Vier Städte an der Ostsee, Teil 1: Helsinki

Reisebericht | Im Jahr 2019 besuchten die Allerliebste und ich vier Städte, die an der Ostsee liegen: Helsinki, Tallinn, Stockholm und Sankt Petersburg. Ich will berichten, was wir dort erlebten. Den Anfang macht Helsinki, Finnland, wo wir Ende Juli waren. Eine Reise zwischen Rekordhitze und Eisbrechern.

 
Wir nehmen keinen Direktflug nach Finnland, sondern legen in Riga einen Zwischenstopp ein. Den Flughafen kennen wir noch von unserem Lettland-Besuch.
Es gibt ja Leute, die finden, alle Flughäfen der Welt sähen gleich aus – Marc-Uwe Kling zum Beispiel tut irgendwo in seinen Känguru-Chroniken darüber unken. Das ist zwar kulturkritisch wohlfeil, stimmt aber nicht. Den Rigaer Flughafen zum Beispiel erkennt man an den Holzlatten. Überall Holzlatten. Eine Würdigung der enormen Bedeutung der Holzindustrie für das Land.

In den Gängen ist ein Putzroboter unterwegs. Ein überkanditelter Roomba, sperrig und knallend orange. Es blinkt warnend, weicht Menschen aber auch von selbst aus. Das Star Wars-Universum war uns noch nie so nah.

Von Riga nach Helsinki nehmen wir eine Propellermaschine. Knapp 90 Passagiere haben Platz. Es ist das kleinste Flugzeug, in dem ich je unterwegs war, und ich liebe daran, wie stark man die Bewegungen der Maschine spürt.

 
Tervetuloa!

Ich geb zu, der Flughafen von Helsinki ist mir nicht gross in Erinnerung geblieben. Wir nehmen den Citybus in die Innenstadt und steigen am Hauptbahnhof aus. Ein Alkoholiker schläft auf einer Kellertreppe. Eine Frau ist am Containern. Fast wie in einem Kaurismäki-Film. Nur, dass die Sonne hell vom Himmel brennt: Es ist der Höhepunkt des Hitzesommers. Willkommen in Helsinki.

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Mailand 2020: Kampf gegen den Faschismus. Fressen und Saufen.

Reisebericht | Ulla M. Brella wohnt vorübergehend in Mailand. Die Gruppe Konverter besucht sie dort um das Wochenende vom 11./12. Januar 2020. Ein Protokoll aus der Sicht von Armada und Rogerg.

Armada und Rogerg kommen am Busbahnhof Lampugnano an. Dank extensivem Sonnenschein erscheint ihnen die Station nicht ganz so traurig wie letztes Mal.

Die zwei fahren mit der M1 ins Zentrum. Raus aus der Metro, rauf an die Sonne. Auf der einen Seite das Castello Sforzesco. Auf der anderen Seite ein Reiterdenkmal von Guiseppe Garibaldi – sein Pferd streckt Armada und Rogerg den Hintern entgegen.

Zmittag in der Vecchia Brera, einem alten verwinkelten Restaurant. Es herrscht feuchte Wärme. Die Besucher nehmen auf roten Ledersitzen Platz. An den Wänden Täfelung mit eingelassenen Spiegeln. Ein Oberlicht aus Bleiglasfenstern. In der hintersten Ecke eine enge Wendeltreppe.
Risotto mit Scampi und Limette für Armada. Ein Cotoletta alla milanese für Rogerg. Nicht überragend, aber okay.

Auf dem Weg zum Hotel Ornato im Stadtteil Niguarda: Ein Wandgemälde. Niguarda antifascista, entstanden 2014 im Auftrag der Associazione Nazionale Partigiani d’Italia (ANPI), also der Nationalen Vereinigung der Partisanen von Italien. Das Werk ist insbesondere Gina Galeotti Bianchi (1913–1945) gewidmet. Die Frau war zusammen mit ihrem Mann, Bruno Bianchi, im antifaschistischen Widerstand engagiert (Kampfname Lia) und wurde am 25. April 1945 in der Nähe des Hospital Niguarda von deutschen Soldaten niedergeschossen. Sie war auf dem Fahrrad unterwegs, zusammen mit Stellina Vecchio (1921–2011, Kampfname Lalla). Vecchio engagiert sich auch nach dem Krieg noch jahrzehntelang in der Politik, unter anderem in der ANPI. Galeotti Bianchi war zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger.
In Nigaurda liegt auch der Giardino Gina Galeotti Bianchi, ein kleiner Park, der 2005 nach ihr benannt wurde.
Dort, wo Gina Galeotti Bianchi erschossen wurde, hängt eine Plakette zu ihrer Erinnerung – man findet dies Plakette an der Via Imperatore Graziano, 32, gegenüber dem Ristorante Auto Club.
Das Wandgemälde wurde schon mehrmals mit Hakenkreuzen besprayt, die Gedenktafel am Giardino Gina Galeotti Bianchi wurde mindestens einmal zerstört. Umso wichtiger ist es, sich an die Frau zu erinnern.

Znacht. Un posto a Milano war früher ein Bauernhof – heute ists ein Kulturort mit Hotel und Restaurant. Letzteres: Ein hoher Raum mit Backsteinwänden. Neben den KellnerInnen kümmert sich ein Sommelier um die Gäste. Er schenkt regelmässig nach, was einerseits gastfreundlich ist, andererseits ständig das Gespräch am Tisch unterbricht. Eine unnötige Marotte besserer Restaurants.
Chefkoch: Nicola Cavallaro. Highlights unter den Esswaren:

  • Stracciatella di bufala mit Sardellen
  • Längliche Ravioli mit Kürbiskernfüllung, Scampi und Tomaten
  • Faraona-Roulade mit Kastanien (Faraona = Perlhuhn)
  • Semifreddo (Eisparfait) mit Nuss und Salz

Danach: Ein sogenannter caffè cuccagna für Rogerg. Es kommt eine Tasse mit einem Filter, darin Kaffeepulver, dazu eine Kanne mit heissem Wasser. Also ein Filterkaffee zum Selbermachen am Platz. Rogerg passt nicht auf, die Tasse überläuft.
Im Sommer ist der Ort sicher noch etwas schöner, wenn der Garten in Blüte ist und Tische draussen stehen.

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Amsterdam, Teil 3: Rembrandt und Vermeer im Rijksmuseum

Ich war schon in Kunstmuseen auf der ganzen Welt, und wenn mir eins aufgefallen ist, dann das: Keine Institution, die was auf sich hält, kommt ohne die alten holländischen Meister aus, und die Krönung besteht natürlich darin, einen Rembrandt in der Sammlung zu haben.
Sehr süss find ich zum Beispiel das Kunst Museum Winterthur – als die Leute dort überraschend herausgefunden haben, dass eins ihrer Bilder dem Meister zugeordnet werden kann, waren sie prompt so stolz, dass sie dem kleinen Gemälde einen ganzen Saal gewidmet haben.
Jedenfalls: Das Epizentrum dieser holländischen Kunst-Hegemonie ist das Rijksmuseum in Amsterdam.

Am Eingang erscheint es uns seltsam leer; wir hätten mehr Leute erwartet. Was es damit auf sich hat, klärt sich, als wir die Haupthalle betreten: Die ganzen Besucher haben sich vor der Nachtwache versammelt. Ganz ähnlich ists ja mit Klimts Der Kuss in Wien — der restliche Tand, der an den Wänden hängt, ist halt nicht so instagrammable.

Weshalb dieses Gemälde von 1642 so gefeiert wird, ist vielleicht nicht spontan ersichtlich – aber wer Rembrandts Werk mit dem seiner Vorgänger und Zeitgenossen vergleicht, dürfte den Unterschied schnell erkennen. So ist Die Nachtwache ein Gruppenporträt (nämlich der Amsterdamer Büchsenschützengilde) – Kunstmuseen sind voll von solchen, in denen die Porträtierten steif wie Schaufensterpuppen rumstehen, schön brav und langweilig aufgereiht. Rembrandts Version dagegen ist voller Kraft; die Porträtierten sind in Aktion und stehen nicht einfach so da, es herrscht ein Gewusel. Der Blick wird dynamisch gelenkt – durch die Lichtführung etwa (die durchaus nicht natürlich ist, sondern den Ansprüchen des gewünschten Effekts gehorcht). Oder durch die unterschiedlich genaue Ausführung der Einzelheiten. So sind die beiden zentralen Figuren aufs Genaueste gemalt, während der Hund links von ihnen kaum mehr als angedeutet wird.

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Amsterdam, Teil 2: „Ghost Stories“ am Imagine Film Festival

Während unseres Amsterdam-Trips besuchen die Allerliebste und ich auch das Imagine Film Festival. Gegründet 1991, hiess es bis 2009 Amsterdam Fantastic Film Festival. Der Name hat sich geändert, die Programmschwerpunkte sind geblieben. Es wird also fantastisches Kino gezeigt: Fantasy, Science-fiction, Horror, Asiatisches etc. Sein ein paar Jahren findet es im Eye-Film-Museum statt, das 2012 eröffnet wurde. Ein grandioses Ding, das zur Hälfte quer in den Himmel ragt. So sieht das aus.

Wir haben zufällig die Closing Night erwischt, müssen also erst einmal die Preisverleihung über uns ergehen lassen. Es werden jede Menge Preise an jede Menge Filme verliehen, die wir nicht gesehen haben. Und dabei sind Preisverleihungen an sich schon eine langweilige Sache.
Immerhin scheints, als hätten die Leute Freude an ihrem Festival. Jedenfalls fällt mir auf, ähnlich wie beim NIFFF in der Schweiz, dass Fantastik-Filmfestivals um einiges lockerer und nicht so selbstverliebt sind wie andere Festivals.

Wie dem auch sei: Nach der Preisverleihung ist endlich der Abschlussfilm dran, die Horroranthologie Ghost Stories. Für Drehbuch und Regie ist das Gespann Jeremy Dyson und Andy Nyman verantwortlich. Die beiden sind vor Ort, erzählen ein wenig von den Dreharbeiten und beantworten Fragen.

Bei Ghost Stories handelt es sich die Verfilmung eines Theaterstücks, das ebenfalls von Dyson und Nyman stammt. Seine Premiere hatte es 2010, und seither läuft es sehr erfolgreich auf englischsprachigen Bühnen. Nun, diese Bühnenversion hab ich nie gesehen, daher kann ich auch nichts dazu sagen, wie geglückt die Adaption ist. Immerhin: Von allein wär ich wohl nicht draufgekommen, dass das eine Theaterverfilmung ist – mit entsprechendem Wissen fallen mir aber zumindest im Finale einige Stellen auf, in der die Filmemacher mit den Kulissen auf eine Art und Weise spielen, die von der Bühne herrühren muss. Das ist spannend. Ansonsten beeindruckt mich die Regie nicht allzu sehr – dazu aber weiter unten mehr.

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Amsterdam, Teil 1: Kiffen, Pommes, Chemtrails

Amsterdam ist eine schöne Stadt, aber keine, in der ich leben könnte. Es wird dort einfach zu viel gekifft.
Zur Erläuterung: Ich selbst kiffe nicht, störe mich aber auch nicht daran, wenn andere Leute es tun. Alles friedlich. Die Allerliebste hat ungefähr dieselbe Einstellung zum Thema. Bevor wir nach Holland fliegen, vereinbaren wir gar, einen jener berühmten Coffeeshops auszuprobieren. Aber dann vor Ort dann: Wenn wir uns einem Shop nähern, kommt uns jeweils eine derartige Cannabis-Wolke entgegen, dass uns schlecht davon wird. Also lassen wir es bleiben. Kein Gras für uns Bünzlis.
Allerdings muss man nicht in einen Coffeeshop, um eingenebelt zu werden. Ganz Amsterdam ist ein Cannabis-Freigehege, und besonders in den Ausgangsvierteln hat man keine Chance, der grünen Wolke zu entkommen. Damit muss man leben können.
Einmal spazieren wir durch den Vondelpark. Die Anlage erinnert an den Zürcher Platzspitz der 80er und 90er, aber in der Disney-Version: Überall friedliche Grüppchen von Kiffern. Dazu Lachgas-Schnüffler, die untereinander ihre Luftballons herumgehen lassen.

Am Kiffen und Schnüffeln mag es auch liegen, dass sämtliche Amsterdamer mit dem Fahrrad unterwegs sind, aber niemand einen Helm trägt.

Wenn wir schon bei den Klischees sind: Die Schaufenster des Rotlichtviertels schauen wir uns ebenfalls an. Im Kopf haben wir die Vorstellung von einem lockeren und unverkrampften Umgang mit Sexualität, es erweist sich dann aber als eine eher traurige Angelegenheit: Nackte Osteuropäerinnen, die sich von Touristen blöd angaffen lassen, und Horden von besoffenen Mundatmern, die sich für wahnsinnig geistreich halten, indem sie die Frauen danach fragen, ob sie Rabatt kriegen.

So viel zum allgemeinen Eindruck.

 
Der Hinflug

Wir fliegen im April 2018. Manchmal hat man einfach Pech, und dann teilt man den Flug mit einem schreienden Baby. Nur Doofe regen sich darüber auf. Von Zürich zum Amsterdamer Flughafen Schiphol erleben wir das schlimmste Schreikind, das uns bisher untergekommen ist. Es brüllt derart aus vollem Halse, dass es sich immer wieder verschluckt und ausser Atem gerät. Den ganzen Flug über. Man muss eine derartige Ausdauer bewundern.

Nach der Landung steuert der Pilot das Flugzeug eine Weile über das Flughafengelände. Schliesslich parken wir. Und warten. Der Pilot: „Wir stehen hier noch etwas im Gemüsegarten nach unserer kleinen Flughafentour, da unser Standplatz noch besetzt ist.“

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