Kinorückschau 2021: Der Honig, der runtergeht wie Öl

Nachdem ich die schlechtesten Filmen des Jahres abgehakt haben, folgen nun meine Lieblinge.

Dieses Mal mach ich es ein bisschen wie die Oscars: Am Ende kommen die fünf Allerbesten, vorher gibts aber Trostpreise in verschiedenen Kategorien.

Hinweis: Wo ich schon mal was geschrieben (oder gesagt) hab, verlinke ich darauf. Ansonsten kommt einfach der Trailer.

 

Bestes Superheld:innen-Abenteuer

Spider-Man: No Way Home
Superheld:innen-Film von Jon Watts, USA 2021, 148 Min.

Multiversumsgeschichten sind immer ein grosser Spass, und in diesem Fall gibts dazu ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie Alfred Molina als Doc Ock und Willem Dafoe als Green Goblin etc. Erstklassiger Fanservice für Spider-Man-Fans.
(Der Wehrmutstropfen bleibt aber, dass Spider-Man: Into the Spider-Verse eine ähnliche Idee besser umgesetzt hat.)

 

Beste Landschaftsaufnahmen

The Power of the Dog
Western von Jane Campion, USA/Neuseeland/GB/Ka 2021, 126 Min.

Der Netflix-Western hatte auch eine Auswertung in den Kinos. Verdientermassen. Bildgewaltige Inszenierung von Jane Campion (The Piano). Benedict Cumberbatch als steinharter Cowboy, der eine Frau (Kirsten Dunst) und ihren Teenager-Sohn quält. Cumberbatch ist super, Kodi Smit-McPhee als Teenager-Sohn noch besser.
Und dann die Landschaftsbilder! Häuser verlieren sich in unendlichen Weiten, knorzige Berge trumpfen über allem. Bemerkenswert: Der Film spielt in Montana, wurde aber vollständig in Neuseeland gedreht. Weswegen er auch dann diese leichte Lord-of-the-Rings-Haftigkeit hat.

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Kinorückschau 2021: Die Krümel unter den Fussnägeln

Halten wir mal Rückschau auf das vergangene Filmjahr. Dank Corona war wieder vieles anders: Die Schweizer Kinos konnten erst im April aufmachen, die Solothurner Filmtage mussten online stattfinden, das Kino Frosch im Zürcher Niederdorf wurde endgültig geschlossen.

Seither läuft alles mehr oder weniger in gewohnten Bahnen, auch wenn die Säle eher schlecht gefüllt sind. Immerhin, der massive Erfolg von No Time to Die zeigt, dass Bond nicht nur die Welt, sondern auch das Kino retten kann.

So weit, so gut. Noch besser: Unter den Filmen, die ich im Kino sah, gabs viele gute. Bevor wir zu denen kommen, liste ich aber den Bodensatz auf.

Hinweis: Wo ich mal was geschrieben habe, verlinke ich das Geschriebene, ansonsten einfach den Trailer zum entsprechenden Film.

 
Tadelnde Erwähnung

  • No Time to Die: Von wegen Retter des Kinos. So richtig schlecht ist der zwar nicht. Aber dieser längste aller Bond-Filme (2 Stunden, 43 Minuten) kommt einem auch so vor. Als Abgesang auf die Ära Craig eher verunglückt. Kein «Schön wars!», sondern ein «Endlich vorbei!».
  • The Matrix Resurrections: Ein Film, der derart unnötig ist, dass sich konsequenterweise die Handlung darum dreht, wie unnötig der Film ist. Immerhin, das Wiedersehen mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss macht einiges wett.
  • The French Dispatch: Schon klar, dass ich mit Wes Andersons Stil wenig anfangen kann, ist meine eigene Schuld. Aber wie er hier politische Themen systematisch entpolitisiert, ist ganz objektiv eine niederträchtige Nummer.
  • Es ist nur eine Phase, Hase: Hätte ich diesen Film mehr als 30 Minuten durchgehalten, wäre er fraglos auf dem ersten Platz gelandet.

Kommen wir zu den echten Lowlights des Jahres. Trommelwirbel!

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Genua 2021, Teil 4/4: Berge, Schiffe, Kolumbus und Anarchismus

Hier gehts zu Teil 3.

 
Rigi und Righi

Das Bild oben hab ich von der Righi aus geschossen, einem der Hausberge von Genua. Mit der Seilbahn kommt man relativ schnell hinauf, und die Aussicht ist den Ticketpreis durchaus wert. Es gibt dort auch einen Wanderweg, der an einigen Ruinen entlang führt, Teile eines alten Verteidigungs-Walls. Armada und ich stellen dann allerdings bald fest, dass wir weder die Zeit noch die richtige Ausrüstung für die Wanderung haben, also fahren wir wieder runter. (Das Foto entsteht an der normalen Autostrasse.)

Erst halte ichs für einen amüsanten Zufall, dass der Berg Righi heisst, ähnlich wie die Innerschweizer Rigi, ein Berg, der mir halbwegs vertraut ist.
Aber schau mal einer an: Zwischen der Righi und der Rigi besteht ein direkter Zusammenhang.

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Attack of the Weekly Links: Latour, Kaninchen und China

Gegen die Sitzordnung von 1789 | WOZ-Artikel über das neue Buch von Bruno Latour. Sehr schönes Zitat des Philosophen: «In unseren Tagen deckt sich die Welt, in der man lebt, nur selten mit der Welt, von der man lebt

Sturz in den Kaninchenbau: Rein, aber richtig! | Und gleich noch ein WOZ-Artikel: Florian Keller über die Metapher des Kaninchenbaus (Rabbit Hole). Stammt aus Alice’s Adventures in Wonderland, wurde in The Matrix modern interpretiert und kommt heute häufiger zur Anwendung in der Beschreibung von Internet und Verschwörungstheorien.

«Evergrande ist nicht Chinas Lehman-Moment» | Und die WOZ zum Dritten. Interview mit Isabella Weber, die ein Buch über Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen der Achtzigerjahre verfasst hat. Ergänzend zum Interview schrieb Ralf Rukus einen Artikel über die «Resolution zu grossen Erfolgen und historischen Erfahrungen des hundertjährigen Kampfes der Partei». Besagter Ralf Rukus hat übrigens ebenfalls ein Buch über China geschrieben, und dazu gibts ein Interview im Ajour Magazin: Chinas Weg in den Kapitalismus – Ralf Ruckus über Reformen und Repression. Grad im Bezug auf Hongkong pendelt der Westen zwischen Verteufelung und Verherrlichung von China, umso wichtiger sind Stimmen wie die von Weber und Rukus.

Worker Democracy | Zum Abschluss noch ein Video von Unlearning Economics. Wobei Worker Democracy (Arbeiterdemokratie) in dem Zusammenhang vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist; eigentlich geht es um Workplace Democracy (Unternehmensdemokratie), also um die Idee, dass ein Unternehmen nicht hierarchisch von Chefs geleitet wird, sondern demokratisch von den Angestellten. Der Begriff Worker Democracy (Arbeiterdemokratie) bezieht sich dann eher auf einen Staat, der vom Proletariat regiert wird. Aber natürlich hängt beides zusammen. So oder so, besonders interessant am Video ist die Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen.

Genua 2021, Teil 3/4: Kunstkram in Palästen und Kirchen

Hier gehts zu Teil 2.


Blick gen Westen. Links liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen.

Mit der römischen Antike, der Renaissance und dem Barock hat sich in den italienischen Städten so einiges an Kunst angesammelt. Gerade auch in Genua, einem der Knotenpunkte des Landes. So gibts jetzt in der Altstadt haufenweise ehemalige Paläste, die als spektakuläre Museen dienen.

Ursprünglich wollten wir in den grössten Palast der Stadt, den Palazzo Ducale, das kulturelle Zentrum Genuas – zumal dort eine MC-Escher-Ausstellung angekündigt war. (Es müssen ja nicht immer nur alte Bilder sein.) Allerdings haben wir nicht gemerkt, dass besagte Ausstellung erst in der Woche nach unserem Besuch anfängt. Also müssen wir uns andere Paläste suchen.

 
Palazzo Reale di Genova


Der Innenhof des Palazzo Reale.

Wie in den Restaurants, so gilt auch im Museum Zertifikatspflicht. Zudem müssen wir uns vor einen Temperaturscanner stellen; wer Fieber hat, wird abgewiesen.

Der Palazzo Reale wurde 1618 bis 1620 von der Familie Balbi errichtet, ging 1677 an die Familie Durazzo über und 1823 an das Haus Savoyen – Viktor Emanuel I. war 1815 am Wiener Kongress die Herrschaft über die Republik Genua zugesprochen worden, die damit Teil des Königreich Sardiniens wurde.
Dagegen haben sich die Genueser, die sich als Republikaner verstanden (nicht im amerikanischen Sinne), in den Folgenden Jahrzehnten gewehrt, teils heftig, etwa in der Revolte von Genua 1849.

Mit der Zeit jedoch liessen die Stadtbewohner von dem Wunsch ab, die Republik wiederherzustellen, und stützten stattdessen die Einigung Italiens. So stammte der Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini aus Genua. Er unterstützte 1860 Guiseppe Garibaldi bei seinem Zug der Tausend, an dessen Ende das vereinte Königreich Italien stand – regiert von Viktor Emanuel II., dem Grossneffen des oben erwähnten ersten Viktor Emanuele.

Der Palazzo war jedenfalls von 1823 bis 1919 die offizielle Residenz der Savoyer in der Stadt. Aus der Zeit stammen der Thronsaal und der Ballsaal, wie sie bis heute bestehen. Da sieht man etwa den Thron von Karl Albert (aktiv 1831–1849). Auf der Sitzfläche liegt seine Krone, als sei er nur schnell auf die Toilette gegangen.

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Weihnachten mit Spider-Man


 

 
Das schönste Weihnachtsgeschenk für alle Ohren: Die lieben Leutchen von Megalife Radio Podcasts haben mich in ihre Filmkammer des Schreckens entführt eingeladen. Dort sprachen wir über Spider-Man: No Way Home. (Also, ich hab vor allem Blödsinn geredet in meinem unverständlichen Akzent.) Und ihr könnt euch das jetzt anhören.

Genua 2021, Teil 2/4: Wachteln und Wildschweine

Hier gehts zu Teil 1.


Blick über Genua und den Apennin vom Belvedere Castelletto.

 
Wachteleier, Stockfisch und Zertifikate

Tagsüber ernähren wir uns von Cornetto, Focaccia und Farinata. Erstere beide kennt man auch hierzulande. Farinata ist eine Art Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl.

Faustregel: Man sollte nach Bäckereien Ausschau halten, die mit «Antico forno» angeschrieben sind, also einen alten Steinofen haben. So assen wir die besten Farinata beim Antico Forno della Casana di Ivan Sacchi.

Focaccia e dintorni hat zwar keinen Steinofen, aber trotzdem sehr gute Focaccia mit verschiedenen Belägen. Der Laden ist eine Empfehlung von Spyros.

Apropos Spyros: Der bringt uns auch den Granita näher, einen Slushi aus echten Früchten. Hierzu führt er uns in die Espressobar Don Paolo.

Wenn wirs grad von Espresso haben: Aufgrund von Magenproblemen vertrage ich meinen Lieblingskaffee nicht mehr. Gezwungenermassen bin ich auf Americano umgestiegen.
Das Spezielle in Genua: Das heisse Wasser wird in einem Extra-Kännchen serviert, so dass man die Espressotasse nach Belieben auffüllen kann.

Es ist der erste Abend für Armada und mich in Genua. Wie einst Maria und Josef wandern wir von Gasthaus zu Gasthaus, doch überall werden wir abgewiesen. Für die Stadt gilt: Wer nicht reserviert hat, kriegt nichts zu essen.

Am Ende landen wir im Sushi-Si. Das ist eine Touristenfalle mitten im Zentrum, also am Piazza de Ferrari, vis-à-vis vom Palazzo Ducale. Wir bekommen einen Platz auf der Dachterrasse.
Das Sushi ist ganz okay, abgesehen von den Lachsröllchen mit rohem Wachtelei – die sind super! Armada freilich findet sie eklig; also esse ich auch gleich ihre Portion.

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Genua 2021, Teil 1/4: Enge Gassen, schöne Brunnen

Vor ein paar Jahren war Armada schon einmal in Genua. Damals sagte sie mir, wir müssten unbedingt mal zusammen hin. Im September 2021 wars dann soweit, wir hüpften in den Zug. Unsere erste richtige Reise seit Beginn der Corona-Pandemie.


Ankunft am Bahnhof Genova Brignole.

 
Erbfeind Venedig

Genua liegt am Knie des italienischen Stiefels. Eine ideale Lage; die Stadt ist ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeer und den Alpen. Spätestens im 4. Jahrhundert v. Chr. muss es dort bereits einen griechischen Hafen gegeben haben (vor dem Aufstieg des römischen Reiches hatten die Griechen überall am Mittelmeer Kolonien).

Die Lage ist vergleichbar mit der von Venedig auf der anderen Seite der italienischen Halbinsel, bekanntlich ebenfalls eine wichtige Handelsstation. Über Jahrhunderte hinweg waren die beiden Städte Konkurrenten und Feinde – Venedig hatte allerdings immer einen Vorsprung aufgrund der lukrativen Beziehung zum Oströmischen Reich.

Genua ist eine gedrängte Stadt, erbaut auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen dem Ligurischen Meer und dem Apennin-Gebirge. Der Altstadt merkt man das nach wie vor an: Die Häuser haben acht Stockwerke oder mehr, die Strassen sind steil und schmal, alles ist an den Hang gebaut. Eine faszinierende Mixtur aus Mittelalter und Hongkong. Mir ist keine andere europäische Stadt bekannt, die so gebaut ist.

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Attack of the Weekly Links: Vom New Atheismus zur Anti-SJW-Bewegung

Die heutige Linkparade ist im Grunde ein internet hole runter zu den Themen Religionskritik, Atheismus und Pseudo-Wissenschaftlichkeit. Ausgehend von einer Frage, die mich seit einer Weile beschäftigt: Wie konnte es passieren, dass wir bei atheistischem Aktivismus gestartet und bei Transfeindlichkeit gelandet sind?

Emanzipation von der Erlösung | Artikel von Benjamin von Wyl für die WOZ. Von Wyl war früher selbst in einer Freikirche, jetzt hat er vier andere Aussteiger:innen zu ihrer Emanzipation befragt. Interessante These: Wer es schafft, sich von einer Sekte zu lösen und deren Logik anzuzweifeln, durchschaut eher auch Verschwörungstheorien.
David Dubach (besser bekannt als Knackeboul): «Wenn es politisch und gesellschaftlich einen grösseren Stellenwert hätte, Leute beim Ausbruch aus solchen Gefügen zu unterstützen, wären auch weniger Menschen für Verschwörungstheorien anfällig.»
Mir scheint offensichtlich, dass religiöse Menschen (und nicht bloss streng religiöse) eher dazu tendieren als atheistische, auch an UFO zu glauben, an Homöopathie, 9/11-Inside-Job-Theorien und schliesslich die grosse Impf-Verschwörung. War zumindest lange mein Eindruck.
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Lebenszeichen: Werner und der Proto-Kinski

Der erste Film, den Werner Herzog mit Klaus Kinski drehte, war Aguirre, der Zorn Gottes (1972). Aber eigentlich war schon Herzogs Langfilmdebüt ein Kinski-Film: Lebenszeichen (1968).

Dort sehen wir Peter Brogle als Stroszek, einen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einer Verletzung und einem Aufenthalt im Lazarett auf die Insel Kos versetzt wird. Begleitet wird er von seiner Frau Nora (Athina Zacharopolou) sowie von zwei ebenfalls genesenen Kameraden – dem dicken, lauten Meinhard (Wolfang Reichmann) und dem dünnen, stillen Becker (Wolfang von Ungern-Sternberg).

Die vier richten sich in einem alten Kastell ein, wo sie ein griechisches Munitionslager bewachen. Viel kann die deutsche Armee mit dem Zeug nicht anfangen, weil deutsche Waffen und griechische Kugeln nicht kompatibel sind. Aber es wäre halt blöd, wenn das Material in die Hände der Partisanen fiele, die die umliegenden Berge unsicher machen.

Der Einsatz besteht aus Nichtstun und Langeweile. Im Schatten hocken und schwitzen. Der Höhepunkt der Aufregung ist, dass Meinhard Kakerlaken fängt oder dass ein «Zigeuner» (Julio M. Pinheiro) mit seiner Drehorgel vorbeischaut.

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