Hide Kawanishi und seine Ansichten von Kobe

Die Holzschnittdrucke von Hide Kawanishi (1894-1965) faszinieren mich – nahm er doch die traditionelle japanische Kunstform der Ukiyo-e (Holzschnittdrucke), gab ihr aber einen extrem modernen Twist.

Als Kawanishi in den 1910er-Jahren anfing, Holzdrucke zu machen, war die klassische Zeit der Ukiyo-e vorbei. Vom 17. bis 19. Jahrhundert wurden die Holzdrucke in Japan in Massenproduktion gefertigt. Verleger unterhielten Werkstätten, die Arbeit wurde verteilt auf Designer, Schnitzer und Drucker. Hokusai und Hiroshige sind die grossen Namen aus jener Zeit. Wobei die beiden nur zeichneten; den Rest besorgen eben die Schnitzer und Drucker, die sich selbst als Handwerker, nicht als Künstler verstanden. Und deswegen bis heute weitgehend anonym geblieben sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts funktionierte das Druckwesen in Japan längst nach westlichem Vorbild, aber die Ukiyo-e wurden von den Hanga-Bewegungen als Kunstform wiederentdeckt:
Die Vertreter des Shin hanga führten das Wesen der Ukiyo-e nach traditionellem Vorbild weiter, inklusive Arbeitsteilung. Ihre Bilder zeigten aber den Einfluss von westlicher naturalistischer Malerei.
Konsequente Modernisierer sind dagegen die Vertreter des Sosaku hanga (mitunter auch Moku hanga genannt). Da besorgten die Künstler alle Stufen der Holzdruckherstellung selbst, und ihr Stil orientierte sich an der europäischen Moderne. Kawanishi gehörte in diese Gruppe.

Er lebte in Kobe, der wichtigen Hafenstadt in der Bucht von Osaka, und stammte aus einer Familie von Händlern und Reedern. Kawanishi stieg allerdings nicht in dieses Geschäft ein – seine Familie besass auch eine private Poststelle, und er entschied sich dazu, diese zu führen. Kawanishi blieb ein Pöstler, auch nachdem die Filiale verstaatlicht wurde. Seine Drucke stellte er nebenbei her. Eine Kunstausbildung hatte er keine erhalten, er blieb Autodidakt. Seine Vorbilder waren Kanae Yamamoto, Lautrec, Van Goh, Onchi und Gaugin.

Kawanishi mochte angeblich ausländische, moderne Kunst viel mehr als die klassischen Ukiyo; seine Holzschnittdrucke heben sich stilistisch denn auch deutlich von diesen ab: Er arbeitet mit knalligen, monochromen Feldern und verzichtet auf die charakteristischen schwarzen Linien.
Trotzdem haben seine Werke etwas Traditionelles: Sie zeigen Landschaften, Stadtansichten, Artisten und Porträts schöner Frauen wie die klassischen Ukiyo-e. Eins seiner Hauptwerke ist Kobe Hyakkei (Einhundert Ansichten von Kobe) (1962) – dieses Prinzip von „X Ansichten von Y“ ist sehr traditionell, man denke nur an Hokusais bahnbrechende 36 Ansichten des Berges Fuji (1830-1836).

Kobe Hyakkei kann man sich vollständig auf der offiziellen Website der Stadt ansehen. Ein gewisser Takayuki Kita hat sich zudem die Mühe gemacht, allen 100 Ansichten in Kawanishis Werk nachzugehen und zu fotografieren, wie die Orte in der Gegenwart aussehen. Jedem Kawanishi-Bild ist eine Fotografie gegenübergestellt. Eine Leistung, die man gar nicht genug loben kann. Interessant zu sehen, welche künstlerischen Freiheiten sich Kawanishi genommen hat – und wie sehr sich die Stadt in gut 50 Jahren verändert hat.

Zu den interessantesten Ansichten gehört sicher jene von Kaigan-Dori, der Küstenstrasse. Kawanishi benutzt hier eine Perspektiven-Darstellung, die typisch ist für ältere Ukiyo-e: Dinge, die in der Ferne liegen, werden erhöht gezeichnet – im vorliegenden Fall die Schiffe im Wasser. Was bei Kawanishi aussieht, als würden diese Schiffe über den Himmel ziehen. In Sicht vom Berg Suwa benutzt er denselben Trick.

Hide Kawanishis Sammlung befindet sich heute im MoMAK, dem National Museum of Modern Art, Kyoto. Und wer nach Kobe in die Sannomiya Center Gai (Shopping Street) geht, sollte die Augen offen halten: Es gibt dort Buntglasfenster, die Kawanishi-Bilder zur Vorlage haben.

Kobe Hyakkei (Einhundert Ansichten von Kobe)
Hide Kawanishi, 1962

Vier Städte an der Ostsee, Teil 1: Helsinki

Reisebericht | Im Jahr 2019 besuchten die Allerliebste und ich vier Städte, die an der Ostsee liegen: Helsinki, Tallinn, Stockholm und Sankt Petersburg. Ich will berichten, was wir dort erlebten. Den Anfang macht Helsinki, Finnland, wo wir Ende Juli waren. Eine Reise zwischen Rekordhitze und Eisbrechern.

 
Wir nehmen keinen Direktflug nach Finnland, sondern legen in Riga einen Zwischenstopp ein. Den Flughafen kennen wir noch von unserem Lettland-Besuch.
Es gibt ja Leute, die finden, alle Flughäfen der Welt sähen gleich aus – Marc-Uwe Kling zum Beispiel tut irgendwo in seinen Känguru-Chroniken darüber unken. Das ist zwar kulturkritisch wohlfeil, stimmt aber nicht. Den Rigaer Flughafen zum Beispiel erkennt man an den Holzlatten. Überall Holzlatten. Eine Würdigung der enormen Bedeutung der Holzindustrie für das Land.

In den Gängen ist ein Putzroboter unterwegs. Ein überkanditelter Roomba, sperrig und knallend orange. Es blinkt warnend, weicht Menschen aber auch von selbst aus. Das Star Wars-Universum war uns noch nie so nah.

Von Riga nach Helsinki nehmen wir eine Propellermaschine. Knapp 90 Passagiere haben Platz. Es ist das kleinste Flugzeug, in dem ich je unterwegs war, und ich liebe daran, wie stark man die Bewegungen der Maschine spürt.

 
Tervetuloa!

Ich geb zu, der Flughafen von Helsinki ist mir nicht gross in Erinnerung geblieben. Wir nehmen den Citybus in die Innenstadt und steigen am Hauptbahnhof aus. Ein Alkoholiker schläft auf einer Kellertreppe. Eine Frau ist am Containern. Fast wie in einem Kaurismäki-Film. Nur, dass die Sonne hell vom Himmel brennt: Es ist der Höhepunkt des Hitzesommers. Willkommen in Helsinki.

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Attack of the Weekly Links: Comedy-Magazine

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Setup/Punchline | Ein deutsches Online-Magazin für Stand-up-Comedy? Tolle Idee! Auch wenn es konkret vor allem ein Typ ist, der Blogeinträge schreibt — ein Journalist namens Bernhard Hiergeist. Hier ist sein Mission Statement.
Da das Ding erst letzten Oktober gestartet ist, gibts noch nicht allzu viele Einträge, und Hiergeist tendiert etwas zur Geschwätzigkeit. So beginnt er dieses eigentlich interessante Interview mit Ingrid Wenzel mit einer langen, völlig nichtssagenden Einführung. Das gibt sich hoffentlich noch.
Sehr schön ist dieses Floskel-Lexikon, das ich allen empfehle, die über Comedy schreiben.

That’s funny: why aren’t there more comedy magazines? | Nachdem ich Setup/Punchline entdeckt hab, hab ich mich gefragt: Wieso gibts bisher keine Magazine oder Websiten über Stand-up-Comedy? Ich hab sofort eine kleine Google-Suche gemacht, und zu den ersten Treffern gehörte dieser Artikel von The Guardian darüber, dass es fast keine Comedy-Magazine gibt.

Chortle | Das Online-Magazin Chortle widmet sich seit 2000 der britischen Comedy. Es ist zwar ziemlich PR-ig, aber ich kann folgende Sektionen empfehlen: Reviews, Book Reviews und Opinion Pieces.

Unsere hauseigenen Versuche zur Comedykritik gibts übrigens hier.