Genua 2021, Teil 4/4: Berge, Schiffe, Kolumbus und Anarchismus

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Rigi und Righi

Das Bild oben hab ich von der Righi aus geschossen, einem der Hausberge von Genua. Mit der Seilbahn kommt man relativ schnell hinauf, und die Aussicht ist den Ticketpreis durchaus wert. Es gibt dort auch einen Wanderweg, der an einigen Ruinen entlang führt, Teile eines alten Verteidigungs-Walls. Armada und ich stellen dann allerdings bald fest, dass wir weder die Zeit noch die richtige Ausrüstung für die Wanderung haben, also fahren wir wieder runter. (Das Foto entsteht an der normalen Autostrasse.)

Erst halte ichs für einen amüsanten Zufall, dass der Berg Righi heisst, ähnlich wie die Innerschweizer Rigi, ein Berg, der mir halbwegs vertraut ist.
Aber schau mal einer an: Zwischen der Righi und der Rigi besteht ein direkter Zusammenhang.

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Genua 2021, Teil 3/4: Kunstkram in Palästen und Kirchen

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Blick gen Westen. Links liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen.

Mit der römischen Antike, der Renaissance und dem Barock hat sich in den italienischen Städten so einiges an Kunst angesammelt. Gerade auch in Genua, einem der Knotenpunkte des Landes. So gibts jetzt in der Altstadt haufenweise ehemalige Paläste, die als spektakuläre Museen dienen.

Ursprünglich wollten wir in den grössten Palast der Stadt, den Palazzo Ducale, das kulturelle Zentrum Genuas – zumal dort eine MC-Escher-Ausstellung angekündigt war. (Es müssen ja nicht immer nur alte Bilder sein.) Allerdings haben wir nicht gemerkt, dass besagte Ausstellung erst in der Woche nach unserem Besuch anfängt. Also müssen wir uns andere Paläste suchen.

 
Palazzo Reale di Genova


Der Innenhof des Palazzo Reale.

Wie in den Restaurants, so gilt auch im Museum Zertifikatspflicht. Zudem müssen wir uns vor einen Temperaturscanner stellen; wer Fieber hat, wird abgewiesen.

Der Palazzo Reale wurde 1618 bis 1620 von der Familie Balbi errichtet, ging 1677 an die Familie Durazzo über und 1823 an das Haus Savoyen – Viktor Emanuel I. war 1815 am Wiener Kongress die Herrschaft über die Republik Genua zugesprochen worden, die damit Teil des Königreich Sardiniens wurde.
Dagegen haben sich die Genueser, die sich als Republikaner verstanden (nicht im amerikanischen Sinne), in den Folgenden Jahrzehnten gewehrt, teils heftig, etwa in der Revolte von Genua 1849.

Mit der Zeit jedoch liessen die Stadtbewohner von dem Wunsch ab, die Republik wiederherzustellen, und stützten stattdessen die Einigung Italiens. So stammte der Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini aus Genua. Er unterstützte 1860 Guiseppe Garibaldi bei seinem Zug der Tausend, an dessen Ende das vereinte Königreich Italien stand – regiert von Viktor Emanuel II., dem Grossneffen des oben erwähnten ersten Viktor Emanuele.

Der Palazzo war jedenfalls von 1823 bis 1919 die offizielle Residenz der Savoyer in der Stadt. Aus der Zeit stammen der Thronsaal und der Ballsaal, wie sie bis heute bestehen. Da sieht man etwa den Thron von Karl Albert (aktiv 1831–1849). Auf der Sitzfläche liegt seine Krone, als sei er nur schnell auf die Toilette gegangen.

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Genua 2021, Teil 2/4: Wachteln und Wildschweine

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Blick über Genua und den Apennin vom Belvedere Castelletto.

 
Wachteleier, Stockfisch und Zertifikate

Tagsüber ernähren wir uns von Cornetto, Focaccia und Farinata. Erstere beide kennt man auch hierzulande. Farinata ist eine Art Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl.

Faustregel: Man sollte nach Bäckereien Ausschau halten, die mit «Antico forno» angeschrieben sind, also einen alten Steinofen haben. So assen wir die besten Farinata beim Antico Forno della Casana di Ivan Sacchi.

Focaccia e dintorni hat zwar keinen Steinofen, aber trotzdem sehr gute Focaccia mit verschiedenen Belägen. Der Laden ist eine Empfehlung von Spyros.

Apropos Spyros: Der bringt uns auch den Granita näher, einen Slushi aus echten Früchten. Hierzu führt er uns in die Espressobar Don Paolo.

Wenn wirs grad von Espresso haben: Aufgrund von Magenproblemen vertrage ich meinen Lieblingskaffee nicht mehr. Gezwungenermassen bin ich auf Americano umgestiegen.
Das Spezielle in Genua: Das heisse Wasser wird in einem Extra-Kännchen serviert, so dass man die Espressotasse nach Belieben auffüllen kann.

Es ist der erste Abend für Armada und mich in Genua. Wie einst Maria und Josef wandern wir von Gasthaus zu Gasthaus, doch überall werden wir abgewiesen. Für die Stadt gilt: Wer nicht reserviert hat, kriegt nichts zu essen.

Am Ende landen wir im Sushi-Si. Das ist eine Touristenfalle mitten im Zentrum, also am Piazza de Ferrari, vis-à-vis vom Palazzo Ducale. Wir bekommen einen Platz auf der Dachterrasse.
Das Sushi ist ganz okay, abgesehen von den Lachsröllchen mit rohem Wachtelei – die sind super! Armada freilich findet sie eklig; also esse ich auch gleich ihre Portion.

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Genua 2021, Teil 1/4: Enge Gassen, schöne Brunnen

Vor ein paar Jahren war Armada schon einmal in Genua. Damals sagte sie mir, wir müssten unbedingt mal zusammen hin. Im September 2021 wars dann soweit, wir hüpften in den Zug. Unsere erste richtige Reise seit Beginn der Corona-Pandemie.


Ankunft am Bahnhof Genova Brignole.

 
Erbfeind Venedig

Genua liegt am Knie des italienischen Stiefels. Eine ideale Lage; die Stadt ist ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeer und den Alpen. Spätestens im 4. Jahrhundert v. Chr. muss es dort bereits einen griechischen Hafen gegeben haben (vor dem Aufstieg des römischen Reiches hatten die Griechen überall am Mittelmeer Kolonien).

Die Lage ist vergleichbar mit der von Venedig auf der anderen Seite der italienischen Halbinsel, bekanntlich ebenfalls eine wichtige Handelsstation. Über Jahrhunderte hinweg waren die beiden Städte Konkurrenten und Feinde – Venedig hatte allerdings immer einen Vorsprung aufgrund der lukrativen Beziehung zum Oströmischen Reich.

Genua ist eine gedrängte Stadt, erbaut auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen dem Ligurischen Meer und dem Apennin-Gebirge. Der Altstadt merkt man das nach wie vor an: Die Häuser haben acht Stockwerke oder mehr, die Strassen sind steil und schmal, alles ist an den Hang gebaut. Eine faszinierende Mixtur aus Mittelalter und Hongkong. Mir ist keine andere europäische Stadt bekannt, die so gebaut ist.

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Halloween 2021: Monster Dog

Was, schon wieder ein Claudio-Fragasso-Film? Der italienische Schrott-Regisseur verfolgt mich echt in meinen Albträumen. Letztes Jahr hab ich zu Halloween Rats: Notte di terrore besprochen, den dystopischen Ratten-Horror, den Fragasso zusammen mit seinem ewigen Komplizen Bruno Mattei verbrochen hatte.
Direkt danach machte er Monster Dog – ohne Hilfe von Mattei, dafür mit der seiner Frau Rossella Drudi. Sie ging ihm beim Drehbuch zur Hand (allerdings ohne dafür einen Credit zu kriegen).
Ausserdem beteiligt: Schock-Rocker Alice Cooper in der Hauptrolle. Allein schon das dürfte einen Blick wert sein.

Wie kams zum Film? Der holländisch-italienisch-amerikanische Produzent Eduard Sarlui hatte seinerzeit Rats gesehen und war davon derart begeistert (weshalb auch immer), dass er Fragasso gleich für einen weiteren Tierhorror engagierte. Die Logik: Wenns mit Ratten geklappt hat, klappts sicher auch mit Hunden. White Dog (1982) oder der Stephen-King-Verfilmung Cujo (1983) waren ja einträgliche Vorbilder.

Wobei Monster Dog in erster Linie schon ein Werwolf-Film ist. Das Genre war Anfang der Achtziger gross in Mode:
An American Werewolf in London (1981), The Howling (1981), Wolfen (1981), The Company of Wolves (1984), nur um ein paar zu nennen.

Aber schon klar: Hund, Wolf, ist doch eh dasselbe. So oder so, Hunde-Werwolf-Horror war genau das Richtige für einen Trittbrettfahrer wie Fragasso.

Er und sein Team drehten im Frühling und Sommer 1984 in Spanien. Das Land hatte sich spätestens in der goldenen Zeit des Spaghetti-Westerns als kostengünstige Drehstätte für Produktionen aus aller Welt etabliert. (Fragasso und Mattei selbst hatten dort 1979/1980 Virus: Hölle der Lebenden Toten runtergekurbelt.)

Zudem ist Spanien insofern eine sinnige Produktionsstätte für Monster Dog, als dass dort Paul Naschy wirkte – er war der Ober-Werwolf der Kinowelt, spielte einen solchen von 1968 bis 2005 in fünfzehn Filmen (je nach Zählung könntens auch vierzehn oder sechzehn gewesen sein). Wer sich im Werwolf-Genre auskennt, kennt den unglückseligen Polen Waldemar Daninsky. (Naschy verkörperte durchaus auch andere Filmmonster, aber das ist ein anderes Thema.)

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Halloween 2020: Rats — Notte di terrore

Begeben wir uns mal wieder in die tiefsten Untiefen des schlechten Geschmacks. In den Achtzigern haben die Italiener stapelweise billige Schrottfilme voller Gewalt und Sex produziert und dabei zünftig bei anderen, besseren Filmen geklaut, vorzugsweise bei solchen aus den USA. Damit haben sie dann die Bahnhofskinos und Videotheken der Welt beliefert. Will sagen: Es war nicht alles Fellini dazumal.

Zu den schlimmsten Kinoverbrechern gehörten Bruno Mattei und Claudio Fragasso. 1980 arbeiteten sie das erste Mal zusammen und zwar bei La vera storia della monaca di Monza, einem Nunsploitation-Streifen. (Das Genre dreht sich um die lustigen Kapriolen lüsterner Nonnen.) Fragasso besorgte das Drehbuch, Mattei die Regie. Diese Aufgabenteilung behielten sie die nächsten Jahre bei, wobei weder der eine noch der andere jemals so etwas wie Talent oder Skrupel bewies.

Noch im Jahr 1980 machten sie zudem Virus, auch bekannt als Hell of the Living Dead — ein stinkfreches Plagiat von George A. Romeros wegweisendem Zombie-Film Dawn of the Dead (1978). Sogar einen Teil der Musik haben sie übernommen. (Nicht einmal illegal, soweit ich das verstehe: Romeros Film war eine amerikanisch-italienische Co-Produktion, und Mattei hatte die richtigen Connections, um sich die Tracks ganz offiziell zu besorgen.)

Und so gings dann weiter mit den beiden Spiessgesellen. Eine kleine (!) Auswahl:

  • I sette magnifici gladiatori (1983) ist ein „Remake“ von The Magnificent Seven (oder The Seven Samurai), halt im Setting eines Sandalenfilms.
  • Strike Commando (1987) kupfert bei Rambo: First Blood Part II ab, bis hin zu einzelnen Szenen (ein modus operandi, der eine Spezialität des Duos war).
  • Robowar (1988) ist eine Mischung aus Predator und Robocop (ein Roboter jagt Soldaten im Dschungel).
  • Terminator II (1989) ist nicht etwa ein Plagiat von The Terminator, sondern ein Szene-für-Szene-Remake von Aliens, halt mit Mutanten statt Aliens. Immerhin läuft im Finale dann doch noch ein Cyborg Amok.

Terminator II war die letzte Zusammenarbeit von Fragasso und Mattei. Während Letzterer nicht wirklich noch was von Interesse zusammengewerkelt bekommen hat, schob Fragasso 1990 zumindest noch Troll 2 hinterher, einen Trashfilm, der heutzutage ähnlich viel Verehrung erfährt wie Plan 9 From Outer Space oder The Room — aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls, was die beiden zwischen 1980 und 1989 produzierten, geht auf keine Kuhhaut und nur knapp auf Zelluloid.

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Caviano 2020: Salami si, fascismo no

Wir sind mit der Gruppe Konverter eine Woche lang in Caviano, einem winzigen Dörfchen im Tessin, gleich an der Grenze zu Italien. Schreibwoche, Zeichnungswoche, Arbeitswoche.

Wir haben zum Glück ein Auto. Denn das Postauto fährt nur dreimal am Tag nach Caviano, und das nur werktags.

Wir schlafen/essen/duschen/kochen/trinken etc. im Casa la palma, einem ehemaligen B&B, jetzt Privatbesitz. Vom Badzimmer aus blicken wir auf einen kleinen Wasserfall. An der Fassade wachsen Trauben. Ein Schwedenofen im Wohnzimmer gibt uns Wärme. Caviano ist ein herziges Dörfchen, auch wenn fast nur Ferienhäusler dort wohnen.

Wir spazieren hinauf zur Chiesa dei Santi Abbondio e Andrea. An der Aussenseite der Kirche sind 8 Fresken befestigt. Sie entstanden 1972 für den Kreuzweg von Sant‘ Abbondio. Vom Wetter beschädigt, wurden sie 2002 abgehängt (ursprünglich warens 14 Stationen). Seit 2017 hängen sie am neuen Ort. Eins der Fresken stammt von HR Giger.

Wir wandern den Monti di Caviano hinauf zu einem Weiler namens Cento Campi. Hier steht das letzte strohbedachte Haus der Region — es ist ein Ort zum Rasten. Mit Ausblick. Der Ausblick ist toll. Auf dem Weg: Viele Heiligenhäuschen. Und ein Feuersalamander.

Wir fahren am Montag über die Grenze nach Maccagno, um im Unes Supermercato einzukaufen. Salami, Wein, Brot, Stracchino etc. Achtung beim Griff ins Regal: In Italien gibts entkoffeinierte Cola. Der Supermercato wirkt wie ein Relikt aus den 70ern. Gegenüber liegt eine Tabaccheria, wo man einen guten Espresse bekommt.

Wir fahren am Mittwoch über die Grenze nach Luino, zum Wochenmarkt. Holen Salami, Stracchino, Gemüse etc. Abstecher zum Carrefour Market für Wein, Brot, Kaffeebohnen etc. Gegen Mittag kommen die Touristenmassen, wir flüchten aus der Stadt. Bei Colmegna fahren wir den Berg hinauf, über enge, verschlungene Strässchen. Wir beten, dass niemand entgegenkommt. Wir bestaunen in Runo die Chiesa di San Girgio. Wir fahren weiter zum Panoramica giro Del Sole. Der Ausblick ist toll. In der Ferne tönt eine Kettensäge. Im Ristorante Grotto Bedore‘ essen wir mittelmässige Polenta.

Wir schauen zusammen Hamlet Goes Business. Shakespeare in der finnischen Hochfinanz. Film-noir-hommage. 80er-Jahre-Konzentrat. Von Aki Kaurismäki. Nur wenige Leute wissen den Film zu schätzen.

Wir entdecken Der Skorpionsfisch von Nicolas Bouvier. Ein Reisebericht über Sri Lanka mit märchenhaften Zügen. A. liest aus dem Buch vor, wir anderen lauschen.

Wir stehen am Donnerstag früh auf, denn Bruno bringt das Holz. Er hat eine motorisierte Garette mit Panzerraupen. Wir stapeln die Holzscheite vor dem Haus.

Wir putzen am Samstag das ganze Casa la palma.

Wir fahren über den San-Bernardino-Pass zurück in die Deutschschweiz und hören dabei Pat Thomas und die Eels.

 
Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Gruppe Konverter.