood Fracking) macht man schöne Muster in Holzplatten, indem man über einen Mikrowellentrafo Strom in eben jene Holzplatten leitet. Die Australierin Ann Reardon erklärt auf ihrem Kanal How to Cook That, weshalb das eine ganz, ganz blöd Idee ist: Man arbeitet mit einer Spannung von 2000 Volt. Bei der allerkleinsten Berührung ist man sofort tot. Und wegen einer Eigenheit von Mikrowellentrafos haut es dabei nicht einmal die Sicherung raus. (Soll heissen: Wer einmal am Braten ist, bleibt am Braten.)
Übrigens, in ihren Videos nimmt Reardon weitere Hacks auseinander, die gefährlich oder einfach bloss Fake sind; in erster Linie hat sies auf gefälschte Backrezepte abgesehen.

Blowback: Season 1 | Blowback ist ein Geschichts-Podcast, der sich verschiedenen Kriegen und Konflikten der USA widmet – in der aktuellen dritten Staffel gehts um den Koreakrieg, in der davor gings um den Konflikt mit Kuba. Angefangen hat Blowback aber mit dem Irakkrieg.
Die Hosts Noah Kulwin und Brendan James rollen auf, wie sich das Verhältnis zwischen dem Irak und den USA seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, wie es nach 9/11 (erneut) zum Krieg kam und was die US-Armee vor Ort anrichtete.
Wer die Sache seinerzeit verfolgt hat, weiss, dass das ganze Unternehmen auf Lügen basierte, dass die Regierung Bush unglaubliche Verbrechen beging. Blowback zeigt, dass es noch viel schlimmer war, als man sich allgemein bewusst macht. Und dass Bush keineswegs eine Ausnahme war – die Politik von Clinton vor und Obama nach ihm war kaum weniger mörderisch.
Will sagen: So ein richtiger Gute-Laune-Podcast.

Attack of the Weekly Links: Vom New Atheismus zur Anti-SJW-Bewegung

Die heutige Linkparade ist im Grunde ein internet hole runter zu den Themen Religionskritik, Atheismus und Pseudo-Wissenschaftlichkeit. Ausgehend von einer Frage, die mich seit einer Weile beschäftigt: Wie konnte es passieren, dass wir bei atheistischem Aktivismus gestartet und bei Transfeindlichkeit gelandet sind?

Emanzipation von der Erlösung | Artikel von Benjamin von Wyl für die WOZ. Von Wyl war früher selbst in einer Freikirche, jetzt hat er vier andere Aussteiger:innen zu ihrer Emanzipation befragt. Interessante These: Wer es schafft, sich von einer Sekte zu lösen und deren Logik anzuzweifeln, durchschaut eher auch Verschwörungstheorien.
David Dubach (besser bekannt als Knackeboul): «Wenn es politisch und gesellschaftlich einen grösseren Stellenwert hätte, Leute beim Ausbruch aus solchen Gefügen zu unterstützen, wären auch weniger Menschen für Verschwörungstheorien anfällig.»
Mir scheint offensichtlich, dass religiöse Menschen (und nicht bloss streng religiöse) eher dazu tendieren als atheistische, auch an UFO zu glauben, an Homöopathie, 9/11-Inside-Job-Theorien und schliesslich die grosse Impf-Verschwörung. War zumindest lange mein Eindruck.
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Attack of the Weekly Links: Rock in Ruinen, Übersetzungen, Tirol, Riots und Co.

Dead Milly – Sleep Well | Rock in Ruinen, ein bisschen träumen im Schnee, Romantik im Wald: Das neue Musikvideo der Band Dead Milly ist draussen.

Hauptperson Havanna – Ein Interview mit dem Übersetzer Hans-Joachim Hartstein | Spannendes Interview auf 54 Books mit jemandem, der spanische und französische Literatur ins Deutsche übersetzt. „Nur hatte Prieto den großen Fehler, wenn man so sagen will, für den deutschen Markt, dass er damals schon Kultusminister war und damit Mitglied der kubanischen Regierung und der Parteispitze und war dann für die Verlage plötzlich nicht mehr interessant.“ Eine schöne Ergänzung dazu ist dieses Interview auf dem Deutscher-Buchpreis-Blog mit einem, der deutsche Literatur ins Spanische übersetzt.

Neues aus Tirol / Februar 2021 | Der monatliche Bericht vom Exil-Schweizer Saile aus dem nächsten Osten. „Wenn man wie ich nach Österreich zieht, dann ist man beim ersten grossen Politikskandal noch total aufgeregt. […] Man ist dann sehr irritiert über das Desintressen der Einheimischen.“

Why Riots Happen | Nach dem Sturm auf das Capitol in den USA haben sich (zumindest in meiner Twitterblase) viele Leute beeilt, diesen mit den Black-Lives-Matter-Protesten gleichzusetzen. Wieso das kurzsichtig ist, zeigt dieses Video von Renegade Cut. Es lohnt sich, dafür die Altersbestätigung auf sich zu nehmen. (Dazu, wieso es grundsätzlich unlauter ist, rechte und linke Gewalt gleichzusetzen, hatten wir schon in der letzten Ausgabe unserer Linkparade eine Videoempfehlung.)

Anti-Vaxxers: What Went Wrong? | Video von Wisecrack über die Impfkritik-Bewegung, das einige Überlegungen auf den Punkt bringt, die ich mir auch gemacht habe. Zum Beispiel, dass Impfkritiker*innen nicht automatisch dumm sind, sondern dass es durchaus berechtigte Gründe gibt, gegenüber Staaten und Expert*innen kritisch zu sein (was aber leider auf falsche Pfade führen kann). Oder welche Rolle der Neoliberalismus dabei spielt. Eine thematische Ergänzung dazu ist das Video Who’s Afraid of the Experts? von Philosophy Tube.

Attack of the Weekly Links: Religion auf Youtube

Ich bin kein Stück religiös, finde Religionen aber durchaus interessant. Deswegen hör ich mir auch Youtube-Videos über Religion an. Und weils irgendwie zur Weihnachtszeit passt, möchte ich hiermit folgende Youtube-Kanäle über Religion empfehlen:

Ryan Reeves | Ist ein Dozent für Historische Theologie, der einige seiner Vorlesungen online gestellt hat. Hauptstücke sind die frühe und mittelalterliche Kirchengeschichte sowie die Reformation und moderne Kirchengeschichte. Spannend ist zudem seine Vorlesung über J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis. Aber Achtung: Reeves ist ein Theologe und dazu noch ein evangelikaler Theologe. Soll heissen, seine Vorlesungen stehen alle unter dem Vorzeichen, dass seine Form des Christentums die einzig wahre Wahrheit bedeutet. Begriffe wie „Häretiker“ benutzt er unreflektiert, und mitunter driftet er in die Apologetik ab (besonders in der Tolkien-Lewis-Vorlesung). Intellektuell also nicht ganz astrein, aber gerade auch deswegen interessant. (Im Sinn von: Wie ticken die Evangelikalen?)

Religion for Breakfast | Im Gegensatz zu Reeves ist Andrew M. Henry ein Religionswissenschaftler, und als solcher ist er deutlich neutraler. Er arbeitet nicht nur das Christentum, sondern auch jede Menge andere Religionen in kurzen, bekömmlichen Videos ab. Der Unterhaltungsfaktor ist hoch — siehe zum Beispiel: Weshalb Jesus einen Bart trägt.

Let’s Talk Religion | Filip Almansour Holm ist ein Musiker, studiert aber auch Religionswissenschaft mit einem Schwerpunkt auf Islam. Er bespricht das Thema ähnlich neutral und umfassend wie Henry, geht aber stärker in die Tiefe (auf Deutsch: Seine Videos sind üblicherweise deutlich länger). Beispiele: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Sunniten und Shiiten? Und was genau ist der Daoismus?

Attack of the Weekly Links: Schöne Kanäle gegen Corona-Spinner

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Die Coronakrise hat allerlei Spinner hochgespült, die auf Youtube Verschwörungstheorien verbreiten. Grösstenteils ältere Herren und/oder C-Promis, die wenig Ahnung haben, sich selbst aber sehr wichtig nehmen und sich bei Gegenwind damit verteidigen, dass sie ja bloss zum kritischen Denken anregen wollen.
Aber es gibt sie noch: Youtube-Kanäle von Leuten, die nicht völlig bescheuert sind. Zum Beispiel diese hier:

David Bull | Der Kanadier David Bull lebt seit dreissig Jahren in Japan und stellt dort Farbholzschnitte her, die er auch in einem Shop in Tokio verkauft. Als die Allerliebste und ich das Land besuchten, haben wir ihm gar persönlich die Hand geschüttelt. Auf seinem Kanal erklärt er seine Arbeit und erzählt viel über die Tradition der japanischen Farbholzschnitte. Sehr interessant, und sehr angenehm zum Anhören. Ein guter Einstieg ist die fortlaufende Serie David’s Choice.

The Art Assignement | PBS Digital Studios unterhalten einige coole Kanäle wie PBS Eons und Crash Course. In letzter Zeit schau ich aber vor allem The Art Assignement: Da erklärt die amerikanische Kuratorin Sarah Urist Green auf unterhaltsame, leicht verdauliche Weise Kunstgeschichte, geht auf einzelne KünstlerInnen und Themen ein. Ich empfehle The Case for Yoko Ono und dieses Video über Maurizio Cattelans Bananen-Kunstwerk an der letzten Art Basel Miami (davon hatten wirs hier schonmal).

Red Letter Media | Das ausführliche Kritikvideo zu Star Wars: The Phantom Menace kennt (fast) die ganze Welt. Hinter diesem und weiteren Reviews der Kunstfigur Mr. Plinkett stecken Mike Stoklasa, Jay Bauman und Rich Evans, die auf ihrem Kanal auch diverse andere Formate bedienen (Half in the Bag, Best of the Worst). Die hohe Kunst der Youtube-Filmkritik-Unterhaltung.

Lord Bung | Bei der SCP Foundation handelt es sich um ein Schreibprojekt: Eine Sammlung von Gruselgeschichten, verfasst in der Form von Akten einer Geheimorganisation, die übersinnliche Phänomene erforscht und eindämmt. (Die älteste und wohl bekannteste Geschichte ist die von SCP-173.) Inspiriert von diesem Projekt hat nun Lord Bung die Zeichentrickserie Confinement gemacht. Und dafür, dass diese Serie ein reines Nicht-Profi-Projekt ist, ist sie (bisher) verdammt gut herausgekommen.

Comic Tropes | Etwas für die Comicnerds: Chris Piers stellt in seinen Videos für gewöhnlich einen Künstler oder ein Kapitel der Comicgeschichte vor. Der Fokus liegt auf amerikanischen Superheldencomics, aber es kommen schon auch mal europäische, japanische und Indie-Sachen vor. Sehr spannend fand ich letzthin die Episode über Bernard Krigstein.