Die Schönheit eines zerschossenen PDF: Das Mädchen und die Spinne

Das Mädchen und die Spinne ist der Nachfolgefilm zu Das merkwürdige Kätzchen. Ein weiterer Film ist geplant, der die Tierfilm-Trilogie abschliessen soll: Der Spatz im Kamin.

Mädchen/Spinne ist der zweite Langspielfilm der Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher. Die beiden stammen aus dem Bernischen. Gedreht haben sie in einer ehemaligen Bierbrauerei in Bern (genug Platz, um Kulissen-Wohnungen zu bauen). Vor den Fenstern standen Greenscreens, auf die später Aussichten auf Bern und Berlin aufgespielt wurden.

Eine WG. Lisa (Liliane Amuat) zieht aus und in eine eigene Wohnung, Mara (Henriette Confurius) bleibt zurück mit Markus (Ivan Georgiev). Zwischen Mara und Lisa stimmt irgendwas nicht. Mara ist sowieso seltsam drauf. Sie macht zum Beispiel ein Loch in einen Becher und lässt Rotwein über den Tisch laufen.

Lisas Mutter (Ursina Lardi) hat Freude an Möbelschlepper Jurek (André Hennicke), Umzugshelfer Jan (Flurin Giger) hat Freude an Mara, landet aber zuerst mit der Nachbarin Kerstin (Dagna Litzenberger-Vinet) im Bett und dann mit Nora (Lea Draeger), der Mitbewohnerin der Nachbarin.

Weiterlesen

Werbung

Winkelried und die Geschichtsschreiber

Die älteste Darstellung von Zürich stammt von 1485 — man findet sie in der Zürcher- und Schweizerchronik von Gerold Edlibach (1454-1530), auch bekannt als Edlibachchronik. Zu sehen ist die Belagerung der Stadt durch die anderen Eidgenossen im Alten Zürichkrieg. 1444 war das. Zürich und Schwyz hatten sich damals um die Erbschaft des Grafen von Toggenburg gestritten, was einen kleinen Krieg unter den Acht Alten Orten auslöste. Irgendwie muss man ja die Zeit füllen.

Wie so oft in mittelalterlicher Kunst, stimmt auf der Zeichnung das Grössenverhältnis von Menschen und Häusern überhaupt nicht, und irgendwie hat Edlibach bei der Ausrichtung der Stadt und ihrer Bauwerke einiges durcheinandergebracht — das Bild insgesamt ist seitenverkehrt, und die Schöpfräder der Limmatmühlen befinden sich auf der falschen Seite der Brücken. Solche Sachen.

Hier kann man sich das ganz genau in der digitalisierten Fassung anschauen. Die meisten Handschriften in der Ausstellung sind online frei zugänglich; hier ist der Link mit der Liste (einfach runterscrollen).

Allen Fehlern zum Trotz: Das Bild ist ein wichtiger Blick zurück in die Stadtgeschichte. Und jetzt kann man es sich im Original in der Ausstellung Krieg und Frieden in der Zentralbibliothek ansehen. Der Ausstellungstitel ist eher nichtssagend, der Untertitel jedoch klärt einiges auf: Bilderchroniken aus der Frühzeit der Alten Eidgenossenschaft.

Angefangen mit der Tschachtlanchronik von 1470, fertigten Schweizer Chronisten im 15. und 16. Jahrhundert Pergament- und Papierhandschriften an, in denen sie die Geschichte der Eidgenossenschaft niederschrieben und mit prächtigen Bildern versahen. Weder Geschichtsbücher noch Buchillustrationen waren dazumal eine neue Idee — aber Geschichtsbücher mit Buchillustrationen? Was das anbelangt, waren die Schweizer anscheinend die ersten.

Weiterlesen

Transcending: Mit dem Kopf gegen die Spüle

Zurzeit läuft im Stüssihof ein Mysterydrama des Aargauer Filmfans Michael Wettstein. Darin führen übernatürliche Phänomene ein amerikanisches Ehepaar in die Schweiz. Dass da Fans einen eigenen Film auf die Beine stellen, ist bewunderswert – aber Transcending zeigt auch die Gefahr fehlplatzierter Prioritäten.

Wettstein ist ein absoluter Hollywood-Fan, er verfügt über eine riesige Kollektion an Selfies, die er mit verschiedensten Filmstars geschossen hat. Nun ist er selbst Filmproduzent und erfüllt sich mit seinem eigenen Film einen Traum. […] Die beste Schule sei es, seinen eigenen Film zu drehen, rezitiert Wettstein den grossen Filmemacher Stanley Kubrick.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Mein Ziel besteht nicht darin, Michael Wettstein oder sein Werk runterzumachen – als Nichtprofessineller einen eigenen Film auf die Beine zu stellen, ist beeindruckend, und als Mitglied der Gruppe Konverter bin ich ganz und gar für den Dilettantismus. Aber Transcending – The Beginning of Josephine ist auch ein gutes Beispiel, an dem sich einige Sünden der Laienfilmerei aufzeigen lassen. Und diese haben ihren Ursprung in einem schwerwiegenden Umstand: Es ist leicht, eine Kamera zu kaufen, aber schwierig, eine Geschichte zu erzählen.

Einen Film zu machen, ist heutzutage banal, denn dank digitaler Videotechnik verfügt jeder für wenig Geld über die nötigen Mittel – man schaue sich nur den vorvorjährigen Kritikerliebling Tangerine an, der auf einem iPhone 5s gedreht wurde. Aber abgesehen vom beispiellosen Zugang auf die Technik ist das Erzählen einer Geschichte mit filmischen Mitteln immer noch genau so schwierig wie zu Anbeginn des Kinos. Spätestens seit den Achtzigern (als sich die Videokamera auf breiter Basis etablierte) gibt es also haufenweise Leute, die zwar zur Kamera greifen, aber sich nicht die Mühe machen, das Geschichtenerzählen zu erlernen – denn sie erliegen dem Irrtum, mit dem Kauf der nötigen Technik sei das Wichtigste schon erledigt.
In Extremfällen führt das zu so etwas wie Oliver Krekels Robin Hood: Ghosts of Sherwood — ein Film, der sogar in 3D gedreht wurde, aber kein Stück besser erzählt ist als schlechtes Schülertheater (und dementsprechend unerträglich zum Angucken).

So macht es mich auch misstrauisch, wenn Michael Wettsteins Pressedienst lauter oberflächliche Errungenschaften anpreist, aber kaum ein Wort zu Story oder Figuren verliert:

Wettstein hat sich bekannte Drehorte ausgesucht. Die Protagonisten des Films leben in den gleichen Häusern wie Tom Cruise in Steven Spielbergs «War of the Worlds». Ausserdem liess Wettstein eigens für seinen Film ein ganzes New Jersey-Haus in einer Aargauer Lagerhalle nachbauen. […] Wettstein engagierte für seinen Film den Basler Komponisten Raphael Benjamin Meyer, der auch schon für die TV-Serie «Der Bestatter» Musik schrieb. Für den Cast stellte er Schweizer, Deutsche und Amerikanische Schauspieler an.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Worum geht’s denn eigentlich?

Der Film hebt an mit einem Prolog im schweizerischen Wohlen (Kanton Aargau). Dort wird im Jahre 1975 eine gewisse Rosa Maria Huber bestattet. Zwar gibt es keine Leiche, aber da ihr Verschwinden schon zwei Jahre zurückliegt, hat man es gut sein lassen und sie für tot erklärt. Sie hinterlässt einen kleinen Sohn (dem wir später wiederbegegnen) sowie einen Mann, den man hinter vorgehaltener Hand verdächtigt, seine (reiche) Frau um die Ecke gebracht zu haben.

Zwei Dinge sind festzustellen:

  • Look und Ton wirken auf den ersten Blick durchaus professionell – immerhin etwas.
  • Auch wenn der Prolog in der Schweiz spielt, sprechen die Figuren Englisch. Das behalte man im Gedächtnis für später.

Weiterlesen

Heimatland: Die kollektive Wolke

heimatland_06

Über den Alpen braut sich eine Wolke zusammen. Grösser und grösser wird sie, bis sie sich schliesslich über die ganze Schweiz ausbreitet. In der Wolke bauen sich gewaltige Ladungen auf; die Experten sagen einen Gewittersturm voraus, wie es nie zuvor einen gegeben hat. Panisch verstecken sich die Menschen in Bunkern. Einige versuchen, in die EU zu flüchten — doch die europäischen Nachbarn machen die Grenzen dicht, um den eidgenössischen Flüchtlingsströmen Herr zu werden.

Ja, es gibt gewisse Parallelen zu Emmerichs The Day After Tomorrow.

Während die Wolke wolkt, reagieren die Leute unterschiedlich auf die angekündigte Katastrophe:

  • Der Leiter einer Kaufhausfiliale bemüht sich, die Panikkäufe in geordnete Bahnen zu lenken — notfalls mit Gewalt.
  • Weil gewaltige Schäden zu erwarten sind, ruft der Verwaltungsrat einer Versicherung eine Krisensitzung ein. Doch ein wichtiges Mitglied fehlt.
  • Erinnerungen an einen toten Asylanten holen eine Polizistin ein.
  • Zwei Mädchen sperren sich in eine Wohnung ein und ergehen sich in archaische Rituale.
  • Eine alte Frau füttert ihren Vogel.
  • etc.

 
Triumph des Willy

Das Timing ist ziemlich gut: Die SVP ging aus den letzten Wahlen nicht zuletzt als grosse Siegerin hervor, weil sie die Angst vor ausländischen Flüchtlingshorden heraufbeschwor („Das Asylchaos fliegt Bundesrätin Sommaruga um die Ohren“).* Nun dreht Heimatland den Spiess um und hält den braven Eidgenossen die eigene Unmenschlichkeit vor. Der Applaus von linker Seite ist den Filmschaffenden sicher, während Bürgerliche den Film geflissentlich ignorieren oder bestenfalls als Propaganda abfertigen.

*Der Rest vom Erfolg geht auf Willys Konto

Weiterlesen