British Comedy @ Miller’s: Simon Munnery und Co.

I have the brain of an eagle, the heart of a lion, the engorged member of a rampant hippopotamus — all I need now is some glue.
Simon Munnery

Letzthin hab ich Stewart Lee für mich entdeckt, den man wohl als intellektuellen Stand-up-Comedian bezeichnen kann (jedenfalls mach ich das), einer also, der sehr bewusst mit den Mitteln der Stand-up-Comedy arbeitet und deren Grenzen austestet, der nicht nur unfassbar lustig ist, sondern mit How I Escaped My Certain Fate auch ein Buch geschrieben hat, das ich jedem unbedingt ans Herz lege, der sich tiefgehender mit britischer Komik auseinandersetzen möchte.
Lee ist auch zu verdanken, dass mir Simon Munnery ein Begriff ist. Die beiden sind frühe Weggefährten und haben als solche den Aufstieg moderner britischer Stand-up-Comedy in den Achtzigern und Neunzigern miterlebt und mitgeprägt. Sie sind zusammen aufgetreten (zum Beispiel in Cluub Zarathustra, einem avantgardistischen Kabarett) oder haben die BBC-Serie Attention Scum! geschaffen.

Nun ist Simon Munnery in Zürich aufgetreten, genauer gesagt im Miller’s. Im Auftakt zur Reihe British Comedy @ Millers. Diese organisiert Hanspeter Kuenzler, ein Schweizer, der vierzig Jahre lang in London lebte. (Mehr dazu hier.)

Weder Lee noch Munnery waren jemals echte Comedy-Stars wie Jimmy Carr, Eddie Izzard oder Russell Brand, dafür sind die zwei ein wenig zu anspruchsvoll, vor allem Munnery, der seinem Publikum mitunter einiges abverlangt. Der Unterschied zwischen Munnery und seinen etwas gefälligeren Kollegen liess sich am Abend in Miller’s wunderbar beobachten.

Die Show war klassisch arrangiert, mit Munnery als Headliner und zwei weniger bekannten Komikern als Vorprogramm. Ganz am Anfang trat schnell Kuenzler auf die Bühne, um einerseits dem Publikum kurz das Konzept des Abends zu erklären, denn wie sich herausstellte, hatte nur etwas die Hälfte der Leute Erfahrungen mit solchen Comedy-Abenden (die andere Hälfte bestand zu einem guten Teil aus britischen Expats, schien mir). Andererseits erklärt Kuenzler, dass die Band nicht auftreten würde, denn die steckte irgendwo mit dem Flugzeug fest. (Da sich der Abend eh etwas in die Länge zog, war das wohl nicht das Allerschlechteste.)

Dann ging die eigentliche Show los, und zwar mit dem opener, bzw. dem MC (master of ceremonies), einem gewissen Ben Van der Velde. Seine Aufgabe bestand darin, durch den Abend zu leiten und das Publikum aufzuwärmen. Van der veldes Akt war ganz klassisch; er erzählte ein bisschen von sich, machte sich über seine holländische Herkunft sowie über die Unterschiede zwischen England und der Schweiz lustig, unterhielt sich ein wenig mit dem Publikum. Da sass zum Beispiel in der vordersten Reihe eine Frau in dicken Wintersachen, anscheinend, weil sie erkältet war; eine dankbare Steilvorlage für den Komiker. Und natürlich: Brexit, Brexit, Brexit. Das Herzstück dieser Art von Komik sind lustige Alltagsbeobachtungen (observational comedy).
Auf van der Velde folgte als feature (middle) Masud Milas, der grundsätzlich dasselbe machte wie van der Velde, allerdings noch ein bisschen mehr Humor aus seinem speziellen kulturellen Hintergrund zog — denn Milas wuchs als Kind eines britischen Vaters und einer kenianischen Mutter in Hongkong auf.
van der Velde und Milas waren beide witzig und hatten kein Problem damit, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Ihre Komik ist nicht besonders herausfordernd, aber es braucht dafür doch jemanden mit Persönlichkeit und Schlagfertigkeit — und ganz einfach guten Witzen. (Dass das gar nicht so einfach ist, konnte man an der letzten Young Swiss Comedy sehen.)

Nach der Pause heizte van der Velde das Publikum noch einmal ein bisschen an, und dann kam endlich der closer, der headliner, der star act: Simon Munnery. Kuenzler hatte im Vorfeld behauptet, das schweizerische Schulenglisch reiche aus, um die Show zu verstehen, aber mir war sofort klar gewesen, dass das im Bezug auf Munnery arg optimistisch gedacht war. Ich hatte unzählige YouTube-Videos von Munnery gesehen, hatte aber immer noch Schwierigkeiten mit seiner schnellen, dabei leicht nuscheligen und akzentschwangeren Aussprache; ganz zu Schweigen davon, dass seine Witze zu einem guten Teil aus semantischen Spielereien bestanden, so dass man schon verdammt sattelfest in der englischen Sprache (sowie der britischen Kultur) sein musste, um alles mitzukriegen.
Es wurde schnell klar, dass ein guter Teil des Publikums damit leicht überfordert war. Und eben, Munnery ist sowieso kein Komiker, der es seinem Publikum leicht macht. Eher ist er einer, der auch mal das Risiko eingeht, dass ein Gag völlig flach fällt.
(Nicht, dass seine Nummer an jenem Abend völlig avantgardistisch abgehoben gewesen wäre, nicht wie zu seinen besten Zeiten als Alan Parker: Urban Warrior oder als League Against Tedium.)
Er hat auch durchaus observational comedy drin, hat beispielsweise von seinen Töchtern erzählt (wie die eine der anderen mal den Fuss ins Gesicht gekickt hat), oder von dem Nervenschaden in seiner linken Hand, wegen dem er nicht mehr beide Hände gleichzeitig zum Hitlergruss heben könne.
Aber dann hat er eben auch zusammen mit den Zuschauern ein schottisches Volkslied gesungen, wobei die Zuschauer bis zuletzt darin versagten, den gesamten Refrain zu wiederholen. Das war dann auch der Witz, wenn man das überhaupt als Witz bezeichnen kann: Dass das Publikum den Refrain nicht hinkriegte.
Oder da gab Munnery zum Ende hin einen Dialog zum Besten, in dem ein Pärchen sich bei seinem ersten Date übers Skifahren unterhielt. Es gab da keinen Witz im engeren Sinne, sondern nur die Absurdität eines Gesprächs, dass sich immer stärker um immer obskurere Details bezüglich Winterjacken, Bindungen oder Preisvergleiche drehte. Es zog sich scheinbar ewig hin, Leute verliessen den Saal, ich selbst driftete in Gedanken davon — aber Munnery blieb knallhart dabei. Und so scheidet sich der Meister von den Möchtegerns.

 
Linkparade:

Munnery-Interview von Kuenzler zum Miller’s-Auftritt
Munnery als Kirche von England
Munnery im Jahre 2013
Zur Struktur von Comedy-Shows
Mehr britische Komik in Zürich: International Comedy Club
Noch mehr britische Komik in Zürich: English Stand-up im Comedyhaus

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Wien Commando: Angriff der Zürich-Mutanten (2)

Hier gehts zu Teil 1.

Freitag

Das Foltermuseum Wien probiert den Spagat zwischen Boulevard und Anspruch, was schon die Namenstafel draussen demonstriert – einerseits prangt da in grossen, roten Buchstaben das Wort „Folter“. Andererseits lautet der Untertitel „Museum für mittelalterliche Rechtsgeschichte“. Die wollen also das Publikum mit dem Versprechen wohliger Schauer anlocken, weisen aber zugleich auf staatliche Gewalt in der heutigen Zeit hin, oder in der aktuellen Sonderausstellung auf die Zustände in Guantanamo.
Herzstück der Ausstellung sind lebensgrosse Dioramen von verschiedenen Foltermethoden und Strafmassnahmen; man stelle sich eine Mischung aus Museum und Geisterbahn vor. Die Erbauer hatten sicher ihren Spass daran. Aber irgendwann überkommt einen dann die Erkenntnis: Das haben tatsächlich Menschen anderen Menschen angetan, und ähnliche Dinge passieren heute noch. Gute Laune.
Eher unfreiwillig komisch ist der Bombenraum: Das Foltermuseum befindet sich in einem ehemaligen Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, und eines der Zimmer ist eingerichtet wie dazumal; aus Lautsprechern ertönen dann die Geräusche von Fliegern und Explosionen. Gelebte Geschichte oder ein kleiner Prater?

Eine Bekannte, die in Wien lebt und die wir vor unserer Reise in der Schweiz getroffen hatten, empfahl uns das Büchercafé Phil. Dort bekommt man Kaffee, Snacks oder ein kleines Frühstück, aber man kann eben auch Bücher kaufen. Ausserdem sind dort neben den üblichen Zeitungen literarische Zeitschriften ausgelegt. Ein schöner Ort, um ein oder zwei Stunden zu vertun. Am Ende hab ich dann Die Goldgruber Chroniken mitgenommen, eine Sammlung autobiographischer Comics von Nicolas Mahler.

Derselbe Mensch unserer Gruppe, der ins Nachtasyl wollte, wollte auch ins Hotel Sacher, um dort die originale Sachertorte zu probieren. Da es inzwischen regnete, hatten wir nichts dagegen, uns irgendwo reinzusetzen. Allerdings waren wir nicht die einzigen Touristen mit der Idee, und so warteten wir eine Viertelstunde in der Schlange, bis wir uns in die Sacher Stube setzen konnten.
Roter Samt, Gemälde, Spiegelkästen, uniformierte Kellner: Es ist der Prunk vergangener Tage, aus heutiger Sicht ungefähr so authentisch wie die Österreich-Abteilung im Europapark. Eine Touristenfalle. Und die originale Sachertorte schmeckt durchaus anständig, aber es ist keinesfalls so, als hätte sie uns vom Stuhl gehauen – da beeindruckte mich das Frühstück im Phil stärker.

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Wien Commando: Angriff der Zürich Mutanten (1)

Letzthin machten wir von der Gruppe Konverter einen kleinen Kulturausflug – und zwar nach Wien. Knapp fünf Tage haben wir uns dort herumgetrieben, uns Zeug angeschaut und Pubs besucht. Hier sind ein paar meiner Impressionen.

 
Mittwoch

Noch am ersten Abend gingen wir an den Prater, genau gesagt, an den Wurstelprater, diese Riesenchilbi mit Ganzjahresbetrieb (exklusive Winter). Ihr wisst schon, da steht auch das bekannte Riesenrad (das wir allerdings aus unerfindlichen Gründen ausgelassen haben). Unter anderem besuchten wir eine Dinosaurier-Bahn: Der Jurassic Park. Untertitel: Urgewalt der Giganten (das könnte auch der Titel eines Godzillafilms sein). Eine Bahn mit geklautem Videomaterial, billigen Gummisauriern und schauderhaften Geisterbahneffekten. Trash pur. Ich war zufrieden.
Natürlich liess ich es mir nicht nehmen, mit der Wilden Maus zu fahren, jener Achterbahn, der Josef Hader einen Film gewidmet hat. (Da kleben denn auch überall Filmposter.) Meine Begleiter amüsierten sich sehr darüber, dass mir diese Achterbahn für Kinder fast schon zu hart war.
Am allerbesten gefiel mir die Geisterbahn Hotel Psycho, die alles hatte, was zu einer anständigen Geisterbahn gehörte, inklusive verkleideter Angestellter, die einen zu erschrecken versuchen. Im Übrigen fiel mir auf, dass mehrere der Geisterbahnen die Titelmusik der Filmreihe Saw als Soundtrack verwendeten.

Wir hatten ein Viererzimmer im Wombat’s Hostel beim Westbahnhof gebucht. Als wir spätnachts nach Hause kamen, stiessen wir beim Bahnhof auf einen Rollstuhlfahrer, der besoffen herumbrüllte. Wenn ich mich recht erinnere, war der Mann nackt. Eine Ecke weiter stand hingegen einer von asiatischer Herkunft, der einen schnittigen Anzug trug. Der drohte dann allerdings: „I will kill everyone.“

Bevor wir ins Zimmer raufgingen, um uns schlafenzulegen, testeten wir die Bar im Keller des Hostels. (The Lounge.) Da kann man Riesen-Jenga und anderen Quatsch spielen. Ausserdem stellte ich erfreut fest, dass der Alkohol in Wien signifikant billiger ist als in Zürich. Gut waren die Drinks auch noch. Geschmacklich, meine ich, nicht für meinen Gesundheitszustand. Ich trank also Tequila Sunrises und Gin Tonics durcheinander; dabei hatte ich doch schon am Prater Fanta gesoffen sowie Zuckerwatte gefressen und anderen Süsskram. Ergebnis: Mitten in der Nacht musste ich aufstehen, um die Toilette in unserem Viererzimmer vollzukotzen. Man wird nicht jünger.

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ZFF 2017: Rückschau

Einmal mehr ist eine Ausgabe des Zurich Film Festival zuende. Was mir davon am meisten geblieben ist: Der ZFF-Trailer ist des Teufels. Vor jeder verdammten Vorführung läuft das Ding; nach dem dritten, vierten Mal überkommen mich jeweils Aggressionen. Die Hackfressen im Filmchen kenne ich besser als das Gesicht meiner Freundin. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann fürs nächste Jahr einen neuen (und vor allem kürzeren) Trailer.

In diesem Jahr kam das Riffraff als Spielort hinzu, was ich sehr begrüsse. Dank der zusätzlichen Vorstellungen dort fiel dieses Jahr für mich die Notwendigkeit weg, die Weltreise hinaus in die Arena Cinemas zu unternehmen.
Im Übrigen ging es mir plötzlich auf: Die Tage des Zurich Film Festival sind die einzige Zeit im Jahr, in denen die Kitag-Kinos erträglich sind (zumindest das Corso). Keine halbe Stunde Werbung vor Filmbeginn, keine Pause mittendrin, ein Publikum, das nicht zu 90% aus doofen Teenagern besteht.

Bei der Vorstellung von 1945 flüsterte mir meine (etwas ältere) Sitznachbarin zu, ich solle Bescheid geben, wenn sie mich mit ihrem Popcornessen störe. Das fand ich rührend, aber unnötig: Popcorn gehört zum Kinoerlebnis hinzu, und gerade was das Zurich Film Festival anbelangt, wundert es mich immer wieder, wie überaus still das Publikum ist. Wie jeder Mensch mit Manieren hasse ich im Kino nichts mehr als Leute, die während der Vorstellung telefonieren, aber trotzdem finde ich, dass gerade an einem Festival mehr Leben herrschen dürfte. Nun ja, so ist das halt in der Schweiz.

Apropos Hass: Auf meiner Liste der Menschen, die nach der Revolution an die Wand gestellt gehören, steht der Typ mit den hochgesteckten Rastas ganz oben.

Mein Lieblingsfilm am Festival war On Body and Soul, mein persönlicher Tiefpunkt Lasst die Alten sterben.

 
Gewinnerfilme

Internationaler Spielfilmwettbewerb: Pop Aye (Kirsten Tan)
Internationaler Dokumentarfilmwettbewerb: Machines (Rahul Jain)
Spielfilmwettbewerb Schweiz/Deutschland/Österreich: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Kritikerpreis: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Publikumspreis: A River Below (Mark Grieco)

Alle weiteren Auszeichnungen findet man hier.

 
Die Kulturmutant-Übersicht zum ZFF 2017

1945 (Ungarisches Holocaustdrama)
Another News Story (Doku über die Medien in der Flüchtlingskrise)
Brigsby Bear (Tragikömodie über einen Bunkermenschen)
Lasst die Alten sterben vs. Die Gentrifizierung bin ich (Punks und Bünzlis im Schweizer Film)
Let There Be Light (Doku über Kernfusion)
My Life Without Air (Porträt des Weltmeisters im Freitauchen)
On Body and Soul (Ungarischer Liebesfilm)
Tiere (Schweizer David-Lynchiade)
Weightless (Psychodrama mit magischem Realismus)
You Were Never Really Here (Psychothriller mit Joaquin Phoenix)
ZFF 72 zum Thema „blau“ (Kurzfilmwettbewerb)

ZFF 2017: Weightless

Let There Be Light
Regie: Jaron Albertin
Drehbuch: Enda Walsh, Jaron Albertin
USA 2017; 99 min.
Internationaler Spielfilm / Wettbewerb

Joel (Alessandro Nivola) ist plötzlich gezwungen, sich um seinen Teenagersohn (Eli Haley) zu kümmern, nachdem dessen Mutter spurlos verschwunden ist. Der Junge ist schwer übergewichtig und spricht kein Wort. Dabei hat Joel selbst psychischen Probleme (es wird angedeutet, dass er einen Selbstmordversuch hinter sich hat) und bringt es gerade so fertig, mit seinem Job (auf einer Müllhalde) und einer Freundin zurechtzukommen. Jetzt aber sitzt dieses seltsame Kind bei ihm zuhause, während die Fürsorge Druck macht. Natürlich kommt das nicht gut.

Mitunter gehen mir die immer gleichen tristen Sozialdramen mit dokumentarischem Anhauch, die in unsere Arthousekinos gespült werden, auf die Nerven — da ist ein Film wie Weigthless eine Wohltat. Spielfilm-Debütant Jaron Albertin, der vom Musikvideo her kommt (und viel Werbung dreht), bedient sich eines sanften magischen Realismus. Es gibt also immer wieder surreale Momente oder poetische Blicke auf kleine Details.
Da kauft Joel zum Beispiel eine Matratze für seinen Sohn, entfernt die Plastikfolie und wirft diese zu Boden, nachdem er sie zusammengebauscht hat. Nun zeigt Albertin, wie sich diese Folie langsam knisternd wieder auffaltet.
Oder da fährt Joel einmal mit seinem Sohn zu einer Tankstelle, was unvermittelt in eine Traumsequenz übergeht, in der er und sein Kind in der Dunkelheit die Strasse entlang gehen. Sehr simpel, aber ziemlich beunruhigend.

Detail am Rande: Johnny Knoxville, der einstige Jackass-Star, spielt Joels Boss. Und Knoxville macht das verdammt gut.

ZFF 2017: My Life Without Air

My Life Without Air
Regie und Buch: Bojana Burnać
Kroatien 2017; 73 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Ein Porträt von Goran Colak, dem Weltrekordhalter im Freitauchen (also im Luftanhalten). Ein Einblick in die teils skurrilen Details eines skurrilen Sports. Bojana Burnać verzichtet weitgehend auf erklärende Kommentare (ein-, zweimal äussert sich Colak selbst), lässt die Bilder für sich selbst sprechen, lässt den Bildern Zeit. Der Film ist so zurückhaltend und streng wie der Protagonist.

Ein Moment berührte mich besonders: Burnać zeigt einmal, wie sich Colak seine Wohnung verlässt. Statt nun zu schneiden, behält die Regisseurin das Bild bei. Wir sehen nichts als die leere Wohnung: spartanisch eingerichtet, präzise aufgeräumt, peinlich sauber. Fast schon steril. Das einzige Lebenszeichen ist ein Roomba, der leise über den Boden surrt und seine Arbeit tut. Obwohl sich Colak nicht einmal in der Szene befindet, lernt man hier wahnsinnig viel über ihn.

ZFF 2017: Another News Story

Another News Story
Regie: Orban Wallace
GB 2017; 86 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

2015 geht der britische Filmemacher Orban Wallace mit einem Team nach Griechenland, um die Flüchtlingskrise auf der Insel Lesbos festzuhalten. Dort beobachtet er, wie ein Gummiboot voller Menschen an der Küste landet — und wie sich eine Horde von Reportern und Kameraleuten darauf stürzt wie die Geier. Damit hat er sein Thema: Wie die Medienleute vor Ort mit der Krise umgehen.

Wallace geht die Balkanroute ab, an der sich die Flüchtlingsströme entlang bewegen. Er begegnet immer wieder denselben Leuten, unter den Flüchtlingen ebenso wie unter den Reportern. In den zwei Monaten, in denen Wallace und sein Team unterwegs sind, erleben sie zentrale Höhepunkt der Krise. Wir sehen die Folgen der unmenschlichen Politik Ungarns unter Präsident Viktor Orban. Wir sehen die Journalistin, die nach zwei Flüchtenden tritt (eine interessante Aufbereitung des Falls gibt es hier), sehen, wie der ertrunkene Dreijährige Alan Kurdi zum Symbol der Krise wird — und wir sehen, wie sich nach den Anschlägen in Frankreich um das Bataclan plötzlich die öffentliche Meinung unsinnigerweise gegen die Flüchtlinge richtet.

Nach der Vorführung bantwortet Orban dem Publikum ein paar Fragen; er trägt Frack, denn grad vorher fand die Preisverleihung im Opernhaus statt. (Another News Story gewann allerdings nichts.) Wie er erzählt, waren die Dreharbeiten eine spontane, ungeplante Sache. Am Anfang hatten sie Probleme, überhaupt die Kamera zum Laufen zu bringen, weil noch keiner von ihnen mit diesem Modell gearbeitet hatte. Geld hatten sie so gut wie keines; sie schliefen ebenso in Zelten wie die Flüchtlinge, die sie begleiteten. Das erklärt wohl, weshalb dem Film ein bisschen die Sicht auf das grosse Ganze abgeht. Wie ein Zuschauer anmerkt, fehlt zum Beispiel die Perspektive der Redaktionen, also der Leute, die die Reporter ins Feld schicken, die bestimmen, von wo berichtet wird. Aber Wallace wollte auch keine klassische Doku mit erklärenden Interviews, sondern einen Erlebnisbericht.

Wallace wird ausserdem danach gefragt, wie er und sein Team die eigene Position inmitten der Ereignisse reflektiveren. Im Grunde sind Wallace und Co. ja bloss ein weiteres Medienteam. Ein ständiger Krieg mit sich selbst sei das gewesen, so der Filmemacher. Ihre Rettung war der Unterschied zwischen News und Dokumentarfilm: Sie gingen nicht hin, um am Ende einen dreissigsekündigen Beitrag fürs Fernsehen zu drehen, sondern blieben am Thema dran und nahmen sich Zeit, es auszuerzählen.