Buddelfisch Funk #18

Wie ich schon schrob, ist Doc Acula gestorben, der Gründer von Badmovies.de. Mit seiner Seite hat er eine ganze Menge Leute beeinflusst — unter anderem wäre ohne ihn das Comicstudio Buddelfisch nicht in der Form entstanden. Was genau es damit auf sich hat und vieles mehr erfährt man in diese Podcast-Folge, wo Sebastian, Dirk und ich über den Doc sprechen.

Die Nägel und die Toten

„Zu den Letzten ihres Standes gehören inzwischen auch die Dompteure der Dinosaurier des Industriezeitalters.“ So poetisch (wenn auch etwas gestelzt) beginnt die Kurzdoku Der Nagelschmied von Winterthur Von 1997 stammt es und aus der Reihe Der Letzte seines Standes? des Bayrischen Rundfunks. Regisseur Rüdiger Lorenz selbst hat einige der Folgen auf seinen Youtube-Kanal Handwerk-Zeitreise gestellt.

Der Nagelschmied von Winterthur ist ein Porträt von Arthur Paul, der noch mit 86 Jahren in der Nagelfabrik in Winterthur arbeitete. Es war und ist die letzte ihrer Art in der Schweiz. Heutzutage handelt es sich dabei in erster Linie um einen Museumsbetrieb, auch wenn tatsächlich immer noch Nägel hergestellt werden.

Lorenz‘ Doku selbst hat heute etwas Dinosaurier-Mässiges; die nostalgische Verklärung und die Kritik an der Moderne können einem mitunter auf die Nerven gehen. Aber die Gemütlichkeit der Erzählweise ist auch ziemlich charmant.
Zudem erinnert mich das Video daran, dass ich im März 2011 mal selbst in der Fabrik war – Kollege Albi führte dort sein Theaterstück Totenbetrieb auf. Den Einakter hatten wir 2008 in ganzer Gänze in der ersten Ausgabe des Konverter-Hefts abgedruckt.
Ein Stück über das Elend der Arbeiter.

Er gibt mir einen Job, da darf ich ihn doch nicht einen Schuft schimpfen! Ein Segen für die Menschheit, wer einem anderen Menschen Arbeit gibt. Das ist als ob er ihm Brot und ein Dach geben würde. Und was muss ich ihm im Gegenzug dafür geben? Doch beinahe nichts! Das bisschen Arbeit. Diese verdammte Schichtarbeit.

Das Stück spielte in der Haupthalle der Nagelfabrik, die Schauspieler bewegten sich zwischen den Maschinen. Ich erinnere mich an den Geruch von Beton, Motoröl und altem Stahl. Eine der Figuren, ich weiss nicht mehr, welche, trat von ganz hinten in der Halle auf, und bewegte sich mithilfe eines Trottinetts.

Der Mensch arbeitet, um zu leben, gibt sein Leben aber zugleich für die Arbeit hin. Im Stück kehrt unter anderem einer, der nach seiner Entlassung Suizid beging, an den Arbeitsplatz zurück. Wo soll er auch sonst hin? In die Hölle? Die kennt er zur Genüge.

In Der Nagelschmied von Winterthur sagt der Sprecher einmal über die Fabrik:

Es ist noch lebendiges Zeugnis. Gerade beginnende Industrialisierung. Massenfertigung. Automation. Die Maschine, das Maschinelle tritt in den Vordergrund. Verdreckt, verschmiert von Öl wird der Mensch Teil der Maschine. Er bedient sie, gibt ihr Leben, und sie vielleicht ihm. Aus Handwerkern werden Handlanger der Maschinen.

The Day the Doctor Died

Vergangenen Samstag starb Markus Nowak, vielen besser bekannt als Dr. Acula. Er war Gründer und Webmaster von Badmovies.de — auf ebenjener Website besprach er seit 2000 Trashfilme, B-Movies und sonstiges Zeug fragwürdiger Güteklasse. Und das in einer Quantität und Ausführlichkeit, die an Wahnsinn grenzte; da wäre selbst ein Balzac oder Tolstoi blass vor Neid geworden.

(Ich meine, auf der Seite werden 2569 Reviews aus seiner Tastatur gelistet, und ich bin mir ziemlich sicher, dass im Verlaufe mehrerer Serverumzüge und Neuprogrammierungen die eine oder andere Kritik durch den Raster gefallen ist.)

Zu den Anfangszeiten war die liebende Würdigung schlechter Filme eine Nische für eine Handvoll verstrahlter Nerds, und so wurde die Website nebst Forum rasch zu einer Anlaufstelle für allerlei dunkle Gestalten aus dem ganzen deutschsprachigen Internet, die sich billige Ninjastreifen, italienische Zombieheuler oder Schlagerfilme mit Rudi Carrell antaten – und daran auch noch Spass hatten (oder zumindest eine verblüffende Schmerzbefreitheit an den Tag legten).

2010 entwickelte sich daraus gar ein Filmfestival in Docs Heimstadt Nürnberg; seit 2012 firmiert die Veranstaltung unter dem Namen B-Film Basterds. Es gab Ableger in Hamburg, Berlin und Frankfurt.
Böse Fügung des Schicksals: Der Doc starb just an jenem Wochenende, an der das diesjährige B-Film Basterds hätte stattfinden sollen (fuck you, Corona), vor dem Hintergrund des 20-Jahre-Jubiläums der Seite.

Es muss im Sommer 2004 gewesen sein, dass ich auf Badmovies.de stiess. Damals hatte ich einen Temporärjob bei einer Bank – meine Aufgabe war, Kundendaten zu digitalisieren. Soll heissen, ich tippte Namen, Adressen und Co. in den Computer ein, jeden Tag, vier Monate lang. Eine stumpfe, geistlose Arbeit, die ich nicht durchgestanden hätte, wär ich nicht zwischendurch heimlich im Internet rumgeschlichen. Als Filmfan ging ich damals oft auf die Online-Filmdatenbank. In einem der Einträge fand ich den Link zu einem externen Review auf Badmovies.de – wenn ich mich recht entsinne, wars jenes zu Def-Con 4, einem kanadischen Postapokalypse-Thriller.

Der saloppe Humor, die launige Sezierung einer cineastischen Gurke in epischer Länge, die persönlichen Einschübe – das sagte mir sofort zu. Selbst die ganzen Flüchtigkeitsfehler („Wer Tippfehler findet, darf sie behalten.“) und die mehrfach verschachtelten Satzungetüme hatten ihren Charme. Und ganz wichtig: Die Bomben- und Bierskala am Ende.

Ich wühlte mich durch des Docs Schaffen; mehr als einmal musste ich mir alle Mühe geben, um im Büro nicht laut loszugrölen.
Die Texte waren aber nicht nur unterhaltsam: Der Doc setzte sich mit den besprochenen Werken sehr genau auseinander, vermittelte Kontext und Wissen. Ich hab viel gelernt über die Filmkannibalisierungen von Godfrey Ho und Joseph Lai, das Women-in-Prison-Genre, das Lebenswerk von Jess Franco, Fred Olen Ray oder natürlich Ed Wood. Alles Sachen, die man wissen muss.
Meine Liebe für den Trashfilm war geweckt und entbrannt.

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