Annemarie Schwarzenbach Goes Bern

Erst vor ein paar Wochen schrob ich über die Afghanistan-Texte von Annemarie Schwarzenbach. Danach stellte ich fest, dass es zeitgleich im Zentrum Paul Klee eine Ausstellung über ihr fotografisches Werk gibt — denn sie hat über ihre Reisen nicht nur geschrieben, sondern dabei auch Bilder geschossen. Also bin ich nach Bern gefahren.

Aufbruch ohne Ziel bietet einen griffigen Überblick über Schwarzenbachs Leben und ihr Schaffen ab 1933, als sie mit Marianne Breslauer nach Spanien reiste — ihr Anfang als Fotojournalistin.

Sie erlebt den Aufstieg des Faschismus in Europa. In den USA dokumentiert sie die Armut, das Elend der schwarzen Bevölkerung. Und sie reist nach Vorder- und Zentralasien; insbesondere interessieren mich die Bilder der Afghanistan-Reise mit Ella Maillart.

Diesbezüglich spannend: Eine Projektion des Films Ella Maillart: Double Journey (2015). Die Doku „basiert auf rekonstruiertem Filmmaterial von Ella Maillart […]“. In der Ausstellung läuft nur eine gekürzte Fassung, aber das ist definitiv was, das ich mir besorgen muss.

Im Begleitmaterial heissts: „Die romatisch-verklärende Darstellung des «Orients» entspricht vielerorts den Konventionen ihrer Zeit. Schwarzenbach setzt sich aber auch für eine differenzierte Wahrnehmung ein.“ Etwas, das mir ja an ihren Afghanistan-Texten aufgefallen ist. Dort habe ich zudem eine Tendenz zum „poetischen Aufzählen“ bemerkt; ich finde sie erneut in den Originalzitaten, die in der Ausstellung den Fotos zur Seite gestellt werden. Vorgelesene Ausschnitte aus ihrem Werk finden sich übrigens auf der Webseite der Ausstellung. (Runterscrollen, nach rechts gucken.)

Also: Die Ausstellung besteht in erster Linie aus vielen Fotos und Zitaten aus Schwarzenbachs Texten. Dazu gibts etwas Bonusmaterial, zum Beispiel einen Schaukasten mit Schwarzenbachs Diplomatenpässen (sie war ja mit einem französischen Diplomaten verheiratet). Darauf Stempel von Schweden, Polen, Russland oder Nazideutschland.
Auch spannend: Die Briefumschläge, in denen Schwarzenbach ihre Fotos (plus Texte) um die Welt geschickt hat.

Alles in allem sagen mir Schwarzenbachs Fotografien mehr zu als ihr Schreiben. Mit diesem kann ich oft wenig anfangen, doch bei ihren Bildern stosse ich auf haufenweise grandiose Stücke.

Sehr zu empfehlen ist übrigens der Podcast zur Ausstellung.

Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach als Fotografin
Zentrum Paul Klee, Bern
18.9.2020–9.5.2021
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