Atelierbesuch bei Mathias Bernhard

Zum letzten Mal traf ich Mathias Bernhard an einer Vernissage von Walter Krabichler selig in Kitzbühel. Mathias lud mich damals zu einem Besuch in sein Atelier ein, und fast ein Jahr später hab ich dafür endlich Zeit gefunden. Das Atelier befindet sich in der Nähe der Hahnenkammbahn in Kitzbühel, in einer alten Scheune, die mal als Halle zum Squash spielen genutzt worden war, bis sie der Maler als zu einem Atelier umbaute. Mathias ist ca. 30 Jahre alt und hat lange Haare, welche er sich zu einem Zopf hochbindet, das mutet leicht asiatisch an. Sein Blick ruht eher auf den Dingen als das er sie durchdringt, und er schaut immer leicht an einem vorbei. Die Luft im Atelier ist kühl und ein wenig feucht. Es riecht weder nach Kuhstall, noch Farbe, noch abgestandenem Rauch. Als ich dem Raum betrete, läuft laute Gitarrenmusik.

Ich weiss nicht so genau, warum Mathias mich eingeladen hat. Ich glaube schon, dass er einschätzen kann, dass ich viel zu abgebrannt bin und immer sein werde, als dass ich ihm je was werde abkaufen können. Als wäre es nötig, mich erst mal ganz klar abzugrenzen, schimpfe ich die erste halbe Stunde über die Kunstszene, das Kunstsystem und den Kunstmarkt, über die Erfolglosigkeit von Leuten, die ich super finde, über die Erfolge von Leuten, die ich scheisse finde, über die Erfolge von Leuten, die ich super fände, würden sie nicht vor allem kompromissorientiertes Kommerzzeug machen, und dann noch über jene talentierten Leute, die ihre Zeit damit verschwenden müssen, Gelder von Stiftungen und Förderungen aufzutreiben, um dann in der wenigen Restzeit, die ihnen bleibt, ein wenig so was wie Kunst zu machen. Ja, und eigentlich ginge es in diesem ganzen Betrieb doch nur um Status, Show, bürgerliches Geprotze statt mit Auto halt mit Werken, wer hat den Längsten, wer hat den Grössten, wer ist der Beste, und wer kann es sich leisten, mitzumachen?

Mathias hört meiner Schimpftirade geduldig zu. Schliesslich frage ich ihn, leicht emotionalisiert anhand des Stolzes über meinen totalen Durchblick und der Wut über die Scheiss-Kunst-Welt, ob er den viel Miete zahlen müsse, quasi jetzt doch ein wenig Hand ausstrecken und zwecks Themawechsel Empathie heucheln. Mathias erklärt mir, ja, eigentlich schon, aber netterweise lassen ihm die Vermieter jeweils Zeit, bis er wieder ein Bild verkauft hat, und dann zahlt er die angesammelte Miete. Dann Schweigen, Mathias bestreitet meine Vorwürfe nicht, stimmt aber auch nicht in das Wehklagen ein. Und dann widmen wir uns endlich den Bildern und der Malerei.

Ich habe ja nicht wirklich Ahnung von Malen. Ich zeichne zwar sehr gerne, aber seien wir uns ehrlich, das ist wirklich nur ein Hobby, und Schuld daran, dass das immer so geblieben sein wird, hat natürlich dieses böse, überhaupt unüberwindbare Kunstsystem. Und ja, ich war viel in den Museen dieser Welt und sitze schon mal stundenlang im Zürcher Kunsthaus vor Segantinis Pascoli Alpini, aber ich weiss überhaupt nicht, warum. Mathias sieht hingegen die Malerei als seine Hauptbeschäftigung. Auch wenn er nicht immer malt. Nur wenn es geht. Aber dazu später mehr.

Zuerst wäre es wohl mal nötig, seine Bilder zu beschreiben. Es sind meist hochkomplexe Muster über grosse Spannweiten. Manchmal auch nur abstrakt und reduziert, auch auf kleinen Formaten, meist aber mit sehr viel verschiedenen Formen und Farben auf grossen Leinwänden oder Stoffbahnen. Mathias erklärt mir, dass die Umstände und das Material, mit dem arbeitet, grossen Einfluss darauf hätten, was entsteht. Er male anders auf Papier als auf Stoff oder Leinwand, anders mit Öl als mit Wasserfarbe, anders mit Tusche als mit Acryl und so weiter. Das Malen selber scheint dabei ein so natürlicher Prozess zu sein, dass er nicht weiter definiert werden muss. Nur zu konkret werden möchte Mathias malerisch nicht oder nicht zu schnell, weil zum Beispiel ein Horizont auf einem Bild, das ist schon ein viel zu starker Eingriff, da könnte das Malen an sich dann nur noch wenig dagegen ausrichten.

Jetzt kurze Pause. Rauchen wir eine. Ich komme nicht auf die Idee zu fragen, was denn Malen sein soll, also Malen an sich, was die Tätigkeit definiert oder ihr Ziel ist, das erkläert sich grad von selbst. Die Frage stellt sich nicht und fällt mir erst ein, als ich diesen Text schreibe.

Mathias redet weiter. Unaufgeregt, vollkommen transparent, hier gibt es kein Geheimnis, keinen Kunstmythos, keinen doppelten Boden, Malen ist sein Ding, und er kann ewig darüber reden, was er sich wo, wie gedacht hat, warum es bei dem Bild, das da steht, nichts mehr braucht, warum es diesen Farbton hat, es entstand nämlich in Wien in einem Atelier, das viel heller war als dieses hier, ausserdem, er holt einen Katalog, stand es neben diesem Bild und diesem Bild und die Bilder, das ist ihm wichtig, die beeinflussen sich gegenseitig.

Fremder Einfluss ist auch der Grund für meinen Besuch hier, Mathias freut sich, wenn jemand ihn und seine Bilder besucht, weil er dann über sie reden kann, weil, sonst ist er ja mit ihnen ganz allein, und das ist zum Arbeiten schon gut, aber man muss auch immer wieder Distanz gewinnen, reflektieren, was man grad tut, Inspiration zulassen, Zerbrechlichkeit herstellen, Frage stellen, herausfinden, wo ein Bild gerade steht, ob es schon fertig ist, Pausen machen und vieles mehr. Weil, wenn es schwierig wird, wird es oft auch spannend. Dann wieder übers Wetter reden oder gemeinsame Bekannte oder die österreichische Innenpolitik.

Und so quatschen wir uns mehrere Stunden durch sein Gesamtwerk, immer wieder unterbrochen von Gesprächen über ganz andere Themen als Malerei, natürlich auch das im Moment allgegenwärtige Corona. Dann schauen wir uns Bücher an, die Mathias gemalt hat, zum Beispiel bei einem Aufenthalt in Italien, der geradezu klischeemässig perfekt war für seine Arbeit, wie er mit einem Lächeln erzählt. Einige Seiten der Bücher sind so dick mit Ölfarben bemalt, dass sie verschlossen aneinander kleben und bei jedem Öffnen auseinandergerissen werden müssen, was Mathias mit einer totalen Nebensächlichkeit macht. Wenn er dann wieder über ein Bild redet, so geht es immer darum, wo es entstanden ist, mit welchem Material, mit wem zusammen und was ihm daran ganz besonders gefällt, zum Beispiel eine Farbe oder eine Form. Nie geht es darum, was auf dem Bild dargestellt wird. Das spielt überhaupt keine Rolle, kommt mir vor, es geht immer um das Wie, das sich dann mit dem äussert, was man sieht, quasi Malerei pur.

Mitten im Atelier steht ein fahrbarer Tisch. Diesen hat Mathias mit Maggi gebaut, einem Jugendfreund, der so was wie sein Assistent ist. Maggi arbeitet bei Egger, einer grossen Fabrik für Holzwerkstoffe in St. Johann. Er interessiert sich wenig für Malerei und hält auch nicht besonders viel davon was Mathias macht, ihn belustigt das eher, aber er ist immer zur Stelle, wenn Mathias mal eine helfende Hand braucht, um die grossen Bilder rumzuschleppen.

Jedenfalls spricht Mathias mit fast gleich grosser Begeisterung über die Fähigkeiten dieses Tisches und wie froh er um diesen ist, wie er über seine Bilder spricht. Obwohl der Tisch, soviel ich verstanden habe, nicht viel mehr kann, als rumgeschoben zu werden und Mathias darum nicht mehr seine ganzen Malutensilien in einer Ecke lagern muss, sondern nach seinen Bedürfnissen im Raum bewegen kann.

Schliesslich verabschiede ich mich. Mehrmals versuche ich, mich ausführlichst für diese nette Möglichkeit zu bedanken, aber Mathias ist es offensichtlich sehr wichtig zu zeigen, dass er dankbar ist für meinen Besuch. Dabei geht es nicht um aufgedrückte Höflichkeit, sondern er scheint das egalitäre Öffnen seines Arbeitsortes und seiner Bilder wirklich als essenziellen Teil seiner Arbeit als Maler zu sehen und lädt mich ein, wieder vorbeizuschauen, wenn ich in der Gegend bin.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s