Halloween 2018: Blood Feast

Blood Feast (1963) gehört sicherlich zu den berüchtigsten Werken der Filmgeschichte. Wieso? Weils der erste richtige Gore- und Splatterfilm war. Der erste Film also, der explizite Gewaltdarstellungen ins Zentrum der Handlung stellte (insofern man da noch von Handlung sprechen will). Blut! Eingeweide! Immerhin gehts um einen verrückten Kult-Anhänger, der reihenweise junge Frauen tötet. Den wollen wir uns jetzt ansehen – 55 Jahre nach der Premiere.

Wohlgemerkt, der Film kam nicht aus dem Nichts: Hitchocks Psycho (1960) hatte bereits einen psychotischen Killer, und die englischen Hammer-Studios hatten schon länger den Schauwert von rotem Blut für sich entdeckt, siehe The Curse of Frankenstein (1957), Horror of Dracula (1958) und Co.
Aber Blood Feast zeigte, wie Leute zerstückelt und Organe entfernt werden. Das war neu. Der Film schlug an den Kinokassen (vor allem an jenen der Drive-in Cinemas) wie eine Bombe ein, zugleich rief er Jugendschützer und sonstige Moralapostel auf den Plan. Noch 2004 wurde Blood Feast in Deutschland beschlagnahmt, hierzulande steht er auf der Liste problematischer Filme des Schweizerischen Video-Verbands (SVV).

Hinter dem Film stecken der Regisseur Herschell Gordon Lewis (1926–2016) und der Produzent David F. Friedman (1923–2011). Die beiden hatten sich Anfang der Sechziger auf das Genre des Nudistenfilms verlegt – das waren Pseudo-Dokus über FKK, quasi die Vorläufer des Pornos unter dem Denkmäntelchen des Pädagogischen (Doris Wishman und Russ Meyer waren hier die Pioniere). Da zu der Zeit allerdings jede Menge Filmemacher dasselbe taten, suchten Lewis und Friedman nach einem anderen Feld, das sie abgrasen konnten. Ihre Produktionen mussten billig sein, aber einträglich. Da hatten sie eine Idee. Lewis schildert diese auf dem Audiokommentar meiner DVD wie folgt: „Was trauten sich die grossen Firmen nicht zu machen? Ein wunderbares Vier-Buchstaben-Wort kam uns in den Sinn: Gore!“ Und so kam Blood Feast in die Welt.
 

Catering des Grauens

Irgendwo in Miami betreibt ein gewisser Fuad Ramses ein Catering-Geschäft. Gespielt wird er von Mel Arnold, und der Kerl ist ein Spektakel auf zwei Beinen. Jede Dialogzeile zerdehnt er genüsslich und bedient sich dabei eines vage arabischen, also rassistischen Akzents. Mimik und Gestik übertreibt Arnold, als hätte er sein Leben lang nur Stummfilme gesehen. Allein schon die Augen! Und erst die Augenbrauen! Seine Haare sind grau gefärbt, die Haut dafür braun. Er hinkt und besitzt eine Schlange (es soll eine Giftschlagen sein, ist aber offensichtlich eine harmlose Python). Eine sympathische Figur.

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ZFF 2018: Liberami

Liberami
Von Federica Di Giacomo; Italien/Frankreich 2016, 90 min.
Sektion: Neue Welt Sicht: Italien

Die italienische Dokumentarfilmerin Federica Di Giacomo hat einen sizilianischen Exorzisten bei der Arbeit begleitet. Über ihn lernen wir eine Handvoll andere Exorzisten sowie viele Besessene kennen.

Liberami* ist ein Einblick in die brefremdliche Welt katholischer Tiefgläubikeit mitten in Europa. Da stockt einem öfters der Atem. Unfassbar, welche Absurditäten und Widersprüche die Priester und Gläubigen in ihrem Alltag leben. Wir sehen zum Beispiel, wie der Exorzist Teufelsaustreibungen übers Handy macht — er ist nämlich so beliebt, dass er es gar nicht mehr persönlich überall hinschafft, wo er gewünscht wird.

* Zu Deutsch: „Befreie mich“. Die Betonung liegt übrigens auf dem „e“ und nicht etwa auf dem „a“ (libErami statt liberAmi).

Beste Szene: Der Exorzist befreit eine Wohnung von Dämonen, indem er herumgeht und alles mit einer geweihten Salzwasserlösung besprengt — Möbel, Wertgegenstände und Bilder. Darunter auch das Gemälde einer Madonna mit Jesuskind („Das sollte in einer Kirche hängen“), das er mit dem Salzwasser benetzt, bis es vor Nässe trieft. Das war ein Moment, in dem ich selbst angefangen habe zu beten: „Lieber Gott, mach bitte, dass das nur ein Druck ist.“

Grund für die Austreibung ist übrigens, dass die (verstorbene) Besitzerin der Wohnung eine Affäre hatte — oder etwas in der Art, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Erben haben dann den Exorzisten geholt. Jedenfalls scheint da eine erzkonservative Lebensauffassung durch, bei der alles wortwörtlich des Teufels ist, was nicht exakt im Sinne der Kirche (oder der Verwandten) ist. Als besessen gilt bereits ein Junge, der die Schule schwänzt. Wer sich nicht konform verhält, befindet sich mit einem Fuss in der Hölle.

Bei den Ritualen wird schnell offensichtlich, dass die ganze Exorzismus-Sache vor allem eine einzige grosse Performance ist. Alles läuft schön nach vorgegebenen Ritualen ab; sowohl die Priester als auch die Besessenen erfüllen die von ihnen erwarteten Rollen (und ja, The Exorcist spukt ganz klar in den Köpfen der Beteiligten herum).
Die meisten Besessenen leiden wohl an echten, mehr oder weniger starken psychischen Problemen, aber fraglos nehmen sie auch einfach die Chance war, endlich mal die Sau rauszulassen, die alltäglichen Frustrationen loszuwerden. Psychische Hygiene im kontrollierten Rahmen. Ohne die Angst, gleich eingesperrt oder sediert zu werden. Dafür achten die Besessenen auch auffällig darauf, selbst bei den wildesten Ausfällen niemanden zu verletzten.

Man kanns auch mit der Fasnacht vergleich, nur dass ein Exorzismus individueller ist. Ein anderer Exorzist sagt mal amüsiert, dass einige der Besessenen anscheinend gar nicht erlöst werden wollen — sie würden die Aufmerksamkeit viel zu sehr geniessen.

Der Exorzismus erscheint also als eine Art Ventil für die persönlichen Leiden, die aus der gesellschaftlichen Schizophrenie erfolgen — Katholizismus als Lösung der Probleme, die er selbst erst verursacht. Aber der Exorzismus vestärkt die Probleme eher, als dass er sie löst.
So sehen wir am Anfang des Filmes ein Teenager-Mädchen, das gerade eine Gothic-Phase durchmacht und deswegen zum Exorzisten gebracht wird. Später sehen wir es als junge Frau, die ihre rebellische Teenager-Phase hinter sich gelassen hat und sich beim Exorzisten für ihre Erlösung bedanken will. Aber kaum, dass sie zurück in dieses Umfeld kommt, fällt sie ihn die alten Rollenmuster zurück.

In Liberami wird es nicht angesprochen, aber es dürfte bekannt sein, dass es schon Exorzismen mit Todesfolge gegeben hat. Bei dem, was der Film zeigt, scheint das nur konsequent.
Umso bestürzender, wenn am Ende erwähnt wird, dass weltweit die Nachfrage nach Exorzisten extrem steigt — die Kirche hat Probleme, genügend Nachwuchs zu finden. So viel zur Aufklärung in der westlichen Welt.

ZFF 2018: Christliche Fundis und Bienen

The Miseducation of
Cameron Post

Von Desiree Akhavan
USA/GB 2018, 91 min.
Sektion: Special Screening
vs.
Tell it to the Bees
Von Annabel Jankel
GB 2018, 106 min.
Sektion: Gala Premieren

The Miseducation of Cameron Post und Tell it to the Bees eigenen sich wunderbar für einen Vergleich, handeln doch beide Filme von ähnlichen Themen, wurden aber von ganz unterschiedlich talentierten Leuten gemacht.

Tell it to the Bees: Mitte der 50er-Jahre in Schottland. Nachdem sie von ihrem nichtsnutzigen Mann verlassen wurde, muss sich die Arbeiterin Lydia (Holliday Grainger) allein um ihren Sohn Charlie (Gregor Selkirk) kümmern. Und dann wird sie auch noch gefeuert. Zum Glück kann die frischgebackene Ärztin Jean (Anna Paquin) eine Haushälterin gebrauchen. Lydia zieht bei ihr ein — und verliebt sich in sie. Bald gehen Gerüchte um.

The Miseducation of Cameron Post: Anfang der 90er-Jahre in den USA. Das Teenager-Mädchen Cameron (Chloë Grace Moretz) wird auf dem Rücksitz eines Autos beim Fummeln erwischt — mit ihrer besten Freundin. Deswegen wird sie in ein christliches Lager geschickt, wo Jugendlichen ihre Homosexualität wegtherapiert werden soll.

Tell it to the Bees ist die Art von Film, die dabei herauskommt, wenn Filmemacher etwas über ein wichtiges Thema sagen wollen, aber zu faul oder zu dumm sind, um tatsächlich etwas zu sagen. Die Handlung ist weitgehend vorhersehbar, die Figuren sind eindimensionale Abziehbilder und gefilmt ist das Ganze ohne jede ästhetische Ambition. Neue Erkenntnisse oder überraschende Einsichten gibt es keine, alles bleibt streng dem melodramatischen Klischee verhaftet. Gerade die Liebe zwischen den beiden Frauen bleibt daherbehauptet — was die Arbeiterin und die Ärztin aneinander finden? Sie sind halt lesbisch. Das muss reichen.

Das einzig Interessante an Tell it to the Bees sind die Bienen. Die Ärztin besitzt nämlich ein paar Bienenstöcke, und die Nahaufnahmen daraus sind eine willkommene Abwechslung zu den ansonsten drögen Bildern. Freilich dienen die Insekten auch als billiges narratives Mittel. Die Ärztin erzählt nämlich Lydias Sohn, dass sie als Mädchen den Bienen ihre Geheimnisse verraten habe — Charlie tut es ihr nach. Was die Filmemacher nutzen, um den inneren Zwist des Jungen zu veräussern, denn wieso sollte man seine Innerlichkeit mühsam darstellen, wenn man Charlie einfach alles in die Kamera sagen lassen kann?
Darüber hinaus müssen die armen Viecher öfters für plumpe Symbolik und am Ende für ein idiotisches Finale herhalten (der einzige Handlungsmoment, der überrascht, eben weil er derart bescheuert ist).

Als positiver Gegenentwurf dazu kommt The Miseducation of Cameron Post daher. Da gibt es keine stereotypen Guten und Bösen, sondern zwiespältige Figuren mit Stärken und Schwächen. Cameron ist nicht einfach ein schuldloses Opfer, sondern hat ihre schlechten Seiten und tatsächlich persönliche Probleme, an denen sie arbeiten sollte. Und die Erwachsenen sind keine skrupellosen Fundis, sondern versuchen tatsächlich, den Jugendlichen zu helfen, durchaus mit Einfühlungsvermögen — aber halt mit fragwürdigen Mitteln und Voraussetzungen. Der Film gibt sich Mühe, seine Figuren und ihr gesellschaftliches Umfeld genau zu zeichnen, zu erklären, wie dieses Segment der religiösen USA tickt. Nachher ist einem vieles klarer.

Zugegeben, dass sich einer der Jugendlichen am Ende was antut, kommt alles andere als unerwartet, und manchmal tendiert der Film in den Dialogen zum Dozieren — aber insgesamt ist The Miseducation of Cameron Post angenehm realistisch und frei von melodramatischen Klischees.

Man merkt dann auch, dass sich die Filmemacher überlegt haben, wie sie das darstellen wollen. So spielen sie bei der Filmmusik und den Bildern mit dem 90er-Jahre-Stil herum, oder arbeiten mit der abwechselnd intimen oder klaustrophobischen Wirkung extremer Nahaufnahmen. Da war niemand zu dumm oder zu faul.

ZFF 2018: Orecchie

Orecchie
Von Alessandro Aronadio; Italien 2016, 90 min.
Sektion: Neue Welt Sicht: Italien

Stell dir vor, du sitzt in einer miserablen, völlig unlustigen Komödie — umgeben von Leuten, die sich kaputtlachen. So gings mir mit Orecchie. Dass der Film genau davon handelt, ist das einzig Lustige daran.

Ein Typ (Daniele Parisi) erwacht eines Morgens mit einem schmerzhaften Klingeln im Ohr. Dabei hat er schon genug Probleme: Der Aushilfelehrer (Philosophie und Geschichte) muss an ein Bewerbungsgespräch bei einem Verlag, und seine Freundin hat ihm einen Post-it-Zettel an den Kühlschrank geklebt: Sein Freund Luigi sei gestorben, um 19 Uhr sei die Beerdigung. Freilich kennt unser Held keinen Luigi.
Nun muss sich der Philosoph einen Tag lang herumschlagen mit aufdringlichen Nonnen, defekten Geldautomaten, inkompetenten Ärzten oder seiner Mutter, die sich gerade einen jüngeren Freund angelacht hat.

Orecchie (zu Deutsch: Ohren) gibt sich einen hippen, intellektuellen Anstrich mit schwarzweissen Bildern und jazziger Filmmusik (denn Woody Allen hat das ab und zu gemacht, und darum machen das jetzt alle Komödienregisseure mit „Anspruch“), aber lasst euch nicht täuschen: Das ist alles Holzhammerhumor, und die gelegentlichen philosophischen Anwandlungen bleiben durchgehend seicht. Da kommt zum Beispiel Camus vor*, aber Gott bewahre, dass da mehr kommt als die oberflächlichst mögliche Zusammenfassung.

*Wäre Nietzsche dann doch zu offensichtlich gewesen, oder kennt man den in Italien einfach weniger?

Was man lustig findet, ist ja durchaus subjektiv, aber ein unorigineller, fauler Witz ist immer ein unorigineller, fauler Witz. Eine Figur ist nicht automatisch lustig, wenn sie sich auf mühsame Art exzentrisch verhält, und schrilles Getue ist nicht der Höhepunkt der Komik. Da muss schon ein bisschen mehr kommen als: „Hahahaha, die Frau an der Rezeption widmet ihrem Handy mehr Aufmerksamkeit als den Patienten! Und dann hat sie auch noch lange Fingernägel, kaut Kaugummi und lacht laut! Wie überaus köstlich!“

Und dann diese ganzen Routinen um Alltags-Ärgernisse, die schon hundertausendmal durchgespielt worden sind. Da will unser Philosoph bei einer Fast-Food-Kette ein Menü bestellen, aber HAHAHAHAHA! der Typ am Schalter ist total unflexibel, was die Menüzusammenstellung anbelangt! Das ist nur noch einen Schritt weit entfernt von einer Nummer übers Kaffeebestellen bei Starbucks.
Oder da ist der erwähnte Freund der Mutter, der als „Performer“ arbeitet. Wir sehen eine dieser Performances, und das ist dann halt irgendwelcher willkürlicher Bullshit, der beklatscht wird — der Performer schreit herum und isst eine Zwiebel. Mit anderen Worten, das ist die Art von Parodie auf moderne Kunst, die nur von Leuten kommen kann, die noch nie in ihrem Leben etwas mit moderner Kunst zu tun hatten.

Jesses. Ich hatte jetzt einen Tag Zeit, um den Film zu verdauen, aber ich könnte schon wieder an die Decke gehen.

Am Ende geht unser Philosoph an die Beerdigung von Luigi und da wird endgültig klar, wessen Geist Orecchie ist: Der Philosoph hält eine kitschige Rede, in der er dem Konformismus ein Lob singt. Und nein, da gibts keine Spur von Ironie oder Sarkasmus. Er ist ein grummeliger Zyniker, der alle anderen Leute für dumm hält und keine Kompromisse eingehen will — jedenfalls wird das behauptet, aus der Handlung selbst wird das nur rudimentär ersichtlich –, aber dank den Begegnungen an diesem Tag lernt er, dass zu viel Denken nur unglücklich macht. Und dass Atheisten einsam sterben, im Gegensatz zu Gläubigen. Ja, ich schwöre, das ist weder ironisch noch sarkastisch gemeint. Der Film ist wirklich so spiessig. Aussagen des Regisseurs in Interviews decken sich damit.

Ich halte ja auch nicht viel von diesem Zynismus à la The Catcher in the Rye („Ihr seid alle Schafe, Mann!“), über den man hinauswachsen sollte, sobald man die Teenagerjahre hinter sich hat. Aber eine kritische Auseinandersetzung damit müsste auf einer intellektuellen Ebene stattfinden, auf der sich Orecchie zu keiner Sekunde bewegt.

Und ja, im übertragenen Sinn kann man den Film wie folgt lesen: „Hör auf, dich über schlechte Witze aufzuregen! Hör auf, über Botschaften nachzudenken! Lach einfach! So wie alle anderen! Lach einfach! Lach! Lach! LACH!“

HAHAHAHAHAHAHAHAHA!!!!

 
Ein ähnlicher, aber guter Film ist übrigens Oh Boy.

Der Rausch der Republik

Die Weimarer Republik, das ist der Mythos der „Goldenen 1920er-Jahre“, das ist die Erfindung des modernen Grossstadtlebens. Es ist die Zeit einer durch das Ende des Ersten Weltkrieges verstärkten Emanzipation, denn das Korsett der bürgerlichen Moral ist zusammengebrochen. Doch die Weimarer Republik war auch die Zeit politischer Unruhen, von Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit, von Freikorps und der schwarzen Reichswehr – der Keim des Nationalsozialismus war von Anfang an vorhanden. Es ist eine Umbruchszeit gleichzeitig, in der Frauen zum ersten Mal eine relative Emanzipation erreichen und die in der zeitgenössischen Frauenliteratur reflektiert wird. Die feministischen Emanzipationsbestrebungen waren jedoch teilweise brüchig und beschränkten sich bisweilen darauf, der neuesten Mode zu folgen. Affirmation und Negation traditioneller Geschlechterrollen lassen sich nur schwer auseinanderhalten. Männer halten es für selbstverständlich, die Dienste Prostituierter in Anspruch zu nehmen, gleichzeitig stellen Geschlechtskrankheiten ein echtes Risiko dar, denn die Syphilis wird erst mit der Entdeckung des Penicilins 1928 heilbar. Sexuelle Aufklärung ist praktisch inexistent. Der Paragraph 184,3 des Strafgesetzbuches stellte die Werbung für Verhütungsmittel unter Strafe; der Paragraph 218 verbot Abreibungen.

1932 erscheint Irmgard Keuns Roman Das kunstseidene Mädchen, der vieles dieser widersprüchlichen und schillernden Zeit vereinigt. Gestaltet ist das Buch als Tagebuch der 18-jährigen Doris. Es ist in drei chronotopische Teile gegliedert. Der erste heisst Ende des Sommers und mittlere Stadt. In dieser Stadt versucht Doris über die Runden zu kommen. Die Notverordnung ist verhängt; niemand hat Geld, alle pumpen alle an. In ungeniert schnoddrigem Ton schreibt Doris ihre Erlebnisse nieder. Aus dem bureau eines Rechtsanwaltes wird sie gefeuert, da sie keck und aufmüpfig sich seinen widerlichen avancen widersetzte. Bald darauf findet sie, vermittelt durch ihre Mutter, Arbeit im Theater. Bald bemerken die LeserInnen die Ambivalenz, welche das ganze Buch durchzieht: Einerseits hat Doris genaueste Kenntnis der kapitalistischen und patriachalen Logik und weiss ihr zu folgen, gleichzeitig beharrt sie jedoch auch auf ihrer (emanzipatorischen) Autonomie. Sie hört sich die Prahlergeschichten der Männer an, hört nur aus Höflichkeit zu, denn sie durchschaut sie; Doris ist keine Madame Bovary, die an die Sterne glaubt, die man ihr vom Himmel redet. Andererseits will Doris „ein Glanz“ werden.

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