Genua 2021, Teil 3/4: Kunstkram in Palästen und Kirchen

Hier gehts zu Teil 2.


Blick gen Westen. Links liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen.

Mit der römischen Antike, der Renaissance und dem Barock hat sich in den italienischen Städten so einiges an Kunst angesammelt. Gerade auch in Genua, einem der Knotenpunkte des Landes. So gibts jetzt in der Altstadt haufenweise ehemalige Paläste, die als spektakuläre Museen dienen.

Ursprünglich wollten wir in den grössten Palast der Stadt, den Palazzo Ducale, das kulturelle Zentrum Genuas – zumal dort eine MC-Escher-Ausstellung angekündigt war. (Es müssen ja nicht immer nur alte Bilder sein.) Allerdings haben wir nicht gemerkt, dass besagte Ausstellung erst in der Woche nach unserem Besuch anfängt. Also müssen wir uns andere Paläste suchen.

 
Palazzo Reale di Genova


Der Innenhof des Palazzo Reale.

Wie in den Restaurants, so gilt auch im Museum Zertifikatspflicht. Zudem müssen wir uns vor einen Temperaturscanner stellen; wer Fieber hat, wird abgewiesen.

Der Palazzo Reale wurde 1618 bis 1620 von der Familie Balbi errichtet, ging 1677 an die Familie Durazzo über und 1823 an das Haus Savoyen – Viktor Emanuel I. war 1815 am Wiener Kongress die Herrschaft über die Republik Genua zugesprochen worden, die damit Teil des Königreich Sardiniens wurde.
Dagegen haben sich die Genueser, die sich als Republikaner verstanden (nicht im amerikanischen Sinne), in den Folgenden Jahrzehnten gewehrt, teils heftig, etwa in der Revolte von Genua 1849.

Mit der Zeit jedoch liessen die Stadtbewohner von dem Wunsch ab, die Republik wiederherzustellen, und stützten stattdessen die Einigung Italiens. So stammte der Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini aus Genua. Er unterstützte 1860 Guiseppe Garibaldi bei seinem Zug der Tausend, an dessen Ende das vereinte Königreich Italien stand – regiert von Viktor Emanuel II., dem Grossneffen des oben erwähnten ersten Viktor Emanuele.

Der Palazzo war jedenfalls von 1823 bis 1919 die offizielle Residenz der Savoyer in der Stadt. Aus der Zeit stammen der Thronsaal und der Ballsaal, wie sie bis heute bestehen. Da sieht man etwa den Thron von Karl Albert (aktiv 1831–1849). Auf der Sitzfläche liegt seine Krone, als sei er nur schnell auf die Toilette gegangen.

Im heutigen Zustand gibt der Palast einen Eindruck davon, wie die Adelige im 19. Jahrhundert gehaust haben, mit ausladenden Räumen, prächtigen Möbeln, Gartenanlagen und Kunst. Jeder Menge Kunst. Der Palazzo präsentiert viele Künstler (männliche Form bewusst) aus Genua, dazu italienische und holländische Klassiker.
Etwas irritierend ist, dass es keine Plaketten gibt, aber man kriegt an der Kasse eine Broschüre, die über die wichtigsten Werke aufklärt. Für den Rest muss man sich auf der Website eher mühsam erklicken.

Mein Lieblingsgemälde: Porträt einer Frau mit Schosshund (1720–1725) des genuesischen Malers Domenico Parodi (1672–1742). Der herausfordernde, spöttische Blick der Dame fesselt sofort; die wenigsten Porträts aus der Zeit haben eine vergleichbare Lebendigkeit.


Porträt einer Dame mit Schosshund, Domenico Parodi.

Die Website bietet wenig Infos zum Hintergrund, mehr erfährt man vom Catalogo generale dei Beni Culturali (Allgemeinen Katalog des Kulturerbes). Da lesen wir etwa, dass das Gemälde in seiner heutigen Form eine Überarbeitung im späteren 18. Jahrhundert erfahren hat (womöglich durch Carlo Guiseppe Ratti, der in Savona geboren wurde, aber lange in Genua wirkte und dort starb).

Etwas verwirrend die Behauptung, das Gemälde zeige wohl Maria Maddalena Durazzo, die Frau (und Cousine) von Marcello Giuseppe Durazzo (er war zeitweilig Doge von Genua). Die Frau lebte von 1715 bis 1780, das beisst sich etwas mit mit der angeblichen Entstehungszeit des Bildes vor 1725. Oder zeigte das Gemälde ursprünglich eine andere Person und wurde erst mit der Überarbeitung zu einem Porträt der Maria Maddalena?

Ein weiteres Highlight: Der Kampf zwischen Perseus und Phineus (ca. 1680) von Luca Giordano (1634–1705). Das Bild zeigt, wie Perseus Phineus und seine Truppe besiegt, indem er sie mithilfe des Kopfes der Medusa versteinert. Hochgradig dramatisch und voller bemerkenswerter Details; man achte etwa auf die entsetzten Gesichter von Phineus‘ Männern oder seinen Schild aus einem Schildkrötenpanzer.


Der Kampf zwischen Perseus und Phineus, Luca Giordano.

Unten in der Mitte sehen wir einen von Phineus‘ Gefährten, der versteinert am Boden liegt, mit den Füssen voran zum Publikum. Rein anatomisch gesehen sind diese Füsse eigentlich viel zu klein, aber eine realistische Perspektive mit Riesenquanten wäre seltsam anzusehen, also hat der Maler ein bisschen geschummelt. Ganz ähnlich machte es Andrea Mantegna zweihundert Jahre zuvor bei seiner Beweinung Christi (ca. 1480).

 
 
Musei di Strada Nuova


Der Garten des Palazzo Bianco.

An der Via Garibaldi liegen drei Paläste, die zu einem Museum zusammengeschlossen sind: Die Musei di Strada Nuova. Strada Nuova deshalb, weil die Via Garibaldi ursprünglich (nach ihrer Errichtung im 16. Jahrhundert) so hiess.

Geht man von Westen Richtung Osten, liegt auf der linken Seite der Palazzo Rosso,. Bei unserem Besuch ist er wegen Umbauarbeiten geschlossen.
Gegenüber liegen der Palazzo Bianco mit seiner Kunstgalerie sowie der Palazzo Doria Tursi mit weiteren Gemälden, historischen Stücken (Wandteppichen, Münzen, Keramik etc.) sowie dem Paganini-Museum. Diese beiden Paläste sind über eine Galerie miteinander verbunden. Der Palazzo Doria Tursi dient übrigens auch als Rathaus.


Rechts der Palazzo Doria Tursi, rechts der Palazzo Rosso.

Der Palazzo Bianco entstand zwischen 1530 und 1540, Bauherr war Luca Grimaldi, dessen Familie heute die Fürsten von Monaco stellt. Das Gebäude erhielt seinen heutigen Namen nach einer grösseren Restaurierung 1716. Die Besitzer:innen wechselten im Laufe der Jahrhunderte, seit 1899 gehört der Palast der Stadt, und heute ist er eins der bedeutendsten Museen Genuas. Unter anderem daran erkennbar, dass die Gemälde hier sogar Plaketten haben.

Ein Herzstück der Sammlung ist Ecce Homo (ca. 1605) des Mailänders Caravaggio (1571–1610) – wir sehen Pontius Pilatus, wie er Jesus während des Prozesses der Menge präsentiert.

Das Bild hat eine bewegte Vergangenheit. 1921 klassifizierte man es noch als Kopie eines Caravaggio-Originals; als Maler galt dessen Freund Lionello Spada. Im Zweiten Weltkrieg wurde es schwer beschädigt, erst in den 50ern wurde es wiederentdeckt und 1954 Caravaggio zugeschrieben (was durchaus umstritten ist).
Interessant auf jeden Fall, dass sich Pilatus darauf kleidet wie ein europäischer Edelmann des 17. Jahrhunderts.


Ecce Homo, Caravaggio.

Aus Genua stammt Bernardo Strozzi (1582–1644), der in der Sammlung mit einer ganzen Reihe von Gemälden vertreten ist. Wer sie sich ansieht, merkt schnell, dass immer wieder dasselbe Modell auftaucht: Ginetta, Strozzis Schwester.


Im Uhrzeigersinn: Die Köchin, Madonna mit Kind und dem heiligen Johannes, Die heilige Cäcilia mit den Köpfen von Valerianus und Tiburtius, Die Musik.

Über eine Galerie begeben wir uns rüber in den Palazzo Doria Tursi. Errichtet 1565, ist das der grösste und prächtigste Palast an der Strada Nuova. Er hat allerdings keine Fresken, weil der Bauherr 1575 Pleite ging – Niccolò Grimaldi, Sohn des Palazzo-Bianco-Erbauers Luca. Niccolòs gewaltiges Vermögen stammte von den Schulden, die König Philipp II. von Spanien bei ihm hatte. Als der Monarch den Staatsbankrott erklärte, verlor auch Grimaldi sein Geld.
1596 ging der Palast an den Admiral Giovanni Andrea Doria über, der unter anderem Marquis von Tursi war. Daher hat das Gebäude seinen heutigen Namen.
Im 19. Jahrhundert gehörte es eine Weile den Jesuiten, seit 1850 ist es der Sitz der Gemeindeversammlung und 2004 wurde es zusammen mit dem Palazzo Rosso und dem Palazzo Bianco zu den Musei di Strada Nuova vereint.

Ein spektakuläres Werk in diesem Palast ist die Büssende Magdalena (1796), eine Skulptur von Antonio Canova (1757–1822). Er porträtiert Maria Magdalena als Büsserin. Seinerzeit wurde diese Maria gefeiert, aber auch kritisiert – Canova hatte es gewagt, der Marmorstatue ein Bronzekreuz in die Hände zu geben, und hat ihre Haare mit einer Mischung aus Wachs und Sulfur behandelt, um sie zu färben. Zu jener Zeit wars anscheinend kontrovers, verschiedene Materialien oder Bildhauerei und Malerei zu mischen.


Büssende Magdalena, Antonio Canova.

Canova hat später eine zweite Version hergestellt, die heute in der Eremitage in Sankt Petersburg steht. Diesmal hat er das Bronzekreuz weggelassen.
(Ich gebe zu, dass sie mir bei unserem Besuch in 2019 nicht aufgefallen ist.)

Am Ende landen wir noch in der Paganini-Abteilung. Der Geigenvirtuose Niccolò Paganini (1782–1840) gehört zu den bekanntesten Söhnen Genuas, und seiner Heimatstadt vermachte er unter anderem seine Lieblingsgeige: Il Canonne, 1743 von Giuseppe Guarneri gebaut. (Guarneri wirkte in Cremona, wie auch der fünfzig Jahre ältere Stradivari.) Schon seit 1851 wird sie im Palast ausgestellt, heute gesichert in einem klimakontrollierten Glaskasten.


Il Cannone, Giuseppe Guarneri.

Seit 1954 findet in halbregelmässigen Abständen der Premio Paganini statt, ein internationaler Wettbewerb für Geiger:innen. Wer gewinnt, hat die Ehre, an einem Konzert Il Cannone zu spielen.

Der Raum enthält weitere Erinnerungsstücke. Einen Geigenkasten, handschriftliche Noten, eine Taschenuhr, zwei Gitarren (Paganini war auch ein hochklassiger Gitarrist).

Zu seiner Zeit ein Megastar, ist Paganini nach wie vor der bekannteste Vertreter seiner Zunft, gefeiert als Genie, gefürchtet als Wahnsinniger. Kein Wunder, dass ausgerechnet Klaus Kinski 1989 einen Film über Paganini drehte (es war sein letzter). Paganini und Kinski hatten gleichermassen ein Talent dafür, ihren schlechten Ruf fürs Geschäft auszuschlachten.


Innenhof des Palazzo Tursi.

 
 
Chiesa del Gesù

In Genua stehen jede Menge Kirchen mit bedeutender Kunst. Herausgreifen möchte ich die Chiesa del Gesù (vollständiger Name: Chiesa del Gesù e dei Santi Ambrogio e Andrea), die nur einen Steinwurf vom Dogenpalast entfernt steht. Denn sie enthält eins der bemerkenswertesten Kunstwerke der Stadt.

Die Kirche wurde Ende des 16. Jahrhunderts erbaut. Die heutige Fassade ist eine Rekonstruktion aus dem späten 19.  Jahrhunderts; als Vorlage dienten Zeichnungen von Peter Paul Rubens (1577–1640), der 1605/4 Zeit in Genua verbracht und 1622 das Buch Palazzi di Genova veröffentlicht hatte – es ist das einzige Buch, das Rubens selbst herausbrachte, die Architektur der Stadt schien es ihm also angetan zu heben. Der genuesische Stil wurde dadurch auch in Nordeuropa beliebt.

Von Rubens stammt dann auch das eigentliche Highlight der Chiesa del Gesù: Die Beschneidung. Das Altargemälde zeigt eben die Beschneidung des kleinen Jesus; eine Darstellung, die Jesu Jüdisch-Sein prominent ins Zentrum stellt.

Dazu zwei Fun Facts am Rande:

Als 1610 die Saturn-Ringe entdeckt wurden, theoretisierte der vatikanische Gelehrte Leo Allatius, dass es sich dabei um die Vorhaut des Herrn handelt.

Traditionell findet in der jüdischen Religion die Beschneidung acht Tage nach der Geburt statt. Rechnet man vom 24. Dezember aus, landet man beim 1. Januar. Deshalb spricht man bei den Kalendern, die mit dem Januar anfangen, vom Circumcisionsstil. Die westliche Welt beginnt ihr Jahr mit der Beschneidung Jesu.

 
Hier gehts zum vierten und letzten Teil.

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