Theater Spektakel 2018: Coriolanus

Die Idee ist simpel: Ein Mensch sitzt an einem Tisch und erzählt eine Geschichte mithilfe von Gegenständen. Die britische Gruppe Forced Entertainment gibt auf diese Art sämtliche Stücke von Shakespeare wieder; ihre sechs Mitglieder komprimieren abwechselnd Romeo and Juliet, Macbeth und Co. auf jeweils eine knappe Stunde.

Wir haben uns Coriolanus angesehen, nacherzählt von Jerry Killick. Das Stück handelt von einem römischen Feldherren, der dabei hilft, Rom gegen die Armeen der Volsker zu verteidigen. Ganz schön hart ist dieser Typ — er erobert sogar im Alleingang die feindliche Stadt Corioli, weswegen er auch den Spitznamen Coriolanus erhält. Zurück in Rom wird er als Held gefeiert und als Konsul vorgeschlagen. Freilich müsste er hierzu das Einverständnis des einfachen Volkes einholen, aber seine people skills sind miserabel. Eins führt zum anderen, und bald findet er sich im Exil wieder. Tief in seinem Stolz getroffen, dient er sich als General den Volskern an, um sich an Rom zu rächen.

Diese Geschichte erzählt uns also der Schauspieler. Dabei dient ihm ein Pokal als Coriolanus, oder eine Espressokanne als dessen Mutter. Drei Putzschwämme wiederum stehen für die Armeen der Volsker, zwei Batterien für die beiden Verschwörer, die die Römer gegen Coriolanus aufbringen. Und so weiter. Die Dialogsprache Shakespeares fällt weg, aber die verdichtete Version hat ihren eigenen Reiz und vor allem immer wieder einen lakonischen Humor. „The general doesn’t like this a bit.“

Dass das Stück sich zu einem guten Teil um Öffentlichkeitswirkung in einer Demokratie dreht, bietet Gelegenheiten für Seitenhiebe auf gegenwärtige Verhältnisse, gerne auch gegen Trump. Und nicht zuletzt übt die warme Stimme von Jerry Killick eine grosse Sogwirkung aus.

Table Top Shakespeare: Coriolanus
Von Forced Entertainment
Regie: Tim Etchells
Premiere: 2015
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NIFFF 2018

Einer Verlosung bei Kanal K zum Dank hatte ich Freikarten fürs diesjährige Neuchatel International Fantastic Film Festival (Untertitel: The Swiss Event for Fantastic Film, Asian Cinema and Digital Creation). Also bin ich hingegangen.

Zuletzt war ich 2002 im Rahmen eines Schulausflugs in Neuenburg, an der damaligen Expo.02 nämlich, musste nun aber feststellen, dass mir vom Ort kaum was in Erinnerung geblieben ist. Ich hatte nur im Kopf, dass es ein schönes Städtchen ist, und der Eindruck bestätigte sich. Ich stieg dann erst einmal vom Bahnhof herunter, Richtung See, zum Théâtre du Passage — dem Festivalzentrum des NIFFF — und ass zu Mittag. Dort sass ich also draussen, bei blauem Himmel und brennender Sonne, aber geschützt im Schatten einiger Bäume, während ein leichter Wind ging und Vögel zwitscherten. Alle Achtung, das nennt mal wohl Idylle.

Das Publikum des NIFFF entspricht zu einem guten Teil dem Klischee des Fantastik-Nerds, man findet also viele bleiche Gestalten in dunklen T-Shirts (Aufdruck: Horrorzeugs oder Metal-Bands). In den Kinosälen herrscht eine bemerkenswert gute Laune: Wenn die — stinklangweiligen — Sponsoren-Clips laufen, werden diese lauthals mitgesprochen und kommentiert. Und wenn am Anfang eines Filmes die verschiedenen Produktionsfirmen und Förderstellen aufgezählt werden, wird bei jeder neuen Tafel ironisch applaudiert. Sehr sympathisch.

Diese Filme hab ich gesehen:
 
 
Hanagatami
Von Nobuhiko Obayashi, Japan 2017, 169 Min.

Wenn man was etwas von Nobuhiko Obayashi kennt, dann wahrscheinlich Hausu, sein Regiedebüt von 1977. Der Geisterhaus-Film ist schräg und stilistisch überbordend, wird heutzutage als Kultfilm verehrt. Hanagatami (zu Deutsch „Blumenkiste“, wenn ich mich richtig erinnere) ist sein jüngstes Werk.
Der inzwischen 80-jährige Obayashi ist ziemlich gebrechlich. Persönlich kam er nicht nach Neuenburg, aber er nahm eine Videobotschaft auf, die als Einstieg zur Vorführung abgespielt wurde. Darin sprach er von der gesellschaftsverändernden Kraft des Kinos und hielt ein Plädoyer für das Happy End, das zwar durchaus nur eine Illusion des Kinos sei, aber wenn genügend Menschen an diese Illusion glauben würden, dann würde auch die Welt besser. Lustigerweise hat Hanagatami gar kein Happy End.

Die Handlung dreht sich um eine Gruppe von Jugendlichen in der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Es geht um sexuelles Erwachen, um die erste Zigarette, und um die Militarisierung der imperialen Gesellschaft, in der Buben davon träumen, sich im Krieg zu bewähren, und Mädchen sich davor fürchten, ihren Schwarm dereinst an der Front zu verlieren. Bald sterben Männer auf dem Schlachtfeld, während Frauen im Bett dahinsiechen. Es gibt aber auch dunkle Geheimnisse und verbotene Passionen. Da kommt der Angriff auf Pearl Harbor, und neben alledem findet in der Region der Protagonisten ein grosses traditionelles Volksfest statt.

Ähnlich, wie man es von Hausu kennt, so ist auch Hanagatami ein stilistisch unkonventioneller Film (gelinde gesagt). Das fängt damit an, dass die jugendlichen Figuren alle von deutlich älteren Schauspielern gespielt werden: Sind sie bei den Mädels alle Anfang 20 (geht ja noch), so reicht die Altersspannweite bei den männlichen Teenager-Darstellern von Ende zwanzig bis Anfang vierzig (!). Das Melodrama ist auf ein Maximum hochgedreht, ebenso die Symbolik — da zieht sich zum Beispiel Blut geradezu aufdringlich als Bildmotiv durch den ganzen Film, ob sich jetzt eine Rosenblüte in der Vorstellung einer Figur zu Blut wandelt oder ob unsere jugendlichen Protagonisten sich beim Rotwein-Trinken bekleckern.
Davon abgesehen ist der ganze Film eine Art bewegte Collage, bei der stets verschiedene Bild- und Tonebenen übereinandergelegt werden. Da bewegen sich die Figuren beispielsweise vor Fenstern, in die per Greenscreen-Effekt Hintergründe hineinkopiert werden — wobei sich die Kameras der beiden Bildebenen nicht etwa synchron bewegen, sondern gegeneinander laufen, was einen schwindelerregenden Effekt hat. Gerade bei Aussenaufnahmen sind Hinter-, Mittel und Vordergründe aus verschiedenen Ebenen zusammengeschnitten, und es gibt einzelne Einstellungen, die animiert sind, wenn zum Beispiel Schiffe, Flugzeuge und andere Gefährt des japanischen Militärs auffahren.
Und dann die Tonspur: Da kommt es schon mal vor, dass mehrere Tonspuren gegeneinander ankämpfen (Perkussion, klassische Musik, Militärfanfaren, Dialoge). In den besonders dramatischen Szenen ergibt das eine regelrechte Kakophonie von Bild und Ton.

Diese unaufhörliche sensorische Überforderung muss man erst einmal bewältigen können — was bei einer Laufzeit von beinahe drei Stunden nun wirklich keine einfache Sache ist. Aber Hanagatami ist sicherlich ein memorabler Film.
 
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Theater Spektakel 2018: Pursuit of Happiness

Ein grosser Karneval ist über die Landiwiese gekommen, es herrscht das Theater Spektakel. Die halbe Stadt drängt sich hier, so dass kaum ein Durchkommen ist; jede Ecke ist von Kleinkünstlern besetzt, Massen an Kindern flitzen herum. Ich habe Mitleid mit Laura Dilettante, die auf einer Mini-Bühne schöne Lieder singt und sich selbst auf Handorgel und Tröte begleitet, aber kaum gegen den allgemeinen Lärm ankommt.
Zentrum des Geländes ist eine gigantische pinke Hüpfburg in Form einer Kirche. Reverend Billy und der Stop Shopping Choir treiben hier ihr Unwesen in ebenfalls pinker Aufmachung.
Nicht nur die Tickets, auch das Bier, die Essensstände — sie sind wiedermal teuer. Fünf Franken kostet zum Beispiel die Tüte Kartoffelchips bei Patata. Die Chips sind handgemacht, dafür aber auch übersalzen und zur Hälfte weich. Da weiss man wieder, was man an den Zweifel-Chips hat. Aber der Caipirinha bei Tao Yuan ist anständig.

Mein erstes Stück: Pursuit of Happiness, eine Ko-Produktion von von Nature Theater of Oklahoma (New York) und EnKnapGroup (Slowenien). Keine Angst, das Stück ist weitaus interessanter als der furchtbar generische Titel.
Ein Saloon in Texas. Drei Cowgirls und drei Cowboys unterhalten sich darüber, ob sie glücklich sind. Da ist zum Beispiel ein Museumswärter, der in seiner Freizeit Kunst macht — allerdings schon seit 2006 nichts Neues mehr geschaffen hat. Er ist also nicht so glücklich. In regelmässigen Abständen bedrohen sich die Protagonisten mit Waffen und prügeln sich; Geräuscheffekte vom Band. Sie alle sprechen Englisch mit dickem texanischen Akzent, zum Teil mehr, zum Teil weniger glaubhaft. Das macht einen Teil des Reizes aus.

Die zweite Hälfte des Abends gehört dem Barkeeper (Bence Mezei), der ein mexikanischer Caballero ist und den anderen von dem Drehbuch erzählt, das er geschrieben hat. Darin gehts um eine Tanzkompagnie, die in den Irak reist — mithilfe der Firma Red Bull –, direkt an die Front, um durch Tanzen den Frieden herbeizuführen. Eine skurille, morbide tour de force, die immer schrägere Dimensionen annimmt. Eine surreale Groteske über Weltpolitik. Ich musste ab und zu ein wenig an Monty Python denken.

Pursuit of Happiness
Von Nature Theater of Oklahoma und EnKnapGroup
Text/Regie: Pavol Liska, Kelly Copper
Premiere: Ljubljana, Dezember 2016
Bühne Nord

Alexandra Kollontai: Gegen Patriarchat und Kapitalismus

Alexandra Kollontai gehört zur gleichen Generation wie Emma Goldman. Beiden gemein ist, dass sie, um 1870 geboren, zu den frühesten Frauen gehörten, die von links Kritik am Komplex Kapitalismus-Patriachat übten.

Alexandra Kollontai stammt aus einem altadligen Elternhaus. In ihrer Schrift „Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin“ aus dem Jahr 1926 beschreibt sie dieses Milieu als „nicht reaktionär“. Schon als Kind sei sie aufgeweckt gewesen und habe vieles hinterfragt. Die Mutter sei deshalb dagegen gewesen, dass sie die Schule besucht, da sie ja so schon kritisch sei. Ihre Mutter wollte sie möglichst bald verheiraten. Alexandra Kollontai wollte nicht heiraten. Schliesslich heiratete sie aber ihren Cousin, dessen Nachnamen sie beibehielt, auch als die Ehe nach 3 Jahren beendet wurde. Sie habe sich in dieser Ehe und auch später gegen die Reduktion aufs Ehefrau- und Mutterdasein gewehrt.

Nach diesem kurzen Blick in die Kindheit erzählt Kollontai besonders von ihrem politisch-feministischen Kampf in Russland und der mühseligen Überzeugungsarbeit, die sie als mit ihren Ansichten beinahe alleine dastehende Frau leistete, um ihre Parteigenossen von der Bedeutung und Relevanz ihrer Anliegen zu überzeugen. Oft habe sie „passiven Widerstand“ erfahren aus den eigenen Reihen: Desinteresse und mangelnde Einsicht.

1908 ging sie gezwungenermassen ins Exil und war ab diesem Zeitpunkt in vielen Ländern Europas und in den USA aktiv.

Zeit für Liebschaften habe sie immer wieder gehabt, fügt sie ein, bevor sie sich der Zeit ab dem Ersten Weltkrieg widmet. „Leider“, betont sie, denn die Männer hätten immer wieder nur „das Weibliche“ in ihr gesehen und ihre enorme Aktivität nicht akzeptieren können.

Nach dem Sturz des Zaren kehrt Kollontai nach Russland zurück. Sie engagiert sich für die spezifischen Forderungen der Arbeiterinnen. Anlässlich des Juli-Aufstandes gegen die provisorische Kerensky-Regierung wird sie verhaftet; gegen eine Kaution kommt sie allerdings frei und wird in der Oktoberrevolution zur Volkskommisarin für soziale Fürsorge ernannt.

Zu Beginn ihrer Autobiographie schreibt Kollontai, dass es der jungen Generation jetzt möglich sei, „Arbeit und Liebessehnsucht harmonisch anzugliedern, so dass die Arbeit Hauptzweck des Lebens bleibt.“ Damit wendet sie sich gegen die patriachale Erziehung, welche den Daseinszweck der Frauen auf Ehe und Mutterdasein ausrichtete. Und Arbeit versteht sie freilich in einem politischen Sinn: Kritk am Kapitalismus, Arbeit am Sozialismus. Doch die „harmonische Angliederung“ heisst heute work-life balance; und so sind Schriften linker FeministInnen wie der Kollontai heute auf zwei Ebenen aktuell: einerseits auf der Ebene der formulierten Forderungen, die weiter aufrechterhalten werden müssen; auf einer anderen Ebene sind sie aktuell, weil ein Blick zurück auch zeigt, wie sehr gewisse link(sextrem)e Forderungen entschärft und neoliberal vereinnahmt worden sind.

Auch Barbara Kirchner findet in ihrem Vorwort eine treffende Formulierung: Was früher verboten war, wird einem heute [in Deutschland / Europa, Anm. d. Aut.] nur noch vermiest. Gewissermassen ist das ein Fortschritt. Doch die Kritik daran, dass den Menschen gewisse Haltungen und sexuelle Orientierungen vermiest werden, darf nicht aufhören.

Die HerausgeberInnen haben der Autobiographie eine Schrift aus dem Jahr 1918 angefügt mit dem Titel „Die Geschlechtsbeziehungen und der Klassenkampf“. Thema dieser theoretischen Abhandlung ist eine nicht näher beschriebene „sexuelle Krisis“. Kollontai blickt zurück auf die Sexualmoral des Mittelalters, schwenkt über zum Aufstieg des Bürgertums und nimmt anschliessend die Gegenwart unter die Lupe.

In der bürgerlich-individualistischen Moral arbeitet sie zwei Problemschwerpunkte heraus. Einerseits führe die bürgerlich-individualistische Einstellung in der Beziehung zu einem Egoismus zu zweit. In diesem kritisierten Beziehungsmodell würden die PartnerInnen nur zusammensein, um aneinander die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Das zweite Problem ist ähnlich gelagert: Die PartnerInnen begreifen sich als gegenseitiges Eigentum.

Wenn Kollontai in dieser zweiten, stärker agitatorisch gehaltenen Schrift auf die ungleiche Behandlung der Frau verweist, sollte man nicht müde abwinken, weil das alles, systematisch dargestellt, bei de Beauvoir auch steht. Die Diskriminierung, welche der Frau widerfährt, wurde von Alexandra Kollontai, Emma Goldman und anderen, wenigen, kommunistischen und anarchistischen Feministinnen zum ersten Mal von links angeprangert. Darin liegt deren historische Bedeutung. Sie legen Zeugnis davon ab, wie sehr Widerstand sogar aus den eigenen Reihen entgegenschlagen kann.

Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai: Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin. Herausgegeben von Carolin Amlinger / Christian Baron. Laika Verlag 2012.

Koeppen in Strassburg

Letzthin verfasste Kollege Philippe ein Reisetagebuch über Strassburg/Strasbourg. Zufällig lese ich grade Wolfgang Koeppens Essayband Reisen nach Frankreich. Der Autor war 1959 im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks im Nachbarland unterwegs, 1961 erschienen seine Reiseberichte als Buch. Und im ersten Teil, „Das Münster könnte an das zu oft berufene Europa glauben lassen“, kommt er eben auch auf Strassburg zu sprechen.
Ein paar Auszüge daraus möchte ich hier nun wiedergeben, weil es ganz einfach spannend ist, einen Vergleich zweier Betrachtungen derselben Stadt zu ziehen, die beinahe 60 Jahre auseinander liegen.

Johann Wolfangs Wirtshaus »Zum Geist« gab es nicht mehr, aber noch immer lag Strassburg im Schatten seines Münsters, alle Wege und selbst Einbahnstrassen und Ampel führten dorthin. Der Blick des Automobilisten wurde, wie eh und je das Auge des Wanderers, zum Himmel gelenkt, der Mann am Steuer der Maschine war in Gefahr, auf der Erde zu verunglücken, aber für einen Augenblick überwältigte ihn mit dem Anblick der steilen Fassade der schmerzlich-schöne, der hoffnungsvoll hoffnungslose Traum der Gotik, der Schrei nach dem Unbedingten, das Verlangen nach dem Gesetz, der Ruf nach Gott. Französische Kaffeehausterrassen, deutsche Autobusse, Allerweltsandenkenläden, Postkartenstände, Touristenschwärme zogen das Absolute ins Unverbindliche herunter. (S. 13f.)
Von der Plattform des Turmes hat man noch immer Goethes Blick auf die ansehnliche Stadt, auf die wettergebleichten roten Schnindeldächer, die bürgerliche Welt der Schornsteine, der spitzen Giebel und der Wetterfahnen, noch immer grünen ringsum bäuerliche Auen, von Wipfelalleen durchzogen, noch immer blinkt der Rhein, glitzert die Ill, noch immer spürt man die alte Lust, das die Brust weitende Entzücken, hier zu sein. (S. 14f.)
Beim alten Weinhändler sehen die Franzosen wie ein Volk von Feinschmeckern aus. Männer, Frauen, die lüstern den Mund öffnen. Man blickt gierig auf den Teller. Das Sauerkraut ist mässig, der Schinken ist versalzen, das geschmorte Kaninchen hat sich mit schlechtem Fett vermählt, der Rote Wein ist die beizende Rache Algeriens am französischen Mutterland, aber man tafelt mit guten Manieren und betonter Genüsslichkeit, als hätte jeden die Sage von der guten französischen Küche um den Verstand gebracht. (S. 15)

Switzerland: A Quiet Place

Vor ein paar Wochen hab ich den Horrorfilm A Quiet Place gesehen. Dieser geht von einem apokalyptischen Szenario aus, in dem Monster die gesamte Erde überrannt haben — die Viecher sind zwar blind, verfügen aber über einen ausgezeichneten Hörsinn. Wer also ein Geräusch macht, wird gefressen. Die Handlung dreht sich um die Bauernfamilie Abbott, die nur deswegen überlebt hat, weil die Tochter gehörlos ist — deswegen nämlich beherrschen alle Familienmitglieder Gebärdensprache und können geräuschlos kommunizieren.
A Quiet Place ist ein solider, spannender Monsterfilm mit guter Schauspielerei; insbesondere John Krasinski in der Rolle des Vaters ist einmal mehr ein Ausbund an Charisma. (Krasinksi führte darüber hinaus Regie und schrieb am Drehbuch mit.) Sobald man allerdings über die Logik des Settings und der Handlung nachdenkt, fällt alles in sich zusammen. (Ein von der Prämisse her ähnlicher, aber besserer Film ist Tremors.)

Ein Grossteil von A Quiet Place handelt davon, wie die Abbotts ihr Leben so geräuscharm wie möglich gestalten: Sie gehen stets barfuss, sie essen mit den Fingern (statt mit klirrendem Besteck) und nehmen für Brettspiele Spielfiguren aus Wolle. Und ständig muss der Vater seine Kinder oder sonst jemanden daran erinnern, still zu sein — das „Psst!“-Zeichen (erhobener Zeigefinger über dem Mund) ist die gestische Konstante von A Quiet Place.
Für uns als Schweizer hat diese Geste eine besondere Bedeutung, was von der Werbekampagne für Appenzeller Käse herrührt. Da sieht man so drei alte Männer in Tracht, die eben diese „Psst“-Geste machen. Sinn der Botschaft: „Wir behalten das Geheimnis der Appenzeller Kräutersulz für uns.“ Mit dieser wird nämlich der Käse eingerieben, was ihm anscheinend seinen unverwechselbaren Geschmack gibt. Die Älteren unter euch werden sich an die Ursprünge der Kampagne erinnern, eine Reihe von Werbespots, in denen Uwe Ochsenknecht als deutscher Tourist beharrlich nach dem Käsegeheimnis fragt, das ihm die Appenzeller Bevölkerung aber ebenso beharrlich verschweigt.
Von der grundlegenden Blödheit dieser Marketinggrütze mal abgesehen, hat mich an dieser Kampagne eines immer gestört: Mit dem Zeigefinger an den Lippen sollen die Älpler ja „Ich verrate nichts“ ausdrücken. Doch eben das sagt die Geste ja gar nicht aus. Mit ihr fordert man jemanden dazu auf, still zu sein. Sie bedeutet also nicht „Ich verrate nichts“, sondern „Halt den Mund“. Die richtige Geste wäre die mit dem imagniären Reissverschluss längs über den Mund. Oder der angedeutete Schlüssel, mit dem man sich die Lippen verschliesst. Von mir aus kann man auch die Hände vor den Mund nehmen wie der letzte der drei sprichwörtlichen Affen („Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“).
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Paris goes Existentialism

Simone de Beauvoirs Les Mandarins lässt sich auf zweierlei Arten lesen: die erste sieht in diesem umfangreichen Buch nicht mehr als die GZSZ-Version für Intellektuelle, in der sie, fiktional verschlüsselt, ihr Leben mit Sartre verhandelt. De Beauvoirs Einwand – „J’aurais souhaité qu’on prenne ce livre pour ce qu’il est ; ni une autobiographie, ni un reportage : une évocation.“ – mag diese Interpretation eher befeuern.

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