Komisches und Tragisches im Zentrum Paul Klee

Im Zentrum Paul Klee läuft derzeit eine Ausstellung, die das Schaffen von Klee jenem von Jacques Ernst Sonderegger und Charlie Chaplin gegenüberstellt. Der Titel dieser Ausstellung lautet Jenseits von Lachen und Weinen, und sie untersucht, grob gesagt, den Zusammenhang zwischen Komik und Tragik im Werk eben jener drei Künstler. Das klingt ziemlich schwamming, und das ist es auch. Ist aber auch egal, denn spannend ist das gezeigte Zeug dennoch.

Eigentlich hätte die Ausstellung nur bis im Mai laufen sollen, ist aber bis September verlängert worden. Wegen Corona, nehm ich an. Ist mir recht, denn sonst hätt ich nicht die Chance gehabt, sie zu sehen. Obzwar mich ein paar Sachen gestört haben, aber dazu später.

 
Paul Klee (1879-1940)

Ich mag die Strichmännchen und Bauklötze von Klee, deswegen wollte ich auch schon lange mal ins Zentrum, das ihm gewidmet ist.
In Jenseits von Lachen und Weinen sind in erster Linie Kritzeleien zu sehen: Witzige Porträts und Tierfiguren, satirische Bilder. Dazu aber auch Gemälde, Handpuppen oder vollgezeichnete Schulbücher. Schön abwechslungsreich. Einiges drunter, was mir noch unbekannt war.

Vereinzelt begegnet man bekannten Klassikern, zum Beispiel der Radierung Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich (1903). Die beiden Männer auf dem Bild sind nackt (FKK-Strand?), tragen also keine äusseren Abzeichen ihres Status – von ihren extravaganten Bärten mal abgesehen. Jedenfalls gehen sie auf Nummer sicher und verbeugen sich tiefstmöglich.

Es gibt sehr, sehr viele tolle Ausstellungsstücke; zu meinen liebsten gehört Drei Fische (1939).

 
Jacques Ernst Sonderegger (1882-1956)

Aus dem Ausstellungsführer: Ausgangspunkt dieser Ausstellung ist die wenig bekannte Freundschaft Paul Klees mit dem Schweizer Karikaturisten Jacques Ernst Sonderegger, von dem der junge Klee wichtige künstlerische Hinweise erhielt.

Und: Klee und Sonderegger verband ein gemeinsames Verständnis von Humor: Das damals blühende Genre der Karikatur stellt das gesellschaftliche und politische Leben überspitzt dar und kommentiert es ironisch. Im Gegensatz dazu ist das Medium Karikatur für Klee und Sonderegger eine Möglichkeit, sich Grundfragen des menschlichen Lebens zu stellen.

Und: Klee und Sonderegger lernten sich 1906 kennen und pflegten ab diesem Zeitpunkt eine Freundschaft, die aus ihrer Korrespondenz bis 1914 rekonstruiert ist.

Sonderegger war mir vor der Ausstellung tatsächlich kein Begriff, aber ich bin den Paul-Klee-Leuten dankbar, dass sie diese Bildungslücke bei mir geschlossen haben. Besonders grandios sind Sondereggers Illustrationen zu den Geschichten von Edgar Allan Poe – denen ist in der Schau eine ganze Wand gewidmet. Anscheinend hat er seine Passion für Poe auch Klee vermittelt.

 
Charlie Chaplin (1889-1977)

Wieder der Ausstellungsführer: «Wenn er Chaplin sah, hinter dessen Lachen tiefer Ernst stand, war er glücklich.» So schreibt Paul Klees Sohn Felix über die Bewunderung seines Vaters für den einflussreichsten Komiker der Filmgeschichte.

Und: Obwohl von Paul Klee keine wesentlichen Aussagen zu Chaplin überliefert sind, finden sich in seinem Werk erstaunliche motivische Parallelen zu Chaplins Filmen.

Es gibt wenige direkte Bezüge zwischen Klee und Chaplin – man fand in einem Taschenkalender von Klee einen Eintrag, der nahelegt, dass er 1928 The Circus gesehen hat. Und 1927 hat er eine karikierende Federzeichnung mit dem Titel Charli angefertigt.

Jenseits von Lachen und Weinen konzentriert sich dann auch mehr auf motivische Zusammenhänge. Da sieht man zum Beispiel zwei Bilder an einer Wand: Ohne Titel (1940) und Clown und Bestie (ebenfalls 1940). Auf beiden davon ist der Kampf zwischen einer menschlichen Figur und einer tierischen Figur (eine Art Krokodil bzw. eine Art Hund) zu sehen.
Auf die gegenüberliegende Wand wird ein Ausschnitt aus The Circus (1927) projiziert – es ist die Szene, in der Chaplins Tramp in einem Löwenkäfig landet.

Anderswo hängt Klees Gemälde Übermut (1939), in der ein Strichmännchen jonglierend auf einem Seil tanzt. Und vis-à-vis: In einem weiteren Ausschnitt aus The Circus versucht sich der Tramp als Seiltänzer.
Oder da sehen wir Ausschnitte aus The Great Dictator (1940) und daneben Klees Karikaturen von Wilhelm II, Hitler und anderen Arschlöchern.

Bei beiden Künstlern stossen wir also auf Kämpfe zwischen Mensch und Bestie sowie auf seiltanzende Figuren, und die Ausstellung führt einige weitere Motive auf.
Allerdings: Das sind recht allgemeine Motive. Motive, die man bei unzähligen anderen Künstlern findet. So etwas „erstaunliche motivische Parallelen“ zu nennen, ist eine arge Übertreibung. Das ist etwa so „erstaunlich“ wie die Tatsache, dass sich bei Klee und Chaplin (und bei Sonderegger) Komik und Tragik mischen.

Martin Waldmeier, der die Ausstellung kuratiert hat, schrieb auch einen Artikel für die Paul-Klee-Fachzeitschrift Zwitscher-Maschine mit dem Titel: Paul Klee und Charlie Chaplin: Eine Wahlverwandtschaft. (Nr. 8/2020, S. 60-67). Da geht er etwas näher auf das ein, was er „Wahlverwandtschaft“ zwischen Klee und Chaplin nennt. Ein Begriff, der weitaus konkretere Bezüge impliziert, als tatsächlich existieren.

Da von Klee nur wenige Hinweise zu seinem Verhältnis zum filmischen Werk Chaplins erhalten sind […] wäre es vermessen, von einer expliziten Rezeption Chaplins durch Klee zu sprechen. Es spricht aber auch nichts dagegen […] Mit dem von Goethe zitierten Begriff der »Wahlverwandtschaft« soll deshalb vielmehr die Affinität zwischen den beiden Künstlerpersönlichkeiten und ihrer Weltsicht deutlich gemacht werden […].

Wieso genau brauchts da jetzt Goethe? Ich bin ja wahrlich kein Experte für Die Wahlverwandtschaften (1809), aber soweit ich den Roman im Kopf habe, hat der zugehörige Begriff der Wahlverwandtschaft nicht wirklich etwas mit der Situation bei Klee und Chaplin zu tun. Klingt halt gut. Die Überschneidungen zwischen Klees und Chaplins Schaffen sind trotzdem nur oberflächlich.

Ah, und übrigens: „Es gibt keinen Beweis dafür – aber auch keinen Beweis dagegen!“ Eine Argumentation von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn.

Man kriegt schon den Eindruck, dass Waldmeier schwache Indizien massig aufbauscht, um seine These (und die Ausstellung) zu rechtfertigen. Zum oben erwähnten Seiltänzer-Motiv schreibt er beispielsweise, dass Klee eben jenes schon Jahre vor The Circus verwendet hat; siehe seinen Seiltänzer von 1923.
Spricht jetzt eher dagegen, dass Klee im Bezug auf dieses Motiv von Chaplin beeinflusst war. Aber iwo: Umso mehr dürfte ihn [Klee] der Film […] nachhaltig beeindruckt haben. Einen Beweis für diese Behauptung bleibt Waldmeier schuldig.

Ansonsten beschleicht mich der leise Verdacht, dass Chaplins Einbezug in erster Linie dem Publikumsinteresse geschuldet ist. Klar, ich kanns nicht beweisen – es spricht aber auch nichts dagegen.

Nein, ich weiss auch nicht, wieso mir das derart aufgestossen ist. Wahrscheinlich liegts daran, dass ich im Leben wirklich genug Chaplin gesehen hab und lieber mehr über Sonderegger erfahren hätte.

 
Und was gibts sonst so im Zentrum Paul Klee?

Obwohl mich die Ausstellung nicht vollends überzeugt hat: Klees und Sondereggers Werke hab ich mir gern angesehen. (Was Chaplin anbelangt: Buster Keaton war der bessere Filmmacher.) Und mir gefällt das Zentrum Paul Klee, das ich eh schon länger mal besuchen wollte.
2005 wurde es eröffnet, und es enthält weltweit die grösste Sammlung von Klees Stücken. Von aussen sieht es aus wie drei Flugzeughangars, die miteinander und mit der umgebenden Natur verwachsen sind. Es gibt keine Sammelausstellung, sondern nur wechselnde Sonderausstellungen. Für gewöhnlich sind es zwei Ausstellungen gleichzeitig, da zurzeit jedoch der eine Raum umgebaut wird, kann man sich nur Jenseits von Lachen und Weinen anschauen. Dafür gibts auch einen Rabatt beim Eintrittspreis – wobei 15 statt 20 Franken für einen Normaleintritt nicht gerade ein Schnäppchen sind.
Ob mit Rabatt oder ohne: Man muss schon eine gewisse Liebe zu Klees Schaffen mitbringen, um den Preis zu bezahlen.

Dem schönen Sommerwetter wars wohl geschuldet, dass nur wenige BesucherInnen in die Ausstellung gefunden haben. Dafür folgen die Aufseherinnen mir und meiner Begleitung auf Schritt und Tritt. Was nur leicht irritierend ist.
Gegen Ende spricht eine Aufseherin erwähnte Begleitung an.
„Sprechen Sie Deutsch?“
„Ähm, ja?“
„Sie sollten nicht so nahe an den Wänden entlanglaufen, sonst berühren Sie noch mit der Schulter ein Gemälde.“
Meine Begleitung weiss im Moment nichts zu antworten, pocht später aber darauf, dass sie stets genügend Abstand gehalten hat.

Eine kleine Brücke, die durch eine Glasbalustrade gesichert ist, führt zum Eingang des Zentrums. Eine der Glasplatten ist anscheinend 2012 – durch einen Vandalenakt oder durch ein Missgeschick – gesprungen. Das Künstlerduo Lutz/Guggisberg hat das kurzerhand zu einem Kunstwerk erklärt, die kaputte Scheibe gesichert und eine Plakette mit folgender Aufschrift daneben aufgestellt:

Fenster für Gespenster
Hammerschlag auf Verbundglas
unbekannter Künstler

Zentrum Paul Klee, 2012

Ein kleiner Fussweg führt um das Zentrum herum, und dieser Fussweg führt auch an einem kleinen Skulpturenpark vorbei. Mich beeindrucken die Werke von Alicia Penalba.

Neben dem Zentrum liegt der Schosshaldenfriedhof (und ja, es heisst „Schosshalde“, nicht „Schlosshalde“), auf dem wiederum das Grab von Paul Klee liegt. Zudem findet man das Werk Lufts-Station: ein kleiner Hügel, spiralförmig umrundet von einem Fussweg. An der Spitze stehen ein Baum und eine Parkbank. Schöne Aussicht.

So viel zum Zentrum Paul Klee.

 

Jenseits von Lachen und Weinen. Klee, Chaplin, Sonderegger
Zentrum Paul Klee, Bern
23.8.2019 bis 6.9.2020
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