Shigeru Mizuki: Autobiografie eines Monster-Experten

Als ich letztens über Igorts Berichte aus Japan schrieb, erwähnte ich auch dessen Bewunderung für den Manga-Pionier Shigeru Mizuki. Der wiederum hat eine Autobiografie von knapp 1500 Seiten gezeichnet, die ich mir jetzt angesehen hab.

Shigeru Mizuki (1922–2015) gehörte zu den Grössen der Manga-Szene, wobei seine bekannteste Schöpfung sicher Kitarō ist. Jener ist Sohn von Yōkai (japanischen Monstern), wurde aber von einem Menschen aufgezogen. Und so hilft er Leuten, die Probleme mit Yōkai haben.

Die Manga-Reihe GeGeGe no Kitarō ist ziemlich ausufernd, und ich hab nur einen Bruchteil davon gelesen, aber was ich davon gelesen hab, gefällt mir. Ich liebe die Mischung aus Kinderstil und Grusel – die Helden sind simpel und freundlich gezeichnet, dafür kann die Atmosphäre ziemlich düster werden, und einige der Kreaturen sind durchaus erschreckend.

Diesen Kontrast trieb später Hideshi Hino, offensichtlich von Mizuki beeinflusst, noch etwas weiter. Mit der Kinderfreundlichkeit wars bei ihm dann vorbei.

Zurück zu Kitarō. Der bei Kindern populäre Manga wurden mehrmals fürs Fernsehen und Kino sowie als Videospiel adaptiert; in Sakaiminato, Heimatstadt des Künstlers, gibt es ein Shigeru-Mizuki-Museum und eine Shigeru-Mizuki-Strasse mit Bronzestatuen seiner Figuren. Überhaupt trug Mizuki in der Nachkriegszeit mit seinen Manga dazu bei, Yōkai in die Popkultur zu bringen. Blöd gesagt: Ohne Mizuki keine Pokémon.

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Igort: «Berichte aus Japan»

Der italienische Comiczeichner Igort (eigentlich Igor Tuveri) hat eine enge Verbindung zu Japan. Er entwickelt schon als junger Mann eine Faszination für das Land, woraus etwa der Band Baobab entsteht. In den Neunzigern reist er auf die Insel, arbeitet zehn Jahre lang für den Verlag Kodansha, feiert Erfolge mit der Manga-Serie Yuri.

Die Berichte aus Japan versammeln Igorts Erfahrungen mit dem Land. Auf Italienisch sind bisher drei Bände erschienen, die ersten beiden sind auf Deutsch erhältlich. Er schildert die knallharten Arbeitsbedingungen der Manga-Industrie, erzählt von japanischer Kunst und Lebensweise, von der Popkultur, von alltäglichen Erlebnissen.

Er bewundert den Zeichner Hokusai, den Autoren Mishima, Regisseur Seijun Suzuki, die Manga-Pioniere Tezuka, Shigeru Mizuki und Yoshiharu Tsuge. Er trifft Myazaki und Jirō Taniguchi. Der zweite Band, Ein Zeichner auf Wanderschaft, basiert auf einer Reise, zu der ihn Haiku-Dichter Bashô inspiriert hat.

Igort mischt die Comicform mit Gemälden, Fotos, geschriebenen Seiten. Eine Fundgrube. Ich habe einiges gelernt, für mich viele Tipps entdeckt. Die Mischung aus europäischer und japanischer Zeichentradition ist reizvoll, in Igorts Aquarellarbeiten kann man sich verlieren.

Wenn mich etwas stört, dann, dass Igorts mitunter in einen leichten Orientalismus abdriftet. Die Bewunderung, die Superlative werden anstrengend. Japaner:innen sind doch auch bloss Menschen.

Ausgehend vom zweiten Band entstand der Dokumentarfilm Manga do. Igort e la via del manga. Ich muss mal eine Version mit deutschen oder englischen Untertiteln finden.

Berichte aus Japan: Eine Reise ins Reich der Zeichen
Von Igort
Reprodukt 2016, 184 Seiten
Original: Guaderni Giapponesi vol. 1 – Un viaggio nell’impero dei segni, Coconino Press 2015
Berichte aus Japan: Ein Zeichner auf Wanderschaft
Von Igort
Reprodukt 2018, 184 Seiten
Original: Quaderni Giapponesi vol 2 – Il vagabondo del manga, Oblomov 2017

Mangazeichner, Salamander und andere Tiere: Yoshiharu Tsuges «Rote Blüten»

Nach der Lektüre von Der nutzlose Mann hab ich mir gleich das andere Buch von Yoshiharu Tsuge geholt, das es auf Deutsch gibt: Rote Blüten. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von zwanzig kurzen Comicgeschichten, die ursprünglich zwischen 1966 und 1973 erschienen. Und zwar in der Zeitschrift Garo, die äusserst wichtig war für die alternative Manga-Szene. Mit diesen Storys ist Tsuge bekannt geworden.

Sie sind stilistisch breit gefächert, und offensichtlich hat Tsuge über die Jahre hinzugelernt. Die erste und älteste Geschichte etwa, Chicko (1966), ist ziemlich simpel gezeichnet, erinnert an alte Kinder-Manga. Die späteren Beiträge sind künstlerisch ausgefeilter, Tsuge probiert mehr aus, wechselt je nachdem zwischen Cartoonstil und Realismus.

Wie viele Geschichten im Band, ist Chicko autobiografisch angehaucht. Hauptfigur ist ein Mangazeichner, seine Frau arbeitet in einer Bar – das kennen wir aus Der nutzlose Mann. Chicko ist der Name eines Reisfinken, den die Frau sich als Haustier gewünscht hat. Aber auch der Mann hat seine Freude am Tier. Einmal spielt er allerdings allzu wild mit dem Vogel, und dieser stirbt. Der Mann vergräbt ihn im Garten, um den Unfall vor seiner Frau zu verheimlichen.

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Tagebuch eines Taugenichts

Sukezo hat seine Familie zu einer Versteigerung für Steine geschleppt. Seine Hoffnung war, einige Stücke zu verkaufen — doch niemand war interessiert. Er bleibt auf sämtlichen Kosten sitzen. Seine Frau bricht auf der Strasse zusammen, weint und wütet. „Diese verdammten Steine! Was soll das alles? Ich halt das nicht mehr aus! Du raubst mir den letzten Nerv! Auch mit den Kameras und dem Antiquitätenladen hast du es nie richtig versucht. […] Warum bist du nur so?“

Der nutzlose Mann ist ein Manga von Yoshiharu Tsuge, ein Spätwerk des Künstlers, autobiografisch gefärbt. Jedenfalls ist der Protagonist, Sukezo, ebenfalls ein Mangazeichner. Weil der aber miserabel darin ist, sich Aufträge zu verschaffen, gibt er auf und schlägt sich stattdessen mit Gelegenheitsjobs durch. Sukezo versucht eben, schöne Steine zu verkaufen, trägt Leute über einen Fluss, oder restauriert alte Kameras, um sie weiterzuverkaufen. Als junger Mann hat er sich auch als Reis-Schmuggler versucht, oder er half dabei, ein Quartier-Magazin zu gründen. Alles erfolglos.

Weil er kein Geld heimbringt, arbeitet seine Frau, zum Beispiel in einem Wettbüro, aber das reicht auch kaum zum Leben.

Der Manga bedient eine Aussteiger-Romantik. Man kann sich gut vorstellen, wie es Yoshiharu Mitte der Achtziger geht: Er, 1937 geboren, ist 49 Jahre alt, ein Künstler, passt schlecht in ein Japan der Salarymen, der Leistungsbringer, des totalen Wirtschaftbooms. Auch die Manga-Industrie befindet sich in einem Umbruch der Professionalisierung (hab ich mir sagen lassen). Yoshiharu schreibt ein Buch über einen Mann, der sich dem konsequent entzieht.

Im letzten Kapitel kriegt Sukezo von einem befreundeten Antiquar ein Buch empfohlen. Es ist eine Haiku-Sammlung von Inoue Seigetsu (1822-1887). Der war ein Bettler, ein Obdachloser, ein Säufer. Aber er war eben auch ein Dichter. Ein nutzloser Mann, der Kunst geschaffen hat.

Der Unterschied zu Sukezo: Der hat eine Familie, die von ihm abhängig ist und darunter leidet, dass er nichts auf die Reihe kriegt. Das versetzt der Romantik einen Dämpfer.

In einem anderen Kapitel kommt Sukezo mit einem Vogelhändler ins Gespräch. Der weigert sich, Sittiche oder Papageien zu züchten, sondern setzt auf einheimische Vögel. Das veranlasst Sukezo zu einer Tirade: „Das Traditionelle, Japanische gilt als provinziell, aber alles, was aus dem Westen kommt, ist schick, selbst wenn es der letzte Dreck ist. Hauptsache, es ist Englisch. Wie kann man sich so leicht der Moderne verschreiben?“ Nachdem er mit seiner Tirade fertig ist, lässt die schlafende Frau des Vogelhändlers einen lauten Furz.

Apropos Kapitel: Der nutzlose Mann erschien sukzessive im Magazin Comic Baku, in in sich geschlossenen Kapiteln. (Von der ersten bis zur letzten Geschichte verändert sich der Stil merklich.)

Und Apropos Furz: Yoshiharu ist dem Vulgären nicht abgeneigt. Es geht öfters mal um Körperausscheidungen. Und um Sex. Als sich Sukezo dem Steinhandel verschreibt, besucht er einen Experten. Der hat ein besonderes Exemplar — geformt wie eine Vulva. „Ein vulgärer Stein … Ohne jede Eleganz und Poesie“, erklärt besagter Experte. „Aber im feuchten Zustand eine Rarität … Einfach einmalig.“

Der nutzlose Mann
Originaltitel: Muno no hito
Von Yoshiharu Tsuge
Aus dem Japanischen von Nora Bierich
Reprodukt, Berlin 2020
Erstveröffentlichung: 1985/1986 in der Zeitschrift Comic Baku

Sushi, Punker und Seitengassen in Shibuya (Japan 2019)

Im März 2019 reisten Armada und Rogerg nach Japan, wo sie eine gute Woche in Tokio und Kyoto verbrachten. Das sind ihre Erlebnisse.

Es ist die geschäftigste Kreuzung der Welt, zumindest aber die berühmteste: Das Scramble Crossing beim Bahnhof Shibuya. Fünf Strassen laufen hier zusammen, fünf Zebrastreifen führen rüber (einer davon quer). Bei Grün gehen hier bis zu 3 000 Leute aufs Mal durch; an einem guten Tag addiert sich das zu 500 000 Passanten. Ein oft benutztes Symbolbild für urbane Geschäftigkeit.

Armada und ich kommen am Bahnhof an und müssen uns erst einmal zurechtfinden; Shibuya Station gehört ja zu den grössten von Tokio (und damit der Welt). Zur Orientierung halten wir Ausschau nach dem Hachiko-Denkmal.
Hachiko (1923-1935) war ein Hund, der an der Station jeden Tag auf sein Herrchen wartete. Und weiterhin jeden Tag wartete, nachdem besagtes Herrchen gestorben war. Neun Jahre lang. Das Tier wurde schon zu Lebzeiten für seine Loyalität gefeiert und war ein Medienstar, es gibt zahlreiche Bücher und Filme. Darunter eine amerikanisierte Version mit Richard Gere in der Rolle des Besitzers.
So herzerwärmend die Geschichte ist: Das Japan, das Hachiko feierte, war ein Japan im faschistischen Wahn. Dieses Hohelied auf Loyalität hat einen ekligen Beigeschmack.

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Attack of the Weekly Links: Demokratie-Nacht, japanischer Kommunismus, Filmkunst

Nacht der Demokratie | Die Theatergruppe SinnSpiel wagt sich ins Hinterland der Schweiz und tritt am Streit-Festival in Luzern auf. Bei der Nacht der Demokratie handelt es sich um ein performatives Znacht, bei dem die Zuschauer ihr Demokratieverständnis verhandeln. Ich war dabei, als die Nacht zum ersten Mal veranstaltet wurden, und empfehle sie gern weiter.

Japan’s Lovable Communist Revolution | Passend zum Tag der Arbeit: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in Japan eine starke sozialistische Bewegung, fast wärs zu einer Revolution gekommen. Weshalb das dann doch nicht geklappt hat, erklärt das Video des Kanals Step Back. (Kurze Antwort: Die Amis waren schuld.)

Desillusioniert in der Filmkammer des Schreckens und Spinoff #4 | Kaum zu glauben, aber die Filmkammer des Schreckens ist zurück. Einmal mehr wird viel Schrott Filmkunst besprochen.

Vom neuen und vom alten Fischmarkt (Japan 2019)

Im März 2019 reisten Armada und Rogerg nach Japan, wo sie eine gute Woche in Tokio und Kyoto verbrachten. Das sind ihre Erlebnisse.

 
Toyosu Market

Sechs Uhr morgens. Auf den Strassen ist noch kaum jemand unterwegs. Ein Bus bringt uns runter zum Hafen, zum Toyosu Market, dem grössten Fischmarkt der Welt. Auch dort ist kaum jemand unterwegs. Zunächst einmal sehen wir nichts als riesige schmucklose Industriegebäude. Tja, was nun? Ein Arbeiter lotst uns schliesslich in die richtige Richtung.

Wir wollen zur Thunfisch-Auktion. Hier wird schon mal ein 278-Kilo-Fisch für umgerechnet 3 Millionen Franken versteigert.

Für Besucher*innen gibt es eine Aussichtsplattform. Deren Plätze sind beschränkt; der Fairness halber werden die Tickets verlost, Wochen im Voraus. Wir probierens gar nicht erst. Ist auch nicht nötig, denn rund um die grosse Auktionshalle gibts Gänge mit hohen Fenstern, durch die sich das Geschehen verfolgen lässt.

Wobei, wir sind zu spät dran: Die Auktion beginnt jeweils um halb fünf, jetzt wird bereits aufgeräumt. Nur noch wenige gefrorene Fischkörper liegen auf dem Boden. Dazwischen die letzten Arbeiter, viele auf den typischen blauen Transport-Wägelchen. Icchi-no, das Maskottchen des Toyosu Market (in Japan gibts für alles ein Maskottchen), ist die abstrahierte Version eines solchen Wägelchens.

Neben Fischen werden irgendwo im Komplex auch Früchte und Gemüse gehandelt. Das schauen wir uns nicht an, dafür schlendern wir durch einen Markt mit Verkaufsbuden und Essensständen. Keine Fenster. Eine durchschnittliche Lagerhalle hat mehr Charme. Die Verkäufer*innen langweilen sich.

Die Dächer des Komplexes sind begrünt und bilden eine Parkanlage. Eine Tafel weist darauf hin, das praktisch alles verboten ist, auch „Annoying acts“. Wir betrachten den Hafen von Tokio (wobei wir natürlich nur einen winzigen Teil davon im Blick haben).

Der Toyosu Market ist noch brandneu, erst im Oktober 2018 wurde er eröffnet, im Rahmen eines Landgewinnungsprojekts. Vorgänger war der Tsukiji Market — dorthin gehen wir als Nächstes.

 
Tsukiji Market

Der Tsukiji Market liegt nur drei bis vier Kilometer vom Toyosu Market entfernt. Eine Einschienenbahn bringt uns hin. Mehr als achtzig Jahre spielte sich hier täglich die grosse Thunfisch-Auktion ab, angefangen 1935. Bis sie 2018 eben weggezogen ist. Aber die Läden, Restaurants und Cafés sind geblieben.

Der Unterschied könnte nicht grösser sein: Toyosu ist grossräumig, menschenleer, steril, modern. Tsukiji dagegen ist klein, eng, voller Menschen, altmodisch. Natürlich ist der neue Fischmarkt viel optimaler, was Hygiene oder Logistik anbelangt. Der alte Fischmarkt ist aber eindeutig sympathischer. Kein deprimierendes Lagerhallen-Feeling.

Die Essensstände in Tsukiji sind zahlreich. Wir essen kalten Mini-Oktopus aus dem Becher, Muschel-Spiesschen, gefüllte Reisküchlein. Im Yonemoto Coffee Shop bekomm ich einen ausgezeichneten Espresso. Einmal geraten wir mitten in eine schwedische Reisegruppe, kommen aber mit dem Leben davon.

Die Welt der Salarymen aus der Vogelperspektive (Japan 2019)

Im März 2019 reisten Armada und Rogerg nach Japan, wo sie eine gute Woche in Tokio und Kyoto verbrachten. Das sind ihre Erlebnisse.

Wir befinden uns im 40sten Stockwerk des Tokyo World Trade Center. Rundherum eine Fensterfront; sie ermöglicht einen Blick auf den Hafen von Tokio und auf den Tokyo Tower. Früher sah man bei gutem Wetter den Fuji, allerdings wurden inzwischen einige Wolkenkratzer in den Weg gestellt, wir entdecken nur noch den Fuss des heiligen Berges.
Auch ohne den Fuji ist die Aussicht spektakulär. Die Stadt reicht weit in die Ferne — 10 Millionen leben hier, in der Metropolregion sinds 40 Millionen. Von hier oben sieht Tokio genau so aus wie in den Godzilla-Filmen.

Wir sind am Morgen am Flughafen Narita angekommen und mit der S-Bahn hierhin ins Viertel Hamamatsucho gefahren, wo auch unser Hotel liegt. Zu Mittag hatten wir Soba-Nudeln aus Buchweizen. Man isst sie kalt. Bis heute eins meiner liebsten Sommergerichte.

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„Aber lieber Herr Kracht, ich will mehr Subjektivität!“

In Pakistan trifft Christian Kracht einen Typen, der ihn mit zu einer Waffenfabrik nimmt. Irgendwo im Feld machen sie Schiessübungen mit einer Panzerfaust. “Ich zwinkerte mit den Augen, sah in die Richtung, in die ich geschossen hatte, und dort, wo eben noch ein Hügel stand, war jetzt keiner mehr. Der Hügel war weg, einfach so.” (S. 63)

In einer Diskothek in Hanoi nimmt ein Hongkong-Chinese Kracht mit auf die Herrentoilette und zeigt ihm dort seinen Riesenpenis. Kracht ist entsetzt und nimmt Reisaus. 

Gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre (einem Schriftstellerkollegen) will Kracht eine Lesung im Goethe-Institut von Bangkok halten. Doch mit dem Vorschlag blitzt er bei den verstockten Beamt*innen vom Institut ab. 

Der gelbe Bleistift ist der Titel einer Kolumne, die Kracht von 1992 bis 1999 für die Welt am Sonntag schrieb. Er wohnte dazumal in Bangkok, reiste viel in Asien herum und hielt das für die Leserschaft fest. 2000 erschien eine Auswahl (20 Storys) bei Kiepenheuer & Witsch.
Die Erstausgabe hat zudem ein Vorwort von Joachim Bessing (noch ein Schriftstellerkollege), jenes fehlt aber in meiner Ausgabe von Fischer Taschenbuch. Und dem Vernehmen nach kommt die Neuausgabe bei Kiepenheuer & Witsch ebenfalls ohne Bessing aus. Wieso auch immer. Hätten die Verlage Bessing nochmal Honorar zahlen müssen? Wollte man die Kosten für Papier und Tinte sparen? Elende Geizkragen. 

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Nicolas Bouvier und die Japaner

Letzten Herbst war ich mit der Gruppe Konverter im Tessin. In der kleinen Bibliothek unserer Unterkunft fand sich unter anderem Der Skorpionsfisch (1982) von Nicolas Bouvier (1929–1998); einer aus der Gruppe las uns anderen immer mal wieder aus dem Buch vor, meistens um das Abendessen herum. Wir hörten wundersame Geschichten über Ceylon (heute Sri Lanka). Bouvier war ein Reiseschriftsteller und Fotograf; 1955 lag er mehrere Monate in der Hafenstadt Galle flach: Malaria. In seiner Erzählung mischen sich Realität, Fieberträume und Mythen. Ich hatte den Skorpionsfisch bereits vor einigen Jahren mit Begeisterung gelesen, und mit ebenso viel Begeisterung entdeckte ich ihn neu.

Speziell für mich: Bouviers Buch ist eben ein Reisebericht über Sri Lanka, und während der Tessiner Woche hab ich einen Grossteil meiner eigenen Sri-Lanka-Texte geschrieben. (Freilich halten die keinem Vergleich stand.)

In meinem eigenen Buchregal steht der Skorpionsfisch gleich zweimal: in der Erstübersetzung von Barbara Erni sowie in der Neuübersetzung von Stefan Zweifel. Sobald ich dazu komme, Letztere zu lesen, werd ich was darüber schreiben. Heute jedoch gehts um etwas anderes: Um zwei Bücher von Bouvier über Japan. Das wären die Japanische Chronik (1975) sowie Das Leere und das Volle (2004). Ich hab mir gedacht, dass das ein schöner Vorgeschmack auf meinen eigenen Japanbericht wäre, der demnächst mal folgen soll. (Er wird ebenfalls nicht ans Vorbild heranreichen, aber was soll ich machen.)

Bouvier kam erstmals 1955 nach Japan, direkt von Ceylon her — das erwähnt er dann auch in der Japanischen Chronik. Da beschreibt er, wie er mit der MM Kambodscha im Hafen von Yokohama (nicht weit von Tokio) ankommt. Eine Horde von Journalisten stürzt sich auf die Neuankömmlinge und interessiert sich besonders für den „[…] in Ceylon eingeschifften Irgendwer, der im Schiffsbauch niedrige Arbeiten erledigte, um das Geld für seine Passage zusammenzukratzen […]“ (JC, S. 131). Damals waren Reisende aus dem Westen noch ein Thema von Interesse.

Einer [der Journalisten] war Yuji. „Es wird hart sein, sehr hart, es wird nicht von selbst gehen“, begrüsste er mich […]. „Wissen Sie überhaupt, wie man hier lebt?“
Hart? Hier war es zumindest kühl! Ich hatte acht Monate Tropen hinter mir, wegen der Hitze und der Malaria in einem wurmstichigen Gasthaus eingesperrt, das die Termiten geräuschvoll in Sägemehl verwandelten. Die Luft von Yokohama schlürft man gierig wie Champagner.“

JC, S. 133

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