Attack of the Weekly Links: Norm Macdonald, der Untergang Roms, das Patriarchat in der psychischen Entwicklung

Norm Macdonald: Moth Joke | Norm Macdonald ist gestorben, mit 61 Jahren an Krebs. Er ist einer meiner Lieblingskomiker. Der Motten-Witz, den er bei Conan erzählte, gibt einen guten Eindruck seines Humors. Sehr schön (und kürzer) sind natürlich auch die Weekend Updates bei Saturday Night Live.

Is the „fall“ of the Roman Empire a myth? The Rise and Fall of the Ostrogoths | Sieben, fünf, drei: Rom schlüpft aus dem Ei. Vier, sieben, sechs: Rom ist ex. So hab ichs in der Schule gelernt. Dass das Römische Reich keineswegs im Jahr 476 untergegangen ist, war mir schon länger klar. Aber in dieser Vorlesung geht der Historiker John C. Hamer näher auf das Thema ein, und dabei hab ich einige neue Sachen darüber gelernt. Unter anderem: Wenn man will, kann man den endgültigen Untergang des Römischen Reiches auf 1806 setzen.

Les couilles sur la table: Ce que le patriarcat fait à l’amour | In dieser englischen Folge des französischen Podcasts Les couilles sur la table spricht Victoire Tuaillon mit der Genderforscherin Carol Gilligan («Why Does Patriarchy Persists?»). Es geht darum, wie das Patriarchat die psychische Entwicklung von Männern im Kindesalter beeinflusst.

Rumtigern im Comedyhaus

Es ist die erste offene Bühne im Comedyhaus seit Öffnung der Theater. Kommt überhaupt jemand? Hört man das Lachen durch die Masken? Wie lustig kanns schon werden, wenn die Bar geschlossen ist?

Der Saal ist nicht grad prall gefüllt, aber doch, doch: Ein bisschen Publikum hat sich durch den Regen gekämpft. Hausbetreiber Danny Gundelfinger macht die Anmoderation. Auf der Bühne dürfe die Maske runter, wir im Zuschauersaal sollen sie aber bitte anbehalten. Und Abstände beachten. Das Comedyhaus sei schon kontrolliert worden.

Frank Richter übernimmt als Moderator und warnt vor, dass die Comedians eingerostet sind und neues Material ausprobieren. Kein Problem, war zu erwarten. Richter wärmt das Publikum auf, indem er Panflöte spielt.

Richter: „Wer hatte schon Corona?“ Ein paar wenige strecken auf.
„Wer hat gerade jetzt Corona?“ Keiner.
„Wer glaubt, dass es Corona gar nicht gibt?“ Einer streckt auf.
„Du gewinnst zwei Tickets für Marco Rima!“*

* Ungefähre Wiedergabe.

Es ist an dem Abend nicht der einzige Rima-Witz. Weitere wiederkehrende Themen: Trump und Tinder. Und: „Okay, dieser Witz funktioniert nicht, ich streich ihn.“

Acht Leute treten auf, darunter immerhin eine Frau. Dazwischen jeweils wieder Richter mit Pointen und einer Mikrofon-Desinfektions-Performance.

Irgendwann fällt mir auf, dass die Comedians viel rumtigern. Nachdems mir aufgefallen ist, kann ichs nicht ungesehen machen. Ich werde ganz nervös.

Manche Comedians kommen gut an, manche bomben. Für eine Überraschung sorgt ein Jungspund aus dem St. Gallischen, der sagt, vorher sei er bloss an der Fasnacht aufgetreten. Er macht seine Sache so gut, dass selbst Richter ganz perplex ist. Für solche Entdeckungen geht man an offene Bühnen.

Comedy-Openstage
Präsentiert von Frank Richter
Thema: Die Liebe meines Lebens
Freitag 30. April 2021

Attack of the Weekly Links: Comedy on TV, ein DDR-Krimi, Amos Vogel

Anatomy Of A Sellout und How Liberal Late-Night Talk Shows Became a Comedy Sinkhole | Böse Artikel über Fernseh-Comedy: Seth Simons schreibt über Saturday Night Live, Miles Klee über das Elend im Milieu der Late-Night Talk Shows (Stephen Colbert, Seth Meyers und Co.). Oder genauer gesagt: Sie schreiben darüber, weshalb dieser Formate furchtbar sind (politisch und humoristisch).

Wie ein westdeutscher Schriftsteller den Ostdeutschen ihre Geschichte erklärt | Letzthin haben wir ja auf die Veranstaltung Mauerbau virtuell bei der Gruppe Konverter hingewiesen — ein Themenwochenende über 60 Jahre Mauerbau. Dafür gabs von verschiedener Seite Kritik: Wieso veranstalten wir ein Themenwochenende zu etwas, zu dem wir keinen persönlichen Bezug haben? Reproduzieren wir nicht bloss Klischees über die DDR? Was durchaus berechtigt ist. Dazu gabs dann auch interessante Diskussionen mit Leuten aus der DDR.
Sehr interessant ist nun dieser Artikel der Berliner Zeitung: Da gehts um einen westdeutschen Autor, der einen DDR-Krimi schrieb und prompt Klischees über das Land reproduzierte. Ein interessantes Stück über Erinnerungskultur und DDR.

Das Magazin am Monatsanfang: Amos Vogel | Am 18. April wäre Amos Vogel 100 Jahre alt geworden. In Österreich geboren, wanderte er 1938 mit seinen Eltern (jüdische Kommunisten) nach New York aus, gründete dort einen einflussreichen Filmclub und war auch sonst ein bedeutender Kinoexperte (von ihm stammt das Buch Film as a Subversive Art). Im Filmmuseum Wien gibts eine Ausstellung über ihn, ORF 1 hat einen Bericht darüber gesendet. Und dieser Bericht ist nur schon deswegen gut, weil darin David OReillys The External World erwähnt wird. Den Kurzfilm kann man sich übrigens hier ansehen.

Attack of the Weekly Links: Gedichte-Übersetzungen, Keller-Videos, Stand-up

Der weite Weg den Hügel hinauf | Die Lyrikerin Amanda Gorman hat zu Joe Bidens Amtseinsetzung ein Gedicht vorgetragen (The Hill We Climb), inzwischen ist um die Übersetzungen in den europäischen Ländern eine Kontroverse entstanden. Darf eine junge schwarze Frau von nicht-jungen nicht-schwarzen Nicht-Frauen übersetzt werden? Dass bei der medialen Empörung untergegangen ist, worum es eigentlich geht, hat Daniel Graf für die Republik aufgearbeitet.
„Was heisst das für die Gorman-Kontroverse? Vielleicht, dass es sich lohnen könnte, künftig ein Gespräch zu versuchen statt eine sogenannte «Debatte». Und sich eine angenehm leise, dafür umso gewichtigere Headline aus dem Medien­feuerwerk der letzten Wochen als Motto zu nehmen: «Die Welt weiten». Mehr Fantasie wagen. Mehr Dialog.“

«Komm, wir gehen in den Keller» (Paywall) | Schönes Interview mit dem Team des Videoladens Les Videos. Über die Pornos im Untergeschoss oder den „eklektischen Funken“.

Liz Miele: Emotionally Exhausting | Liz Miele ist eine New Yorker Comedienne, und wie einige ihrer Kolleg*innen hat sie ein Special auf Youtube hochgeladen. Auch schön: Self Help Me und ihr Auftritt in den Paste Studios. Mehr Infos über Miele gibts hier.

 
Song der Woche

Attack of the Weekly Links: Todesking, Tom Green und Streaming-Tipps

Währenddessen… (KW 11) | Christian Muschweck von Comicgate hat sich Jörg Buttgereits Der Todesking angeschaut: „Mit so extremen Underground-Sachen habe ich durchaus etwas Berührungsängste, deshalb hab ich ganz vorsichtig mit einer koreanischen Pressung von Todesking angefangen, die ich billig auf Ebay fand. Sogleich fand ich mich ins VHS-Zeitalter zurückversetzt bei der miesen Bildqualität dieser Kopie, den asiatischen Untertiteln und der kruden Zensur, die Genitalien durch einen fetten schwarzen Punkt wegblendet. […] Wer billig kauft, kauft zweimal.“

Tom Green Live in Philadelphia | Ein Begriff war mir Tom Green nur am Rande: Ich war zu jung, als dass ich The Tom Green Show auf MTV wirklich mitbekommen hätte, Freddy Got Fingered und Road Trip hab ich nie gesehen (mir aber sagen lassen, dass das grosse Meisterwerke der Filmkunst sind). Dann stiess ich auf seinen Auftritt bei This Is Not Happening. „I know the President. I know the President of the United States. He fired me on The Celebrity Apprentice.“ (Gemeint ist der inzwischene Ex-Präsident.) Schlicht grossartig. Und grossartig ist auch das abendfüllende Set.

Ein Trio übt den Aufstand | Die aktuellen Streaming-Tipps des Züritipps. Ich empfehle Die Woche der Nominierten und Im Reich der Sinne.

Attack of the Weekly Links: Sam vom Dach und ein paar Tagi-Artikel

Up on the Roof | Wegen Corona konnte der Komiker Sam Morril kein Special in einem Club drehen. Also hat er Dächer in Beschlag genommen. Sehr lustig. Er ist aber auch im Club gut, siehe hier: I Got This.

Das Frosch zeigt keine Filme mehr | Das Kino Frosch im Zürcher Niederdörfli geht endgültig zu, sofern sich kein Kinobetreiber erbarmt, es zu übernehmen. Ich hab viel herumtelefoniert und darüber geschrieben. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: Ein wahnsinniger Verlust ist das nicht, gehörte das Frosch doch zur Blue-Cinema-Gruppe (früher Kitag). Das ist kein Liebhaberkino, sondern Massenabfertigung. Ich würde mich allerdings freuen, wenn eine andere Betreiberin einspringen würde. Was wiederum nicht wahrscheinlich ist angesichts der Tatsache, dass es den Kinos nicht wahnsinnig gut geht (erst recht nicht in der Coronakrise). Aber wer weiss.

Warum ist es um die Kultur so still geworden? | Zum Frosch-Kino und zur Situation der Kinos äussere ich mich auch in der neusten Ausgabe des Tagi-Corona-Podcasts Und jetzt?. Wer also hören will, wie ich dummes Zeug rede, hat endlich die Chance. Zum Glück hat auch Kulturredaktorin Susanne Kübler teilgenommen, die tatsächlich was zu sagen hat.

Ein New Yorker in Italien | Die Kinos zittern, aber auf den Streaming-Plattformen ist noch immer viel los. In der neusten Ausgabe der Züritipp-Streaming-Tipps empfehle ich unter anderem We Are Who We Are, eine grandiose Serie von Luca Guadagnino (Call Me By Your Name).

Attack of the Weekly Links: Wishmaster, misogyne Kritik, Streaming-Empfehlungen

Why Wishmaster Rules | Ich schätze Thought Slime als politischen Kommentator, aber er hat auch einen Kanal über Horrorfilme, Horrorgames und Co.: Scaredy Cats. Unter anderem hat er die Wishmaster-Reihe besprochen.
 

Schweig, Autorin – Misogynie in der Literaturkritik | 54books mal wieder, diesmal zum äusserst interessanten Thema Frauenfeindlichkeit in der Literaturkritik. Autorin Nicole Seifert bietet unter anderem ein schönes How-Not-To für Kritiker*innen:

  • „In einem ersten Schritt wird im Genre „Etablierter Literaturkritiker verreißt erfolgreiche junge Autorin“ also das durch die Kolleg*innen bereits aufgebaute Renommee der Autorin demontiert.“
  • „Im zweiten Schritt werden die Themen der Romane beanstandet, die Geschichte als solche, mit der die Kritiker in allen betrachteten Fällen nichts anfangen können.“
  • „In einem dritten Schritt werden in solchen Rezensionen schließlich Stil, Sprache und Form abgewertet, allerdings – interessante Gemeinsamkeit –, ohne dass nach einer möglichen Bedeutung überhaupt gesucht würde.“

 
Rachefeldzug in Liverpool | Tim Roth als kaputter Sheriff in Tin Star, englische Proletarier und (Ray & Liz) und andere Streaming-Empfehlungen beim Züritipp.
 

The Comedy Industry Has a Big Alt-Right Problem | Via Setup/Punchline. Artikel über die Verschränkung von Comedy-Szene und Rechtsextremismus in den USA. Überraschung, Überraschung: Die Anti-Political-Correctness-Bewegung spielt eine wichtige Rolle. Man beachte auch Autor Seth Simons‘ Website.

Attack of the Weekly Links: Munnery, Mahler und Orgelmusik

Fylm Makker | Vor ein paar Jahren kam der Comedian Simon Munnery nach Zürich, und ich hab darüber geschrieben. Der Typ ist super, und super ist dieses Version seines Programms Fylm Makker. „I speak to you through camera, because my theory is: Just like the microphone emphasizes the voice, the camera emphasizes the face, and it is an instrument that should be used for live performances. This is my theory, and I’m gonna pursue it. Until you like it. Or thirty minutes elapse.“ Lustigerweise kann das inzwischen als Vorbild für Comedy in Zeiten von Corona gelten.

schreibART ONLINE: Nicolas Mahler | Nicolas Mahler im Gespräch über seinen Comic Ulysses (einer Bearbeitung des James-Joyce-Romans). Dass es das noch gibt: Zwei ältere, lethargische, schwarz gekleidete Herren sitzen an einem Tisch und unterhalten sich über Kunst. Dazu noch mit österreichischem Akzent. Schade, dass keiner Pfeife oder Zigarre raucht.

Zum Schluss noch etwas Klassik:

Attack of the Weekly Links: Fotomontage und Rakugo

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John Heartfield | Ein Artikel in der WOZ machte mich auf eine Ausstellung aufmerksam: Die Akademie der Künste hatte geplant, dem deutschen Künstler John Heartfield (1891–1968) eine Retrospektive zu widmen. (Er arbeitete mit George Grosz, gehörte zum Berliner Dada-Kreis und war ein Pionier der Fotomontage. 1933 musste er aus Deutschland flüchten.)
Wegen der Coronakrise wurde Fotografie plus Dynamit abgesagt, dafür bietet die Akademie jetzt die Online-Schau Kosmos Heartfield an. Zwar hab ich noch Schwierigkeiten, mich an digitale Ausstellungen zu gewöhnen, nicht zuletzt wegen der teils nicht sehr intuitiven Navigation. Aber Kosmos Heartfield ist ansonsten schön aufbereitet, gratis und bedingt keinen Flug nach Berlin. Ergänzend zur Schau gibts Heartfield Online, einen digitalen Katalog von Heartfields Werk.

Rakugo | Bei Rakugo handelt es sich um eine traditionelle Form japanischer Komik — da kniet quasi ein/e Erzähler/in im Kimono vor dem Publikum und gibt Witze zum Besten. Hier ein Einblick durch Katsura Kaishi auf Englisch. Und hier eine Geschichte von Kimie Oshima über Soba-Nudeln, ebenfalls auf Englisch.
Es ist nicht unbedingt die subtilste Form der Komik, aber als Gegenentwurf zur westlichen Stand-up-Comedy äusserst interessant.
Für ein hiesiges Publikum am verdaulichsten (und von der Videoqualität her am besten) sind die Programme von Katsura Sunshine, einem gebürtigen Kanadier, der bei einem japanischen Raguko-Meister in die Lehre ging. Auf seinem Youtube-Kanal findet man haufenweise Beispiele. Sehr schön ist diese Erzählung über einen Ausflung mit seinem Meister nach New York.

Attack of the Weekly Links: Comedy-Magazine

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Setup/Punchline | Ein deutsches Online-Magazin für Stand-up-Comedy? Tolle Idee! Auch wenn es konkret vor allem ein Typ ist, der Blogeinträge schreibt — ein Journalist namens Bernhard Hiergeist. Hier ist sein Mission Statement.
Da das Ding erst letzten Oktober gestartet ist, gibts noch nicht allzu viele Einträge, und Hiergeist tendiert etwas zur Geschwätzigkeit. So beginnt er dieses eigentlich interessante Interview mit Ingrid Wenzel mit einer langen, völlig nichtssagenden Einführung. Das gibt sich hoffentlich noch.
Sehr schön ist dieses Floskel-Lexikon, das ich allen empfehle, die über Comedy schreiben.

That’s funny: why aren’t there more comedy magazines? | Nachdem ich Setup/Punchline entdeckt hab, hab ich mich gefragt: Wieso gibts bisher keine Magazine oder Websiten über Stand-up-Comedy? Ich hab sofort eine kleine Google-Suche gemacht, und zu den ersten Treffern gehörte dieser Artikel von The Guardian darüber, dass es fast keine Comedy-Magazine gibt.

Chortle | Das Online-Magazin Chortle widmet sich seit 2000 der britischen Comedy. Es ist zwar ziemlich PR-ig, aber ich kann folgende Sektionen empfehlen: Reviews, Book Reviews und Opinion Pieces.

Unsere hauseigenen Versuche zur Comedykritik gibts übrigens hier.