Genua 2021, Teil 1/4: Enge Gassen, schöne Brunnen

Vor ein paar Jahren war Armada schon einmal in Genua. Damals sagte sie mir, wir müssten unbedingt mal zusammen hin. Im September 2021 wars dann soweit, wir hüpften in den Zug. Unsere erste richtige Reise seit Beginn der Corona-Pandemie.


Ankunft am Bahnhof Genova Brignole.

 
Erbfeind Venedig

Genua liegt am Knie des italienischen Stiefels. Eine ideale Lage; die Stadt ist ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeer und den Alpen. Spätestens im 4. Jahrhundert v. Chr. muss es dort bereits einen griechischen Hafen gegeben haben (vor dem Aufstieg des römischen Reiches hatten die Griechen überall am Mittelmeer Kolonien).

Die Lage ist vergleichbar mit der von Venedig auf der anderen Seite der italienischen Halbinsel, bekanntlich ebenfalls eine wichtige Handelsstation. Über Jahrhunderte hinweg waren die beiden Städte Konkurrenten und Feinde – Venedig hatte allerdings immer einen Vorsprung aufgrund der lukrativen Beziehung zum Oströmischen Reich.

Genua ist eine gedrängte Stadt, erbaut auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen dem Ligurischen Meer und dem Apennin-Gebirge. Der Altstadt merkt man das nach wie vor an: Die Häuser haben acht Stockwerke oder mehr, die Strassen sind steil und schmal, alles ist an den Hang gebaut. Eine faszinierende Mixtur aus Mittelalter und Hongkong. Mir ist keine andere europäische Stadt bekannt, die so gebaut ist.

Ebenfalls charakteristisch: Genua ist sehr durchmischt. Da gehen wir etwa über die Via Garibaldi, die grosse Prachtstrasse der Altstadt («gross» ist hier relativ zu verstehen, denn wie gesagt, der Platz ist beschränkt), gehen links in eine Seitenstrasse, biegen rechts in eine Gasse ab, und voilà: Mehrere Prostituierte warten auf Freier und vertreiben sich die Zeit mit Handyspielen. Genua hat keinen eigenen Rotlichtdistrikt irgendwo am Rand, dafür ist die Stadt einfach zu eng.

In einem ist Genua aber ebenso wie andere Städte: Sie ist nicht für Menschen da, sondern für Autos. Jahrzehntelang hat man die Lebensqualität dem Individualverkehr geopfert, wie in so vielen Städten Europas.
Da die Strassen der Altstadt Genuas so schmal sind, sind vor allem Motorräder und Mofas unterwegs. Immer mal wieder will dann doch ein Auto durch; Fussgänger:innen müssen sich an eine Mauer drücken oder in eine Nische stehen.

Die Altstadt ist von breiten Strassen umgeben, und das moderne Genua ist eine Wüste aus Asphalt mit ein paar Häusern drin. Aufgrund der gestapelten, Terrassen-artigen Bauweise dienen selbst die Dächer als Parkplätze.

Immerhin: Einzelne Seitenstrassen sind abgesperrt worden. Die Einfahrten wurden mit grossen Blumentöpfen blockiert; Café-Tische, Märkte und Fahrräder nehmen sich den Raum, der einst Autos vorbehalten war.
Eine Entwicklung, die etwa in Barcelona Fahrt aufgenommen hat, und mit der Annahme der Richtpläne bei der letzten Volksabstimmung wird sie auch in Zürich Einzug halten. Es ist Zeit.


Blick über die Altstadt vom Belvedere Castelletto aus.

 
Durch die Stadt mit Spyros

Wohl der beste Weg, um Genua kennenzulernen: Spyro’s Tour. Spyros kam vor einigen Jahren aus Griechenland nach Genua, seit 2013 macht er Führungen. Der Treffpunkt liegt vor dem Manena Hostel, so um die zehn Leute haben sich eingefunden. Zu Beginn gibts eine Vorstellungsrunde. Aus aller Welt kommen sie: eine junge Frau aus Argentinien, ein älterer Texaner, zwei junge Schweizer Töfffahrer und so weiter.

Spyros warnt uns, dass wir eine weite Strecke rumlaufen werden – seine Touren können mehrere Stunden dauern. Je nachdem, was die Teilnehmer:innen sehen wollen, und wie gut sie auf den Beinen sind.

Und er sagt uns, wir sollen doch ein bisschen miteinander schwätzen, während wir uns von einem Punkt zum nächsten bewegen.
Ein genialer psychologischer Trick: Menschen haben üblicherweise Hemmungen, einfach so Gespräche anzufangen. Indem Spyros die explizite Erlaubnis dazu gibt, bricht er für alle das Eis.
Es funktioniert wunderbar. Alle reden mit allen.

Als Tourguide ist Spyros auch sonst überragend: Er rattert nicht bloss die üblichen Sehenswürdigkeiten und Infos runter, sondern weist uns auch auf versteckte Dinge hin, auf die man sonst nie achten würde, hat ein breites Wissen über historische oder geografische Hintergründen und bringt alles miteinander in Verbindung. Die Tour ist ebenso eine Vorlesung ist ebenso eine Erzählung.
So entsteht im Laufe der Führung eine breit angelegte Geschichte der Stadt, ein lebendiges Bild. Wenn ich in diesem Artikel irgendwas Gehaltvolles über Genua sage, besteht eine gute Chance, dass ich es ursprünglich von Spyros gehört habe.

Ein Beispiel: Spyros weist uns darauf hin, dass die Stockwerke der Häuser unterschiedlich hoch sind. Zuoberst etwa sind die Fenster teils winzig klein – dort waren einst die Bediensteten einquartiert, denn denen knallte die Sonne direkt aufs Dach. Im Hochsommer alles andere als angenehm. Heute noch gibt es Wohnungen, die kaum für Menschen über 1.70 Meter geeignet sind.

Am höchsten sind die Fenster meist im dritten oder vierten Stock. Dort, wo es zwar Licht, aber keine direkte Sonneneinstrahlung gibt, und wo man Abstand hat zu den Strassen mit ihrem Dreck, den Händlern oder den erwähnten Prostituierten. Apropos: Die Paläste der ganz Reichen sind über Galerien miteinander verbunden; so konnten die Oberen einander besuchen, ohne sich zum Pöbel begeben zu müssen.

Ebenfalls auffällig ist, dass viele Fenster nicht echt sind, sondern auf die Fassade gemalt. Was sich mit einem Wort erklärt: Fenstersteuer. Wegen so was haben die Genueser den Ruf, extrem geizig zu sein.
Ein schönes Exempel dafür: Bei einem Haus hat der Besitzer einen Fahrstuhl installiert. Der Lift hält aber exklusiv bei seiner Wohnung im vierten Stockwerk. Alle anderen müssen die Treppe nehmen.

Am Tag zuvor hatten Armada und ich uns das Zentrum von Genua angesehen, die Piazza de Ferrari (benannt nach dem Aristokraten Raffaele de Ferrari, nicht nach der Automarke) mit dem Palazzo Ducale, wo einst die Dogen der Stadt residierten. Herzstück ist ein monumentaler Brunnen, dessen sprödes Design wir sehr bewunderten.

Spyros erklärt uns, dass besagter Brunnen in den 30ern gebaut wurde – also in der faschistischen Zeit. Die Symbolik ist dann auch offensichtlich, wenn man darauf achtet: Viele kleine Wasserstrahlen laufen in der Mitte zu einem grossen Strahl zusammen. So viel dazu.

Genau genommen arbeitet Spyros für eine Hostel-Gruppe (zu sehen auf seiner Website); um die Tour mitzumachen, muss man den Mitgliederbeitrag für den nationalen Hostelverband zahlen (einen Euro pro Person). Wer in einem der Häuser übernachtet, hat das automatisch erledigt. Um die Tour zu buchen, kann man sich bei einem der Hostels oder über Spyros‘ Kontaktformular melden.
Die Tour ist gratis, am Ende hat man aber die Möglichkeit, Spyros ein Trinkgeld geben. Wir haben noch nie so viel für eine Stadtführung bezahlt.
Kleiner Bonus: Das Ticket gilt zugleich als Gutschein für Geschäfte, Restaurants und Co., die mit Spyros zusammenarbeiten.

Im Anschluss an die Tour setzen sich ein paar von uns in ein Café und setzen die Gespräche fort.

 
Hier gehts zu Teil 2.

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