Attack of the Weekly Links: Provokation und Witz, Fotos von Häusern, die Mafia in Las Vegas, Vietnams Kommunismus

Wer über Faisal Kawusi redet, muss von Comedy schweigen | Bernhard Hiergeist von Setup/Punchline über den Bezug von Provokation und Witz am Beispiel von Faisal Kawusi. «Der ist ja einer der Sorte Comedians, die lieber den Witz ausspart als die Provokation», schreibt Hiergeist und bringt ein Gegenbeispiel: Alex Stoldt, dem es um solide konstruierten Humor gehe. Wirklich sehr anguckenswert.
Allerdings würd ich dann doch anmerken: So lustig Stoldts Witze sind, fällt halt doch auf, dass die unterliegenden Vorstellungen (in dem Fall: von Beziehungen und den Geschlechtern) arg traditionell sind.

Post-Industrial England’s Boarded-Up Houses | Artikel für das Fotografiemagazin LensCulture der britischen Künstlerin Katharina Fitz. Für das Projekt Boarded-up Houses hat sie leerstehende, zugenagelte Häuser in Liverpool und Manchester fotografiert sowie gefilmt. Die Ästhetik ist gleichermassen charmant und erschreckend.

History of the Mob in Las Vegas | Der Cynical Historian über die Geschichte von Las Vegas und der Mafia. Ein Blick auf die Hintergründe des Mythos, den man aus Casino und Co. kennt.

Viet Minh? More like Viet Win | Der Podcast The Deprogram über Vietnams Kommunismus, mit der vietnamesischen Kommunistin Luna Oi als Gast. Erhellender Einblick in den real existierenden Sozialismus.

Annemarie Schwarzenbach Goes Bern

Erst vor ein paar Wochen schrob ich über die Afghanistan-Texte von Annemarie Schwarzenbach. Danach stellte ich fest, dass es zeitgleich im Zentrum Paul Klee eine Ausstellung über ihr fotografisches Werk gibt — denn sie hat über ihre Reisen nicht nur geschrieben, sondern dabei auch Bilder geschossen. Also bin ich nach Bern gefahren.

Aufbruch ohne Ziel bietet einen griffigen Überblick über Schwarzenbachs Leben und ihr Schaffen ab 1933, als sie mit Marianne Breslauer nach Spanien reiste — ihr Anfang als Fotojournalistin.

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Attack of the Weekyl Links: The Stand, Fan Ho, Aliens

«Und plötzlich war das unsere Realität» | Letzten Dezember startete in den USA die Miniserie The Stand, eine Neuverfilmung des Stephen-King-Buches. Ich hab schon drauf hingewiesen (und mir nochmal das Buch angeschaut). Jetzt hatte ich die Chance, für den Züritipp Owen Teague zu interviewen, der Harold Lauder spielt.

Fan Ho Photography | Leider bin ich ja ein ziemlicher Kunstbanause, weswegen mir Fan Ho (1931-2016) bisher kein Begriff war — dabei war der ein extrem bedeutender Fotograf, bekannt in erster Linie dafür, dass er in den 50ern und 60ern das Leben auf den Strassen von Hongkong festhielt. Seine Website gibt einen guten Einblick in sein Schaffen; mehr über Fan Ho gibts hier, hier und hier.

Aliens zügeln in die Vorstadt | Die Streaming-Empfehlungen vom Züritipp. Unter anderem gehts um Solar Opposites, der neuen Serie der Macher von Rick and Morty.

Eine Leinwand aus Geld

Ischgl
Von Lois Hechenblaikner
240 Seiten, 205 Abbildungen
Steidl Verlag, Göttingen 2020

Seit mehr als 25 Jahren fotografiert der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner den Skiort Ischgl. Dieser Hotspot des kommerziellen Bergtourismus erlebte im Zuge des Corona-Frühlings 2020 und seiner Rolle darin als Virenverteiler ein PR-Desaster. Hechenblaikner nutzte die Gunst der Stunde und veröffentlicht jetzt im Sommer darauf einen Bildband über Ischgl. Man könnte nun viel über Overtourism und den Verkauf der Berge schreiben, welchen die Bilder versuchen zu dokumentieren, das wird aber schon in begleitenden Texten im Bildband differenziert getan. Der Fotograf Hechenblaikner sieht seine Arbeit primär als jene eines kritischen Aktivisten wider den totalen Kommerz. Wer ihn aber darauf reduziert, wird ihm als Künstler nicht gerecht. Denn unabhängig von den Themen Natur, Ausverkauf der Heimat, Tirol und Tourismus zeigen die Bilder der zugesoffen Partysporttouristen vor allem den Ist-Zustand der heutigen Zeit in soziologisch distanzierter Ästhetik. Sie überzeugen durch eine tiefe Menschlichkeit, die eine sehr genaue Beobachtung ermöglicht. Wer sich Ischgl vor Ort und bei klarem Verstand, also ohne Drogen, antun würde, könnte es niemals so betrachten, wie es die Fotos dieses Buches zu leisten fähig sind. Man wäre viel zu abgelenkt oder angeekelt distanziert oder nicht im Stande, nüchtern zu bleiben.

Auf den Fotos selbst werden primär die Ischgler Après-Ski-Partys dokumentiert. Es sind Szenen von betrunken Gruppen in allerhand Verkleidungen inklusive Skiausrüstung, von massivem Alkoholkonsum und von schrecklichen Bausünden. Gezeigt wird der gewaltige Ausbau des Skigebietes genauso wie die verschiedenen Bars und ihre Programmankündigungen. Das Ganze wirkt wie die Fasnacht auf dem Land, einfach extrem aufgeblasen, verbunden mit Wintersport und dem höchstmöglichen Grad an Kommerz und Anzahl Gästen.

Früher galten die Berge als Ort des Schreckens und des Grauens sowie menschlicher Armut. Insbesondere im Paznauntal, wo Ischgl liegt. Niemand, der nicht musste, wollte da hin, geschweigen denn da leben oder länger als nötig Zeit verbringen. Dann, mit der Möglichkeit, Berge sportlich zu bezwingen und technisch einnehmen zu können, verloren sie ihren Schrecken. Der Berg wurde zur romantischen Projektionsfläche für Fremde. Die perfekte Kulisse für allerhand Träume, die niemals in Erfüllung gehen. Die Ischgler Bergbauern begannen die Kulisse wie alle in Tirol nach dem 2. Weltkrieg systematisch zu verkaufen. Nur waren sie noch einen Tick dreister im Marketing als alle anderen. In der Kulisse Skiferien boten sie nämlich die Möglichkeit, endlich mal richtig die Sau rauszulassen und sich bis zur Besinnungslosigkeit jene Wünsche zu erfüllen, für die man im Alltag zu arm, wenig mutig, langweilig, nüchtern oder scheu war. ”Relax, if you can…” ist ihr Werbespruch. Ganz ehrlich. Wer sich und sein Leben aushält, kann entspannen, alle anderen… Um das über die Jahre beizubehalten, musste allerdings an der Event-Schraube wieder und wieder enorm gedreht werden, bis zur totalen Dekadenz. Diese wird im Bildband dargestellt.

Lois Hechenblaikner: Ischgl, Idalp, April 2014
Ischgl von Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag.
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Das Dschungelbuch

Es ist schön, wenn man Künstler in der näheren Verwandtschaft hat. Denn dadurch kann man deren Arbeit von ziemlich Anfang an und über längere Zeit verfolgen. Angenehm, wenn einem auch gefällt, was besagter Verwandter macht. Es handelt sich in diesem meinem Fall um den Westschweizer Fotografen Yann Gross. Mir gefiel schon seine Arbeit über die verkitschte USA-Begeisterung aus dem Wallis (Horizonville) oder auch jene über Skateboard-Fahren in Uganda (Kitintale). Und deshalb möchte ich hier sein neustes Buch The Jungle Book besprechen.

Natürlich könnte besagter sehr erfolgsverwöhnter Cousin in meinem Fall jetzt denken, was ist das für eine billige Anbiederung, auf einem mehr als zweifelhaften Kulturblog, mit wenig Besuchern und ohne irgendeine Relevanz ausser für eine Gruppe von Dialektiknerds? Und hat damit natürlich Recht. Während diese Besucher wiederum denken könnten, muss der Saile schon wieder mit seiner Verwandtschaft angeben, womit sie wohl aus Erfahrung sprechen und auch Recht haben. (Immerhin ist ein anderer Onkel von mir… ok das lass ich jetzt weg.) Aber ich finde, die Fotos von Yann Gross haben eine solch direkte Poesie, dass sie und ein paar Gedanken zu ihnen ganz gut hierher passen. Trotzdem bin ich ohne Distanz und leider voll des Lobes.

In „The Jungle Book“ werden mittels Fotografie und kurzen Sätzen verschiedene Geschichten aus dem Amazonasgebiet erzählt. Dabei verfällt Gross weder ästhetisch noch inhaltlich in die üblichen Klischees, die man von dieser Gegend kennt. Es gelingt ihm mit seinen nüchternen Fotos einerseits die Exotik dieser Welt für unsere Augen zu betonen, anderseits ihre Ähnlichkeit zu uns zu thematisieren. Sei es über diese jungen Indigenas, welche in einfachsten Verhältnissen in der tiefsten Pampa leben, aber die Frisur des brasilianischen Fussballers Neymar nachahmen, oder wenn er in einfachen Bildern die Folgen der Goldgewinnung für die Natur zeigt. Mir gefällt diese Fähigkeit Nähe und Distanz sowohl inhaltlich wie auch ästhetisch nüchtern zu zeigen, ohne dabei einfache Wertungen zu ermöglichen.

Was ich mag an diesen Bilder, ist die Möglichkeit sie wirklich zu lesen, einer Geschichten in ihnen nachzuspüren, man kann durch sie durch spazieren und muss nicht wie bei einer definierten Geschichte einen Anfang und ein Ende festlegen. Es ist, als würden sie einen äusserlichen Rahmen setzen, in dem man selber denken kann, allerdings ohne sich in Allgemeinem zu verlaufen, eher als Inspiration zu Konkretem. Eine positive Fähigkeit von Bildern, die leider viel zu oft in plakativem Herzeigen ersäuft wird.  Und so funktioniert der ganze Bildband, welchen man immer wieder mal zur Hand nehmen kann, um darin zu stöbern.

Passend dazu gibt es eine grafisch ansprechende Landkarte des Amazonasgebietes, auf der man die verschiedenen Motive geographisch verorten kann. Auch hier wird die Möglichkeit zum Umherwandern suggeriert. Die Landkarte erinnert an Seekarten früherer Zeiten und damit daran, dass es immer noch etwas zu entdecken gibt, wenn denn der Blick nicht von Erwartbarem und Bekanntem, sondern von Offenheit geprägt ist.

Bei vielen anderen auch dokumentarisch-künstlerischen Arbeiten kommt es mir oft vor, dass die gezeigten und in Kunst verwursteten Objekte zwecks Verkauf als Kreativprodukt verarbeitet werden. Selbst wenn sie für sich mal Originale gewesen sein mögen, so werden sie durch ihre Darstellung zu Massenprodukten gestählt. Bei den Motiven von Yann Gross, und seien es selbst nur auf weissem Hintergrund abgebildete Fische, erscheint es mir genau umgekehrt, so dass er diesen wieder einen Wert gibt, ihnen wieder Originalität gibt durch ihre Darstellung und man dahinter eine Gegenstrategie zur alltäglichen Flut von Bildern erkennen mag, auch wenn man nicht durschaut, wie er es genau anstellt. Vielleicht ist es auch gar kein Trick, sondern bloss grosser Respekt vor der Welt, den Menschen und der Natur, welchen er in auf hohem handwerklichem Niveau gestaltete Bilder fasst.

Yann Gross: The Jungle Book
yanngross.com