Wong Kar Wai und die Chungking Mansions


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Als die Allerliebste und ich 2018 einen Trip nach Hongkong machten, verbrachten wir drei Nächte in den berüchtigten Chungking Mansions. Der Gebläudekomplex liegt im Stadtteil Kowloon an der Nathan Road, einer der Hauptverkehrsadern von Hongkong. 1961 eröffnet, umfassen die Mansions fünf Wohnblöcke (von A bis E) und 17 Stockwerke. Dort findet man an die dreissig Restaurants, Clubs und Bars, 90 Gasthäuser, 380 Geschäfte und diverse Manufakturen.

4000 Menschen wohnen dort schätzungsweise, in erster Linie Angehörige von Minderheiten. Nirgendwo sonst in Hongkong findet man so viele Menschen aus Indien, Afrika oder dem Nahen Osten. Darunter Arbeiter aus Festlandchina und ein paar Touristen mit niedrigem Budget.

Die Mansions waren einst für gutbetuchte Mieter gedacht, haben sich über die Jahre aber einen miserablen Ruf erarbeitet. Es kam immer wieder zu Bränden, nicht zuletzt, weil die Zimmer der ursprünglichen Wohnungen in kleinere Zellen unterteilt wurden, mit wenig Rücksicht auf die Elektroinstallation. Hauptsache mehr Zimmer, denn je mehr Leute man reinquetschen kann, desto mehr Miete kriegt man. Die Bodenpreise von Kowloon gehören zu den höchsten der Welt.

In den Mansions geschahen immer wieder Morde und Vergewaltigungen. Sie waren ein Nest für Drogenhändler, Schmuggler, Prostituierte, illegale Einwanderer und Schwarzarbeiter. Nicht alle Gasthäuser und Restaurants hatten eine Lizenz, und es gab einige Fälscherwerkstätte. Nur die Kowloon Walled City war schlimmer (als es sie noch gab).

In den letzten zwanzig Jahren hat sich allerdings viel geändert. Die Mansions wurden in mehreren Phasen generalüberholt, die Sicherheitssysteme modernisiert und überall Kameras installiert. Die Polizei tat ihr Bestes, um die chinesische Mafia zu vertreiben.
So hatten die Allerliebste und ich nie irgendwelche Probleme, ausser, dass uns im Erdgeschoss ständig Inder Flyer für billige Anzüge andrehen wollten. Und ich bekam einen elektrischen Schlag, als ich auf unserem Zimmer mein Handy auflud. In unserem winzigen Raum war das WC zugleich die Dusche, also mussten wir immer aufpassen, das Toilettenpapier nicht nasszumachen.

 
Der Filmer und die Mansions

Dass die Chungking Mansions berühmt sind, ist zu einem guten Teil Wong Kar Wai zu verdanken, der ihnen mit Chungking Express (1994) und Fallen Angels (1995) ein Denkmal setzte. Er hat sie cool und zu einem Anziehungspunkt für Touristen gemacht, was wiederum eine Triebfeder für die erwähnte Sanierung gewesen ist. Die Mieten haben entsprechend zugenommen, viele alte Anwohner und Ladenbesitzer mussten ihren Platz räumen. Ein Gentrifizierungsprozess im Kleinen.

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Und morgen die ganze Welt

Bevor die Zürcher Kinos wieder geschlossen wurden, war ich noch ein letztes Mal im Riffraff. Angesehen hab ich mir Und morgen die ganze Welt (ein Drama über die Antifa/der deutsche Kandidat für die nächste Oscarverleihung). Regisseurin Julia von Heinz verarbeitet darin ihre Erfahrungen in der Antifa in den 90ern und kommentiert die gegenwärtige politische Situation in Deutschland. Der Titel spielt auf ein berüchtigtes NS-Lied an.

Mannheim: Luisa (Mala Emde) kommt aus gutem, gar adeligem Hause, studiert Jura und kommt dank ihrer Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) in einer Besetzung unter. Und hilft sogleich bei einer Störaktion gegen eine Politikerin der Liste 14 (gemeint ist die AfD). Es kommt zu einem Scharmützel mit dem „Sicherheitsdienst“ der Politikerin, der sich aus Neonazis rekrutiert — Luisa erbeutet dabei das Handy eines Rechtsextremen. Unsere Helden erhalten damit Zugriff auf Nazi-Kontakte.

Frage am Rande: Ist es nicht ein wenig hasenfüssig, dass anstelle der AfD eine fiktive Partei entworfen wird?

Am Anfang des Films steht ein Zitat aus dem deutschen Grundgesetz:

„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. […] Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Die Frage ist nun: Welche Art von Widerstand? Für Batte ist ganz klar: Nur friedlichen, bitte. Anders siehts Alfa (Noah Saavedra) — er organisiert bei der nächstbesten Gelegenheit eine Aktion, bei der Antifa-Aktivist*innen Autos von Neonazis kaputtschlagen und, wenn man schon mal dabei ist, die Neonazis selbst angreifen. Luisa wird dabei verletzt, aber abschrecken lässt sie sich davon nicht. Dietmar (Andreas Lust) flickt sie wieder zusammen, ein Bekannter von Alfa, ein Altlinker, der früher Bomben legte, sich nach einem Gefängnisaufenthalt aber weitgehend ins Private zurückgezogen hat.

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Worst Movie Night: Samurai Cop

Endlich, endlich haben wirs wieder in eine Worst Movie Night geschafft — es ist über ein Jahr her, dass die Berner Kultmoviegang erstmals nach Zürich kam und uns Plan 9 From Outer Space zeigte. Ein grosser Moment. Es gab in der Folge eine Handvoll Vorstellungen, die wir Kulturmutanten leider verpassten, und viele weitere mussten wegen Corona abgesagt werden. In Bern selbst kann die Gang zurzeit nichts vorführen, weil der Kanton die Kinos geschlossen hat. Es sind schlimme Zeiten für den Trash.

Aber zumindest ist das Kosmos noch geöffnet, auch wenn sich nicht wahnsinnig viele Leute ins Kino getraut haben. Die Berner sind gewohnt sympathisch und verteilen vor dem Kinosaal Harakiri-Shots — rote Plastikphiolen mit hochprozentigem Inhalt. Das Fiese: Einige enthalten bloss Wasser.

Im Saal. Es fängt an mit einer kleinen Einleitung der Gang (anscheinend war Samurai Cop der allererste Film, den die Leutchen einem Publikum vorsetzten), dann kommt eine Videobotschaft von Mathew Karedas, dem Hauptdarsteller von Samuari Cop (damals noch unter dem Namen Matt Hannon). Nun gut, die Botschaft entstand nicht extra für Zürich, sondern vor einiger Zeit für eine Jubiläumsvorstellung der Kultmoviegang — trotzdem schön.
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Halloween 2020: Rats — Notte di terrore

Begeben wir uns mal wieder in die tiefsten Untiefen des schlechten Geschmacks. In den Achtzigern haben die Italiener stapelweise billige Schrottfilme voller Gewalt und Sex produziert und dabei zünftig bei anderen, besseren Filmen geklaut, vorzugsweise bei solchen aus den USA. Damit haben sie dann die Bahnhofskinos und Videotheken der Welt beliefert. Will sagen: Es war nicht alles Fellini dazumal.

Zu den schlimmsten Kinoverbrechern gehörten Bruno Mattei und Claudio Fragasso. 1980 arbeiteten sie das erste Mal zusammen und zwar bei La vera storia della monaca di Monza, einem Nunsploitation-Streifen. (Das Genre dreht sich um die lustigen Kapriolen lüsterner Nonnen.) Fragasso besorgte das Drehbuch, Mattei die Regie. Diese Aufgabenteilung behielten sie die nächsten Jahre bei, wobei weder der eine noch der andere jemals so etwas wie Talent oder Skrupel bewies.

Noch im Jahr 1980 machten sie zudem Virus, auch bekannt als Hell of the Living Dead — ein stinkfreches Plagiat von George A. Romeros wegweisendem Zombie-Film Dawn of the Dead (1978). Sogar einen Teil der Musik haben sie übernommen. (Nicht einmal illegal, soweit ich das verstehe: Romeros Film war eine amerikanisch-italienische Co-Produktion, und Mattei hatte die richtigen Connections, um sich die Tracks ganz offiziell zu besorgen.)

Und so gings dann weiter mit den beiden Spiessgesellen. Eine kleine (!) Auswahl:

  • I sette magnifici gladiatori (1983) ist ein „Remake“ von The Magnificent Seven (oder The Seven Samurai), halt im Setting eines Sandalenfilms.
  • Strike Commando (1987) kupfert bei Rambo: First Blood Part II ab, bis hin zu einzelnen Szenen (ein modus operandi, der eine Spezialität des Duos war).
  • Robowar (1988) ist eine Mischung aus Predator und Robocop (ein Roboter jagt Soldaten im Dschungel).
  • Terminator II (1989) ist nicht etwa ein Plagiat von The Terminator, sondern ein Szene-für-Szene-Remake von Aliens, halt mit Mutanten statt Aliens. Immerhin läuft im Finale dann doch noch ein Cyborg Amok.

Terminator II war die letzte Zusammenarbeit von Fragasso und Mattei. Während Letzterer nicht wirklich noch was von Interesse zusammengewerkelt bekommen hat, schob Fragasso 1990 zumindest noch Troll 2 hinterher, einen Trashfilm, der heutzutage ähnlich viel Verehrung erfährt wie Plan 9 From Outer Space oder The Room — aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls, was die beiden zwischen 1980 und 1989 produzierten, geht auf keine Kuhhaut und nur knapp auf Zelluloid.

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Ein Titel, ganz leicht zu konsumieren

Der Titel dieses Filmes ist wohl bekannter als sein Inhalt: „Four Weddings and a Funeral“, oder auf Deutsch „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“. Gefühlt hundertausendfach wurde der Filmtitel gesampelt, so scheint mir, was erstaunlich ist, weil das Original gar nicht über sonderlich viel Substanz verfügt, oder vielleicht gerade deswegen, weil sich sowieso niemand an den nicht vorhandenen Inhalt erinnern mag? Wie auch immer. Der Film stammt aus dem Jahr 1994, und es gibt jetzt keinen besonderen Anlass, sich diesen Schrott anzusehen, denn leider ist Hugh Grant ja noch nicht gestorben. Dieser Streifen war der Start seiner Karriere, und er hat danach dieselbe Rolle in praktisch all seinen Filme wieder und wieder und wieder und wieder gespielt.

Wie der überberühmte Titel ankündigt, geht es um die zwei grossen Themen der Kunst (laut Reich-Ranicki seelig sei der Rest Schmarrn): Liebe und Tod. Ich habe den Film wohl mal als Kind gesehen, und leider hat mir mein Papa oder ein sonst anwesender verantwortungsbewusster Erwachsenen nicht zwei Ohrfeigen gegeben und erklärt: Verschüchterte Männer, die sich schleimig an schöne Frauen ranmachen, werden von allen gehasst, insbesondere von diesen Frauen, und das vollkommen zu Recht! Man hätte mir viele pubertäre Missverständnisse erspart.

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Der beste Hamlet kommt aus Helsinki

You have not experienced Shakespeare until you have read him in the original Finnish.

Chancellor Gorkon, Star Trek VI: The Undiscovered Country

Der skrupellose Klaus (Esko Salminen) tötet seinen Bruder mit Gift — und das nur, um den Familienkonzern an sich reissen. Der nächste Schritt besteht im arglistigen Deal mit einem mächtigen Konkurrenten: Klaus möchte dem Schweden Wallenberg ein Sägewerk verkaufen, damit der es abbrennt, um das Versicherungsgeld einzustreichen. Die Gegenleistung: „Wallenberg verkauft uns — für einen symbolischen Betrag — die Mehrheit an der schwedischen Quietscheentchen-Industrie.“
Ausserdem hat Klaus vor, Gertrud (Elina Salo), die Witwe seines Bruders, zu heiraten.

Nur einer stellt sich ihm entgegen: Hamlet (Pirkka-Pekka Petelius), der Sohn des Toten. Er kommt Klaus‘ Plänen auf die Schliche. Dass ihm der Geist seines Vaters erscheint, verschafft ihm einen Motivationsschub, es strapaziert aber auch seine geistige Gesundheit — ebenso wie die Tatsache, dass Ofelia (Kati Utinen) einfach nicht mit ihm schlafen will.

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Zurich Film Festival 2020: Corona, Geld und Holz

So, das 16. ZFF ist auch schon wieder vorbei. Es ging ohne gröbere Schnitzer vonstatten — trotz neuer Leitung und trotz Pandemie. Christian Jungen (künstlerische Leitung) und Elke Mayer (Geschäftsführung) konnten ihr Versprechen einhalten, ein physisches Festival ohne wenn und aber durchzuführen. „Wir stehen ein für das kollektive Filmerlebnis“, wie Jungen so schön sagte an der Medienkonferenz.

Wobei natürlich trotzdem einiges anders war als sonst. Wie schon zuvor am Fantoche, so dämpften Maskenpflicht, Distanzregeln und Co. ein wenig die Festival-Laune. Handkehrum herrschte ein gewisses Corona-Gemeinschaftsgefühl.

Die interessanteste Neuerung war sicherlich die erstmalige Durchführung des Tags des Zürcher Films, der einen Blick hinter die Kulissen der städtischen Filmindustrie ermöglichte. Eine Zusammenarbeit des ZFF und der Zürcher Filmstiftung.

Misstönig dagegen: Wie sich herausstellte, konnte das ZFF vor allem dank grosszügiger Staatshilfe duchgeführt werden, die anderen Kulturinstitutionen bisher versagt geblieben ist. Währenddessen entliess die NZZ — der das ZFF zur Hälfte gehört — kurz vor Festivalbeginn ihren Filmredaktor. Aus Spargründen.

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Videoex 2020: A Machine to Live in

Wenn ich sage, dass Brasília schön ist, würden sie sofort erkennen, dass mir die Stadt gefällt. Aber wenn ich sage, dass Brasília das Abbild meiner Schlaflosigkeit ist, sehen sie das als Vorwurf; aber meine Schlaflosigkeit ist weder schön noch hässlich — ich bin meine Schlaflosigkeit, sie ist gelebt, sie ist meine Verwunderung.*
Clarice Lispector, Brasília: cinco dias, 1964
* Schlecht aus dem Portugiesischen übersetzt von Gregor.

So schrieb die Brasílianische Schriftstellerin Clarice Lispector, nachdem sie 1962 Brasília besucht hatte, die damals brandneue Hauptstadt von Brasilien.
Schon 1891 wurde der Beschluss, eine neue Hauptstadt zu bauen, in der brasilianischen Verfassung festgehalten. (Damals erfüllte noch Rio de Janeiro diesen Zweck.) 1956 endlich wurde der Bau in Angriff genommen, und 1960 wurde Brasília von Präsident Juscelino Kubitschek eingeweiht. Stadtplaner Lúcio Costa, Architekt Oscar Niemeyer und Landschaftsgestalter Roberto Burle Marx trugen die Verantwortung für die Errichtung der Stadt.

60 Jahre nach der Einweihung haben nun Meredith Zielke und Yoni Goldstein, zwei Filmemacher aus Chicago, ein Porträt der Stadt gedreht: A Machine to Live in.
In einem Projektbeschrieb erklärt Goldstein den Film wie folgt: „[…] a hybrid genre documentary disclosing the historical and architectural links between the world’s first fully integrated modernist city project, Brasília, and the techno-mystical, esoteric, and transcendental spaces that have emerged around it.“

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