Eine Leinwand aus Geld

Ischgl
Von Lois Hechenblaikner
240 Seiten, 205 Abbildungen
Steidl Verlag, Göttingen 2020

Seit mehr als 25 Jahren fotografiert der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner den Skiort Ischgl. Dieser Hotspot des kommerziellen Bergtourismus erlebte im Zuge des Corona-Frühlings 2020 und seiner Rolle darin als Virenverteiler ein PR-Desaster. Hechenblaikner nutzte die Gunst der Stunde und veröffentlicht jetzt im Sommer darauf einen Bildband über Ischgl. Man könnte nun viel über Overtourism und den Verkauf der Berge schreiben, welchen die Bilder versuchen zu dokumentieren, das wird aber schon in begleitenden Texten im Bildband differenziert getan. Der Fotograf Hechenblaikner sieht seine Arbeit primär als jene eines kritischen Aktivisten wider den totalen Kommerz. Wer ihn aber darauf reduziert, wird ihm als Künstler nicht gerecht. Denn unabhängig von den Themen Natur, Ausverkauf der Heimat, Tirol und Tourismus zeigen die Bilder der zugesoffen Partysporttouristen vor allem den Ist-Zustand der heutigen Zeit in soziologisch distanzierter Ästhetik. Sie überzeugen durch eine tiefe Menschlichkeit, die eine sehr genaue Beobachtung ermöglicht. Wer sich Ischgl vor Ort und bei klarem Verstand, also ohne Drogen, antun würde, könnte es niemals so betrachten, wie es die Fotos dieses Buches zu leisten fähig sind. Man wäre viel zu abgelenkt oder angeekelt distanziert oder nicht im Stande, nüchtern zu bleiben.

Auf den Fotos selbst werden primär die Ischgler Après-Ski-Partys dokumentiert. Es sind Szenen von betrunken Gruppen in allerhand Verkleidungen inklusive Skiausrüstung, von massivem Alkoholkonsum und von schrecklichen Bausünden. Gezeigt wird der gewaltige Ausbau des Skigebietes genauso wie die verschiedenen Bars und ihre Programmankündigungen. Das Ganze wirkt wie die Fasnacht auf dem Land, einfach extrem aufgeblasen, verbunden mit Wintersport und dem höchstmöglichen Grad an Kommerz und Anzahl Gästen.

Früher galten die Berge als Ort des Schreckens und des Grauens sowie menschlicher Armut. Insbesondere im Paznauntal, wo Ischgl liegt. Niemand, der nicht musste, wollte da hin, geschweigen denn da leben oder länger als nötig Zeit verbringen. Dann, mit der Möglichkeit, Berge sportlich zu bezwingen und technisch einnehmen zu können, verloren sie ihren Schrecken. Der Berg wurde zur romantischen Projektionsfläche für Fremde. Die perfekte Kulisse für allerhand Träume, die niemals in Erfüllung gehen. Die Ischgler Bergbauern begannen die Kulisse wie alle in Tirol nach dem 2. Weltkrieg systematisch zu verkaufen. Nur waren sie noch einen Tick dreister im Marketing als alle anderen. In der Kulisse Skiferien boten sie nämlich die Möglichkeit, endlich mal richtig die Sau rauszulassen und sich bis zur Besinnungslosigkeit jene Wünsche zu erfüllen, für die man im Alltag zu arm, wenig mutig, langweilig, nüchtern oder scheu war. ”Relax, if you can…” ist ihr Werbespruch. Ganz ehrlich. Wer sich und sein Leben aushält, kann entspannen, alle anderen… Um das über die Jahre beizubehalten, musste allerdings an der Event-Schraube wieder und wieder enorm gedreht werden, bis zur totalen Dekadenz. Diese wird im Bildband dargestellt.

Lois Hechenblaikner: Ischgl, Idalp, April 2014
Ischgl von Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag.

Hier kommt dann schnell das Reden vom Untergang des authentischen Tiroler Oberlandes und dem Verlust und Verkauf aller traditionellen Werte, weil alles nach Alm und Kuh benannt wird. Dabei müsste jeder, der sich mit Ischgl beschäftigt, dagegen gefeit sein. Die wenigen armen Bergbauern, die hier lebten, konnten mehr schlecht als recht vom kargen Alpenboden leben und hungerten sich so durch die Jahrhunderte. Bis sie als eine der ersten eine Seilbahn bauten, die erst einmal bei der Probefahrt abstürzte. Dieser Unfall konnte den Pioniergeist aber nicht stoppen. Die Silvrettabahn erlaubt ihnen nun, die Tourismuskuh so ausgiebig zu melken, wie es halt geht. Und so wie sie die über die Zeit gewachsenen Mentalität gelehrt hat, jede noch so kleine Matte für die Produktion von Winterheu oder den Anbau kargen Gemüses zu nutzen, so nutzen sie jetzt jede Möglichkeit, noch etwas Geld vom Urlauber in ihre Tasche abzuzwacken. Man hat irgendwie Respekt vor diesen wertkonservativen Neumillionären und ihrem Geschäftssinn, auch wenn die kapitalistische Wirtschaftsform, derer sie sich bedienen, natürlich auf der Ausbeutung der billigen Gastroarbeiter aus dem Osten beruht und ökologisch so katastrophale Auswirkungen hat wie überall auf der Welt.

Doch was zeigen die Bilder Hechenblaikners denn nun wirklich? Die Technik macht dem Übermenschen möglich, auf 2300 Meter über Meer im Winter mit 25000 anderen ein Konzert von Superstars wie Tina Turner, Helene Fischer, Elton John oder Rhianna zu besuchen. Es wird ein wahnsinniger Aufwand betrieben, nur damit sich Menschen total primitiv benehmen können. Und das tun diese ganz bewusst. Dank vollendeter Entfremdung im Totalen als konsumierte Distanzierung kann man sich den vermeintlich ursprünglichsten Trieben hingeben oder was man dafür hält, weil es bei übermässigem Alkoholkonsum nach vorne zu treten sich nötigt. Dabei ist die Enthemmung nur eine gespielte, der Tabubruch und die Freiheit sind ebenfalls nur Inszenierung in der Leere, denn sie werden keine persönlichen oder strukturellen Veränderung in irgendeiner Form nach sie ziehen und können somit auch nicht als Erfahrungen bezeichnet werden. Man ist in der Masse untergegangen und hat nicht das Gefühl, für irgendetwas zuständig zu sein. Es ist das Abfeiern des Zustandes, für das kapitalistische System sowohl obsolet als auch gleichzeitig unverzichtbar zu sein und ihm hier maximal zu huldigen. Das einzige, was übrig bleibt, ist die Freiheit, vollkommen und masslos zu übertreiben. Kein totalitärer Staat könnte so eine Anpassung je erreichen. Diesen Umstand würdigen Hechenblaikners Fotos, ob bewusst oder unbewusst.

Lois Hechenblaikner: Ischgl, Idalp, Porsche Showcase, 2008
Ischgl von Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag.

Bei den Partys in Ischgl geht es nicht um ein austesten von Grenzen, sondern darum, festzustellen, dass solche nicht mehr vorhanden oder nötig sind. Das wird durch den Bildband eindrücklich und unwiderlegbar dokumentiert. Kein Geld und kein Ort und kein Rausch hilft zu mehr als Verdrängung für den Moment, und weil dieser vorbeigeht, macht man immer weiter. Eine Flucht, die keine sein kann und darum immer mehr gesteigert werden muss. Dieses Paradoxon treibt die Konsumenten der modernen Leistungsgesellschaft zu Abertausenden in die Falle der schlauen Bergbauern, die im Gegensatz zu ihnen und dank tausend Jahren katholisch motivierter emotionaler Selbstverstümmelung vom Zustand der Welt und der Ausweglosigkeit aus dieser wissen, aber nichts dagegen haben, dass ein langer Winter nun plötzlich etwas Gutes bedeutet. Dass die Winter real immer kürzer werden, wird mittels Schneekanonen gelöst. Dass sie sich in ihrer materiellen Gier im selben Radl wie alle befinden, wird von den Ischgler Seilbahnaktionärskleinbauern zwar wahrgenommen, aber nicht als Problem gesehen. In einem Dokumentarfilm des ORF über Ischgl heisst es sinngemäss: „Wenn es uns erwischt, dann erwischt es alle, auch die Wiener.“ Damit entlarvt sich nicht nur ein an Kaiserszeiten erinnernder Autoritätsglauben, sondern auch das Wunschdenken, der Herrgott oder die Regierung oder irgendwer würde schon Einhalt gebieten, wenn das, was man hier tut, so wirklich ganz vollkommen verkehrt wäre.

Ob der Gast wirklich etwas von einem Urlaub in Ischgl hat, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich kommt er deshalb immer wieder, wie das bei einem guten Produkt mit langfristiger Konsumperspektive halt so funktioniert. Die durch Party, Event und Skifahren geschaffene Distanz zum Alltag ist nur Fiktion und löst sich am nächsten Morgen oder nach einer Woche in Kater und Depression auf. Wirklich erholen und den Kopf freibekommen kann man hier oben nicht. Vielleicht liege ich auch falsch, und die fiktive Erholung spendet authentisch empfundene Leere, die dem eigenen Leben so sehr gleicht, dass man sich endlich wieder einmal selber spürt. Ein Trost für die Hinterbliebenen eines eigenen, längst vollzogenen prä-biologischen Todes. Auf den Bildern Hechenblaikners können wird das erkennen und sogar Empathie für einen im kalten Schnee in einem Glashaus ausgestellten Porsche entwickeln.

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