Attack of the Weekly Links: Vom New Atheismus zur Anti-SJW-Bewegung

Die heutige Linkparade ist im Grunde ein internet hole runter zu den Themen Religionskritik, Atheismus und Pseudo-Wissenschaftlichkeit. Ausgehend von einer Frage, die mich seit einer Weile beschäftigt: Wie konnte es passieren, dass wir bei atheistischem Aktivismus gestartet und bei Transfeindlichkeit gelandet sind?

Emanzipation von der Erlösung | Artikel von Benjamin von Wyl für die WOZ. Von Wyl war früher selbst in einer Freikirche, jetzt hat er vier andere Aussteiger:innen zu ihrer Emanzipation befragt. Interessante These: Wer es schafft, sich von einer Sekte zu lösen und deren Logik anzuzweifeln, durchschaut eher auch Verschwörungstheorien.
David Dubach (besser bekannt als Knackeboul): «Wenn es politisch und gesellschaftlich einen grösseren Stellenwert hätte, Leute beim Ausbruch aus solchen Gefügen zu unterstützen, wären auch weniger Menschen für Verschwörungstheorien anfällig.»
Mir scheint offensichtlich, dass religiöse Menschen (und nicht bloss streng religiöse) eher dazu tendieren als atheistische, auch an UFO zu glauben, an Homöopathie, 9/11-Inside-Job-Theorien und schliesslich die grosse Impf-Verschwörung. War zumindest lange mein Eindruck.

I Left Evangelical Christianity 5 Years Ago. Here’s What I’m Still Deconstructing | Apropos Sekten-Aussteiger: Genetically Modified Skeptic war früher evangelikaler Christ, inzwischen hat er den Glauben hinter sich gelassen und versteht sich als Atheist. In diesem Video spricht er über Dinge, an denen er sich noch immer abarbeitet. Spannend finde ich den Punkt My Worldview as the Exclusive Path to Moral Behavior. Denn da nimmt er auch die atheistische Seite ins Gebet.
Es stimme zwar, sagt er, dass Atheist:innen (und Naturalist:innen) eher rational denken, aber «[…] that fact is not reason enough to conclude that atheism and naturalism exclusively lead to well-informed moral behavior. […] just look at any atheist public figure who uses their rejection of superstition and fundamentalist christian myths to lord their intellectual superiority over and constantly berate religious people who call into their experience of a live show.»
Es sei also nicht so, als seien Atheist:innen automatisch gut informiert und moralisch überlegen.

Bill Nye VS Pseudoscience (Part One), Bill Nye VS Pseudoscience (Part Two!) | Ich würde etwas weiter gehen als der Genetically Modified Skeptic und fragen: Weshalb driften so viele Skeptiker:innen über die Religionskritik in Antifeminismus, Rassismus und Transfeindlichkeit ab? Der oberste Gegner scheinen nicht mehr Religion und Glauben zu sein, sondern social justice warriors (SJW) und wokeism. Quasi alles, was links ist.
Man schaue sich nur jemanden wie Richard Dawkins an, der in letzter Zeit zunehmend durch transfeindliche Äusserungen und Aktionen auf sich aufmerksam macht. (Schlagzeilen machte die Sache, als ihm die Auszeichnung als Humanist des Jahres 1996 aberkannt wurde.) Was nicht nur aus moralischen Gründen enttäuschend ist, sondern vor allem auch, weil er in diesem Fall schlicht den Anschluss an den wissenschaftlichen Diskurs verloren hat, den er doch eigentlich zu vertreten vorgibt.
Hbomberguy machte vor ein paar Jahren einen Zweiteiler über das Thema – also, nicht über Dawkins, sondern um unwissenschaftliche Transfeindlichkeit bei Skeptiker:innen. Da gehts um den Wissenschaftsvermittler Billy Nye, der von der Skeptiker:innen-Szene ausgerechnet dafür kritisiert wurde, dass er in einer TV-Show den wissenschaftlichen Konsens darlegte.
Hbomberguy zeigt: Bei Themen wie dem Klimawandel denken Skeptiker:innen tatsächlich wissenschaftlich und setzen sich mit der Materie sorgfältig auseinander – sobald es aber um Transgender-Themen geht, lassen sie diese Sortfalt fahren.

The Death of YouTube Skepticism | Noch ein Youtuber: Big Joel nimmt den Fall von Blair White, um darzustellen, wie sich die Youtube-Atheist:innen im Antifeminismus und schliesslich in der Transgenderfeindlichkeit verrannten und was das mit der Dynamik von Youtube als Plattform zu tun hat. Kurz: Ästhetik und Gruppenzugehörigkeit wurden zunehmend wichtiger als Fakten.

Youtube Skepticism and the Identity Politics of Toxic Masculinity | In diesem Video stellt Malmrose Projects Youtube-Skeptizismus in den grösseren Zusammenhang von Männlichkeit im Internetzeitalter. Böse Pointe: Skeptizismus verkommt mehr und mehr zu einer Identität, bei der es nicht um Fakten geht, sondern darum, die eigene (männliche, weisse) Domimanz zu behaupten.

Godless grifters: How the New Atheists merged with the far right | Artikel von Phil Torres für Salon. Youtube-Skeptiker:innen sind ja schön und gut; Torres geht hier der Frage nach, wie richtige Wissenschaftler à la Dawkins, Sam Harris und Co. rechten Diskursen verfallen sind.
Die traurige Moral von der Geschichte: «What’s sad is that the New Atheist movement could have made a difference — a positive difference — in the world. Instead, it gradually merged with factions of the alt-right to become what former New York Times contributing editor Bari Weiss calls the „Intellectual Dark Web“ (IDW), a motley crew of pseudo-intellectuals whose luminaries include Jordan Peterson, Eric and Bret Weinstein, Douglas Murray, Dave Rubin and Ben Shapiro, in addition to those mentioned above.
At the heart of this merger was the creation of a new religious movement of sorts centered around the
felt loss of power among white men due to the empowerment of other people

Why the Skeptic Community Swapped Atheism for Anti-Feminism, The Rise of Western Chauvinism, The Slow DEATH of New Atheism and the Skeptic Community | Es gibt ein paar Wiederholungen, aber The Kavernacle fasst in diesen drei Videos nochmal zusammen, was New Atheism, Skeptiker-Szene und Anti-SJW-Bewegung anbelangt. Ein Aspekt, den er hinzufügt, ist das gespaltene Verhältnis von New Atheism und Skeptiker:innen-Bewegung zur politischen Analyse.

The Left needs a Religious Strategy | Zum Abschluss die Frage: Wenn Atheismus zu schlechtem Denken führen kann, wie schlecht ist dann Religion wirklich? Tobiah weist auf den Umstand hin, dass der Sozialismus die Arbeiterschaft befreien will, diese aber zum grössten Teil religiös ist – ein Dilemma für die Sozialist:innen, die zum grössten Teil atheistisch sind. Vor einer Weile hat Kollege Barry hier auf dem Blog dasselbe Thema aufgegriffen (spezifisch die religiösen Strömungen im Anarchismus): Der Grösste unter euch soll sein wie der Kleinste.
Auf das Tobiah-Video stiess ich via Thought Slime, und das war der Anfang dieses Abstiegs ins internet hole.

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