Attack of the Weekly Links: Soldaten und Späher, Laura Dern, Critter-Sommer

Soldiers and Scouts: Why our minds weren’t built for truth | Ein Vortrag der Philosophin Julia Galef darüber, wie unsere Gehirne Fakten verarbeiten. Ihre Unterscheidung zwischen Soldaten-Verstand und Späher-Verstand ist sehr erhellend und hilft dabei, das eigene Denken zu hinterfragen. Sehr interessant auch der Graph of Despair: eine Statistik, die zeigt, dass Klimawandel-Skepsis nichts mit fehlender Bildung zu tun hat. Will sagen, ich hab viel gelernt.
Das anschliessende Gespräch mit Moderator Stewart Brand ist allerdings ein bisschen frustrierend, da er sich sehr gerne selbst reden hört und Galef zur Stichwortgeberin degradiert, obwohl er selbt nichts zu erzählen hat, das auch bloss ansatzweise so interessant wäre.

Sie bewegt sich zwischen Indie und Mainstream | Das Xenix widmet Laura Dern eine Retrospektive, ich schrieb für den Züritipp was Kleines über ihre Biografie. Wusstet ihr Folgendes: Im selben Jahr, in dem Dern in Jurassic Park zu sehen war, spielte ihre Mutter Diane Ladd eine verrückte Wissenschaftlerin im Billig-Dino-Schrott Carnosaur.

Der Terror kommt nach Dänemark | Apropos Züritipp: Hier sind die aktuellen Kino- und Streaming-Tipps.

Hot Critter Summer | Der Youtube-Kanal Scaredy Cats ist mir immer wieder eine Freude. Ganz neu: Der Hot Critter Summer, eine Besprechung von allen fünf Critters-Teilen.
Apropos Scaredy Cats: Ich empfehle ganz ausdrücklich den Twitter-Account des Kanal-Stars, Bobby Dook.

Tagebuch eines Taugenichts

Sukezo hat seine Familie zu einer Versteigerung für Steine geschleppt. Seine Hoffnung war, einige Stücke zu verkaufen — doch niemand war interessiert. Er bleibt auf sämtlichen Kosten sitzen. Seine Frau bricht auf der Strasse zusammen, weint und wütet. „Diese verdammten Steine! Was soll das alles? Ich halt das nicht mehr aus! Du raubst mir den letzten Nerv! Auch mit den Kameras und dem Antiquitätenladen hast du es nie richtig versucht. […] Warum bist du nur so?“

Der nutzlose Mann ist ein Manga von Yoshiharu Tsuge, ein Spätwerk des Künstlers, autobiografisch gefärbt. Jedenfalls ist der Protagonist, Sukezo, ebenfalls ein Mangazeichner. Weil der aber miserabel darin ist, sich Aufträge zu verschaffen, gibt er auf und schlägt sich stattdessen mit Gelegenheitsjobs durch. Sukezo versucht eben, schöne Steine zu verkaufen, trägt Leute über einen Fluss, oder restauriert alte Kameras, um sie weiterzuverkaufen. Als junger Mann hat er sich auch als Reis-Schmuggler versucht, oder er half dabei, ein Quartier-Magazin zu gründen. Alles erfolglos.

Weil er kein Geld heimbringt, arbeitet seine Frau, zum Beispiel in einem Wettbüro, aber das reicht auch kaum zum Leben.

Der Manga bedient eine Aussteiger-Romantik. Man kann sich gut vorstellen, wie es Yoshiharu Mitte der Achtziger geht: Er, 1937 geboren, ist 49 Jahre alt, ein Künstler, passt schlecht in ein Japan der Salarymen, der Leistungsbringer, des totalen Wirtschaftbooms. Auch die Manga-Industrie befindet sich in einem Umbruch der Professionalisierung (hab ich mir sagen lassen). Yoshiharu schreibt ein Buch über einen Mann, der sich dem konsequent entzieht.

Im letzten Kapitel kriegt Sukezo von einem befreundeten Antiquar ein Buch empfohlen. Es ist eine Haiku-Sammlung von Inoue Seigetsu (1822-1887). Der war ein Bettler, ein Obdachloser, ein Säufer. Aber er war eben auch ein Dichter. Ein nutzloser Mann, der Kunst geschaffen hat.

Der Unterschied zu Sukezo: Der hat eine Familie, die von ihm abhängig ist und darunter leidet, dass er nichts auf die Reihe kriegt. Das versetzt der Romantik einen Dämpfer.

In einem anderen Kapitel kommt Sukezo mit einem Vogelhändler ins Gespräch. Der weigert sich, Sittiche oder Papageien zu züchten, sondern setzt auf einheimische Vögel. Das veranlasst Sukezo zu einer Tirade: „Das Traditionelle, Japanische gilt als provinziell, aber alles, was aus dem Westen kommt, ist schick, selbst wenn es der letzte Dreck ist. Hauptsache, es ist Englisch. Wie kann man sich so leicht der Moderne verschreiben?“ Nachdem er mit seiner Tirade fertig ist, lässt die schlafende Frau des Vogelhändlers einen lauten Furz.

Apropos Kapitel: Der nutzlose Mann erschien sukzessive im Magazin Comic Baku, in in sich geschlossenen Kapiteln. (Von der ersten bis zur letzten Geschichte verändert sich der Stil merklich.)

Und Apropos Furz: Yoshiharu ist dem Vulgären nicht abgeneigt. Es geht öfters mal um Körperausscheidungen. Und um Sex. Als sich Sukezo dem Steinhandel verschreibt, besucht er einen Experten. Der hat ein besonderes Exemplar — geformt wie eine Vulva. „Ein vulgärer Stein … Ohne jede Eleganz und Poesie“, erklärt besagter Experte. „Aber im feuchten Zustand eine Rarität … Einfach einmalig.“

Der nutzlose Mann
Originaltitel: Muno no hito
Von Yoshiharu Tsuge
Reprodukt, Zürich 2020
Erstveröffentlichung: 1985/1986 in der Zeitschrift Comic Baku

Die Schönheit eines zerschossenen PDF: Das Mädchen und die Spinne

Das Mädchen und die Spinne ist der Nachfolgefilm zu Das merkwürdige Kätzchen. Ein weiterer Film ist geplant, der die Tierfilm-Trilogie abschliessen soll: Der Spatz im Kamin.

Mädchen/Spinne ist der zweite Langspielfilm der Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher. Die beiden stammen aus dem Bernischen. Gedreht haben sie in einer ehemaligen Bierbrauerei in Bern (genug Platz, um Kulissen-Wohnungen zu bauen). Vor den Fenstern standen Greenscreens, auf die später Aussichten auf Bern und Berlin aufgespielt wurden.

Eine WG. Lisa (Liliane Amuat) zieht aus und in eine eigene Wohnung, Mara (Henriette Confurius) bleibt zurück mit Markus (Ivan Georgiev). Zwischen Mara und Lisa stimmt irgendwas nicht. Mara ist sowieso seltsam drauf. Sie macht zum Beispiel ein Loch in einen Becher und lässt Rotwein über den Tisch laufen.

Lisas Mutter (Ursina Lardi) hat Freude an Möbelschlepper Jurek (André Hennicke), Umzugshelfer Jan (Flurin Giger) hat Freude an Mara, landet aber zuerst mit der Nachbarin Kerstin (Dagna Litzenberger-Vinet) im Bett und dann mit Nora (Lea Draeger), der Mitbewohnerin der Nachbarin.

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Attack of the Weekly Links: Apokalypse, Mystizismus, Wolkenkratzerdieb

The Ideology of Apocalypse | Ein Video von Jack Saint über die ideologische Seite von Postapokalypse-Geschichten (und artverwandter Storys beispielsweise im Italowestern-Genre). Es gibt einiges zu lernen über die Mad Max-Reihe, The Mist, Gurre Lagann, Fallout, Dirty Harry, Lord of the Flies etc. Passt auch zu meiner Kritik von The Stand.

What is Hesychasm? | Das ist mal ein Mainstream-Thema: Mystizismus in den Orthodoxen Kirchen. Überaus interessant (wie eigentlich alle Videos von Let’s Talk Religion).

Highrise | Ein überaus merkwürdiger Kurzfilm von 1980, der damit beginnt, dass ein Raumschiff einen Wolkenkratzer klaut. Eine Meisterleistung aus der guten alten Zeit der klassischen Spezialeffekte. Effektekünstler Mark Sullivan arbeitete später an RoboCop, Ghostbusters II oder Starship Troopers.

Sushi, Punker und Seitengassen in Shibuya (Japan 2019)

Im März 2019 reisten Armada und Rogerg nach Japan, wo sie eine gute Woche in Tokio und Kyoto verbrachten. Das sind ihre Erlebnisse.

Es ist die geschäftigste Kreuzung der Welt, zumindest aber die berühmteste: Das Scramble Crossing beim Bahnhof Shibuya. Fünf Strassen laufen hier zusammen, fünf Zebrastreifen führen rüber (einer davon quer). Bei Grün gehen hier bis zu 3 000 Leute aufs Mal durch; an einem guten Tag addiert sich das zu 500 000 Passanten. Ein oft benutztes Symbolbild für urbane Geschäftigkeit.

Armada und ich kommen am Bahnhof an und müssen uns erst einmal zurechtfinden; Shibuya Station gehört ja zu den grössten von Tokio (und damit der Welt). Zur Orientierung halten wir Ausschau nach dem Hachiko-Denkmal.
Hachiko (1923-1935) war ein Hund, der an der Station jeden Tag auf sein Herrchen wartete. Und weiterhin jeden Tag wartete, nachdem besagtes Herrchen gestorben war. Neun Jahre lang. Das Tier wurde schon zu Lebzeiten für seine Loyalität gefeiert und war ein Medienstar, es gibt zahlreiche Bücher und Filme. Darunter eine amerikanisierte Version mit Richard Gere in der Rolle des Besitzers.
So herzerwärmend die Geschichte ist: Das Japan, das Hachiko feierte, war ein Japan im faschistischen Wahn. Dieses Hohelied auf Loyalität hat einen ekligen Beigeschmack.

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Prähistorische Kunst im Keller: Die Frobenius-Gemälde


Rucherea-Höhle (Simbabwe), Joachim Lutz 1929

Es ist ja schon sinnig, dass man runter ins zweite Kellergeschoss muss, um sich Höhlenmalereien anzusehen. Dort zeigt das Museum Rietberg die Ausstellung Kunst der Vorzeit. Felsbilder der Frobenius-Expeditionen. Die war schon in Berlin und in Mexico-Stadt zu sehen. Wie der Untertitel sagt, gehts dabei gar nicht in erster Linie um Höhlenmalereien, sondern zum Grossteil um Felsbilder, die draussen im Freien rumstehen. Was mir meine kleine Einleitung etwas kaputtmacht, aber was solls.

Der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873–1938) hat in den 1910ern, 20ern und 30ern Expeditionen organisiert, deren Ziel es war, prähistorische Felskunst zu dokumentieren. Dazu hat er Künstler*innen mitgenommen, die die alten Bilder kopierten. Frobenius und Co. waren in Afrika, Australien oder West-Papua (heute Westneuguinea) unterwegs, dokumentierten aber auch europäische Felsbilder.

Entstanden sind grossformatige, teils monumentale Aquarell-Gemälde. Die Bilder wurden dazumal in erfolgreichen Ausstellungen präsentiert, lösten einen Hype um prähistorische Kunst (und sogenannte „N****kunst“) aus, hatten einen wichtigen Einfluss auf die Künstler*innen der europäischen Moderne. (Das Rietberg führt Paul Klee als Beispiel an.)

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Wonder Woman, Teil 1 bis 1984

Nach grossem Hin und Her ist Wonder Woman 1984 inzwischen doch noch in den Zürcher Kinos gelandet. Wir erinnern uns: Wegen Corona hat Warner Bros. den Kinostart immer wieder vertagt und sich schliesslich auf eine Streaming-Premiere verlegt. Dort, wos ging, brachte Warner den Film zusätzlich ins Kino.
Für die Schweiz heisst das, dass man Wonder Woman 1984 seit Anfang März auf Sky Show gucken kann; erst jetzt mit der Kinoöffnung ist er auch in die Säle gekommen. Immerhin: Er hielt sich eine Weile in den Charts auf Platz 1 (inzwischen ist er auf Platz 7 runtergepurzelt).

Ich jedenfalls hab ihn mir auch angesehen, vorher aber noch den ersten Teil nachgeholt. Der Konsens der Kritik scheint zu sein: Wonder Woman ist kein Meisterwerk, aber solide, Wonder Woman 1984 dagegen eine Totalkatastrophe. Prüfen wir mal nach, ob das stimmt.

 
 

Wonder Woman

Auf einer magischen Insel im Mittelmeer versteckt sich das Volk der Amazonen und bewacht dort den sogenannten Gotttöter, eine Superwaffe, mit der man einen Gott töten kann. Gedacht ist sie für den bösen Kriegsgott Ares: Gottvater Zeus hat den einst besiegt, aber da er eine Rückkehr von Ares befürchtete, hat er eben den Gotttöter erschaffen. Hab ich oft genug „Gott“ gesagt?

Auf besagter Insel wächst Diana (Gal Gadot) auf, lernt zu kämpfen und stellt fest, dass sie besondere Kräfte hat. Die hat sie noch nicht wirklich unter Kontrolle, aber im Finale kann sie dann plötzlich damit umgehen und damit den Bösewicht besiegen. Ihr merkt schon, die Story ist sehr einfallsreich.

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Attack of the Weekly Links: Zärtlicher Gottschalk, Tintenfisch-Horror, bester Song

Zärtliche Chaoten | Vor einem Jahr ist Doc Acula gestorben. Seine Seite Badmovies.de lebt aber weiter, die Mitstreiter und Fans versorgen die Website fleissig weiterhin mit Trashfilm-Reviews. Zum Beispiel zu Zärtliche Chaoten, eins jener vielen cinematischen Epen, die Thomas Gottschalk in den Achtzigern mitverbrochen hat.

MY OCTOPUS TEACHER & Environmental Horror | Der Netflix-Tintenfisch-Film My Octopus Teacher hat den Oscar für die beste Doku erhalten. Maggie Mae Fish hat messerscharf analysiert, dass dieser Film in Wirklichkeit gar keine Doku ist, sondern ein Horrorfilm über einen narzisstischen Soziopathen, der Tiere quält.

The Most Unwanted Song | Die russischen Konzeptkünstler Komar & Melamid haben versucht herauszufinden, welche Art von Musik die amerikanische Hörerschaft am meisten hasst, und zwar, indem sie Probanden ausführliche Fragebögen ausfüllen liessen. Nachdem sie das Ergebnis hatten, machten sie zusammen mit dem Musiker Dave Soldier einen entsprechenden Song. 1997 kam der heraus. The Most Unwanted Song ist zwanzig Minuten lang, eine Mischung aus Cowboy-Lied, Oper und Hip Hop. Dazu gibts regelmässig Intermezzos, in denen ein Kinderchor Werbung für Wallmart macht. Ausserdem: Geschrei und Dudelsäcke. Alles in allem ist das das beste Stück Musik, das mir jemals untergekommen ist.

Annemarie Schwarzenbach Goes Bern

Erst vor ein paar Wochen schrob ich über die Afghanistan-Texte von Annemarie Schwarzenbach. Danach stellte ich fest, dass es zeitgleich im Zentrum Paul Klee eine Ausstellung über ihr fotografisches Werk gibt — denn sie hat über ihre Reisen nicht nur geschrieben, sondern dabei auch Bilder geschossen. Also bin ich nach Bern gefahren.

Aufbruch ohne Ziel bietet einen griffigen Überblick über Schwarzenbachs Leben und ihr Schaffen ab 1933, als sie mit Marianne Breslauer nach Spanien reiste — ihr Anfang als Fotojournalistin.

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