Klassenkampf is back

Édouard Louis‘ erzählerischer Text, der explizit auch inszeniert werden könnte, ist einerseits eine Geschichte, in der ein Sohn an Vaters statt dessen Geschichte erzählt, andererseits eine Abrechnung.
Die ersten beiden Teile des kurzen Textes erzählen von den Widersprüchen zwischen den patriachalen Vorstellungen von Männlichkeit und dem Wesen des Vaters. Sein ganzes Leben lang war es ihm nicht möglich gewesen, einen konstruktiven Umgang damit zu finden. Sobald als möglich hatte der Vater von der Schule abgehen wollen. Bildung und Schulwesen waren assoziiert mit Weiblichkeit und Homosexualität. Bis er ungefähr dreissig Jahre alt war, tanzte der Vater. Der Mutter des Erzählers zu Folge tanzte er bei jeder Gelegenheit und war ein guter Tänzer. Viele Jahre später von seinem Sohn darauf oder auf Photographien aus dieser Zeit angesprochen, verweigert er Auskünfte.
Aufgrund eines Arbeitsunfalls erleidet der Vater starke Verletzungen am Rücken, von denen er nie mehr gänzlich genesen wird. Er ist auf staatliche Unterstützung angewiesen und sieht sich gezwungen – nachdem diese gestrichen worden ist –, in einer anderen Stadt als Strassenkehrer zu arbeiten.
Im Finale zählt der Sohn Präsident um Präsident die Verantwortlichen auf, die Kürzungen im Sozialbereich durchgeboxt haben und so die Gesundheit des Vaters ruiniert haben, bis er zueletzt am Entzug der Unterstützung gestorben ist.
Berührend erzählt der Sohn den Wandel des Vaters, der, auch wenn er für diese Sicht keine Sprache findet, nun mehr nicht Homosexuelle und Ausländer*innen zu Sündenböcken für die gesellschaftlichen Probleme macht, sondern gemerkt hat, wer für seine Misere verantwortlich ist.
Das letzte Wort der Erzählung ist Revolution.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt am Main 2019.
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„Hamlet“ im Schauspielhaus

Die Türen werden geschlossen.
Viele Leute flüstern noch, einige machen „Pssst“. Es wird stiller.
Manche wechseln rasch den Sitzplatz – in der Mitte sind ein paar Sessel leer geblieben.
Das Publikum kommt zur Ruhe.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand hustet.
Im dunklen Theatersaal fallen die Notlichter am Fuss der Säulen auf. Eine Frau steht auf und legt ihre Jacke über eins der Lichter. „Das hat so geblendet“, entschuldigt sie sich leise.
Jemand schnäuzt sich die Nase.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand hustet.
Die Frau steht wieder auf und kontrolliert, ob die Lampe ihre Jacke erhitzt. Das ist nicht der Fall.
Die Leute bewegen sich in ihren Sesseln.
Der Boden knarrt.
Eine Wasserflasche fällt zu Boden und rollt davon.
Jemand hustet.
Jemand schnieft.
Jemand räuspert sich, hustet Schleim hoch.
Ein Handy fällt zu Boden.
Der Boden knarrt.
Jemand fotografiert mit seinem Handy.
In einer der vorderen Sitzreihen hat jemand einen Schwächeanfall. Mehrere Leute erheben sich, stützen eine Person. Diese geht ein paar Schritte, muss sich dann aber erneut hinsetzen. Schliesslich findet sie die Kraft, wieder aufzustehen. Sie wird von ein paar anderen nach draussen begleitet. Die übrigen lassen sich in ihren Sesseln nieder.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand hustet.
Jemand hustet.
Noch jemand hustet.
Jemand schnieft.
Der Boden knarrt.
Eine Frau bemüht sich, den Reissverschluss ihrer Handtasche so leise wie möglich zu öffnen. Das Knistern einer Papiertaschentuch-Packung ist zu hören. Daraufhin ein Schnäuzen.
Die Leute winden sich in ihren Sesseln.
Die Leute stützen die Köpfe auf.
Die Leute ändern immer mal wieder ihre Sitzhaltung.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand trägt eine Windjacke. Bei jeder Bewegung hört man das Rascheln des Stoffes.
Der Boden knarrt.
Jemand hustet.
Jemand schnieft.
Auf der Bühne wird solang Hamlet gespielt.
 

Hamlet
Von William Shakespeare | Übersetzung: Elisabeth Plessen
Regie: Barbara Frey
Schauspielhaus Zürich, Pfauen | Premiere: 13.9.2018 | Vorstellung vom 1.4.2019

Younger History for Dummies

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Ich habe mich sehr auf den Film “Vice” von Regisseur Adam McKay gefreut. Der Film soll die Lebensgeschichte von Dick Cheney satirisch erzählen, seines Zeichens jahrelanger Chef vom Ölkonzern Halliburton und unter anderem in politischer Funktion als Vizepräsident von George W. Bush tätig. Ein Mann, der dringend auseinandergenommen und blossgestellt gehört, und zwar in aller Konsequenz. Der Film ist aber leider ein unter industriellen Bedingungen hergestelltes Medien-Produkt aus Hollywood, und es war reichlich naiv zu glauben, Cola aus der Dose könnte schmecken wie von Hand gepflückter guatemaltekischer Hochlandlagekaffee.

Ich bin wohl deshalb so blauäugig, weil ich mir selber den riesigen Aufwand, einen solchen Film zu drehen, nur antun würde, wenn ich irgendwas zum Thema Dick Cheney zu sagen hätte. Oder zumindest ein paar gute Witze auf Lager hätte. Den Machern von “Vice” scheint es aber zu reichen, viel Ahnung einfach anzudeuten und ansonsten halt das zu tun, was sie gut können: schnelle Schnitte, tolle Bilder, nette Dialoge.

In der Hauptrolle als Dick Cheney soll Christan Bale laut vielen Kritikern glänzen. Dabei wird immer wieder die tolle Arbeit der Maskenbildner erwähnt. Damit ist schon alles gesagt. Technisch ist das absolute Weltklasse, inhaltlich bleibt Bale von seiner Figur distanziert. Das passt dann auf eine komische Art und Weise, weil nämlich die vermeintlich hohe Authentizität des Filmes nicht mit – für ein Hollywoodmärchen wohl zu komplexen – Fakten unterfüttert wird.

Die Geschichte von Cheney und seinen Verbrechen wird kaum erzählt. Er war und ist  seit den 80er-Jahren eine der prägende Figuren der Wirtschaftsmacht USA und hielt sich im Verhältnis zu seiner Wirkungsentfaltung erstaunlich fest im medialen Hintergrund. Der Film, angetreten, ihn ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren, kann daran nicht viel ändern. Ein Hauptfehler liegt darin, dass praktisch nur der Politiker und politisch Arbeitende Dick Cheney gezeigt wird. Der Geschäftsmann Cheney findet so gut wie gar nicht statt. Dabei steht Cheney für die höchst problematischen Verwicklungen von Wirtschaft und Politik und daraus folgenden Interessenvermischung sowie deren Vertuschung im medialen Dauergedöns, wie kaum ein anderer. Ideologisch schaut hier natürlich der gute alte Wirtschaftsliberalismus um die Ecke. Was du politisch tust ist moralisch relevant, und soll auch gewertet werden, was du in der freien Wirtschaft tust, nicht, weil eben Freiheit.

Ein Erkenntnisgewinn findet trotz vielseitig versuchter Verfremdungseffekte nicht statt. Jemand hätte dem Regisseur erklären müssen, dass sich eine Herangehensweise à la Brecht und die emotional aufgeladene amerikanische Vorstellung der Kleinfamilie als zentrale Komponente jedweden Glückes ziemlich widersprechen. Dazu kommt, dass der, der sich mit amerikanischer Aussen- und Innenpolitik der letzten 40 Jahre beschäftigt hat, nichts Neues erfahren, sich eher über die Vereinfachung der Zusammenhängen aufregen wird, während der, der keine Ahnung von dieser Materie hat, den Film eh kaum verstehen und mit ihm noch weniger wird anfangen können wie ich.

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One Cut of the Dead

Bildquelle

One Cut of the Dead ist ein kleines Meisterwerk. Und einer jener Filme, die umso besser wirken, je weniger man darüber weiss. (Es hilft auch, wenn man billige Zombiefilme mag — oder hasst, je nachdem.) Meine Empfehlung wär also, diese Kritik gar nicht erst zu lesen, sondern direkt die DVD zu bestellen oder wahlweise den nächstbesten Streaming-Dienst anzuwerfen.
Wer mir aber nicht einfach so glauben will, der kann weiterlesen. Keine Angst, ich verrate nichts Wesentliches, auch wenn ich schlecht mehr über One Cut of the Dead schreiben kann, ohne die eine oder andere Andeutung zu machen.

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Les granges brûlées (1973)

Im Grunde ist Les granges brûlées ein simpler Krimi — zwei Männer vom Winterdienst finden eines Morgens die Leiche einer jungen Frau. Ganz in der Nähe steht ein Hof, genannt „les granges brûlées“ (Die abgebrannten Scheunen). Dort hat die Mutter Rose (Simone Signoret) ihre Familie fest im Griff. Ein Untersuchungsrichter (Alain Delon) schaut sich die Sache näher an — und kommt zum Schluss, dass der Sohn von Rose etwas mit der Sache zu tun hat.

So weit, so fein. Fokus des Films ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Mutter und dem Untersuchungsrichter. Alain Delon und Simone Signoret beweisen sich in den Hauptrollen als Grössen der französischen Schauspielerei — fesselnd zum Beispiel, wie der Richter Rose gegenüber immer wieder ein leicht falsches Lächeln aufsetzt, während sie ihn mit kühlem Schweigen abstraft. Les granges brûlées ist, nicht nur im Bezug auf die beiden, ein Film der vielsagenden Blicke und der ausgefeilten Mimik. Signoret und Delon waren übrigens schon 1971 in der Georgese-Simenon-Verfilmung La Veuve Couderc aufeinandergetroffen.

Apropos Schauspieler: Das hier schreibt das Filmpodium:

Der Fernsehregisseur Jean Chapot erwies sich als ausserstande, bei seinem ersten grossen Kinofilm einen Star wie Alain Delon in den Griff zu kriegen, sodass Delon in den letzten Wochen zusammen mit dem Regieassistenten Philippe Monnier selbst die Inszenierung übernahm. Als Roses Tochter Françoise ist Signorets eigene Tochter Catherine Allégret zu sehen.

Nebenbei ist Les granges brûlées ein faszinierender Einblick in die französische Provinz der 70er. Soweit ich das sehe, wurde der Film weitgehend an Originalschauplätzen gedreht: Grandiose Bilder der Winterlandschaft, eine stickige Beiz, ein halb-vornehmes Hotel — der heruntergekommene Hof von Roses Familie.
Das Team drehte auf einem damals verlassenen Bauernhof (meint Wikipedia), und der Ort wirkt in der Tat sehr real. Falls die Innenaufnahmen des Bauernhauses im Studio entstanden, dann ein grosses Lob an den Dekorateur: Der Schmutz in der Uhrenwerkstatt von Roses Mann. Die Küche, in der nur ein kleiner Teil geplättelt ist. Die knarrenden Böden, das alte Bett im engen Gästezimmer. Ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen und kenne das, zumindest noch aus meinen Kindertagen. Dass die junge Generation sich mit einem solchen Leben nicht mehr abfinden mag, ist ein Thema des Films.

Was Les granges brûlées letztendlich von anderen Krimis abhebt, ist die Tonspur, denn beim Soundtrack handelt es sich um eine frühe Arbeit von Jean-Michel Jarre, einem Spezialisten für elektronische Musik. Dieser wurde etwas später mit dem Album Oxygène (1976) welberühmt. So werden in Les granges brûlées die Krimihandlung und die naturalistischen Aufnahmen durch die elektronische, fremdartig anzuhörende Musik konterkariert. Sie scheint mehr zu einem Science-fiction-Film zu passen, aber gerade dieser Kontrast ist äusserst reizvoll — und natürlich passt die verstörende Musik zur verstörenden Wahrheit, die unter der Oberfläche der friedlichen Dorfwelt lauert.
Besonders schön kommt der Kontrast im Titelstück hervor, wo die harten Elektroklänge auf eine sanfte Frauenstimme treffen. Wundervoll.

Les granges brûlées
Frankreich/Italien 1973, 95 Min.
Regie: Jean Chapot
Drehbuch: Jean Chapot, Sébastien Roulet
Musik: Jean-Michel Jarre
Mit Simone Signoret, Alain Delon, Bernard Le Coq et al.

Erschlagen wir die Armen!

Die namenlose Ich-Erzählerin hat einem ebenfalls farbigen Mann, Asylsuchender, eine Flasche über den Kopf gezogen, woran dieser gestorben ist. Die Aufarbeitung des Falles, bzw. ihr Verhör bildet den losen roten Faden von Shumona Sinhas Roman Assomons les pauvres.
Die Erzählerin arbeitet als Übersetzerin für die Asylbürokratie des französischen Staates; „Sprachgymnastik“ nennt sie, was sie dort betreibt.

Der Titel von Sinhas Roman bezieht sich auf das gleichnamige Prosagedicht Charles Baudelaires. Darin – die Handlung ereignet sich ungefähr 1848 – liest das lyrische Ich Bücher der „Unternehmer für die öffentliche Wohlfahrt“, Proudhon etc., von denen es bald genug hat. Es begibt sich auf die Strasse; einen alten Bettler erblickend, flüstert ihm eine Engelsstimme ein, gleich sei nur, wer es beweise, frei sei nur, wer sich die Freiheit erobere. Das lyrische Ich verprügelt den Bettler, dieser reisst sich aus seiner Passivität und schlägt zurück. Das lyrische Ich erkennt ihn als ebenbürtig an.

Der Roman besteht hauptsächlich aus Szenen des monotonen Alltags, den die Erzählerin beschreibt. So schildert sie im Kapitel De l’autre côté des choses, wie sie durch ein Quartier der margnialisierten, verdrängten, nicht-willkommenen Migrant_innen geht. Alle sind einander fremd: Die Übersetzer_innen und jene, die auf Übersetzung angewiesen sind, die sich schwören, niemals Speichellecker des globalen Nordens zu werden.

Ici les interprètes des pays mutants et ambitieux, des pays orphelins et rancuniers, tous ensemble ont juré craché de ne pas devenir les lèches bottes des pays du Nord. De ne pas oublier. De mettre toujours une bougie dans l’autel secret de leur mémoire. La mémoire est une religion. Une guerre. Ici elle est bonne. Pour défoncer les portes, détruire les hautes murailles et laisser entrer.*

* Hier haben sich die Übersetzer_innen der im Wandel begriffenen und ehrgeizigen Länder, der verwaisten Länder, voller Ranküne, alle zusammen haben sich ausspuckend geschworen, nicht die Speichellecker der Länder des Nordens zu werden. Nicht zu vergessen. Stets eine Kerze auf den geheimen Altar ihrer Erinnerung zu stellen. Die Erinnerung ist eine Religion. Ein Krieg. Hier ist er gut. Um Türen einzuschlagen, hohe Mauern zu zerstören und eintreten zu lassen.

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