MadC 6: „Mein Beethoven“ von Dieter Ilg

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Wer zum Teufel kommt auf die Idee, aus Beethovens Ode an die Freude Fahrstulmusik zu machen? Dieter Ilg heisst der skrupellose Übeltäter, der dieses Verbrechen an Musik und Kultur begangen hat, und er hat verdient, dass man mit dem nackten Finger auf ihn zeigt.

Mein Beethoven ist, wie ihr unschwer erratet, Ilgs Auseinandersetzung als Jazzmusiker mit dem Werk des grossen Komponisten. Dass sich Jazzer der Klassik annehmen, ist nichts Neues, und die Idee, den alten Säcken neue Seiten abzugewinnen, findet durchaus mein Gefallen – Ilg selbst gibt ein gutes Beispiel ab, wenn er auf seiner Scheibe die Sturmsonate neu interpretiert („Sturm“). Da stürmt’s dann auch tatsächlich.

Aber eben, zuerst kommt „Ode“, ein zutiefst verdammenswerter Track, der aus einer legendär pompösen Hymne, die vor Energie und Euphorie nur so strotzt, sterbenslangweiligen Smooth Jazz macht, der als Hintergrundberieselung bei Ikea nicht schlecht aufgehoben wäre. Das ist ungefähr so, als würde Bob Ross ein Gemälde von Munch neu malen.

Wisst ihr, was besser als diese CD ist? Das hier in einer zehnstündigen Dauerschleife. Seinen Beethoven kann Dieter Ilg jedenfalls behalten.

Fahrstuhlmusik-Faktor: 65%

Dieter Ilgs Webseite.

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MadC 5: „A Pyramide Made of Music“ von Jaeger-Gisler-Rainey


Am 23. November 2012 spielten Jaeger-Gisler-Rainey am Zürcher Jazzfestival unerhört!, woraus diese Live-CD entstanden ist. Das Trio aus Zurich-Basel-New York hört sich an, als sei es einer Zeitmaschine entstiegen, jedenfalls denke ich bei der Musik an eine urzeitliche Landschaft, die hundert von Millionen Jahren in der Vergangenheit liegt, als es noch nicht einmal Saurier gab.

Farne und frühe Nadelbäume schaukeln im Wind, ferne Vulkane donnern und machen die Insekten nervös. Ein Diplocaulus watet im seichten Wasser eines Seeufers, als plötzlich ein Dimetrodon mit seinem Sonnensegel durchs Dickicht platzt und das querköpfige Amphibium in den Nacken beisst. Während sich der Diplocaulus verzweifelt windet und sein Blut in den Boden sickert, stieben Vorfahren der Kakerlaken davon und flüchten primitive Libellen durch die Lüfte. Und dann klatschen die Zuhörer. Das Leben auf diesem immer noch rohen Planeten ist kurz und brutal.
So viele Bilder, entstanden allein mithilfe von Bass (Gisler), Schlagzeug (Rainey) und Saxophon/Klarinette (Jaeger).

Auf der Innenseite der CD-Hülle schildert Michael Jeager – der wohl auch eine schriftstellerische Ader hat – eine kleine autobiographische Notiz, ein Treffen des Trios, bei dem sie die Natur ihres Jazz auseinanderdröseln.
„Ist unsere Musik nicht bloss der kleine Teil eines grossen Ganzen?“, fragt da Fabian Gisler. „Ist sie nicht einfach die Spitze einer Pyramide, die aus ganz viel anderem besteht?“ Aus dem Konzertraum zum Beispiel, sagt er, oder den Musikern, die spielen.
Diese Pyramide besteht auch aus der Gesellschaft, ergänzt Rainey, oder dem Publikum.
Gisler: „Die Zuhörer als Teil unserer Musik. Cool!“ Und weiter: „Musik ist immer auch eine Unterhaltung, die man gemeinsam führt. Sie ist ein Mittel der Kommunikation und dazu noch ein uraltes. Als Publikum sind wir ein aktiver Teil der Musik und sie wird zu einem Teil von uns.“

Dimetrodon-Faktor: 73%

Bandcamp-Seite des Trios

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MadC 4: „Speak Easy“ von Aie Ça Gicle


Hm, hrmpf, schulterzuck, naja.

Indiepop aus Basel, was soll man schon gross dazu sagen? Die neun Songs auf der CD hören sich alle ungefähr gleich an und zwar so, wie Indiepop halt klingt, dem jedes Alleinstellungsmerkmal abgeht. Abgesehen vom Hook in What a Girl gibt’s jedenfalls nichts, was mir aus dem geschrammelten Einheitsbrei entgegengeflogen wäre.

Viel spannender als die Musik ist fraglos das Coverartwork (siehe Bildchen), weswegen ich das Album ja überhaupt in die Hand genommen habe. Der Künstler Tobias Madison ist zwei bis drei Blicke wert, schaut euch seine Sachen ruhig mal an.

08/15-Faktor: 98,7%

Facebookseite der Band

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MadC 3: „Rimbaud #4“ von Pilz/Ruby/Weber/Brochier


Meine Güte, was ist das denn? Es hört sich ungelogen an, als hätte man die Instrumente und die Sängerin eine Treppe hinuntergestossen und das Ergebnis aufgenommen. Oder dann wieder, als sei die ganze Band von einem Wirbelsturm aufgesogen worden. Es gibt aber auch ruhigere Momente, in denen wohl die Musiker am Morgen aus dem Bett tappen und über ihre Instrumente stolpern. Die Sängerin wiederum hält abwechselnd eine Lesung und gerät in Ekstase, als sei Pazuzu in sie gefahren.

Experimentaljazz ist das wohl. Die Schauspielerin/Sängerin Élodie Brochier interpretiert Gedichte von Arthur Rimbaud (auf Deutsch übersetzt, vereinzelt im französischen Original). Drei Musiker improvisieren dazu:
George Ruby (p)
Michel Pilz (bcl)
Daniel „D-Flat“ Weber (dr, perc)

Schon klar, das hat ein bisschen was von Hurz!, aber ehrlich gesagt, ich mag Hurz! — eben nicht als Verarschung von Kunstzeug, sondern als eigenständiges Werk. In den besten Momenten ist Rimbaud #4 wie ein durchgeknalltes Hörspiel, das nicht zuletzt von Rimbauds Texten profitiert:

Stemm mit deiner verdörrten Faust den Sargdeckel hoch
Lass dich ruhig nieder und ersticke
So ersparst du dir das Alter und alle Gefahren

Weniger zugänglich sind Satzfetzen wie: „Die Dunkelheit kann auf, wild pochendes Aquarium.“ Ich habe keine Ahnung, was um alles in der Welt das heissen soll, aber verdammt nochmal, ich liebe es.

Hurz!-Faktor: 86%

Eintrag auf der Seite des Labels

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MadC 2: „Kopfhörer auf, get funky!“ von Geschwista

Geschwista ist ein Projekt des Schweizer Musikers Oliver Schmid. In Berlin ist die Scheibe entstanden und die Stadt soll angeblich auch Inspiration gewesen sein. Ein Track heisst „Letzte U-Bahn bis Alex, alles gut“, nur so zum sagen.

Was ist das jetzt eigentlich für ein Zeug? Minimalelektro ohne Worte, aber voll entspannt und mit viel Funk. Teils fast schon geeignet für die „Space Night“. Jedenfalls eher was zum Runterkommen als Aufputschen.

Wieso eine Kuh auf dem Cover drauf ist, weiss ich auch nicht. Weil Schmid Schweizer ist und Hörner entfernt an Kopfhörer erinnern? Weil Kühe Triphop lieben? Weil auch der Maler Wolfgang Franke Berliner ist? Fragen über Fragen.

Berlin-Faktor: 74%

Offizielle Website von Geschwista

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MadC 1: „The Tide“ von Herr Bitter

Bei Journalisten sammelt sich allerlei Zeugs an, Promo- und Recherchematerial zum Beispiel. Nun hat der Medienkonzern, für den ich arbeite, auf das Jahresende hin ausgemistet — dabei fielen tonnenweise Bücher und CD ab. Und bevor alles in die Container verschwand, bekamen wir Angestellten die Chance, sich am Ausschuss zu bedienen. Also hab ich einen Sack voller CD eingepackt, die ich im Laufe der nächsten Wochen und Monate allesamt besprechen will (wenn auch bloss in Kürzestform).

Anmerkung 1: Meine Expertise in Sachen Musik ist eher rudimentär ausgebildet, sorry. Aber hey, dafür hab ich einen unverstellten Blick (ist doch auch was).
Anmerkung 2: Ich habe nur mitgenommen, was mich zumindest halbwegs interessiert hat. So werde ich viel Jazz, aber kaum Hip Hop besprechen.

Nun aber zu:

 
Herr Bitter: „The Tide“

Hui, gleich zu Beginn eine Entdeckung!

Goth-Aliens würden Musik machen wie diese Band aus St. Gallen. Soll heissen, hier kriegt man düsteren Space-Synthpop, der aber auch seine spielerische Seite hat. Ein eigentliches Theremin kommt nicht zum Einsatz, soweit ich das raushöre, aber mich soll der Krampus holen, wenn Herr Bitters Synthesizer sich nicht an das klassische Science-Fiction-Instrument anlehnt.

Das hört man unter anderem im Video zu „No Need“, einem der coolsten Tracks der Platte, welcher zudem mit einem fantastischen Musikvideo gesegnet ist, das der Frontmann Sascha Tittmann (ja, der heisst so) höchstpersönlich in die Welt gesetzt hat. Doch doch, kann man sich anhören und -sehen, gern auch mehrmals.

Aliengoth-Faktor: 98%

Offizielle Website der Band