Moderna Museet Stockholm: Roboter, Fabelwesen, Collagen und so

Museumsbesuch | Im Rahmen des Städtetrips nach Stockholm besuchte ich auch das Moderna museet – das Museum für moderne und gegenwärtige Kunst. Ich sah böse Roboter, viele Collagen und mehr.

 
Unter anderem wollte ich das Moderna museet sehen, weil ich dachte, in jenem seien Teile von Östlunds The Square gedreht worden. Allerdings ist es wohl so, dass die Museumsinnenräume gar nicht dort, sondern in der Galleri Magnus Karlsson gefilmt wurden. Pech.
Immerhin: Angeblich basiert die Hauptfigur, Kurator Christian (Claes Bang), auf Daniel Birnbaum, dem Direktor des Moderna museet.
Und zudem: Museen für moderne Kunst gefallen mir so oder so, egal, ob sie eine Filmkulisse waren oder nicht.

Vor dem Moderna museet steht ein Kunstgarten. In Le paradis fantastique versammeln sich Skulpturen von Niki de Saint Phalle und Maschinen von Jean Tinguely. Sieht aus, als würden böse Roboter bunte Fabelwesen überfallen; man mag sich gar nicht vorstellen, was die Maschinen mit den armen Viechern anstellen. Die Gruppe entstand 1966 für die Weltausstellung in Montreal, 1971 wurde sie hier nach Schweden versetzt.

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Französische Miniaturen aus Russland

Als ich vergangenen Sommer mit der Allerliebsten in Helsinki war, besuchten wir auch ein Antiquariat: Das Laterna Magica. Da kaufte ich unter anderem das Bildkarten-Set Fourteenth-Century French Miniatures: Le Roman d’Athis et Prophilias ou le Siège d’Athènes by Alexandre de Bernay.

Der französische Autor Alexandre de Bernay (ca. 1150–ca. 1190) verfasste um 1180 das Versepos Li romans d’Alixandre – eine Biografie Alexander des Grossen in der Form eines höfischen Romans. Das Werk war ungeheuer erfolgreich – wenn wir heute vom Versamass des Alexandriners sprechen, so geht das auf dieses Buch zurück.

Li romanz d’Athis et Prophilias nun war ein früheres Werk des Autors.

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Hide Kawanishi und seine Ansichten von Kobe

Die Holzschnittdrucke von Hide Kawanishi (1894-1965) faszinieren mich – nahm er doch die traditionelle japanische Kunstform der Ukiyo-e (Holzschnittdrucke), gab ihr aber einen extrem modernen Twist.

Als Kawanishi in den 1910er-Jahren anfing, Holzdrucke zu machen, war die klassische Zeit der Ukiyo-e vorbei. Vom 17. bis 19. Jahrhundert wurden die Holzdrucke in Japan in Massenproduktion gefertigt. Verleger unterhielten Werkstätten, die Arbeit wurde verteilt auf Designer, Schnitzer und Drucker. Hokusai und Hiroshige sind die grossen Namen aus jener Zeit. Wobei die beiden nur zeichneten; den Rest besorgen eben die Schnitzer und Drucker, die sich selbst als Handwerker, nicht als Künstler verstanden. Und deswegen bis heute weitgehend anonym geblieben sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts funktionierte das Druckwesen in Japan längst nach westlichem Vorbild, aber die Ukiyo-e wurden von den Hanga-Bewegungen als Kunstform wiederentdeckt:
Die Vertreter des Shin hanga führten das Wesen der Ukiyo-e nach traditionellem Vorbild weiter, inklusive Arbeitsteilung. Ihre Bilder zeigten aber den Einfluss von westlicher naturalistischer Malerei.
Konsequente Modernisierer sind dagegen die Vertreter des Sosaku hanga (mitunter auch Moku hanga genannt). Da besorgten die Künstler alle Stufen der Holzdruckherstellung selbst, und ihr Stil orientierte sich an der europäischen Moderne. Kawanishi gehörte in diese Gruppe.

Er lebte in Kobe, der wichtigen Hafenstadt in der Bucht von Osaka, und stammte aus einer Familie von Händlern und Reedern. Kawanishi stieg allerdings nicht in dieses Geschäft ein – seine Familie besass auch eine private Poststelle, und er entschied sich dazu, diese zu führen. Kawanishi blieb ein Pöstler, auch nachdem die Filiale verstaatlicht wurde. Seine Drucke stellte er nebenbei her. Eine Kunstausbildung hatte er keine erhalten, er blieb Autodidakt. Seine Vorbilder waren Kanae Yamamoto, Lautrec, Van Goh, Onchi und Gaugin.

Kawanishi mochte angeblich ausländische, moderne Kunst viel mehr als die klassischen Ukiyo; seine Holzschnittdrucke heben sich stilistisch denn auch deutlich von diesen ab: Er arbeitet mit knalligen, monochromen Feldern und verzichtet auf die charakteristischen schwarzen Linien.
Trotzdem haben seine Werke etwas Traditionelles: Sie zeigen Landschaften, Stadtansichten, Artisten und Porträts schöner Frauen wie die klassischen Ukiyo-e. Eins seiner Hauptwerke ist Kobe Hyakkei (Einhundert Ansichten von Kobe) (1962) – dieses Prinzip von „X Ansichten von Y“ ist sehr traditionell, man denke nur an Hokusais bahnbrechende 36 Ansichten des Berges Fuji (1830-1836).

Kobe Hyakkei kann man sich vollständig auf der offiziellen Website der Stadt ansehen. Ein gewisser Takayuki Kita hat sich zudem die Mühe gemacht, allen 100 Ansichten in Kawanishis Werk nachzugehen und zu fotografieren, wie die Orte in der Gegenwart aussehen. Jedem Kawanishi-Bild ist eine Fotografie gegenübergestellt. Eine Leistung, die man gar nicht genug loben kann. Interessant zu sehen, welche künstlerischen Freiheiten sich Kawanishi genommen hat – und wie sehr sich die Stadt in gut 50 Jahren verändert hat.

Zu den interessantesten Ansichten gehört sicher jene von Kaigan-Dori, der Küstenstrasse. Kawanishi benutzt hier eine Perspektiven-Darstellung, die typisch ist für ältere Ukiyo-e: Dinge, die in der Ferne liegen, werden erhöht gezeichnet – im vorliegenden Fall die Schiffe im Wasser. Was bei Kawanishi aussieht, als würden diese Schiffe über den Himmel ziehen. In Sicht vom Berg Suwa benutzt er denselben Trick.

Hide Kawanishis Sammlung befindet sich heute im MoMAK, dem National Museum of Modern Art, Kyoto. Und wer nach Kobe in die Sannomiya Center Gai (Shopping Street) geht, sollte die Augen offen halten: Es gibt dort Buntglasfenster, die Kawanishi-Bilder zur Vorlage haben.

Kobe Hyakkei (Einhundert Ansichten von Kobe)
Hide Kawanishi, 1962

Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere

Kollege Barry ernährt sich seit Neuem vegan, entsprechend wählen wir die Restaurants aus. So gehen wir zum Abendessen in Xu’s Cooking. Vegetarisch-vegane asiatische Küche. Auf der Karte: Rind, Poulet und Co., aber es ist alles Fleischersatz. Ich bestelle knusprige Ente. Sie schmeckt wie panierter Fleischkäse. Dazu ein Kirin-Bier, danach Bambusschnaps und warmer Sake. Wir fangen an, Ärzte-Lieder zu singen. Anscheinend geben wir zu viel Trinkgeld, denn wir bekommen mehrmals Sake nachgeschenkt. Oder die Restaurantbesitzer sind Fans von Deutschpunk. Auf dem Heimweg singen wir noch mehr Ärzte-Lieder.

 
Freitag

Nach dem Frühstücksbuffet im Wombat flanieren wir zum Belvedere. Unser Weg führt über den Naschmarkt. Ich esse ein Zelten mit Kokosfüllung, herrlich. Wir kommen an einem Imbiss vorbei, wo gerade ein Filmteam dreht. Sie filmen einen älteren Schauspieler dabei, wie er etwas bestellt. Wir erkennen ihn nicht.

Am Rande des Naschmarkts liegt das Voodies, ein vegetarischer Burgerladen. Ich nehme einen Burger mit einem Hirse-Erbsen-Patty, dazu Dutch Fries mit Satay-Sauce und eine biologische Limo. Haut mich nicht vom Hocker, aber es ist besser als bei McDonald’s.

Unterwegs trinken wir noch einen Kaffee, dann sind wir endlich am Oberen Belvedere. Ich wollte dorthin, um Gustav Klimt die Ehre zu erweisen. Das Museum ist ein barocker Prachtbau, umgeben von einer grosszügigen Gartenanlage, die freilich noch winterlich-karg daliegt. Dennoch komm ich mir ohne Rüschen und wallende Gewänder underdressed vor. Es gibt auch ein Unteres Belvedere, das wir aus Zeitgründen auslassen.
Hauptstück der Sammlung ist Klimts Der Kuss. Hier konzentriert sich dann auch der Besucheransturm. Das ca. zweimalzwei Meter grosse Gemälde hängt an einem grossen Block, der ein wenig in den Raum hineinragt. Die Leute sind still, aber sie zücken alle das Handy und den Selfiestick. Einzelne fragen gar Fremde danach, sie vor dem Bild zu fotografieren. Es gibt Pärchen, die versuchen, die Pose des gemalten Paares nachzustellen – sieht sehr unbequem aus.
Es erinnert mich an das Amsterdamer Rijksmuseum, wo sich die Aufmerksamkeit ganz ähnlich auf Rembrandts Die Nachtwache bündelt.

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Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier

Nach dem Mittagessen verschwindet Barry zu seinem Verlag (bahoe books), ich dagegen geh ins Leopold Museum. Im Erdgeschoss die Ausstellung Klimt – Moser – Gerstl. Da haben wir den unvermeidlichen Gustav Klimt sowie Koloman Moser und Richard Gerstl. Klimt kennt man; Moser war Teil von dessen Wiener Jugendstil, Gerstl dagegen wandte sich explizit gegen Klimt und Co. (War aber dennoch wie die anderen beiden in der Wiener Secession.)
Moser war nicht nur von Klimt, sondern auch vom Schweizer Ferdinand Hodler beeinflusst. Das sieht man seinen Bildern an. Liebespaar gefiel mir.
Gerstls Bilder bedienen in ihrer Hässlichkeit und Amateurhaftigkeit eine Punk-Attitüde, bevor es Punk gab. Darunter einige Gemälde, an deren Rändern man noch die Leinwand sieht, die quasi gar nicht fertig sind.

Das Unfertige, Grobschlächtige von Gerstls Werk hat ein unerwartetes Echo im untersten Kellergeschoss, in der Ausstellung Wege ins Freie. Österreichische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Zum Grossteil nicht besonders interessant für mich, aber unter den Gemälden befanden sich auch einige Studien – also Entwürfe für Komposition oder Farbgebung. Auch hier: Teils sieht man an den Rändern die Leinwand.
Die Farbstudien erinnern mich darüber hinaus an die Avantgarde der Moderne, an die Impressionisten und Expressionisten. Bös gesagt: Die Modernen haben einfach ihre Bilder nicht fertiggemalt – ich wundere mich darüber, dass Maler jahrhundertelang Studien gemalt und nie gemerkt haben, dass die einen eigenen Wert haben.

Eigentlich aber bin ich ins Leopold Museum, um mir Egon Schieles Werke anzusehen – es ist sein Stamm-Museum, kein anderes hat so viel von ihm. Zu verdanken ist das dem Augenarzt Rudolf Leopold, dessen Kunstsammlung Grundstock des Museums ist. Im Übrigen finde ich es sehr sinnig, dass sich ein Augenarzt für Gemälde einsetzt.
Wie dem auch sei, Schiele starb im Oktober 1918, und deswegen macht das Museum eine „Jubiläumsschau“ zu seinem hundertsten Todestag: Reloaded. (Wer ist sich eigentlich noch bewusst, dass das Wort „reloaded“ durch den zweiten Matrix-Film populär wurde?)

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Kunst Museum Winterthur: Die Zärtlichkeit des Gilbs

Diese Woche war ich im Kunst Museum Winterthur (offizielle Schreibweise). Zu den Ausstellungen sage ich weiter unten ein paar Worte, aber zuerst will ich über etwas sprechen, das mich mehr faszinierte als alle Gemälde: die Wände des Kunstmuseums.
Genauer gesagt, die Wände des Standorts Beim Stadthaus – seit vergangenem Jahr hat das Museum ja zwei weitere Standorte: die Villa Flora sowie das ehemalige Museum Oskar Reinhart, jetzt Reinhart am Stadtgarten.

Der Standort Beim Stadthaus ist das ursprüngliche Museumsgebäude, es wurde 1916 eröffnet. Es gibt auch einen Erweiterungsbau von 1995, mir gehts aber um die Wände im alten Teil. Diese sind mit einer Leinen-Tapete bezogen, an die die Bilder und die Erklärungstäfelchen befestigt sind. Im Grunde ein cleveres System. Nur, dass die Tapete nach hundert Jahren (ich nehme an, dass sie noch aus der Anfangszeit stammt) völlig vergilbt ist, ja teils sogar verschimmelt, so wie es aussieht.
Die Tapete, die einst weiss gewesen sein mag, ist weitgehend von einem gelblich-gräulichen Beige. An vielen Stellen weist sie dunkle, rötlich bis graue Flecken auf, die sich mitunter zu ganzen Mustern verbinden. Vereinzelt kann man die Spuren von Erklärungstäfelchen entdecken, die entfernt wurden. Man stelle sich das vor: Da hängen Gemälde von Van Gogh, Picasso oder Paul Klee an vergammelten Wänden.

Der Ekel hält aber nur kurz an, denn schnell fällt mir die ästhetische Qualität dieser Vergilbung auf. Gerade die Flecken bilden stellenweise filigrane. Bei einigen Verfärbungen muss man genau hinsehen, um sie wahrzunehmen. Ein zartes Memento mori.
Kommt hinzu, dass die Sinnlichkeit dieser Vergilbung über das bloss Visuelle hinausgeht, denn die Tapete verbreitet einen deutlich wahrnehmbaren Geruch. Dieser hat etwas Stickiges und Modriges – was wohl auch damit zusammenhängt, dass die meisten Räume fensterlos sind. Aber der Geruch hat auch etwas Gemütliches, Vertrautes. Als würde man einen geliebten alten Onkel in seiner Stube besuchen, die seit vierzig Jahren genau gleich eingerichtet ist.
Ich kann mir vorstellen, dass diese Tapete in nicht allzu ferner Zukunft entfernt oder zumindest gereinigt wird, denn für ein Kunstmuseum ist ein derartiger Zustand doch ein wenig peinlich. Aber damit ginge auch etwas Schönes verloren – in meinem Leben war ich in einigen alten, vernachlässigten Museen, und diese hatten doch stets einen liebenswerten Charme an sich.

Wie dem auch sei: Ich fotografiere die schönsten Verfärbungen ab.

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