«Occhiali neri»: Ein Horrormeister will nicht in Rente gehen

Mit seinen 81 Jahren und nach einer Dekade Pause hat Dario Argento noch einmal einen Film gedreht. Und zwar einen richtig, richtig schlechten. Alle Achtung.

Occhiali neri (Dark Glasses) fängt eigentlich gar nicht so furchtbar an, nämlich mit einer Sonnenfinsternis, von Rom aus gesehen. Schöne Bilder (Kamera: Matteo Cocco), gute Musik (Arnaud Rebotini). Zwar nicht zu vergleichen mit dem, was Argento zu seinen besten Zeiten hinbekommen hat, aber eine Bemühung ist spürbar.

Der positive Eindruck hält bis zum ersten Mord.

Eine Edelprostituierte verlässt ein Luxushotel und macht sich auf den Heimweg. Da wird sie von einem Killer in eine Hecke gezogen und mit einem Kabel gewürgt. Am Ende stolpert sie mit einer durchgescheuerten Kehle davon und verblutet auf dem Gehweg. Zufällig anwesende Passanten geraten aus dem Häuschen. Ein Hotelpage sieht einen Lieferwagen davonbrausen.

Das Sterben ist breit ausgewalzt. Viele Nahaufnahmen auf die blutende Wunde. Inszenatorisch konsequent einfallslos. Es stinkt nach Amateurfilm.

Argentos Schaffen war immer schon fragwürdig, was die Darstellung von Gewalt an Frauen anbelangt. Das hat sich nicht geändert. Früher hat er seinen Fetisch immerhin noch ästhetisch imposant auf Kamera bannen können, das ist aber auch schon ein Vierteljahrhundert her. Der einstige Horrormeister () ist ein Relikt aus einer Epoche, die er nur unzulänglich heraufzubeschwören vermag.

 
Worum gehts überhaupt?

Die Handlung dreht sich um Diana (Ilenia Pastorelli), ebenfalls Sexarbeiterin. Nachdem der Killer ihre Kollegin gemeuchelt hat, hat er es nun auf sie abgesehen. Sie wäre bereits sein viertes Opfer.

Allerdings: Sie entkommt seinem Mordanschlag mit ihrem Auto. Der Killer rast ihr in seinem Lieferwagen hintendrein. Am Ende der Verfolgungsjagd kollidiert sie mit einem anderen Wagen, darin eine chinesischstämmige Familie. Mutter und Vater sterben, ihr zehnjähriger Sohn Chin kommt ins Heim.

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Mit Rutger Hauer in der Filmkammer des Schreckens

Matthias und Sebastian von Megalife Radio Podcasts haben mich wieder in die Filmkammer des Schreckens gezerrt, wo wir uns über The Mill and the Cross (2011) unterhalten haben.
Das ist ein Film des polnischen Regisseurs Lech Majewski, ein Essayfilm über das Gemälde Die Kreuztragung Christi. Dessen Maler, Pieter Bruegel der Ältere, wird von Rutger Hauer gespielt – was für sich allein schon ein Grund ist, um sich mit dem Werk auseinanderzusetzen.

Mit den Werckmeisterschen Harmonien in der Filmkammer des Schreckens

Matthias, Heiko und Sebastian von Megalife Radio Podcasts sind schuld: Sie haben mich wieder in die Filmkammer des Schreckens gezerrt – und dort dazu gezwungen, über Die Werckmeisterschen Harmonien zu reden. Es handelt sich dabei um ein Werk des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, der verehrt wird für seine fröhlichen, bonbonbunten Feelgood-Movies.

An einer Stelle versuche ich, Musiktheorie zu erklären, und das Ergebnis dürfte jedem Menschen, der auf dem Gebiet bewandert ist, kalte Schauer über den Rücken jagen. Sorry!

«Judex»: Unaufgeregtheit und Vogelmasken

Mit Judex hat sich Regisseur Georges Franju (1912–1987) Anfangs der Sechziger ein Remake geleistet. Er war ein Fan des Stummfilm-Pioniers Louis Feuillade, und der hatte in den 1910er-Jahren Abenteuer-Serials wie Fantômas und Les Vampires gedreht und eben auch den ursprünglichen Judex (1916).

Im Zentrum steht ein gewisser Judex («SchÜ-dex»), eine Art Batman-Vorgänger. Als verkleideter Rächer kämpft er für Gerechtigkeit, das heisst, er legt er sich mit einem verbrecherischen Banker an, bekommt es aber auch mit einem skrupellosen Kindermädchen und ihren Handlangern zu tun.

Franju dampft die zwölf Episoden des Originals auf Spielfilmlänge ein und hat sichtlich Spass daran, die Absurdität der Handlung auf die Spitze zu treiben. Da jagen sich Twists und Zufälle.
Einmal brauchen die Verbündeten von Judex dringend jemanden, der eine Hausmauer hinaufklettern kann – genau in dem Moment kommt eine Akrobatin mit ihrem Zirkus vorbei, die zudem noch freundschaftlich mit einem der Helden verbunden ist. Die Welt ist ein Dorf!

Das alles ist milde amüsant, insgesamt hält sich der Unterhaltungswert jedoch in Grenzen. Das Erzähltempo ist doch ziemlich gemütlich-grossväterlich, und die Inszenierung durchzieht eine Art Unaufgeregtheit, die dem Spannungsaufbau hinerlich ist. Schockmomente und Thrillerszenen fallen flach, die Kampfchoreografien sind ein Witz, die Figuren reagieren auf die Handlungsentwicklungen üblicherweise phlegmatisch.
Als etwa das böse Kindermädchen feststellt, dass sie und ihre Handlanger eingekesselt sind, und ihr Partner meint, man könnte vielleicht mal was machen, antwortet sie mit einem Schulterzucken. Ja, wieso nicht, könnte man mal. Schwierig, da mitzufiebern.

Und das hat nichts mit veränderten Sehgewohnheiten zu tun. Im Jahr zuvor war der erste Bondfilm erschienen, Fritz Lang und Alfred Hitchcock haben zur selben Zeit Abenteuerfilme gedreht, die nach wie vor fetzen.
Franju dagegen war ein Meister des poetischen Genrefilms – Les yeux sans visage (1960) gilt zurecht als Klassiker des Horrorgenres. Ein Abenteuerfilm und dieser intime Stil jedoch, das beisst sich.

Oder vielleicht liegts auch nur an mir. Es gibt genug richtige Filmkritiker:innen, die Judex für seine traumwandlerische Qualität loben. Mir erscheint das eher als schnarchlerische Qualität.

Eins muss man ihm lassen: Die Bilder sind fantastisch. Ein Highlight etwa ist die Maskenball-Szene, in der die Gäste mit Vogelmasken auftreten. Ein surreal-gruseliger Anblick. Hier funktioniert die träumerische Atmosphäre auch für mich. (Vorbild waren anscheinend die Werke von Max Ernst.)

Und da wär noch das böse Kindermädchen. Gespielt von Francine Bergé, ist diese junge Frau von einer beeindruckenden Kaltschnäuzigkeit und damit mit Abstand die interessanteste Figur im Film.
Zudem: Ihr hautenges schwarzes Einbrecher-Outfit, das vergisst man nicht so schnell. Quasi die erste Catwoman der Filmgeschichte (kurz vor Julie Newmars Version in der 60er-Jahre-Batman-Serie).

Judex
F 1963, 103 Min.
Regie: Georges Franju
Drehbuch: Georges Franju, Jacques Champreux, Francis Lacassin
Mit Channing Polock, Francine Bergé, Édith Scob, Michel Vitold et al.

Mit dem Grünen Ritter in der Filmkammer

Einmal mehr haben mich die lieben Leute von Megalife Radio Podcasts in ihre Filmkammer des Schreckens gelockt. Und dort haben wir ausführlich über The Green Knight gesprochen – David Lowerys Verfilmung eines mittelalterlichen Epos.

Den Film hab ich bekanntlich (?)für den Tages-Anzeiger positiv besprochen und auf den ersten Platz meiner Kinorückschau 2021 gesetzt. Aber können die Kammerknechte Matthias und Heiko ebenfalls was mit dem Werk anfangen?

Kinorückschau 2021: Der Honig, der runtergeht wie Öl

Nachdem ich die schlechtesten Filmen des Jahres abgehakt haben, folgen nun meine Lieblinge.

Dieses Mal mach ich es ein bisschen wie die Oscars: Am Ende kommen die fünf Allerbesten, vorher gibts aber Trostpreise in verschiedenen Kategorien.

Hinweis: Wo ich schon mal was geschrieben (oder gesagt) hab, verlinke ich darauf. Ansonsten kommt einfach der Trailer.

 

Bestes Superheld:innen-Abenteuer

Spider-Man: No Way Home
Superheld:innen-Film von Jon Watts, USA 2021, 148 Min.

Multiversumsgeschichten sind immer ein grosser Spass, und in diesem Fall gibts dazu ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie Alfred Molina als Doc Ock und Willem Dafoe als Green Goblin etc. Erstklassiger Fanservice für Spider-Man-Fans.
(Der Wehrmutstropfen bleibt aber, dass Spider-Man: Into the Spider-Verse eine ähnliche Idee besser umgesetzt hat.)

 

Beste Landschaftsaufnahmen

The Power of the Dog
Western von Jane Campion, USA/Neuseeland/GB/Ka 2021, 126 Min.

Der Netflix-Western hatte auch eine Auswertung in den Kinos. Verdientermassen. Bildgewaltige Inszenierung von Jane Campion (The Piano). Benedict Cumberbatch als steinharter Cowboy, der eine Frau (Kirsten Dunst) und ihren Teenager-Sohn quält. Cumberbatch ist super, Kodi Smit-McPhee als Teenager-Sohn noch besser.
Und dann die Landschaftsbilder! Häuser verlieren sich in unendlichen Weiten, knorzige Berge trumpfen über allem. Bemerkenswert: Der Film spielt in Montana, wurde aber vollständig in Neuseeland gedreht. Weswegen er auch dann diese leichte Lord-of-the-Rings-Haftigkeit hat.

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Kinorückschau 2021: Die Krümel unter den Fussnägeln

Halten wir mal Rückschau auf das vergangene Filmjahr. Dank Corona war wieder vieles anders: Die Schweizer Kinos konnten erst im April aufmachen, die Solothurner Filmtage mussten online stattfinden, das Kino Frosch im Zürcher Niederdorf wurde endgültig geschlossen.

Seither läuft alles mehr oder weniger in gewohnten Bahnen, auch wenn die Säle eher schlecht gefüllt sind. Immerhin, der massive Erfolg von No Time to Die zeigt, dass Bond nicht nur die Welt, sondern auch das Kino retten kann.

So weit, so gut. Noch besser: Unter den Filmen, die ich im Kino sah, gabs viele gute. Bevor wir zu denen kommen, liste ich aber den Bodensatz auf.

Hinweis: Wo ich mal was geschrieben habe, verlinke ich das Geschriebene, ansonsten einfach den Trailer zum entsprechenden Film.

 
Tadelnde Erwähnung

  • No Time to Die: Von wegen Retter des Kinos. So richtig schlecht ist der zwar nicht. Aber dieser längste aller Bond-Filme (2 Stunden, 43 Minuten) kommt einem auch so vor. Als Abgesang auf die Ära Craig eher verunglückt. Kein «Schön wars!», sondern ein «Endlich vorbei!».
  • The Matrix Resurrections: Ein Film, der derart unnötig ist, dass sich konsequenterweise die Handlung darum dreht, wie unnötig der Film ist. Immerhin, das Wiedersehen mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss macht einiges wett.
  • The French Dispatch: Schon klar, dass ich mit Wes Andersons Stil wenig anfangen kann, ist meine eigene Schuld. Aber wie er hier politische Themen systematisch entpolitisiert, ist ganz objektiv eine niederträchtige Nummer.
  • Es ist nur eine Phase, Hase: Hätte ich diesen Film mehr als 30 Minuten durchgehalten, wäre er fraglos auf dem ersten Platz gelandet.

Kommen wir zu den echten Lowlights des Jahres. Trommelwirbel!

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Weihnachten mit Spider-Man


 

 
Das schönste Weihnachtsgeschenk für alle Ohren: Die lieben Leutchen von Megalife Radio Podcasts haben mich in ihre Filmkammer des Schreckens entführt eingeladen. Dort sprachen wir über Spider-Man: No Way Home. (Also, ich hab vor allem Blödsinn geredet in meinem unverständlichen Akzent.) Und ihr könnt euch das jetzt anhören.

Lebenszeichen: Werner und der Proto-Kinski

Der erste Film, den Werner Herzog mit Klaus Kinski drehte, war Aguirre, der Zorn Gottes (1972). Aber eigentlich war schon Herzogs Langfilmdebüt ein Kinski-Film: Lebenszeichen (1968).

Dort sehen wir Peter Brogle als Stroszek, einen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einer Verletzung und einem Aufenthalt im Lazarett auf die Insel Kos versetzt wird. Begleitet wird er von seiner Frau Nora (Athina Zacharopolou) sowie von zwei ebenfalls genesenen Kameraden – dem dicken, lauten Meinhard (Wolfang Reichmann) und dem dünnen, stillen Becker (Wolfang von Ungern-Sternberg).

Die vier richten sich in einem alten Kastell ein, wo sie ein griechisches Munitionslager bewachen. Viel kann die deutsche Armee mit dem Zeug nicht anfangen, weil deutsche Waffen und griechische Kugeln nicht kompatibel sind. Aber es wäre halt blöd, wenn das Material in die Hände der Partisanen fiele, die die umliegenden Berge unsicher machen.

Der Einsatz besteht aus Nichtstun und Langeweile. Im Schatten hocken und schwitzen. Der Höhepunkt der Aufregung ist, dass Meinhard Kakerlaken fängt oder dass ein «Zigeuner» (Julio M. Pinheiro) mit seiner Drehorgel vorbeischaut.

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