Attack of the Weekly Links: Latour, Kaninchen und China

Gegen die Sitzordnung von 1789 | WOZ-Artikel über das neue Buch von Bruno Latour. Sehr schönes Zitat des Philosophen: «In unseren Tagen deckt sich die Welt, in der man lebt, nur selten mit der Welt, von der man lebt

Sturz in den Kaninchenbau: Rein, aber richtig! | Und gleich noch ein WOZ-Artikel: Florian Keller über die Metapher des Kaninchenbaus (Rabbit Hole). Stammt aus Alice’s Adventures in Wonderland, wurde in The Matrix modern interpretiert und kommt heute häufiger zur Anwendung in der Beschreibung von Internet und Verschwörungstheorien.

«Evergrande ist nicht Chinas Lehman-Moment» | Und die WOZ zum Dritten. Interview mit Isabella Weber, die ein Buch über Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen der Achtzigerjahre verfasst hat. Ergänzend zum Interview schrieb Ralf Rukus einen Artikel über die «Resolution zu grossen Erfolgen und historischen Erfahrungen des hundertjährigen Kampfes der Partei». Besagter Ralf Rukus hat übrigens ebenfalls ein Buch über China geschrieben, und dazu gibts ein Interview im Ajour Magazin: Chinas Weg in den Kapitalismus – Ralf Ruckus über Reformen und Repression. Grad im Bezug auf Hongkong pendelt der Westen zwischen Verteufelung und Verherrlichung von China, umso wichtiger sind Stimmen wie die von Weber und Rukus.

Worker Democracy | Zum Abschluss noch ein Video von Unlearning Economics. Wobei Worker Democracy (Arbeiterdemokratie) in dem Zusammenhang vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist; eigentlich geht es um Workplace Democracy (Unternehmensdemokratie), also um die Idee, dass ein Unternehmen nicht hierarchisch von Chefs geleitet wird, sondern demokratisch von den Angestellten. Der Begriff Worker Democracy (Arbeiterdemokratie) bezieht sich dann eher auf einen Staat, der vom Proletariat regiert wird. Aber natürlich hängt beides zusammen. So oder so, besonders interessant am Video ist die Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen.

Attack of the Weekly Links: Vom New Atheismus zur Anti-SJW-Bewegung

Die heutige Linkparade ist im Grunde ein internet hole runter zu den Themen Religionskritik, Atheismus und Pseudo-Wissenschaftlichkeit. Ausgehend von einer Frage, die mich seit einer Weile beschäftigt: Wie konnte es passieren, dass wir bei atheistischem Aktivismus gestartet und bei Transfeindlichkeit gelandet sind?

Emanzipation von der Erlösung | Artikel von Benjamin von Wyl für die WOZ. Von Wyl war früher selbst in einer Freikirche, jetzt hat er vier andere Aussteiger:innen zu ihrer Emanzipation befragt. Interessante These: Wer es schafft, sich von einer Sekte zu lösen und deren Logik anzuzweifeln, durchschaut eher auch Verschwörungstheorien.
David Dubach (besser bekannt als Knackeboul): «Wenn es politisch und gesellschaftlich einen grösseren Stellenwert hätte, Leute beim Ausbruch aus solchen Gefügen zu unterstützen, wären auch weniger Menschen für Verschwörungstheorien anfällig.»
Mir scheint offensichtlich, dass religiöse Menschen (und nicht bloss streng religiöse) eher dazu tendieren als atheistische, auch an UFO zu glauben, an Homöopathie, 9/11-Inside-Job-Theorien und schliesslich die grosse Impf-Verschwörung. War zumindest lange mein Eindruck.
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Fantasy Basel 2021: Superman gegen Adidas-Boy oder Die Öle von Bruder Ignazius

Ich steige in Zürich in den Zug nach Basel. Im Abteil nebenan sitzen Captain Kirk und Mr. Spock. Wo die wohl hinwollen?

Dieses Jahr hab ichs erstmals an die Fantasy Basel geschafft. Von der Idee her eine Comic Convention, versammelt sie darüber hinaus alles, was irgendwie mit Fantasy, Science-Fiction und Nerd-Kultur zu tun hat: Filme und Serien, Games (elektronisch und tabletop) und Bücher, aber auch Wrestling, Graffiti, Airsoft und Lasertag. Vor allem ist die Convention ein grosses Schaulaufen für Cosplay, also für jene Leute, die sich als irgendwelche Figuren verkleiden.

Allerdings: Kommen überhaupt Menschen? Letztes Jahr musste die Con wegen Corona ausfallen, dieses Mal gilt Zertifikatspflicht. Schreckt das die Nerds ab? Zudem: Das genaue Programm wurde relativ spät angekündigt (was mutmasslich mit der allgemeinen Corona-Unsicherheit zusammenhängt); dem Publikumsfluss hat das kaum geholfen.

Am Bahnhof Basel treffe ich meinen werten Kollegen Barry, der von Bern her angereist ist. Ein Tram bringt uns zum Messeplatz. Wir haben uns Late-Riser-Tickets geholt, die von 12 bis 19 Uhr gelten. Mit einem Early-Bird-Ticket dürfte man schon um 10 Uhr rein, deren Anzahl ist freilich beschränkt. (Nicht, dass die Early-Bird-Tickets dieses Jahr knapp gewesen wären, aber wer will schon früher aufstehen?)

Pünktlich um zwölf stehen wir vor der Messe Basel. Der Warteschlangen-Bereich ist für Hunderte Menschen ausgerichtet. Die paar Leute, die hinein wollen, verlieren sich in der Weite. Links am Eingang ein Stand, der mit «Waffenkontrolle» überschrieben ist (manche Cosplayer:innen sind mit Schwertern, Äxten oder Maschinengewehren unterwegs).

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Attack of the Weekly Links: Taschenbücher, Hören in Innsbruck, die Mormonen in ihrem historischen Kontext

Die Nacht der untoten Riesenbücher – Lesenswerter Schund | Gerrit Wustmann über Quentin Tarantino und den Untergang des Taschenbuch-Formats.
«Überhaupt ist dieser Trend zu immer größeren, dickeren, wuchtigeren ‘Taschenbüchern’, die garantiert in keine Tasche mehr passen, eine Plage.»

Hören und Spazieren in Innsbruck | Beiträge aus einem Hörspiel-Workshop, geleitet von Niki Matita. Die Teilnehmer:innen machten kleine Hörstücke in und über Innsbruck. Schüttelbrot, Goldenes Dachl, Brunnenplätschern, ein:e Strassenmusiker:in an der Geige. Gerüchten zufolge hat jemand aus dem Kulturmutant-Umfeld am Projekt teilgenommen.

The Book of Mormon’s 19th Century Context / Authorship of the Book of Mormon / Meaning of the Book of Mormon Today | Schon in der letzten Linkparade hab ich eine Vorlesung auf der Youtube-Plattform von Centre Place empfohlen. Diesmal empfehle ich eine dreiteilige Vorlesung von John C. Hamer über das Book of Mormon – nicht über das Musical von Matt Stone und Trey Parker, sondern das eigentliche Buch Mormon. Aus welchem Kontext heraus ist der Text entstanden, was hatte es mit Joseph Smith auf sich, wie geht die Kirche Christi mit den äusserst problematischen Elementen des Buches um? Hamer ist selbst ein Pastor der Kirche, aber eben auch Historiker, und so hat er kein Problem damit, das Buch mit grosser Ehrlichkeit zu beurteilen.

Attack of the Weekly Links: Norm Macdonald, der Untergang Roms, das Patriarchat in der psychischen Entwicklung

Norm Macdonald: Moth Joke | Norm Macdonald ist gestorben, mit 61 Jahren an Krebs. Er ist einer meiner Lieblingskomiker. Der Motten-Witz, den er bei Conan erzählte, gibt einen guten Eindruck seines Humors. Sehr schön (und kürzer) sind natürlich auch die Weekend Updates bei Saturday Night Live.

Is the „fall“ of the Roman Empire a myth? The Rise and Fall of the Ostrogoths | Sieben, fünf, drei: Rom schlüpft aus dem Ei. Vier, sieben, sechs: Rom ist ex. So hab ichs in der Schule gelernt. Dass das Römische Reich keineswegs im Jahr 476 untergegangen ist, war mir schon länger klar. Aber in dieser Vorlesung geht der Historiker John C. Hamer näher auf das Thema ein, und dabei hab ich einige neue Sachen darüber gelernt. Unter anderem: Wenn man will, kann man den endgültigen Untergang des Römischen Reiches auf 1806 setzen.

Les couilles sur la table: Ce que le patriarcat fait à l’amour | In dieser englischen Folge des französischen Podcasts Les couilles sur la table spricht Victoire Tuaillon mit der Genderforscherin Carol Gilligan («Why Does Patriarchy Persists?»). Es geht darum, wie das Patriarchat die psychische Entwicklung von Männern im Kindesalter beeinflusst.

Attack of the Weekly Links: Adornos Sexus, Sehnsucht nach Bunkern, Afghanistan

Theodor W. Adorno: Sexualtabus und Recht heute | Vortrag von Adorno 1967 in Wien über den Sexus in der kapitalistischen Gesellschaft.
Lustig: Adorno erwähnt, dass die Thesen von Karl Krauss zum Thema immer noch Geltung haben, so wie Adornos Thesen zum Thema heute noch Geltung haben.
Sehr interessant wirds dort, (so um die 60-Minuten-Marke herum), wo es um die schädlichen Auswirkungen von gut gemeinten Rerformen geht. („Dieses Phänomen, dass die Reform innerhalb des schlechten Ganzen eher das Schlechte verstärkt als es bessert […]“.)

Bunkerträume | Essay über Bunker, von Florian Keller in der WOZ.
„Anders als etwa in der Schweiz, aber auch anders als in Skandinavien oder der damaligen Sowjetunion war die Schutzraumplanung in den USA schon damals nicht auf einen umfassenden staatlichen Bevölkerungsschutz ausgerichtet, wie Garrett schreibt: «Die US-Regierung hat nie versucht, Atomschutzräume für alle oder auch nur einen Bruchteil ihrer Bürgerinnen und Bürger zu bauen.» Die Bunker, die gebaut wurden, waren geheim und für die Regierung und die Armeespitze bestimmt, nicht für die Allgemeinheit. Getreu der individualistischen Doktrin des Landes ermunterte man die Menschen dazu, ihre Luftschutzkeller doch selber zu bauen.“

How Did the Taliban Win In Afghanistan? | Inzwischen hat der letzte US-Soldat Afghanistan verlassen. Wie kam es zur raschen Machtübernahme durch die Taliban? Das Video von History with Hilbert scheint mir eine gute Zusammenfassung zu sein. Erhellend ist auch diese Diskussion zwischen The Cynical Historian (ein Historiker, der als US-Soldat in Afghanistan war) und Hikma History (ein Historiker, der aus Afghanistan stammt).

tirol: eine innenansicht

zuerst muss betont werden; tirol ist so was wie die bessere deutschschweiz, oder sagen wir, eine art deutschsprachige westschweiz. es läuft auch alles recht ordentlich, aber die arbeitsmoral ist entspannter, das essen ist besser und die witze sind es auch. ich lebe aus zufall in tirol und kann sagen, die lebensqualität ist wirklich sehr hoch, wenn man sich tirol denn leisten kann. dieses lob ist wichtig, weil jetzt kommt das bashing. 

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Attack of the Weekly Links: Adorno über Rechtsradikalismus, Teufelsintervall, Maya-Wandbilder

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus | Vortrag von Adorno 1967 in Wien über den Rechtsradikalismus. Fünfzig Jahre danach ist es ein wenig erschreckend, wie viel von seiner Einschätzung noch immer zutrifft.
«Ich möchte also davon ausgehen, meine Damen und Herren, dass die Voraussetzungen faschistischer Bewegungen trotz des Zusammenbruchs gesellschaftlich, wenn auch nicht unmittelbar politisch, nach wie vor Fortbestehen. Dabei denke ich in erster Linie an die nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals […]»
Was Adorno über den Zustand der Gesellschaft im Kapitalismus sagt, kann man heute noch genau so beobachten. Aber er spricht auch darüber, was man dagegen machen kann.

The Great Myth of the Medieval Tritone Ban | Die mittelalterliche Kirche hat den Tritonus verboten, weil sie den Intervall mit dem Teufel in Verbindung gebracht hat. Hab ich so öfters gehört. Der Musiker Adam Neely erklärt in seinem neusten Youtube-Video, weshalb das Quatsch ist. Sehr spannend.

Murals and Mysteries of the Maya | William Saturno erforscht die Maya. In seinem Vortrag erzählt er von der Entdeckung eines Wandbildes und was das für unser Verständnis dieses antiken Volkes bedeutet. Cooles Thema, unterhaltsamer Erzähler.

Attack of the Weekly Links: Peru, Genua, Aids und Impfkritik

Alberto Fujimori: Dictator of Peru | Lustigerweise (oder traurigerweise) weiss ich mehr über die Inkas als über das zeitgenössische Peru. Umso mehr hat mich dieses Video von Bad Empanada fasziniert, in dem er sich mit Alberto Fujimori beschäftigt, der von 1990 bis 2000 als Dikator über das Land herrschte. Dazu passt übrigens dieses Video auf demselben Kanal über die peruanische Guerillaorganisation Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad).

Genua 2001: Aufständische Ereignisse statt «Ende der Geschichte» | Diesen Sommer vor zwanzig Jahren demonstrierten Globalisierungskritiker:innen gegen den G8-Gipfel in Genua. Die Polizei schlug brutal zu; am 20. Juli wurde Carlo Giuliani erschossen. Lia Kläber, die damals dabei war, hält für das schweizerische Ajour-Magazin Rückschau und ordnet ein.

How did we get AIDS? | Ein Video von little hoot über die Aids-Epidemie und insbesondere den politischen Umgang damit. Spricht auch einige Mythen wie den vom Patienten null an. Und zeigt einige Parallelen zur Corona-Epidemie auf. (Kurzfassung: Die Leute waren schon damals unfähig, um angemessen zu reagieren.)

Vaccines: A Measured Response | Auch ich hab schon von Impfkritiker:innen gesagt bekommen, dass Impfungen Autismus verursachen können. Mir war bewusst, dass das auf einer fragwürdigen, längst widerlegten Studie basiert, aber ich hab mich nie wirklich mit den Details auseinandergesetzt. Hbomberguy hat sich besagte Studie von Andrew Wakefield und das Treiben des (ehemaligen) Arztes angesehen, und was dabei herauskommt, erinnert in seiner bodenlosen Unglaublichkeit an Tiger King. Nur, dass sterbende Kinder hinzukommen.