Von Killerviren und Patrioten: Stephen Kings „The Stand“

Buchkritik | Ein Killervirus entfleucht aus einem amerikanischen Geheimlabor und rottet fast die gesamte Menschheit aus; die paar Überlebenden werden in einen Kampf zwischen Gut und Böse verstrickt.
Stephen King hat
The Stand bereits 1978 geschrieben, 1994 wurde das Buch als vierteilige Miniserie adaptiert, eine Comicversion lief von 2008 bis 2012. Und jetzt kommt eine Neuverfilmung in zehn Episoden — während die Coronakrise noch am Laufen ist.
Grund genug, sich den Roman nochmal anzuschauen. Dazu wollen wir uns ein paar Überlegungen zur Kulturgeschichte von Viruspandemien machen.

 

Inhalt

Worum gehts bei The Stand überhaupt?
Eine Tendenz zum Geschwafel
Das Schicksal der Pappkameraden
Vernunft gegen Glauben
Die Grippe aus christlicher Perspektive
Verdikt

 
Das ist so ein Zufall, bei dem es einem flau im Magen werden kann: Im September 2019 begannen die Dreharbeiten zur neuen The Stand-Serie, im März 2020 wurden sie abgeschlossen — dazwischen liegt der Ausbruch der Coronakrise. In einem Artikel zitiert Variety den Schauspieler James Marsden wie folgt: „Am Anfang von The Stand gibts Szenen, in denen Leute niesen oder in die Armbeuge husten, und alle Augen richten sich auf sie. […] Sieht man jetzt jemanden, der so etwas macht, treten alle einen Schritt zur Seite. Es ist verrückt.“

Stephen King selbst schrob auf Twitter: „Nein, das Coronavirus ist nicht wie The Stand. Es ist nicht ansatzweise so schlimm. Es ist absolut überlebbar. Bleibt ruhig und ergreift die angemessenen Massnahmen.“

Corona hin oder her, die Serie soll am 17. Dezember starten. Aber gucken wir uns erst einmal die Buchvorlage an.

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Der Grösste unter euch soll sein wie der Kleinste

Sowohl von Anarchist*innen als auch in historischen Darstellungen wird Anarchismus oftmals als per se atheistisch und antireligiös beschrieben. Es stimmt, dass aus anarchistischen Kreisen oftmals heftige Kritik an Gott und Kirche formuliert worden ist. Einer der bekanntesten Texte ist die fast nur noch aus Beschimpfungen bestehende Polemik Johann Mosts Die Gottespest. Liest man solche Kritiken und Polemiken genauer, ist es oftmals nicht so sehr die Religion an sich, die in erster Linie kritisiert wird, sondern die Verquickung der kirchlichen Institutionen mit den Machthabern.

Indem sich der Mainstream-Anarchismus als atheistisch und antireligiös definiert, blendet er jedoch Teile der eigenen Strömungen aus; eine Ironie, wenn man bedenkt, dass von Anarchist*innen immer wieder die Anklage erhoben wird, von allen Seiten verfolgt und marginalisiert zu werden. Tatsächlich gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum und Buddhismus Aspekte, die als anarchistisch interpretiert werden, und Denker*innen, die danach streben, Anarchismus und Religion miteinander zu verbinden. Lev Tolstoj ist wohl der bekannteste christliche Anarchist; er kritisierte in seinem letzten Lebensabschnitt die orthodoxe Kirche vehement und genoss unter vielen Anarchist*innen ein hohes Ansehen. Tolstojs Ideen stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs des christlichen Anarchismus dar.

Ein scheinbares Paradox

Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung, herausgegeben von Sebastian Kalicha, hält eine Palette von Beiträgen bereit. Neben einer Interpretation der Bergpredigt beinhaltet das Buch auch theoretische Überlegungen zu Theorie und Praxis des christlichen Anarchismus, stellt zwei Aktivist*innen des Catholic Worker Movement vor, führt in das Denken des pazifistischen libertären Theologen Jacques Ellul ein und schliesst mit einem historischen Beitrag über Ketzer.

Wer mit der Bibel etwas vertraut ist, wird nicht darüber überrascht sein, dass die Bergpredigt (Mt 5,1-7,29) Jesu für die christlich-anarchistische Interpretation von zentraler Bedeutung ist. Darin verkündet Jesus seine Lehre. Die Passagen zur Versöhnung (Mt 5,21-26), zum Ehebruch (Mt 5,27-30) und zum Schwören (5,33-37) stellen eine Radikalisierung der Zehn Gebote dar. Nicht mehr sollen die Menschen nach dem Prinzip „Auge um Auge“ handeln, sondern auf Vergeltung verzichten. Jesus ruft die Zuhörenden dazu auf, gewaltlos zu leben und die Nächstenliebe zu praktizieren. In seiner Predigt kritisiert er zudem „die Heuchler“, die ihren Glauben zur Schau tragen und demnach grösseren Wert auf Prestige legen als auf Lebenspraxis.

Die Bergpredigt ist übrigens nicht die einzige Stelle, an der sich eine radikale Interpretation anbietet. So heisst es im Lukas-Evangelium (Lk 22,25-26): „Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.26 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.“ Die wohl prominenteste Szene der Bibel, in der Geld und Handel kritisiert werden, stellt die Tempelreinigung dar.

Für den gewaltfreien christlichen Anarchismus ist die Aufforderung zum „Nicht-Widerstand“ ausschlaggebend. Wer, auf die rechte Wange geschlagen, auch noch die linke hinhält, unterläuft die Erwartung des aggressiven Gegenübers und tritt aus der Gewaltspirale heraus. Die Bergpredigt, so anarchistische Interpret*innen wie Michael C. Eliott und Walter Wink, erziehe nicht zur Passivität und Unterwerfung. Im Gegenteil: Gewaltfreies Verhalten sei eine aktive Strategie. Wer sich dem Teufelskreis der Gewalt verweigert, behalte die Handlungsfähigkeit.

Christliche Aktivist*innen

Während in den theoretischen und exegetischen Teilen des Buches durchaus unterschiedliche Interpretationen und Ansichten wiedergegeben werden, konzentriert sich das Kapitel von Tom Cornell zur Catholic Worker Bewegung auf zwei Einzelpersonen, Dorothy Day und Ammon Hennacy.

So interessant die Biographien der beiden sind, wirkt dieser Teil doch weniger vielschichtig und nimmt sich wie eine unkritische Hommage aus. Dadurch bringt dieser mehr das Leben zweier Aktivist*innen näher und weniger die Bewegung, der sie angehörten. Die Organisation mit ihren Zielen und Erfolgen, Widersprüchen und Meinungsverschiedenheiten kommt weniger zur Geltung.

Wider alle irdische Herrschaft

Der historischer Abriss von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner über Leben und Werk des tschechischen Laientheologen und Reformators Petr Chelčický (ca. 1390-1460) schliesst den Band ab. In seinem Buch Das Netz des Glaubens übt Chelčický Kritik an den Herrschern und all jenen, die im Namen Christi Gewalt ausüben.

Die Geschichte des (europäischen) Christentums wird im Allgemeinen oft gleichgesetzt mit der Geschichte der kirchlichen Institutionen. Chelčický ist aber neben Peter Valdes, Franz von Assissi und ihren Anhänger*innen einer jener dissidenten Christen, die aufgrund ihres radikalen Glaubensverständnisses von der Kirche als Ketzer verfolgt worden sind. Wie Thomas Müntzer kritisierte er die bestehenden Herrschafts- und Gesellschaftsverhältnisse und strebte nach deren Veränderung. Wenn die Ideen dieser Menschen nicht als anarchistisch bezeichnet werden sollten, da der Anarchismus eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, so ist doch festzuhalten, dass sich nicht nur für den christlichen Anarchismus ein Rückbezug auf deren Texte und Leben anbietet.

Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden

Kalicha geht es nicht darum, die Leser*innen zu Anarchismus und Christentum zu bekehren. Sein Anliegen ist es, Einblick in Theorie und Praxis einer unbekannten Strömung zu geben und „unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten.“

Anarchismus, der sich als per se atheistisch definiert und Religion nur als unterdrückerisches Dogma kennt, reproduziert eben jenes Schwarz-Weiss-Denken, das in westlichen Gesellschaften vorherrscht und es zu kritisieren und überwinden gälte. Ein Anarchismus, der libertäres Christentum an seinen eigenen Veranstaltungen nicht zulassen kann, wiederholt die Marginalisierung, die ihm von der Gesellschaft widerfährt. Möge darum die Lektüre dieses Buches die Fähigkeit zu offenem Denken unter seinen Leser*innen fördern und die Menschen, die für die gleichen Werte aus unterschiedlichen Gründen heraus einstehen, zusammenbringen.

Sebastian Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Heidelberg 2013.

Das Buch der wahrscheinlich anarchistisch beeinflussten Künstler*innen

Allan Antliffs Buch Anarchie und Kunst liest sich wie eine in die Länge gezogene Seminararbeit. Es stellt den misslungenen Versuch dar, ein an sich interessantes Thema zu beleuchten: das Verhältnis von Anarchie und Kunst.

Im ersten Kapitel widmet sich Antliff dem Realismus des Malers Gustave Courbet, den er auf Grund seiner Beteiligung an der Pariser Commune 1871 in der Nähe zum Anarchismus verortet wissen will. Courbet sorgte mit seinen Gemälden immer wieder für Skandale in der bürgerlichen Kunstwelt. Pierre Joseph Proudhon, ein zwischen Anarchismus und Reformismus schwankender Journalist und Schriftsteller,* verfasste eine umfangreiche Verteidigung Courbets, in der Proudhon zugleich sein Kunstverständnis darlegt. Kunst sei, was im Dienste des gesellschaftlichen Fortschrittes stehe. Dazu gehörten für Proudhon auch die Gemälde Courbets. Das Kapitel endet mit der Erwähnung seines Engagements in der Commune und den Umständen seines Todes.

*Zwar war es Proudhon, der das Wort Anarchie in einem positiven Sinn verwendet hat, doch kann deswegen nicht sein ganzes Schaffen als anarchistisch bezeichnet werden. Dies erfährt man bei Antliff freilich nicht.

Ab diesem Punkt lassen Sprache und Argumentation des Buches immer mehr zu wünschen übrig. Wie eine Lithographie im Stande sein soll, «scharfe Kritik am Hunger zu üben», erschliesst sich wohl nur dem Autor. Zwischen Darstellung und Interpretation zu trennen, hält er wohl für überflüssig. Von den Neoimpressionisten weiss er zu berichten, dass «anarchistische Politik» deren «Technik durchtränkte». Um seine These zu untermauern, zitiert Antliff eine andere Studie. Deren Argument erschöpft sich darin, dass zwischen den harmonisch gesetzten Farbtupfern und den – imaginierten – Individuen einer anarchokommunistischen Gesellschaft Ähnlichkeiten bestehen würden.

Das dritte Kaptiel ist dem französischen Künstler Francis Picabia und dem New Yorker Dada gewidmet. Das Portrait d’une jeune fille en toute nudité will Antliff genauer unter die Lupe nehmen. Allerdings möchte er nur seine Interpretation mit den Leser*innen teilen. In seinem Buch, das doch einige Abbildungen enthält, fehlt gerade die zu einem der zentralen Bilder, die er interpretiert. Dass der Autor an fundierten Recherchen nicht interessiert ist, wird spätestens dann klar, wenn er diese durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzt (sämtliche Hervorhebungen von mir):

Jahre später erzählte Duchamp, die Lektüre Stirners* in München habe zu seiner «vollständigen Befreiung» geführt. Er und Picabia standen sich sehr nahe, und nach der Rückkehr nach jenem Herbst, diskutierten sie wahrscheinlich ausführlich über Stirners Ideen.

Beispielsweise haben Duchamp und Picabia möglicherweise im Oktober jenen Jahres, unmittelbar vor Picabias Reise in die Vereinigten Staaten, auf ihrer Reise ins französische Jura über Stirner gesprochen.

Diese sexuelle Note hatte Pariser Wurzeln. Denn höchstwahrscheinlich lieferte die Anregung in gewissem Grade Der Supermann (1902, dt. 1969) ein satirischer […] Roman des französischen Satirikers Alfred Jarry.

Als Picabia in New York ankam, dürfte der Fall Tice, aufgrund seiner Erfahrungen mit dem amerikanischen Feldzug gegen das «Laster» während der Armory Show, also sehr wahrscheinlich seine Aufmerksamkeit erregt haben.

*Stirner war ein Zeitgenosse von Karl Marx und gilt, obwohl er sich nie so bezeichnet hat als einer der wichtigsten individualanarchistischen Denker.

Den Rest des Buches geht es so weiter. Antliffs Interpretationen nehmen sich so aus wie der Ausstellungskatalog eines Museums.

Allan Antliff: Anarchie und Kunst. Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer. Übersetzt von Katja Cronauer. Lich/Hessen 2011.

Is there power in a book?

Letztes Jahr ist beim Unrast-Verlag das Buch “Wobblies. Politik und Geschichte der IWW” erschienen, herausgegeben von Gabriel Kuhn. Kuhn ist in linken Kreisen als Verfasser und Herausgeber bekannt.

Die Industrial Workers of the World (IWW) ist eine Gewerkschaft, die häufig “Unorganisierbare” wie Wanderarbeiter*innen, Arbeitslose und Migrant*innen zusammenführt. Im Gegensatz zu Berufsverbänden strebt die IWW die Überwindung solcher Grenzen an. Daher rührt auch die Selbstbezeichnung als “one big union”. Ihre Mitglieder gruppieren sich nach Branchen. Damit wollen sie einerseits berufsspezifische Interessen überwinden, andererseits wollen sie – wenn die Handlungsmacht es erlaubt – im Arbeitskampf grössere Teile der betroffenen Branche lahmlegen können und die überregionale Solidarität unter den Arbeiter*innen fördern. Mit dieser Organisation befasst sich Kuhns Publikation.

Ein halbfertiges Buch

Der Titel des Buches ist jedoch irreführend. “Zwei Memoiren Ehemaliger, dekoriert mit einer knappen Einleitung und ein paar Songtexten” beschreibt den Inhalt treffender. Kuhns Einleitung geht zuerst auf die ungeklärte Herkunft des Begriffs “Wobblie” ein, wie die IWW-Mitglieder manchmal heute noch genannt werden. Anschliessend erzählt er ein wenig über den Songwriter Joe Hill. Hill war IWW-Mitglied und betrieb mit seinen Liedern Propaganda. Berümtheit erlangte er, da er einem Justizmord zum Opfer fiel. Der Prozess strahlte auf die Organisation zurück und bescherte ihr eine noch grössere Bekanntheit.

Erst im folgenden Teil der Einführung widmet sich Kuhn der Geschichte der IWW. Für die Anfangszeit bezieht sich Kuhn ausführlich auf Vincent St. Johns Bericht, der im Buch enthalten ist. Wenn sich die Einleitung aber schon so stark auf diesen Text stützt, warum braucht es sie dann noch? Kuhn geht zwar auch auf die Entwicklung der IWW nach dem Zweiten Weltkrieg ein, dabei zeigt sich leider die Schwäche seiner Einleitung deutlich: Abgesehen vom Nachweis wörtlicher Zitate und gelegentlicher Erläuterungen in den Fussnoten fehlen Nachweise sowohl zu den erwähnten Daten und Ereignissen wie auch ein Hinweis darauf, woher er die englischen Texte hatte, die ihm als Vorlage für die Übersetzung dienten. Auch die Bilder sind ohne Nachweise abgedruckt. Sie könnten aus historischen Dokumenten stammen, gerade so gut könnte Kuhn die Bilder aus einer fünfminütigen Googlesuche haben. Nur der Autor und Gott wissen, woher er seine Informationen hat.

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Dracula: 12 Punkte zum Roman

So ziemlich alle von uns haben von Graf Darcula gehört und womöglich sogar einen seiner Filme gesehen (ich empfehle Nosferatu in Venedig).
Aber wer hat auch brav das Buch von Bram Stoker gelesen, na? Zugegeben, ich selbst hab die Urgrossmutter aller Vampir-Romane erst jetzt durchgearbeitet. Dafür geb ich nun meinen Lektüre-Eindruck in 12 Punkten wieder. Aber lasst uns zuerst schnell noch die Handlung zusammenfassen:

Ende des 19. Jahrhunderts. Der britische Anwaltsgehilfe Jonathan Harker reist nach Transylvanien zu Graf Dracula, der in London ein Haus kaufen will. Harker merkt irgendwann, dass ihn der Graf gefangen hält, und dass mit dem Kerl auch sonst was nicht stimmt. Fürderhin stösst Harker auf drei Vampirweiber. Der Graf reist gen England ab; Harker gelingt nur mit Müh und Not die Flucht.

In England wartet Harkers Verlobte Mina Murray vergeblich auf Nachricht. Ihre beste Freundin Lucy Westenra schlägt sich derweil mit drei Verehrern herum: dem Aristokratensohn Arthur Holmwood, dem texanischen Cowboy Quincey Morris und dem Psychiater Dr. John Seward. Letztendlich gibt Lucy dem Heiratsantrag von Arthur den Vorzug.
Dr. Seward verdaut seine Enttäuschung, indem er sich umso intensiver mit dem interessantesten Fall in seiner Irrenanstalt befasst: einen gewissen R. M. Renfield, der besessen davon ist, Fliegen, Spinnen und schliesslich gar Katzen lebendig zu fressen.

Da erkrankt Lucy; eine geheimnisvolle Seuche laugt die junge Frau zunehmend aus. Selbst der medizinisch versierte Dr. Seward weiss sich nicht mehr zu helfen und bittet deswegen einen ehemaligen Mentor um Hilfe: den holländischen Professor Abraham van Helsing. Dieser kombiniert messerscharf, dass sich ein Vampir von Lucys Lebenskraft ernährt. Als sie stirbt und selbst als Untote umgeht, wird sie von Van Helsing und den drei jungen Männern von ihrem Vampirdasein erlöst.

Van Helsing und Co. tun sich mit dem inzwischen zurückgekehrten Jonathan Harker und seiner ihm frisch angetrauten Mina zusammen. Sie finden heraus, dass Renfield in Draculas Diensten steht, ermitteln die Schlupfwinkel des Vampirs in London und rücken ihm auf die Pelle.
Der Untote schafft es noch, Renfield zu töten und Mina mit seinem Vampirblut zu infizieren, dann flüchtet er aus London zurück zu seinem Schloss in Transylvanien. Unsere Helden folgen ihm dorthin — dabei hilft ihnen, dass zwischen Dracula und Mina eine telepathische Verbindung besteht — und töten ihn nebst seinen Vampirweibern.

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Böll, Dostojewski, Petersburg

Sankt Petersburg lässt mich so schnell nicht mehr los. Ich les grad ein Bändchen, das Schriften von Böll über Literatur versammelt. Darin findet sich unter anderem eine Auswahl aus dem Fernsehskript zu Dostojewski und Petersburg (1969); das ist eine Folge aus der Sendereihe Der Dichter und seine Stadt (ARD, 1964-1969). Böll hat dafür einige Kommentare zu Dostojewskis Leben und Werk verfasst.

Hier einige Auszüge aus diesen Kommentaren:

Die räumliche Enge, in der sie wohnen, wird den Bewohnern der riesigen Stadt angesichts der gigantischen Paläste und der Verwaltungsgebäude vervielfacht. Diese prächtige Stadt mit ihrer gesellschaftlichen und architektonischen Anmassung wirft die Unansehnlichen ihrer Bewohner immer wieder in die Enge ihrer Räumlihckeiten zurück, in der sie sich wie Insekten fühlen. (S. 30)

[…]

Petersburg ist eine befohlene, abstrakte, in das nichts finnischer Sümpfe hineingepeitschte Stadt. Niemand weiss, ob ihre Errichtung 100 oder 200 000 Menschenleben gekostet hat. Die russischen Dichter Puschkin, Gogol, Belyi und Blok waren fest davon überzeugt, dass das Wasser St. Petersburg einmal zurückfodern würde. Dostojewski hat das Blut und Elend der Geopferten wohl gespürt, den riesigen unsichtbaren Sklavenfriedhof, auf dem diese Pracht und Herrlichkeit erichtet ist, die zu intellektuell begründeter Gewalttätigkeit und zu Demut herausfordert. Dieser Versuch, Russland so hoch im Norden für den Westen Europas zu öffnen, ist gegen das Klima, gegen die geologischen Bedingungen den Sümpfen abgetrotzt. Eine Idee und ein Traum, und es sind diese beiden Worte, die in Dostojewksis Petersburger Romanen und Erzählungen am häufigsten ausgesprochen werden. (S. 33)

[…]

Wie alle Romanschreiber war Dostojewski ein unermüdlicher Spaziergänger. Auf seinen Wegen, zu privaten Pfandleihern, zur Kirche, auf Bittgängen, zum Verleger, zum Buchhändler, um Vorschuss zu bekommen, hat Dostojewski sie in der fremden Wirklichkeit Petersburg wahrgenommen und sie in seinem Werk in eine zweite Wirklichkeit geholt: die Unansehnlichen der Gesellschaft, die Händler und Rentner, kleine Beamte und Kanzlisten, die Dirnen und Polizisten, Studenten und Marktfrauen, Soldaten und Offiziere, Verbummelte und Genies, in ein paar Strassen um den Heumarkt herum hat er sie gesehen und aus der Fremde in die Wirklichkeit seines Werks hineingenommen, Bauernjungen, die als Rekruten oder Lakaien in die grosse Stadt gekommen waren. (S. 34)

 

Heinrich Böll: Dostojewski und Petersburg
In: Der Lorbeer ist immer noch bitter. Literarische Schriften. (S. 28-46)
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1975 (2. Auflage; 1. Aufage 1974)

A Fire Upon the Deep: Wenn das Internet zum Genozid führt

Buchkritik | In Vernor Vinges Science-Fiction-Roman A Fire Upon the Deep spielt eine galaktische Version des Usenets eine zentrale Rolle. Dabei nimmt das Buch von 1992 einiges vorweg, was das heutige Internet ausmacht – von der Verbreitung von Fake News bis zum gegenseitigen Aufschaukeln radikaler Ansichten. Und selbst zur Coronakrise gibts Parallelen.

 
Zugegeben, A Fire Upon the Deep ist eine einigermassen frustrierende Lektüre. Autor Vernor Vinge stellt mehrere interessante Ideen in den Raum, führt sie jedoch nie zu einem funktionierenden Ganzen zusammen (jedenfalls für meinen Geschmack) – stattdessen verzettelt er sich in den Details eines arg konventionellen Abenteuerplots.
Ungefähr darum geht es:

Intelligenz-Schichten

Die Geschichte spielt einige Tausend Jahre in der Zukunft. In jener hat die Menschheit die Technik des intergalaktischen Reisens entwickelt und dabei festgestellt, dass die Milchstrasse – ähnlicher einer Zwiebel – in verschiedene Schichten unterteilt ist, und bei diesen Schichten handelt es sich um Zonen unterschiedlicher Intelligenz. Je näher an der Galaxis, umso dümmer – sowohl was Biologie als auch Technologie anbelangt.

So existiert in den Unthinking Depths keine Intelligenz irgendwelcher Art.
Die „alte Erde“ befindet sich in der Slow Zone, in der zwar intelligentes Leben möglich ist, aber keine Raumfahrt mit Überlichtgeschwindigkeit und auch keine echte künstliche Intelligenz.
Das gibts erst in der Zone des Beyond, in die sich Teile der Menschheit hochgekämpft haben.
Die Zivilisationen in diesem Teil der Galaxis arbeiten daran, die äusserste Schicht zu erreichen, das Transcend – dort oben tummeln sich superintelligente, praktisch göttliche Wesen, die Powers.
Zur Verdeutlichung des Zwiebelschemas gibts im Buch diese handliche Illustration.

Superböse Superintelligenz/Das Netz

Nun macht sich eine menschliche Forschungsexpedition an einem aufgegebenen, Milliarden Jahre alten Archiv einer ausserirdischen Rasse zu schaffen. Sie erhofft sich technologischen Fortschritt und einen Aufstieg ins Transcend – weckt stattdessen aber eine künstliche Intelligenz, die so uralt wie böse ist: die Blight. Diese KI übernimmt und versklavt Computer und biologische Wesen gleichermassen.
Über das galaktische Kommunikationsnetzwerk – kurz „Netz“ (Net) – verbreitet sie sich wie ein Virus, Zivilisation um Zivilisation fällt ihr zum Opfer. Und selbst die Powers des Transcend haben ihr nichts entgegenzusetzen.

Doch Achtung: Ein einzelnes Raumschiff der Menschen hat es geschafft, aus dem Archiv zu entkommen, bevor die Blight voll ausgebrochen ist – mit an Bord: eine sogenannte Gegenmassnahme, also ein Mittel gegen die böse Intelligenz.
Das Raumschiff notlandet auf einem Planeten in der Slow Zone. Ein Notrufsignal des Schiffs erreicht Relay, eine gigantische Raumstation, bei der es sich um einen Knotenpunkt des erwähnten Netzes handelt. Dort wird das Signal an die einzige menschliche Angestellte herangetragen, eine gewisse Ravna. Mithilfe einer Power stellt Ravna eine Rettungsmission auf die Beine und heuert das Raumschiff Out of Band II an. Dieses Raumschiff kommt gerade noch so davon, als die Blight den Knotenpunkt angreift und zerstört.

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Kann die Out of Band II das gestrandete Raumschiff erreichen und die Gegenmassnahme aktivieren, bevor die Blight den knappen Vorsprung aufgeholt hat?
Der Runterdummungs-Effekt, der in der Slow Zone einsetzt, macht die Sache nicht gerade einfacher.

Telepathische Hundewesen

Das gestrandete Raumschiff wurde von einer Familie pilotiert, zwei Erwachsenen und zwei Kindern. Der Bruchlandung folgt ein Angriff der örtlichen Planetenbewohner: hundeartigen Geschöpfen, die sich zu telepathisch verbundenen Rudeln formieren.
So teilt sich quasi eine einzelne Person auf durchschnittlich fünf Hundeartige auf, während ein Hund allein nur rudimentär intelligent und kaum handlungsfähig ist.
Bei diesen Rudelintelligenzen handelt es sich um das Volk der Tines.

Jedenfalls: Die Rudel töten die erwachsenen Menschen, übrig bleiben die beiden Kinder – die zwei verschiedenen Fraktionen unter den Tines in die Pfoten geraten. Und diese zwei Fraktionen – eine gute, eine böse – kämpfen nun, jeweils mit der Hilfe eines Menschenkindes, um die Kontrolle über das notgelandete Raumschiff. Welche Fraktion gewinnt wohl die Oberhand, bis die Rettungsmission eintrifft, die Blight im Schlepptau?
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