Mit den Werckmeisterschen Harmonien in der Filmkammer des Schreckens

Matthias, Heiko und Sebastian von Megalife Radio Podcasts sind schuld: Sie haben mich wieder in die Filmkammer des Schreckens gezerrt – und dort dazu gezwungen, über Die Werckmeisterschen Harmonien zu reden. Es handelt sich dabei um ein Werk des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, der verehrt wird für seine fröhlichen, bonbonbunten Feelgood-Movies.

An einer Stelle versuche ich, Musiktheorie zu erklären, und das Ergebnis dürfte jedem Menschen, der auf dem Gebiet bewandert ist, kalte Schauer über den Rücken jagen. Sorry!

«Judex»: Unaufgeregtheit und Vogelmasken

Mit Judex hat sich Regisseur Georges Franju (1912–1987) Anfangs der Sechziger ein Remake geleistet. Er war ein Fan des Stummfilm-Pioniers Louis Feuillade, und der hatte in den 1910er-Jahren Abenteuer-Serials wie Fantômas und Les Vampires gedreht und eben auch den ursprünglichen Judex (1916).

Im Zentrum steht ein gewisser Judex («SchÜ-dex»), eine Art Batman-Vorgänger. Als verkleideter Rächer kämpft er für Gerechtigkeit, das heisst, er legt er sich mit einem verbrecherischen Banker an, bekommt es aber auch mit einem skrupellosen Kindermädchen und ihren Handlangern zu tun.

Franju dampft die zwölf Episoden des Originals auf Spielfilmlänge ein und hat sichtlich Spass daran, die Absurdität der Handlung auf die Spitze zu treiben. Da jagen sich Twists und Zufälle.
Einmal brauchen die Verbündeten von Judex dringend jemanden, der eine Hausmauer hinaufklettern kann – genau in dem Moment kommt eine Akrobatin mit ihrem Zirkus vorbei, die zudem noch freundschaftlich mit einem der Helden verbunden ist. Die Welt ist ein Dorf!

Das alles ist milde amüsant, insgesamt hält sich der Unterhaltungswert jedoch in Grenzen. Das Erzähltempo ist doch ziemlich gemütlich-grossväterlich, und die Inszenierung durchzieht eine Art Unaufgeregtheit, die dem Spannungsaufbau hinerlich ist. Schockmomente und Thrillerszenen fallen flach, die Kampfchoreografien sind ein Witz, die Figuren reagieren auf die Handlungsentwicklungen üblicherweise phlegmatisch.
Als etwa das böse Kindermädchen feststellt, dass sie und ihre Handlanger eingekesselt sind, und ihr Partner meint, man könnte vielleicht mal was machen, antwortet sie mit einem Schulterzucken. Ja, wieso nicht, könnte man mal. Schwierig, da mitzufiebern.

Und das hat nichts mit veränderten Sehgewohnheiten zu tun. Im Jahr zuvor war der erste Bondfilm erschienen, Fritz Lang und Alfred Hitchcock haben zur selben Zeit Abenteuerfilme gedreht, die nach wie vor fetzen.
Franju dagegen war ein Meister des poetischen Genrefilms – Les yeux sans visage (1960) gilt zurecht als Klassiker des Horrorgenres. Ein Abenteuerfilm und dieser intime Stil jedoch, das beisst sich.

Oder vielleicht liegts auch nur an mir. Es gibt genug richtige Filmkritiker:innen, die Judex für seine traumwandlerische Qualität loben. Mir erscheint das eher als schnarchlerische Qualität.

Eins muss man ihm lassen: Die Bilder sind fantastisch. Ein Highlight etwa ist die Maskenball-Szene, in der die Gäste mit Vogelmasken auftreten. Ein surreal-gruseliger Anblick. Hier funktioniert die träumerische Atmosphäre auch für mich. (Vorbild waren anscheinend die Werke von Max Ernst.)

Und da wär noch das böse Kindermädchen. Gespielt von Francine Bergé, ist diese junge Frau von einer beeindruckenden Kaltschnäuzigkeit und damit mit Abstand die interessanteste Figur im Film.
Zudem: Ihr hautenges schwarzes Einbrecher-Outfit, das vergisst man nicht so schnell. Quasi die erste Catwoman der Filmgeschichte (kurz vor Julie Newmars Version in der 60er-Jahre-Batman-Serie).

Judex
F 1963, 103 Min.
Regie: Georges Franju
Drehbuch: Georges Franju, Jacques Champreux, Francis Lacassin
Mit Channing Polock, Francine Bergé, Édith Scob, Michel Vitold et al.

Mit dem Grünen Ritter in der Filmkammer

Einmal mehr haben mich die lieben Leute von Megalife Radio Podcasts in ihre Filmkammer des Schreckens gelockt. Und dort haben wir ausführlich über The Green Knight gesprochen – David Lowerys Verfilmung eines mittelalterlichen Epos.

Den Film hab ich bekanntlich (?)für den Tages-Anzeiger positiv besprochen und auf den ersten Platz meiner Kinorückschau 2021 gesetzt. Aber können die Kammerknechte Matthias und Heiko ebenfalls was mit dem Werk anfangen?

Kinorückschau 2021: Der Honig, der runtergeht wie Öl

Nachdem ich die schlechtesten Filmen des Jahres abgehakt haben, folgen nun meine Lieblinge.

Dieses Mal mach ich es ein bisschen wie die Oscars: Am Ende kommen die fünf Allerbesten, vorher gibts aber Trostpreise in verschiedenen Kategorien.

Hinweis: Wo ich schon mal was geschrieben (oder gesagt) hab, verlinke ich darauf. Ansonsten kommt einfach der Trailer.

 

Bestes Superheld:innen-Abenteuer

Spider-Man: No Way Home
Superheld:innen-Film von Jon Watts, USA 2021, 148 Min.

Multiversumsgeschichten sind immer ein grosser Spass, und in diesem Fall gibts dazu ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie Alfred Molina als Doc Ock und Willem Dafoe als Green Goblin etc. Erstklassiger Fanservice für Spider-Man-Fans.
(Der Wehrmutstropfen bleibt aber, dass Spider-Man: Into the Spider-Verse eine ähnliche Idee besser umgesetzt hat.)

 

Beste Landschaftsaufnahmen

The Power of the Dog
Western von Jane Campion, USA/Neuseeland/GB/Ka 2021, 126 Min.

Der Netflix-Western hatte auch eine Auswertung in den Kinos. Verdientermassen. Bildgewaltige Inszenierung von Jane Campion (The Piano). Benedict Cumberbatch als steinharter Cowboy, der eine Frau (Kirsten Dunst) und ihren Teenager-Sohn quält. Cumberbatch ist super, Kodi Smit-McPhee als Teenager-Sohn noch besser.
Und dann die Landschaftsbilder! Häuser verlieren sich in unendlichen Weiten, knorzige Berge trumpfen über allem. Bemerkenswert: Der Film spielt in Montana, wurde aber vollständig in Neuseeland gedreht. Weswegen er auch dann diese leichte Lord-of-the-Rings-Haftigkeit hat.

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Kinorückschau 2021: Die Krümel unter den Fussnägeln

Halten wir mal Rückschau auf das vergangene Filmjahr. Dank Corona war wieder vieles anders: Die Schweizer Kinos konnten erst im April aufmachen, die Solothurner Filmtage mussten online stattfinden, das Kino Frosch im Zürcher Niederdorf wurde endgültig geschlossen.

Seither läuft alles mehr oder weniger in gewohnten Bahnen, auch wenn die Säle eher schlecht gefüllt sind. Immerhin, der massive Erfolg von No Time to Die zeigt, dass Bond nicht nur die Welt, sondern auch das Kino retten kann.

So weit, so gut. Noch besser: Unter den Filmen, die ich im Kino sah, gabs viele gute. Bevor wir zu denen kommen, liste ich aber den Bodensatz auf.

Hinweis: Wo ich mal was geschrieben habe, verlinke ich das Geschriebene, ansonsten einfach den Trailer zum entsprechenden Film.

 
Tadelnde Erwähnung

  • No Time to Die: Von wegen Retter des Kinos. So richtig schlecht ist der zwar nicht. Aber dieser längste aller Bond-Filme (2 Stunden, 43 Minuten) kommt einem auch so vor. Als Abgesang auf die Ära Craig eher verunglückt. Kein «Schön wars!», sondern ein «Endlich vorbei!».
  • The Matrix Resurrections: Ein Film, der derart unnötig ist, dass sich konsequenterweise die Handlung darum dreht, wie unnötig der Film ist. Immerhin, das Wiedersehen mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss macht einiges wett.
  • The French Dispatch: Schon klar, dass ich mit Wes Andersons Stil wenig anfangen kann, ist meine eigene Schuld. Aber wie er hier politische Themen systematisch entpolitisiert, ist ganz objektiv eine niederträchtige Nummer.
  • Es ist nur eine Phase, Hase: Hätte ich diesen Film mehr als 30 Minuten durchgehalten, wäre er fraglos auf dem ersten Platz gelandet.

Kommen wir zu den echten Lowlights des Jahres. Trommelwirbel!

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Weihnachten mit Spider-Man


 

 
Das schönste Weihnachtsgeschenk für alle Ohren: Die lieben Leutchen von Megalife Radio Podcasts haben mich in ihre Filmkammer des Schreckens entführt eingeladen. Dort sprachen wir über Spider-Man: No Way Home. (Also, ich hab vor allem Blödsinn geredet in meinem unverständlichen Akzent.) Und ihr könnt euch das jetzt anhören.

Lebenszeichen: Werner und der Proto-Kinski

Der erste Film, den Werner Herzog mit Klaus Kinski drehte, war Aguirre, der Zorn Gottes (1972). Aber eigentlich war schon Herzogs Langfilmdebüt ein Kinski-Film: Lebenszeichen (1968).

Dort sehen wir Peter Brogle als Stroszek, einen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einer Verletzung und einem Aufenthalt im Lazarett auf die Insel Kos versetzt wird. Begleitet wird er von seiner Frau Nora (Athina Zacharopolou) sowie von zwei ebenfalls genesenen Kameraden – dem dicken, lauten Meinhard (Wolfang Reichmann) und dem dünnen, stillen Becker (Wolfang von Ungern-Sternberg).

Die vier richten sich in einem alten Kastell ein, wo sie ein griechisches Munitionslager bewachen. Viel kann die deutsche Armee mit dem Zeug nicht anfangen, weil deutsche Waffen und griechische Kugeln nicht kompatibel sind. Aber es wäre halt blöd, wenn das Material in die Hände der Partisanen fiele, die die umliegenden Berge unsicher machen.

Der Einsatz besteht aus Nichtstun und Langeweile. Im Schatten hocken und schwitzen. Der Höhepunkt der Aufregung ist, dass Meinhard Kakerlaken fängt oder dass ein «Zigeuner» (Julio M. Pinheiro) mit seiner Drehorgel vorbeischaut.

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Halloween 2021: Monster Dog

Was, schon wieder ein Claudio-Fragasso-Film? Der italienische Schrott-Regisseur verfolgt mich echt in meinen Albträumen. Letztes Jahr hab ich zu Halloween Rats: Notte di terrore besprochen, den dystopischen Ratten-Horror, den Fragasso zusammen mit seinem ewigen Komplizen Bruno Mattei verbrochen hatte.
Direkt danach machte er Monster Dog – ohne Hilfe von Mattei, dafür mit der seiner Frau Rossella Drudi. Sie ging ihm beim Drehbuch zur Hand (allerdings ohne dafür einen Credit zu kriegen).
Ausserdem beteiligt: Schock-Rocker Alice Cooper in der Hauptrolle. Allein schon das dürfte einen Blick wert sein.

Wie kams zum Film? Der holländisch-italienisch-amerikanische Produzent Eduard Sarlui hatte seinerzeit Rats gesehen und war davon derart begeistert (weshalb auch immer), dass er Fragasso gleich für einen weiteren Tierhorror engagierte. Die Logik: Wenns mit Ratten geklappt hat, klappts sicher auch mit Hunden. White Dog (1982) oder der Stephen-King-Verfilmung Cujo (1983) waren ja einträgliche Vorbilder.

Wobei Monster Dog in erster Linie schon ein Werwolf-Film ist. Das Genre war Anfang der Achtziger gross in Mode:
An American Werewolf in London (1981), The Howling (1981), Wolfen (1981), The Company of Wolves (1984), nur um ein paar zu nennen.

Aber schon klar: Hund, Wolf, ist doch eh dasselbe. So oder so, Hunde-Werwolf-Horror war genau das Richtige für einen Trittbrettfahrer wie Fragasso.

Er und sein Team drehten im Frühling und Sommer 1984 in Spanien. Das Land hatte sich spätestens in der goldenen Zeit des Spaghetti-Westerns als kostengünstige Drehstätte für Produktionen aus aller Welt etabliert. (Fragasso und Mattei selbst hatten dort 1979/1980 Virus: Hölle der Lebenden Toten runtergekurbelt.)

Zudem ist Spanien insofern eine sinnige Produktionsstätte für Monster Dog, als dass dort Paul Naschy wirkte – er war der Ober-Werwolf der Kinowelt, spielte einen solchen von 1968 bis 2005 in fünfzehn Filmen (je nach Zählung könntens auch vierzehn oder sechzehn gewesen sein). Wer sich im Werwolf-Genre auskennt, kennt den unglückseligen Polen Waldemar Daninsky. (Naschy verkörperte durchaus auch andere Filmmonster, aber das ist ein anderes Thema.)

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Zurich Film Festival 2021, Teil 2: Die fünf Besten

Das Allgemeine und die Tiefpunkte des 17. ZFF hatten wir hier. Jetzt gehts um die Filme, die ich besonders gut fand und weiterempfehle.

 
A Cop Movie | Alonso Ruizpalacios, Mex 2021, 107 Min. | Diese Doku erzählt vom Polizeiwesen in Mexiko-Stadt mit einem Reenactment-Experiment. Eine Schauspielerin und ein Schauspieler stellen Teresa und Montoya dar, die bei der Polizei arbeiteten, bis sie wegen einem Fall von Vetternwirtschaft ihre Karriere verloren. Ein cleveres Spiel mit Realität, Theater und Polizeifilm-Klischees.

 
Life of Ivanna | Renato Borrayo Serrano, Rus/Nor/Fin/Est 2021, 80 Min. | Life of Ivanna hat den Dokumentarfilm-Wettbewerb gewonnen, und das zu Recht. Ivanna ist eine Indigene, lebt in der sibirischen Tundra als Rentier-Züchterin. Mit ihren fünf Kindern hat sie einen Wohnschlitten, eine Art Container auf Kufen mit einem Holzofen. Sie ziehen von Ort zu Ort. Eisige Kälte, gewaltige Stürme. Ein kleiner Sohn von Ivanna zündet für sie ihre Zigaretten an. Ein Highlight ist das Schlachten eines Rentiers; dann gibts frische (rohe) Leber und dampfendes Blut. Ivannas Mann verbringt seine Zeit in der nächstgrösseren Stadt. Er ist ein Taugenichts, säuft zu viel und schlägt Ivanna. Lässt sie sich das gefallen? Ein Leben des Extreme.

 
Swan Song | Todd Stephens, USA 2021, 105 Min. | Udo Kier als ein alter schwuler Coiffeur, der im Altersheim von Sandusky, Ohio versumpft und seiner grossen Liebe nachtrauert. Dann kommt ein letzter Auftrag: Er soll seine ehemals beste Kundin, die gestorben ist, für ihre Beerdigung herrichten. Das wühlt einiges auf. Inspiriert vom wahren Leben eines gewissen Pat Pitsenbarger. Sehr melodramatisch, mit charmant verstrahlten Dialogen. Ich habe geweint.

 
The Card Counter | Paul Schrader, USA/GB/China 2021, 112 Min. | Ein Glücksspieler (Oscar Isaac), der sich William Tell nennt, war einst als Soldat in Abu-Ghuraib stationiert und hat gefoltert. Er kam dafür ins Militärgefängnis, sein Vorgesetzter (Willem Dafoe) kam ungeschoren davon. Ein ehemaliger Kamerad beging Suizid; dessen Sohn (Tye Sheridan) will Vergeltung. Trockenes, eiskaltes Rachedrama mit einer fantastisch guten elektronischen Filmmusik.

 
The Innocents | Eskil Vogt, Nor/S/Dä/Fin/F 2021, 117 Min. | Eine Wohnsiedlung am Waldrand in Norwegen. Die kleine Ida zieht mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester, die Autismus hat, dorthin. Ein Junge und ein Mädchen aus der Nachbarschaft haben übersinnliche Fähigkeiten — und bald stellt sich heraus, dass auch Idas Schwester welche hat.
Das Problem: Der Junge hat eine böse Seite an sich. Bald kommts zwischen den übersinnlichen Kleinen zum Krieg.
Wir haben hier also quasi die Arthouse-Version von Scanners. Mit Kindern. Mein Lieblingsfilm des diesjährigen ZFF.

 
Die Gewinnerfilme des 17. Zurich Film Festivals gibts hier.

 

17. Zurich Film Festival
Zürich 2021
Do 23.9.–So 3.10.2021
zff.com