Lebenszeichen: Werner und der Proto-Kinski

Der erste Film, den Werner Herzog mit Klaus Kinski drehte, war Aguirre, der Zorn Gottes (1972). Aber eigentlich war schon Herzogs Langfilmdebüt ein Kinski-Film: Lebenszeichen (1968).

Dort sehen wir Peter Brogle als Stroszek, einen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einer Verletzung und einem Aufenthalt im Lazarett auf die Insel Kos versetzt wird. Begleitet wird er von seiner Frau Nora (Athina Zacharopolou) sowie von zwei ebenfalls genesenen Kameraden – dem dicken, lauten Meinhard (Wolfang Reichmann) und dem dünnen, stillen Becker (Wolfang von Ungern-Sternberg).

Die vier richten sich in einem alten Kastell ein, wo sie ein griechisches Munitionslager bewachen. Viel kann die deutsche Armee mit dem Zeug nicht anfangen, weil deutsche Waffen und griechische Kugeln nicht kompatibel sind. Aber es wäre halt blöd, wenn das Material in die Hände der Partisanen fiele, die die umliegenden Berge unsicher machen.

Der Einsatz besteht aus Nichtstun und Langeweile. Im Schatten hocken und schwitzen. Der Höhepunkt der Aufregung ist, dass Meinhard Kakerlaken fängt oder dass ein «Zigeuner» (Julio M. Pinheiro) mit seiner Drehorgel vorbeischaut.

Die Untätigkeit schlägt Stroszek zunehmend aufs Gemüt. Er und seine beiden Kameraden unterstehen dem Kommandanten einer nahen Station; diesen bittet Stroszek eines Tages vor lauter Monotonie um einen Auftrag. Gesagt, getan: Er und Meinhard sollen einen nahen Gebirgskamm abgehen. Die beiden sehen hinunter in ein Tal voller Windpumpen. Aberhunderte von Windpumpen sind es.
Stroszek dreht durch und zückt das Gewehr, um sich à la Don Quijote in den Kampf gegen die Windräder zu stürzen. Meinhard bekommt ihn gerade noch unter Kontrolle.

Tags drauf essen die vier im Kastell zu Mittag. Als sich Stroszek zusammenreimt, dass Meinhard seinen Anfall dem Kommandanten gemeldet hat, dreht er durch. Er jagt die anderen mit dem Gewehr aus dem Kastell, verbarrikadiert sich, schiesst ins Dorf (wobei er einen Esel tötet) und droht, die Sonne mit einer Feuerwerksrakete zu sprengen.
Der Kommandant würde das Kastell ja stürmen lassen – aber die Gefahr besteht, dass das Munitionslager in die Luft fliegt.

Das Gesicht von Peter Brogle dürfte in der Schweiz jedes Kind kennen, oder zumindest war das früher so. In Bäckerei Zürrer (1957) war er Heini, der Bäckersohn, der mit der Tochter eines italienischen Ladenbesitzers zusammenkommt.
In Lebenszeichen spielt er eben einen, der dem Wahnsinn verfällt – eine Rolle, für die Herzog später immer wieder Kinski genommen hat. Brogle hat sogar ein ähnlich, wenn auch nicht ganz so verknorztes Gesicht. Aber im Gegensatz zu Kinski wirkt er anfangs wie ein völlig normaler, durchaus freundlicher Mensch.

Apropos Stroszek: Herzog nahm ein paar Jahre später den Figurennamen – aber nicht die Figur selbst – noch einmal auf. Bruno Stroszek ist in Stroszek (1977) ein Strassensänger, der aus dem Gefängnis entlassen wird, eine Prostituierte kennenlernt und versucht, mit ihr und einem Nachbar in die USA auszuwandern.

Man könnte noch darauf hinweisen, dass «Stroszek» ähnlich klingt wie «Woyzeck», den Kinski für Herzog 1979 verkörperte. Ebenfalls ein Soldat, ebenfalls einer, der dem Wahnsinn verfällt.

Zurück zu Lebenszeichen. Die wahnsinnige Hauptfigur und die dokumentarisch angehauchten Bilder (viel Handkamera) machen den Film sofort als Herzog-Werk kenntlich.

Die Linie zu Aguirre liegt auf der Hand, bis hin zu den surrealen Einsprengseln. War es in Aguirre die Galeere auf dem Baum, eine Fiebervision der Konquistadoren, so sind es in Lebenszeichen die Visionen und Träume von Stroszek: Da stürmt etwa die Kamera durch die Strassen eines Dorfes, an wehender Wäsche vorbei; plötzlich sehen wir zwei Soldaten am Boden liegen (bei demselben Vorfall, bei dem Stroszek sich verletzt hat, ist ein Kamerad gefallen).

Vor allem aber ist das dieses Bild des Tales voller Windpumpen. Es ist ein Meer von Windpumpen. Ein Anblick, bei dem man gut und gern dem Wahnsinn verfallen kann.

Lebenszeichen
Deutschland 1968
Regie, Drehbuch, Produktion: Werner Herzog
Mit Peter Brogle, Wolfgang Reichmann, Athina Zacharopoulou, Wolfgang von Ungern-Sternberg et al.

 

Rezension von Jan Hamm auf filmstarts.de

Lebenszeichen lief im Filmpodium in der Werner-Herzog-Retrospektive (noch bis 31.12.)

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