Norm Macdonald: «Based on a True Story». Missglückte Memoiren

Letzten September starb Norm Macdonald. An Krebs. 61 Jahre alt wurde er. Zufälligerweise hatte ich grad sein Buch angefangen, Based on a True Story. Und so lautete mein erster Gedanke: «Verdammt, jetzt muss ich es zu Ende lesen.» (Es hat dann noch eine Weile gedauert, aber hier sind wir nun.)

Macdonald war ein Stand-up-Komiker aus Kanada. Seine grösste Bekanntheit erreichte er mit der Sketch-Show Saturday Night Live (SNL), wo er von 1993 bis 1998 zum Ensemble gehörte. Abgesehen davon trat er in einigen Filmen auf (meist in Nebenrollen), hatte ein paar Shows und machte weiterhin Stand-up.

 
They wanna murder you in a well

Das Erste, was ich je von Macdonald sah (zumindest bewusst), war ein Youtube-Clip aus dem Bob-Saget-Roast. (Ja, es geht um jenen Bob Saget, der in der Zwischenzeit ebenfalls gestorben ist.)

Zur Erläuterung: Ein Roast ist eine Show, in der prominente Figuren andere prominente Figuren roasten, also grillen, das heisst, mit Häme und Beleidigungen übergiessen. Alles rein freundschaftlich – zumindest in der Theorie. Der Comedy Central Roast ist berüchtigt für seine Bösartigkeit und die Schläge unter die Gürtellinie. Beispiele:
• Jeff Ross über Charlie Sheen: «Charlie Sheen has paid for so much sex, he keeps his credit card under his balls to save time.»
• Natasha Leggero über Justin Bieber: «Seems like only yesterday that you were discovered on Youtube. Time flies when you’re a piece of shit.»
• Nikkie Glaser über Anne Coulter: «The only person you will ever make happy is the Mexican who digs your grave.»

Weiterlesen

haltung, flagge zeigen in leben und politik

„haltung“ von reinhold mitterlehner

inwiefern hängen form und inhalt zusammen? stellt form den kontext für den inhalt, formt der inhalt die form, oder formt die form den inhalt? spannende antworten auf diese frage gibt das buch „haltung“ des österreichischen schriftstellers reinhold mitterlehner. in diesem, seinem erstwerk, beschreibt mitterlehner aus der ich-perspektive die karriere eines typischen politikers als gewachsener funktionär einer konservativen, traditionellen volkspartei namens övp. dabei gelingt es dem schriftsteller, die sprache eines gesichtslosen, aber bemühten verwalters perfekt zu imitieren. die erfolgreiche karriere des politikers geht solange nach oben, bis er schliesslich vizekanzler und chef seiner partei ist, dann aber wird er von einem radikalisierten jungen nachwuchspolitiker gestürzt.

der aufstieg der zentralen figur des buches gestaltet sich wie nebenbei. es passieren keine grossen historischen brüche, und so geschieht auch privat und beruflich scheinbar so gut wie nichts. er wird halt präsident vom fussballverein bei dem er spielt, und irgendwann ist er halt gemeinderat. dann hat er halt fertig studiert und fängt halt in einer halbstaatlichen interessenvertretungsanstalt, von denen es in österreich hunderte gibt, zu arbeiten an, und irgendwann, nach ein-, zweimal nein sagen, aus gottgegebener bescheidenheit, ist er halt nationalratsabgeordneter, dann minister, geht halt zusammen mit seiner partei das erste mal in der geschichte eine koalition mit der rechtsextremen fpö ein, kriegt die demos mit, die sanktionen der eu, findet sie halt vollkommen übertrieben, verspürt aber halt eine gute arbeitsatmosphäre und hohe konzentration in dieser regierung, wird irgendwann dann halt später schliesslich parteichef. nebenläufig bis ganz nach oben. fleissig natürlich und vorsichtig im bösen wien, sich nicht des nachts zu besaufen. schliesslich taucht trotz aller vorsicht der ehrgeizige, rücksichtslose jungpolitiker auf, der den alten verdrängt und damit alles zerlegt, wofür dieser hätten stehen können, wäre es ihm denn möglich gewesen, je für etwas zu stehen.

Weiterlesen

Hotdogs und Tourettes im Papaya Czar: «Motherless Brooklyn»

Vor zwei Jahren schrieb ich über Edward Nortons Film noir Motherless Brooklyn. Inzwischen hab ich die Zeit gefunden, die Vorlage zu lesen, also Jonathan Lethems gleichnamigen Roman von 1999. Die Lektüre kann ich gerade auch jenen ans Herz legen, die die Adaption gesehen haben. Der Déjà-vu-Faktor ist minimal, denn Film und Buch haben nicht mehr als die Ausgangslage gemeinsam:

Lionel Essrog, ein New Yorker Detektivsgehilfe mit Tourette-Syndrom, klärt den Mord an seinem Mentor auf. Seine Eigenart bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten, allerdings macht gerade das Zwanghafte am Tourette ihn zu einem hervorragenden Detektiv.

Weiterlesen

Unfree Speech: Aufzeichnungen aus dem Hongkonger Widerstand

Letzten Dienstag wurde der 24-jährige Tong Ying-kit gemäss des Nationalen Sicherheitsgesetzes in Hongkong verurteilt. Er ist der Erste, den es getroffen hat, seit das Gesetz im Juni 2020 in Kraft getreten ist. Viele weitere sind deswegen verhaftet worden. Das Strafmass für Tong wird zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

Eben dieses Gesetz war der Anlass für die gewaltigen Proteste, die im Sommer 2019 anfingen – bis zu zwei Millionen Hongkonger:innen gingen auf die Strasse. Das Coronavirus schwächte allerdings die Widerstandsbewegung so weit, dass die Regierung letztlich freie Hand hatte.

Zu den führenden Figuren der Bewegung gehört Joshua Wong. Ich hab mir sein Buch angesehen, Unfree Speech, das er zusammen mit Jason Y. Ng schrieb. Darin stellt Wong dar, wie er zum politischen Aktivismus kam und welche Schwierigkeiten seine Landsleute zu bewältigen haben, hinzu kommt das Gefängnistagebuch, das er während seiner ersten Haft im Jahr 2017 schrieb.

Weiterlesen

„Aber lieber Herr Kracht, ich will mehr Subjektivität!“

In Pakistan trifft Christian Kracht einen Typen, der ihn mit zu einer Waffenfabrik nimmt. Irgendwo im Feld machen sie Schiessübungen mit einer Panzerfaust. “Ich zwinkerte mit den Augen, sah in die Richtung, in die ich geschossen hatte, und dort, wo eben noch ein Hügel stand, war jetzt keiner mehr. Der Hügel war weg, einfach so.” (S. 63)

In einer Diskothek in Hanoi nimmt ein Hongkong-Chinese Kracht mit auf die Herrentoilette und zeigt ihm dort seinen Riesenpenis. Kracht ist entsetzt und nimmt Reisaus. 

Gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre (einem Schriftstellerkollegen) will Kracht eine Lesung im Goethe-Institut von Bangkok halten. Doch mit dem Vorschlag blitzt er bei den verstockten Beamt*innen vom Institut ab. 

Der gelbe Bleistift ist der Titel einer Kolumne, die Kracht von 1992 bis 1999 für die Welt am Sonntag schrieb. Er wohnte dazumal in Bangkok, reiste viel in Asien herum und hielt das für die Leserschaft fest. 2000 erschien eine Auswahl (20 Storys) bei Kiepenheuer & Witsch.
Die Erstausgabe hat zudem ein Vorwort von Joachim Bessing (noch ein Schriftstellerkollege), jenes fehlt aber in meiner Ausgabe von Fischer Taschenbuch. Und dem Vernehmen nach kommt die Neuausgabe bei Kiepenheuer & Witsch ebenfalls ohne Bessing aus. Wieso auch immer. Hätten die Verlage Bessing nochmal Honorar zahlen müssen? Wollte man die Kosten für Papier und Tinte sparen? Elende Geizkragen. 

Weiterlesen

Hymnen, Hype, Orientalismus, Tourismus: Annemarie Schwarzenbachs Afghanistan-Texte

Juni 1939. Zwei Schriftstellerinnen brechen zu einer langen Reise auf: Ella Maillart (1903–1997) und Annemarie Schwarzenbach (1908–1942). Sie fahren mit einem Ford Roadster von der Schweiz aus nach Afghanistan. Die anfängliche Euphorie verflüchtigt sich, als Schwarzenbach Rückfälle in ihre Morphiumsucht hat. Zudem: Als sie und Maillart in Kabul angekommen sind, bricht der Zweite Weltkrieg aus. Die beiden gehen getrennte Wege — Maillart nach Indien, Schwarzenbach zurück nach Europa.

Den Problemen zum Trotz verarbeiten sie die Reise äusserst produktiv. So schreibt Schwarzenbach haufenweise Artikel und Erzählungen, die in Zeitungen und Zeitschriften erscheinen, und sie stellt den Band Vierzig Säulen der Erinnerung zusammen (den allerdings niemand drucken will; er erscheint erst Jahrzehnte nach ihrem Tod).
In Alle Wege sind offen findet sich eine Auswahl von Schwarzenbachs Afghanistan-Texten, der Literaturwissenschaftler Roger Perret hat sie zusammengestellt. Darunter einige bisher unveröffentlichte Artikel aus dem Nachlass. Perret hat alles chronologisch und geographisch geordnet, ausserdem hat er einen Essay angehängt, in dem er auf die Reise und Schwarzenbachs Schaffen eingeht.

Seit ihrer Wiederentdeckung in den 80ern wird Annemarie Schwarzenbach als Kultfigur gehandelt. Als Person ist sie äusserst interessant — homosexuell, von androgyner Schönheit, gut befreundet mit Erika und Klaus Mann, oft unglücklich verliebt, leidet an Drogensucht, unternimmt Suizidversuche, ist freigeistige und antifaschistische Ausreisserin aus einer erzreaktionären Familie (ihr Grossvater war General Wille, ihr Cousin der Überfremdungs-Fanatiker James Schwarzenbach). Und dazu ist sie noch jung und dramatisch verstorben (ein blöder Unfall mit dem Fahrrad, schwere Kopfverletzung, Schizophrenie-Diagnose, Behandlung mit künstlichem Koma, Insulinkur und Elektroschocks, Tod).
Ein dankbares Thema also für Artikel, Fernsehbeiträge und Co. Die Biografie verstellt mitunter den Blick aufs Werk, allerdings ist dieses auch stark autobiografisch. Soweit meine oberflächliche Einschätzung.

 
Überdruss und Sehnsucht

Alle Wege sind offen ist das Erste, was ich von Schwarzenbach gelesen hab. Erschlossen hat sich mir ihr Schreiben (noch) nicht, es hat mir etwas zu viel Pathos. Der Reiseschriftsteller Nicolas Bouvier schrieb ja mal, eher bösartig: „Es ist eine Tatsache, dass die guten Reisebücher oft von Leuten geschrieben werden […], die mit Handel zu tun haben. Verkauf, Kauf, Gewinn, Profit sind die ersten Worte des internationalen Vokabulars, und die merkantile Unerbittlichkeit erspart dem Beobachter die dümmlichen Schwärmereien, die, als die Poeten anfangen zu reisen, schon bald in der Literatur erblühen werden. Bei einem Kaufmann: keine Höhenflüge zu befürchten.“ Ich würde Schwarzenbach nicht gerade „dümmliche Schwärmereien“ vorwerfen, aber eine ungute Neigung zum Schwärmerischen hat sie zweifellos. Und da ist mir ein Kaufmann-Stil eben doch lieber. (Bouviers Polemik sollte man übrigens nicht allzu ernst nehmen — er selbst war ja kein Kaufmann.)

Aber wie klingt das überhaupt, dieses Schwärmerische bei Schwarzenbach? Hier ein Ausschnitt aus dem ersten Text der Auswahl, Balkan-Grenzen:

Als ich, vor fünfeinhalb Jahren, zum ersten Mal nach Osten fuhr, sass ich im Orient-Express […], da war der Balkan eine Region von gleichförmiger Melancholie. Diesmal aber haben wir, zur Erntezeit, die Grenzen kennengelernt. Welcher Reichtum, welche Verschiedenheiten, und, wiederum, welche überall wiederkehrenden, schlichten Gesetze: Brot wurde gebacken, Obst geerntet, Heu eingebracht, und die Viehherden weideten am Simplon, in der Ebene von Treviso, an der Donau (da, wo sie „Dunav“ hiess) und an den Hügeln der europäischen Türkei.
S. 10

Eine Zelebrierung des schönen, einfachen Landlebens. Schwärmerisch halt.

Weiterlesen

Nicolas Bouvier und die Japaner

Letzten Herbst war ich mit der Gruppe Konverter im Tessin. In der kleinen Bibliothek unserer Unterkunft fand sich unter anderem Der Skorpionsfisch (1982) von Nicolas Bouvier (1929–1998); einer aus der Gruppe las uns anderen immer mal wieder aus dem Buch vor, meistens um das Abendessen herum. Wir hörten wundersame Geschichten über Ceylon (heute Sri Lanka). Bouvier war ein Reiseschriftsteller und Fotograf; 1955 lag er mehrere Monate in der Hafenstadt Galle flach: Malaria. In seiner Erzählung mischen sich Realität, Fieberträume und Mythen. Ich hatte den Skorpionsfisch bereits vor einigen Jahren mit Begeisterung gelesen, und mit ebenso viel Begeisterung entdeckte ich ihn neu.

Speziell für mich: Bouviers Buch ist eben ein Reisebericht über Sri Lanka, und während der Tessiner Woche hab ich einen Grossteil meiner eigenen Sri-Lanka-Texte geschrieben. (Freilich halten die keinem Vergleich stand.)

In meinem eigenen Buchregal steht der Skorpionsfisch gleich zweimal: in der Erstübersetzung von Barbara Erni sowie in der Neuübersetzung von Stefan Zweifel. Sobald ich dazu komme, Letztere zu lesen, werd ich was darüber schreiben. Heute jedoch gehts um etwas anderes: Um zwei Bücher von Bouvier über Japan. Das wären die Japanische Chronik (1975) sowie Das Leere und das Volle (2004). Ich hab mir gedacht, dass das ein schöner Vorgeschmack auf meinen eigenen Japanbericht wäre, der demnächst mal folgen soll. (Er wird ebenfalls nicht ans Vorbild heranreichen, aber was soll ich machen.)

Bouvier kam erstmals 1955 nach Japan, direkt von Ceylon her — das erwähnt er dann auch in der Japanischen Chronik. Da beschreibt er, wie er mit der MM Kambodscha im Hafen von Yokohama (nicht weit von Tokio) ankommt. Eine Horde von Journalisten stürzt sich auf die Neuankömmlinge und interessiert sich besonders für den „[…] in Ceylon eingeschifften Irgendwer, der im Schiffsbauch niedrige Arbeiten erledigte, um das Geld für seine Passage zusammenzukratzen […]“ (JC, S. 131). Damals waren Reisende aus dem Westen noch ein Thema von Interesse.

Einer [der Journalisten] war Yuji. „Es wird hart sein, sehr hart, es wird nicht von selbst gehen“, begrüsste er mich […]. „Wissen Sie überhaupt, wie man hier lebt?“
Hart? Hier war es zumindest kühl! Ich hatte acht Monate Tropen hinter mir, wegen der Hitze und der Malaria in einem wurmstichigen Gasthaus eingesperrt, das die Termiten geräuschvoll in Sägemehl verwandelten. Die Luft von Yokohama schlürft man gierig wie Champagner.“

JC, S. 133

Weiterlesen

Von Killerviren und Patrioten: Stephen Kings „The Stand“

Buchkritik | Ein Killervirus entfleucht aus einem amerikanischen Geheimlabor und rottet fast die gesamte Menschheit aus; die paar Überlebenden werden in einen Kampf zwischen Gut und Böse verstrickt.
Stephen King hat
The Stand bereits 1978 geschrieben, 1994 wurde das Buch als vierteilige Miniserie adaptiert, eine Comicversion lief von 2008 bis 2012. Und jetzt kommt eine Neuverfilmung in zehn Episoden — während die Coronakrise noch am Laufen ist.
Grund genug, sich den Roman nochmal anzuschauen. Dazu wollen wir uns ein paar Überlegungen zur Kulturgeschichte von Viruspandemien machen.

 

Inhalt

Worum gehts bei The Stand überhaupt?
Eine Tendenz zum Geschwafel
Das Schicksal der Pappkameraden
Vernunft gegen Glauben
Die Grippe aus christlicher Perspektive
Verdikt

 
Das ist so ein Zufall, bei dem es einem flau im Magen werden kann: Im September 2019 begannen die Dreharbeiten zur neuen The Stand-Serie, im März 2020 wurden sie abgeschlossen — dazwischen liegt der Ausbruch der Coronakrise. In einem Artikel zitiert Variety den Schauspieler James Marsden wie folgt: „Am Anfang von The Stand gibts Szenen, in denen Leute niesen oder in die Armbeuge husten, und alle Augen richten sich auf sie. […] Sieht man jetzt jemanden, der so etwas macht, treten alle einen Schritt zur Seite. Es ist verrückt.“

Stephen King selbst schrob auf Twitter: „Nein, das Coronavirus ist nicht wie The Stand. Es ist nicht ansatzweise so schlimm. Es ist absolut überlebbar. Bleibt ruhig und ergreift die angemessenen Massnahmen.“

Corona hin oder her, die Serie soll am 17. Dezember starten. Aber gucken wir uns erst einmal die Buchvorlage an.

Weiterlesen

Der Grösste unter euch soll sein wie der Kleinste

Sowohl von Anarchist*innen als auch in historischen Darstellungen wird Anarchismus oftmals als per se atheistisch und antireligiös beschrieben. Es stimmt, dass aus anarchistischen Kreisen oftmals heftige Kritik an Gott und Kirche formuliert worden ist. Einer der bekanntesten Texte ist die fast nur noch aus Beschimpfungen bestehende Polemik Johann Mosts Die Gottespest. Liest man solche Kritiken und Polemiken genauer, ist es oftmals nicht so sehr die Religion an sich, die in erster Linie kritisiert wird, sondern die Verquickung der kirchlichen Institutionen mit den Machthabern.

Indem sich der Mainstream-Anarchismus als atheistisch und antireligiös definiert, blendet er jedoch Teile der eigenen Strömungen aus; eine Ironie, wenn man bedenkt, dass von Anarchist*innen immer wieder die Anklage erhoben wird, von allen Seiten verfolgt und marginalisiert zu werden. Tatsächlich gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum und Buddhismus Aspekte, die als anarchistisch interpretiert werden, und Denker*innen, die danach streben, Anarchismus und Religion miteinander zu verbinden. Lev Tolstoj ist wohl der bekannteste christliche Anarchist; er kritisierte in seinem letzten Lebensabschnitt die orthodoxe Kirche vehement und genoss unter vielen Anarchist*innen ein hohes Ansehen. Tolstojs Ideen stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs des christlichen Anarchismus dar.

Ein scheinbares Paradox

Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung, herausgegeben von Sebastian Kalicha, hält eine Palette von Beiträgen bereit. Neben einer Interpretation der Bergpredigt beinhaltet das Buch auch theoretische Überlegungen zu Theorie und Praxis des christlichen Anarchismus, stellt zwei Aktivist*innen des Catholic Worker Movement vor, führt in das Denken des pazifistischen libertären Theologen Jacques Ellul ein und schliesst mit einem historischen Beitrag über Ketzer.

Wer mit der Bibel etwas vertraut ist, wird nicht darüber überrascht sein, dass die Bergpredigt (Mt 5,1-7,29) Jesu für die christlich-anarchistische Interpretation von zentraler Bedeutung ist. Darin verkündet Jesus seine Lehre. Die Passagen zur Versöhnung (Mt 5,21-26), zum Ehebruch (Mt 5,27-30) und zum Schwören (5,33-37) stellen eine Radikalisierung der Zehn Gebote dar. Nicht mehr sollen die Menschen nach dem Prinzip „Auge um Auge“ handeln, sondern auf Vergeltung verzichten. Jesus ruft die Zuhörenden dazu auf, gewaltlos zu leben und die Nächstenliebe zu praktizieren. In seiner Predigt kritisiert er zudem „die Heuchler“, die ihren Glauben zur Schau tragen und demnach grösseren Wert auf Prestige legen als auf Lebenspraxis.

Die Bergpredigt ist übrigens nicht die einzige Stelle, an der sich eine radikale Interpretation anbietet. So heisst es im Lukas-Evangelium (Lk 22,25-26): „Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.26 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.“ Die wohl prominenteste Szene der Bibel, in der Geld und Handel kritisiert werden, stellt die Tempelreinigung dar.

Für den gewaltfreien christlichen Anarchismus ist die Aufforderung zum „Nicht-Widerstand“ ausschlaggebend. Wer, auf die rechte Wange geschlagen, auch noch die linke hinhält, unterläuft die Erwartung des aggressiven Gegenübers und tritt aus der Gewaltspirale heraus. Die Bergpredigt, so anarchistische Interpret*innen wie Michael C. Eliott und Walter Wink, erziehe nicht zur Passivität und Unterwerfung. Im Gegenteil: Gewaltfreies Verhalten sei eine aktive Strategie. Wer sich dem Teufelskreis der Gewalt verweigert, behalte die Handlungsfähigkeit.

Christliche Aktivist*innen

Während in den theoretischen und exegetischen Teilen des Buches durchaus unterschiedliche Interpretationen und Ansichten wiedergegeben werden, konzentriert sich das Kapitel von Tom Cornell zur Catholic Worker Bewegung auf zwei Einzelpersonen, Dorothy Day und Ammon Hennacy.

So interessant die Biographien der beiden sind, wirkt dieser Teil doch weniger vielschichtig und nimmt sich wie eine unkritische Hommage aus. Dadurch bringt dieser mehr das Leben zweier Aktivist*innen näher und weniger die Bewegung, der sie angehörten. Die Organisation mit ihren Zielen und Erfolgen, Widersprüchen und Meinungsverschiedenheiten kommt weniger zur Geltung.

Wider alle irdische Herrschaft

Der historischer Abriss von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner über Leben und Werk des tschechischen Laientheologen und Reformators Petr Chelčický (ca. 1390-1460) schliesst den Band ab. In seinem Buch Das Netz des Glaubens übt Chelčický Kritik an den Herrschern und all jenen, die im Namen Christi Gewalt ausüben.

Die Geschichte des (europäischen) Christentums wird im Allgemeinen oft gleichgesetzt mit der Geschichte der kirchlichen Institutionen. Chelčický ist aber neben Peter Valdes, Franz von Assissi und ihren Anhänger*innen einer jener dissidenten Christen, die aufgrund ihres radikalen Glaubensverständnisses von der Kirche als Ketzer verfolgt worden sind. Wie Thomas Müntzer kritisierte er die bestehenden Herrschafts- und Gesellschaftsverhältnisse und strebte nach deren Veränderung. Wenn die Ideen dieser Menschen nicht als anarchistisch bezeichnet werden sollten, da der Anarchismus eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, so ist doch festzuhalten, dass sich nicht nur für den christlichen Anarchismus ein Rückbezug auf deren Texte und Leben anbietet.

Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden

Kalicha geht es nicht darum, die Leser*innen zu Anarchismus und Christentum zu bekehren. Sein Anliegen ist es, Einblick in Theorie und Praxis einer unbekannten Strömung zu geben und „unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten.“

Anarchismus, der sich als per se atheistisch definiert und Religion nur als unterdrückerisches Dogma kennt, reproduziert eben jenes Schwarz-Weiss-Denken, das in westlichen Gesellschaften vorherrscht und es zu kritisieren und überwinden gälte. Ein Anarchismus, der libertäres Christentum an seinen eigenen Veranstaltungen nicht zulassen kann, wiederholt die Marginalisierung, die ihm von der Gesellschaft widerfährt. Möge darum die Lektüre dieses Buches die Fähigkeit zu offenem Denken unter seinen Leser*innen fördern und die Menschen, die für die gleichen Werte aus unterschiedlichen Gründen heraus einstehen, zusammenbringen.

Sebastian Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Heidelberg 2013.