Das Buch der wahrscheinlich anarchistisch beeinflussten Künstler*innen

Allan Antliffs Buch Anarchie und Kunst liest sich wie eine in die Länge gezogene Seminararbeit. Es stellt den misslungenen Versuch dar, ein an sich interessantes Thema zu beleuchten: das Verhältnis von Anarchie und Kunst.

Im ersten Kapitel widmet sich Antliff dem Realismus des Malers Gustave Courbet, den er auf Grund seiner Beteiligung an der Pariser Commune 1871 in der Nähe zum Anarchismus verortet wissen will. Courbet sorgte mit seinen Gemälden immer wieder für Skandale in der bürgerlichen Kunstwelt. Pierre Joseph Proudhon, ein zwischen Anarchismus und Reformismus schwankender Journalist und Schriftsteller,* verfasste eine umfangreiche Verteidigung Courbets, in der Proudhon zugleich sein Kunstverständnis darlegt. Kunst sei, was im Dienste des gesellschaftlichen Fortschrittes stehe. Dazu gehörten für Proudhon auch die Gemälde Courbets. Das Kapitel endet mit der Erwähnung seines Engagements in der Commune und den Umständen seines Todes.

*Zwar war es Proudhon, der das Wort Anarchie in einem positiven Sinn verwendet hat, doch kann deswegen nicht sein ganzes Schaffen als anarchistisch bezeichnet werden. Dies erfährt man bei Antliff freilich nicht.

Ab diesem Punkt lassen Sprache und Argumentation des Buches immer mehr zu wünschen übrig. Wie eine Lithographie im Stande sein soll, «scharfe Kritik am Hunger zu üben», erschliesst sich wohl nur dem Autor. Zwischen Darstellung und Interpretation zu trennen, hält er wohl für überflüssig. Von den Neoimpressionisten weiss er zu berichten, dass «anarchistische Politik» deren «Technik durchtränkte». Um seine These zu untermauern, zitiert Antliff eine andere Studie. Deren Argument erschöpft sich darin, dass zwischen den harmonisch gesetzten Farbtupfern und den – imaginierten – Individuen einer anarchokommunistischen Gesellschaft Ähnlichkeiten bestehen würden.

Das dritte Kaptiel ist dem französischen Künstler Francis Picabia und dem New Yorker Dada gewidmet. Das Portrait d’une jeune fille en toute nudité will Antliff genauer unter die Lupe nehmen. Allerdings möchte er nur seine Interpretation mit den Leser*innen teilen. In seinem Buch, das doch einige Abbildungen enthält, fehlt gerade die zu einem der zentralen Bilder, die er interpretiert. Dass der Autor an fundierten Recherchen nicht interessiert ist, wird spätestens dann klar, wenn er diese durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzt (sämtliche Hervorhebungen von mir):

Jahre später erzählte Duchamp, die Lektüre Stirners* in München habe zu seiner «vollständigen Befreiung» geführt. Er und Picabia standen sich sehr nahe, und nach der Rückkehr nach jenem Herbst, diskutierten sie wahrscheinlich ausführlich über Stirners Ideen.

Beispielsweise haben Duchamp und Picabia möglicherweise im Oktober jenen Jahres, unmittelbar vor Picabias Reise in die Vereinigten Staaten, auf ihrer Reise ins französische Jura über Stirner gesprochen.

Diese sexuelle Note hatte Pariser Wurzeln. Denn höchstwahrscheinlich lieferte die Anregung in gewissem Grade Der Supermann (1902, dt. 1969) ein satirischer […] Roman des französischen Satirikers Alfred Jarry.

Als Picabia in New York ankam, dürfte der Fall Tice, aufgrund seiner Erfahrungen mit dem amerikanischen Feldzug gegen das «Laster» während der Armory Show, also sehr wahrscheinlich seine Aufmerksamkeit erregt haben.

*Stirner war ein Zeitgenosse von Karl Marx und gilt, obwohl er sich nie so bezeichnet hat als einer der wichtigsten individualanarchistischen Denker.

Den Rest des Buches geht es so weiter. Antliffs Interpretationen nehmen sich so aus wie der Ausstellungskatalog eines Museums.

Allan Antliff: Anarchie und Kunst. Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer. Übersetzt von Katja Cronauer. Lich/Hessen 2011.

Atelierbesuch bei Mathias Bernhard

Zum letzten Mal traf ich Mathias Bernhard an einer Vernissage von Walter Krabichler selig in Kitzbühel. Mathias lud mich damals zu einem Besuch in sein Atelier ein, und fast ein Jahr später hab ich dafür endlich Zeit gefunden. Das Atelier befindet sich in der Nähe der Hahnenkammbahn in Kitzbühel, in einer alten Scheune, die mal als Halle zum Squash spielen genutzt worden war, bis sie der Maler als zu einem Atelier umbaute. Mathias ist ca. 30 Jahre alt und hat lange Haare, welche er sich zu einem Zopf hochbindet, das mutet leicht asiatisch an. Sein Blick ruht eher auf den Dingen als das er sie durchdringt, und er schaut immer leicht an einem vorbei. Die Luft im Atelier ist kühl und ein wenig feucht. Es riecht weder nach Kuhstall, noch Farbe, noch abgestandenem Rauch. Als ich dem Raum betrete, läuft laute Gitarrenmusik.

Ich weiss nicht so genau, warum Mathias mich eingeladen hat. Ich glaube schon, dass er einschätzen kann, dass ich viel zu abgebrannt bin und immer sein werde, als dass ich ihm je was werde abkaufen können. Als wäre es nötig, mich erst mal ganz klar abzugrenzen, schimpfe ich die erste halbe Stunde über die Kunstszene, das Kunstsystem und den Kunstmarkt, über die Erfolglosigkeit von Leuten, die ich super finde, über die Erfolge von Leuten, die ich scheisse finde, über die Erfolge von Leuten, die ich super fände, würden sie nicht vor allem kompromissorientiertes Kommerzzeug machen, und dann noch über jene talentierten Leute, die ihre Zeit damit verschwenden müssen, Gelder von Stiftungen und Förderungen aufzutreiben, um dann in der wenigen Restzeit, die ihnen bleibt, ein wenig so was wie Kunst zu machen. Ja, und eigentlich ginge es in diesem ganzen Betrieb doch nur um Status, Show, bürgerliches Geprotze statt mit Auto halt mit Werken, wer hat den Längsten, wer hat den Grössten, wer ist der Beste, und wer kann es sich leisten, mitzumachen?
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Winkelried und die Geschichtsschreiber

Die älteste Darstellung von Zürich stammt von 1485 — man findet sie in der Zürcher- und Schweizerchronik von Gerold Edlibach (1454-1530), auch bekannt als Edlibachchronik. Zu sehen ist die Belagerung der Stadt durch die anderen Eidgenossen im Alten Zürichkrieg. 1444 war das. Zürich und Schwyz hatten sich damals um die Erbschaft des Grafen von Toggenburg gestritten, was einen kleinen Krieg unter den Acht Alten Orten auslöste. Irgendwie muss man ja die Zeit füllen.

Wie so oft in mittelalterlicher Kunst, stimmt auf der Zeichnung das Grössenverhältnis von Menschen und Häusern überhaupt nicht, und irgendwie hat Edlibach bei der Ausrichtung der Stadt und ihrer Bauwerke einiges durcheinandergebracht — das Bild insgesamt ist seitenverkehrt, und die Schöpfräder der Limmatmühlen befinden sich auf der falschen Seite der Brücken. Solche Sachen.

Hier kann man sich das ganz genau in der digitalisierten Fassung anschauen. Die meisten Handschriften in der Ausstellung sind online frei zugänglich; hier ist der Link mit der Liste (einfach runterscrollen).

Allen Fehlern zum Trotz: Das Bild ist ein wichtiger Blick zurück in die Stadtgeschichte. Und jetzt kann man es sich im Original in der Ausstellung Krieg und Frieden in der Zentralbibliothek ansehen. Der Ausstellungstitel ist eher nichtssagend, der Untertitel jedoch klärt einiges auf: Bilderchroniken aus der Frühzeit der Alten Eidgenossenschaft.

Angefangen mit der Tschachtlanchronik von 1470, fertigten Schweizer Chronisten im 15. und 16. Jahrhundert Pergament- und Papierhandschriften an, in denen sie die Geschichte der Eidgenossenschaft niederschrieben und mit prächtigen Bildern versahen. Weder Geschichtsbücher noch Buchillustrationen waren dazumal eine neue Idee — aber Geschichtsbücher mit Buchillustrationen? Was das anbelangt, waren die Schweizer anscheinend die ersten.

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Komisches und Tragisches im Zentrum Paul Klee

Im Zentrum Paul Klee läuft derzeit eine Ausstellung, die das Schaffen von Klee jenem von Jacques Ernst Sonderegger und Charlie Chaplin gegenüberstellt. Der Titel dieser Ausstellung lautet Jenseits von Lachen und Weinen, und sie untersucht, grob gesagt, den Zusammenhang zwischen Komik und Tragik im Werk eben jener drei Künstler. Das klingt ziemlich schwamming, und das ist es auch. Ist aber auch egal, denn spannend ist das gezeigte Zeug dennoch.

Eigentlich hätte die Ausstellung nur bis im Mai laufen sollen, ist aber bis September verlängert worden. Wegen Corona, nehm ich an. Ist mir recht, denn sonst hätt ich nicht die Chance gehabt, sie zu sehen. Obzwar mich ein paar Sachen gestört haben, aber dazu später.

 
Paul Klee (1879-1940)

Ich mag die Strichmännchen und Bauklötze von Klee, deswegen wollte ich auch schon lange mal ins Zentrum, das ihm gewidmet ist.
In Jenseits von Lachen und Weinen sind in erster Linie Kritzeleien zu sehen: Witzige Porträts und Tierfiguren, satirische Bilder. Dazu aber auch Gemälde, Handpuppen oder vollgezeichnete Schulbücher. Schön abwechslungsreich. Einiges drunter, was mir noch unbekannt war.

Vereinzelt begegnet man bekannten Klassikern, zum Beispiel der Radierung Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich (1903). Die beiden Männer auf dem Bild sind nackt (FKK-Strand?), tragen also keine äusseren Abzeichen ihres Status – von ihren extravaganten Bärten mal abgesehen. Jedenfalls gehen sie auf Nummer sicher und verbeugen sich tiefstmöglich.

Es gibt sehr, sehr viele tolle Ausstellungsstücke; zu meinen liebsten gehört Drei Fische (1939).

 
Jacques Ernst Sonderegger (1882-1956)

Aus dem Ausstellungsführer: Ausgangspunkt dieser Ausstellung ist die wenig bekannte Freundschaft Paul Klees mit dem Schweizer Karikaturisten Jacques Ernst Sonderegger, von dem der junge Klee wichtige künstlerische Hinweise erhielt.

Und: Klee und Sonderegger verband ein gemeinsames Verständnis von Humor: Das damals blühende Genre der Karikatur stellt das gesellschaftliche und politische Leben überspitzt dar und kommentiert es ironisch. Im Gegensatz dazu ist das Medium Karikatur für Klee und Sonderegger eine Möglichkeit, sich Grundfragen des menschlichen Lebens zu stellen.

Und: Klee und Sonderegger lernten sich 1906 kennen und pflegten ab diesem Zeitpunkt eine Freundschaft, die aus ihrer Korrespondenz bis 1914 rekonstruiert ist.

Sonderegger war mir vor der Ausstellung tatsächlich kein Begriff, aber ich bin den Paul-Klee-Leuten dankbar, dass sie diese Bildungslücke bei mir geschlossen haben. Besonders grandios sind Sondereggers Illustrationen zu den Geschichten von Edgar Allan Poe – denen ist in der Schau eine ganze Wand gewidmet. Anscheinend hat er seine Passion für Poe auch Klee vermittelt.

 
Charlie Chaplin (1889-1977)

Wieder der Ausstellungsführer: «Wenn er Chaplin sah, hinter dessen Lachen tiefer Ernst stand, war er glücklich.» So schreibt Paul Klees Sohn Felix über die Bewunderung seines Vaters für den einflussreichsten Komiker der Filmgeschichte.

Und: Obwohl von Paul Klee keine wesentlichen Aussagen zu Chaplin überliefert sind, finden sich in seinem Werk erstaunliche motivische Parallelen zu Chaplins Filmen.

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Eine Leinwand aus Geld

Ischgl
Von Lois Hechenblaikner
240 Seiten, 205 Abbildungen
Steidl Verlag, Göttingen 2020

Seit mehr als 25 Jahren fotografiert der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner den Skiort Ischgl. Dieser Hotspot des kommerziellen Bergtourismus erlebte im Zuge des Corona-Frühlings 2020 und seiner Rolle darin als Virenverteiler ein PR-Desaster. Hechenblaikner nutzte die Gunst der Stunde und veröffentlicht jetzt im Sommer darauf einen Bildband über Ischgl. Man könnte nun viel über Overtourism und den Verkauf der Berge schreiben, welchen die Bilder versuchen zu dokumentieren, das wird aber schon in begleitenden Texten im Bildband differenziert getan. Der Fotograf Hechenblaikner sieht seine Arbeit primär als jene eines kritischen Aktivisten wider den totalen Kommerz. Wer ihn aber darauf reduziert, wird ihm als Künstler nicht gerecht. Denn unabhängig von den Themen Natur, Ausverkauf der Heimat, Tirol und Tourismus zeigen die Bilder der zugesoffen Partysporttouristen vor allem den Ist-Zustand der heutigen Zeit in soziologisch distanzierter Ästhetik. Sie überzeugen durch eine tiefe Menschlichkeit, die eine sehr genaue Beobachtung ermöglicht. Wer sich Ischgl vor Ort und bei klarem Verstand, also ohne Drogen, antun würde, könnte es niemals so betrachten, wie es die Fotos dieses Buches zu leisten fähig sind. Man wäre viel zu abgelenkt oder angeekelt distanziert oder nicht im Stande, nüchtern zu bleiben.

Auf den Fotos selbst werden primär die Ischgler Après-Ski-Partys dokumentiert. Es sind Szenen von betrunken Gruppen in allerhand Verkleidungen inklusive Skiausrüstung, von massivem Alkoholkonsum und von schrecklichen Bausünden. Gezeigt wird der gewaltige Ausbau des Skigebietes genauso wie die verschiedenen Bars und ihre Programmankündigungen. Das Ganze wirkt wie die Fasnacht auf dem Land, einfach extrem aufgeblasen, verbunden mit Wintersport und dem höchstmöglichen Grad an Kommerz und Anzahl Gästen.

Früher galten die Berge als Ort des Schreckens und des Grauens sowie menschlicher Armut. Insbesondere im Paznauntal, wo Ischgl liegt. Niemand, der nicht musste, wollte da hin, geschweigen denn da leben oder länger als nötig Zeit verbringen. Dann, mit der Möglichkeit, Berge sportlich zu bezwingen und technisch einnehmen zu können, verloren sie ihren Schrecken. Der Berg wurde zur romantischen Projektionsfläche für Fremde. Die perfekte Kulisse für allerhand Träume, die niemals in Erfüllung gehen. Die Ischgler Bergbauern begannen die Kulisse wie alle in Tirol nach dem 2. Weltkrieg systematisch zu verkaufen. Nur waren sie noch einen Tick dreister im Marketing als alle anderen. In der Kulisse Skiferien boten sie nämlich die Möglichkeit, endlich mal richtig die Sau rauszulassen und sich bis zur Besinnungslosigkeit jene Wünsche zu erfüllen, für die man im Alltag zu arm, wenig mutig, langweilig, nüchtern oder scheu war. ”Relax, if you can…” ist ihr Werbespruch. Ganz ehrlich. Wer sich und sein Leben aushält, kann entspannen, alle anderen… Um das über die Jahre beizubehalten, musste allerdings an der Event-Schraube wieder und wieder enorm gedreht werden, bis zur totalen Dekadenz. Diese wird im Bildband dargestellt.

Lois Hechenblaikner: Ischgl, Idalp, April 2014
Ischgl von Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag.
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Digitaler Farbholzdruck: Mokuhankan Collection

Im Tokioter Stadtteil Asakusa gibts einen kleinen Laden namens Mokuhankan, der Farbholzdrucke herstellt und verkauft. Der Kanadier David Bull betreibt denselbigen (sowie einen empfehlenswerten Youtube-Kanal, auf den ich hier schon mal hinwies).
Im März 2019 war ich mit der Allerliebsten höchstselbst dort, aber das ist eine Geschichte für ein andermal.

Jedenfalls: In der Coronakrise musste Mokuhankan schliessen, was den Leuten aber Zeit gab, David Bulls private Sammlung zu digitalisieren — oder zumindest damit anzufangen. Bisher haben sie knapp ein Zehntel aller Farbholzdrucke erfasst.
So kann man sich nun online die Mokuhankan Collection anschauen. Die Navigation ist konsequent unübersichtlich, aber die Seite befindet sich auch erst im Aufbau. Zum ziellosen Schmökern eignet sie sich jedenfalls.

Die Bilddateien sind wunderbar gross, so dass man sich die Arbeiten im Detail ansehen kann. Zu jedem Stück gibts einen Kommentar. Vor allem aber: Bull und Co. haben die Farbholzdrucke so abfotografiert, dass man ihre Relief-artige Beschaffenheit zumindest erahnen kann. Auf Fotos oder Scans geht ja oft verloren, dass sich beim japanischen Holzdruckverfahren das Papier um die Farbflächen hebt.
Es gibt zudem Verfahren, die das besonders betonen. Zum Beispiel das karazuri und kimedashi, zwei verwandte Arten der Blindprägung, bei denen dem Papier Muster oder Reliefstrukturen eingeprägt werden (mehr dazu hier). Oder das nunomezuri, wo ein Stück Stoff auf die Druckplatte geklebt wird, so dass dessen Oberflächenstruktur auf das Blatt übertragen wird. In dieser Group of Akashi-ban Surimono findet man mehrere Beispiele dafür.

Eine wunderbare Online-Ausstellung, in der man sich leicht verlieren kann.

Die Eremitage in Sankt Petersburg: Zwischen Kunst, Geschichte und einem ausgestopften Schwan

Mein Highlight des Sankt-Petersburg-Trips war der Besuch der Eremitage. Immerhin ist das das zweitgrösste Kunstmuseum der Welt (nach dem Louvre), also genau mein Ding.

Zu Beginn müssen die Allerliebste und ich doch tatsächlich nach dem Haupteingang suchen (wär doch bloss irgendwo ein Neonschild angebracht) – nach einer Weile finden wir ihn im Innenhof des Winterpalasts, den man vom Alexanderplatz her betritt.
Reiseführer und Tourismus-Seiten warnen immer wieder vor den langen Warteschlangen, aber wir haben Glück, denn jetzt – Ende Oktober – ist die Hochsaison vorbei, und es ist Mittwoch. Wir stehen nicht lange an. Dennoch: Der Eingangsbereich ist vollgepackt mit Menschen; sie stauen sich an den Garderobekassen und bei den Metalldetektoren.
Danach wird es schnell besser: Die Eremitage ist derart weitläufig, dass sich die Massen problemlos verteilen. Mitunter findet man sich allein in einer Galerie wieder.
Dennoch möchte ich nicht wissen, wie es hier an einem Wochenende in den Sommerferien aussieht.

Der Winterpalast ist das Zentrum der Eremitage. Schon 1711 wurde ein solcher für Peter den Grosse erbaut, doch im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gebäude mehrmals abgerissen und neu gebaut, rekonstruiert, saniert, renoviert und so weiter. Mehr oder weniger in der heutigen Form existiert der Palast seit 1839. Zweihundert Jahre lang war er die Residenz des Zaren, bis Nikolaus II. im März 1917 abgedankt wurde.

Die Eremitage ihrerseits nahm ihren Anfang Mitte des 18. Jahrhunderts, als Katharina II. (Katharina die Grosse, 1729–1796) anfing, eine Kunstsammlung aufzubauen. Die erworbenen Gemälde stellte sie zunächst im Winterpalast aus; 1764 liess sie zur Unterbringung die kleine Eremitage bauen (1775 war das Gebäude fertiggestellt). Eremitage ist von „Eremit“ abgeleitet, und Katharinas Eremitage wurde so genannt, weil sich die Zarin alleine oder mit Freunden dorthin zurückzog. (Mit einer eigentlichen Eremitage im Sinne eines Rückzugsort für Mönche oder Einsiedler hat das wenig bis gar nichts zu tun.)
Über die Zeit kam Gebäude um Gebäude hinzu, und nach der Revolution 1917 wurde auch der Winterpalast offiziell der Eremitage einverleibt. Des weiteren umfasst sie heute einen Teil des Generalstabsgebäudes auf der anderen Seite des Palastplatzes oder den Menschikow-Palast am Universitätsquai.
Hinzu kommen einige internationale Ableger, wie die Eremitage Amsterdam oder das Guggenheim Hermitage Museum in Las Vegas.

 

Prunk und Pfauen

Die Allerliebste haut irgendwann ab und verschwindet in ein Café. Ich dagegen verbringe den gesamten Nachmittag in der Eremitage, was allerdings immer noch viel zu wenig Zeit ist, um sich alles anzusehen. So habe ich mir im Vorfeld einen Besichtigungsplan zurechtgelegt, der sich auf bestimmte Teile der Ausstellung konzentriert.

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Moderna Museet Stockholm: Roboter, Fabelwesen, Collagen und so

Museumsbesuch | Im Rahmen des Städtetrips nach Stockholm besuchte ich auch das Moderna museet – das Museum für moderne und gegenwärtige Kunst. Ich sah böse Roboter, viele Collagen und mehr.

 
Unter anderem wollte ich das Moderna museet sehen, weil ich dachte, in jenem seien Teile von Östlunds The Square gedreht worden. Allerdings ist es wohl so, dass die Museumsinnenräume gar nicht dort, sondern in der Galleri Magnus Karlsson gefilmt wurden. Pech.
Immerhin: Angeblich basiert die Hauptfigur, Kurator Christian (Claes Bang), auf Daniel Birnbaum, dem Direktor des Moderna museet.
Und zudem: Museen für moderne Kunst gefallen mir so oder so, egal, ob sie eine Filmkulisse waren oder nicht.

Vor dem Moderna museet steht ein Kunstgarten. In Le paradis fantastique versammeln sich Skulpturen von Niki de Saint Phalle und Maschinen von Jean Tinguely. Sieht aus, als würden böse Roboter bunte Fabelwesen überfallen; man mag sich gar nicht vorstellen, was die Maschinen mit den armen Viechern anstellen. Die Gruppe entstand 1966 für die Weltausstellung in Montreal, 1971 wurde sie hier nach Schweden versetzt.

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Französische Miniaturen aus Russland

Als ich vergangenen Sommer mit der Allerliebsten in Helsinki war, besuchten wir auch ein Antiquariat: Das Laterna Magica. Da kaufte ich unter anderem das Bildkarten-Set Fourteenth-Century French Miniatures: Le Roman d’Athis et Prophilias ou le Siège d’Athènes by Alexandre de Bernay.

Der französische Autor Alexandre de Bernay (ca. 1150–ca. 1190) verfasste um 1180 das Versepos Li romans d’Alixandre – eine Biografie Alexander des Grossen in der Form eines höfischen Romans. Das Werk war ungeheuer erfolgreich – wenn wir heute vom Versamass des Alexandriners sprechen, so geht das auf dieses Buch zurück.

Li romanz d’Athis et Prophilias nun war ein früheres Werk des Autors.

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Hide Kawanishi und seine Ansichten von Kobe

Die Holzschnittdrucke von Hide Kawanishi (1894-1965) faszinieren mich – nahm er doch die traditionelle japanische Kunstform der Ukiyo-e (Holzschnittdrucke), gab ihr aber einen extrem modernen Twist.

Als Kawanishi in den 1910er-Jahren anfing, Holzdrucke zu machen, war die klassische Zeit der Ukiyo-e vorbei. Vom 17. bis 19. Jahrhundert wurden die Holzdrucke in Japan in Massenproduktion gefertigt. Verleger unterhielten Werkstätten, die Arbeit wurde verteilt auf Designer, Schnitzer und Drucker. Hokusai und Hiroshige sind die grossen Namen aus jener Zeit. Wobei die beiden nur zeichneten; den Rest besorgen eben die Schnitzer und Drucker, die sich selbst als Handwerker, nicht als Künstler verstanden. Und deswegen bis heute weitgehend anonym geblieben sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts funktionierte das Druckwesen in Japan längst nach westlichem Vorbild, aber die Ukiyo-e wurden von den Hanga-Bewegungen als Kunstform wiederentdeckt:
Die Vertreter des Shin hanga führten das Wesen der Ukiyo-e nach traditionellem Vorbild weiter, inklusive Arbeitsteilung. Ihre Bilder zeigten aber den Einfluss von westlicher naturalistischer Malerei.
Konsequente Modernisierer sind dagegen die Vertreter des Sosaku hanga (mitunter auch Moku hanga genannt). Da besorgten die Künstler alle Stufen der Holzdruckherstellung selbst, und ihr Stil orientierte sich an der europäischen Moderne. Kawanishi gehörte in diese Gruppe.

Er lebte in Kobe, der wichtigen Hafenstadt in der Bucht von Osaka, und stammte aus einer Familie von Händlern und Reedern. Kawanishi stieg allerdings nicht in dieses Geschäft ein – seine Familie besass auch eine private Poststelle, und er entschied sich dazu, diese zu führen. Kawanishi blieb ein Pöstler, auch nachdem die Filiale verstaatlicht wurde. Seine Drucke stellte er nebenbei her. Eine Kunstausbildung hatte er keine erhalten, er blieb Autodidakt. Seine Vorbilder waren Kanae Yamamoto, Lautrec, Van Goh, Onchi und Gaugin.

Kawanishi mochte angeblich ausländische, moderne Kunst viel mehr als die klassischen Ukiyo; seine Holzschnittdrucke heben sich stilistisch denn auch deutlich von diesen ab: Er arbeitet mit knalligen, monochromen Feldern und verzichtet auf die charakteristischen schwarzen Linien.
Trotzdem haben seine Werke etwas Traditionelles: Sie zeigen Landschaften, Stadtansichten, Artisten und Porträts schöner Frauen wie die klassischen Ukiyo-e. Eins seiner Hauptwerke ist Kobe Hyakkei (Einhundert Ansichten von Kobe) (1962) – dieses Prinzip von „X Ansichten von Y“ ist sehr traditionell, man denke nur an Hokusais bahnbrechende 36 Ansichten des Berges Fuji (1830-1836).

Kobe Hyakkei kann man sich vollständig auf der offiziellen Website der Stadt ansehen. Ein gewisser Takayuki Kita hat sich zudem die Mühe gemacht, allen 100 Ansichten in Kawanishis Werk nachzugehen und zu fotografieren, wie die Orte in der Gegenwart aussehen. Jedem Kawanishi-Bild ist eine Fotografie gegenübergestellt. Eine Leistung, die man gar nicht genug loben kann. Interessant zu sehen, welche künstlerischen Freiheiten sich Kawanishi genommen hat – und wie sehr sich die Stadt in gut 50 Jahren verändert hat.

Zu den interessantesten Ansichten gehört sicher jene von Kaigan-Dori, der Küstenstrasse. Kawanishi benutzt hier eine Perspektiven-Darstellung, die typisch ist für ältere Ukiyo-e: Dinge, die in der Ferne liegen, werden erhöht gezeichnet – im vorliegenden Fall die Schiffe im Wasser. Was bei Kawanishi aussieht, als würden diese Schiffe über den Himmel ziehen. In Sicht vom Berg Suwa benutzt er denselben Trick.

Hide Kawanishis Sammlung befindet sich heute im MoMAK, dem National Museum of Modern Art, Kyoto. Und wer nach Kobe in die Sannomiya Center Gai (Shopping Street) geht, sollte die Augen offen halten: Es gibt dort Buntglasfenster, die Kawanishi-Bilder zur Vorlage haben.

Kobe Hyakkei (Einhundert Ansichten von Kobe)
Hide Kawanishi, 1962