Prähistorische Kunst im Keller: Die Frobenius-Gemälde


Rucherea-Höhle (Simbabwe), Joachim Lutz 1929

Es ist ja schon sinnig, dass man runter ins zweite Kellergeschoss muss, um sich Höhlenmalereien anzusehen. Dort zeigt das Museum Rietberg die Ausstellung Kunst der Vorzeit. Felsbilder der Frobenius-Expeditionen. Die war schon in Berlin und in Mexico-Stadt zu sehen. Wie der Untertitel sagt, gehts dabei gar nicht in erster Linie um Höhlenmalereien, sondern zum Grossteil um Felsbilder, die draussen im Freien rumstehen. Was mir meine kleine Einleitung etwas kaputtmacht, aber was solls.

Der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873–1938) hat in den 1910ern, 20ern und 30ern Expeditionen organisiert, deren Ziel es war, prähistorische Felskunst zu dokumentieren. Dazu hat er Künstler*innen mitgenommen, die die alten Bilder kopierten. Frobenius und Co. waren in Afrika, Australien oder West-Papua (heute Westneuguinea) unterwegs, dokumentierten aber auch europäische Felsbilder.

Entstanden sind grossformatige, teils monumentale Aquarell-Gemälde. Die Bilder wurden dazumal in erfolgreichen Ausstellungen präsentiert, lösten einen Hype um prähistorische Kunst (und sogenannte „N****kunst“) aus, hatten einen wichtigen Einfluss auf die Künstler*innen der europäischen Moderne. (Das Rietberg führt Paul Klee als Beispiel an.)

Die Faszination ist leicht zu begreifen. Zunächst sind die teils riesenhaften Dimensionen der Gemälde überwältigend, und dann haben unsere Vorfahren ganz einfach beeindruckende Kunst produziert. Da mischen sich relativ realistische Darstellungen mit stilisierten Figuren und völlig abstrakten Formen. Picasso vor Picasso. Die abstrakten Dinger laden zum endlosen Spekulieren ein. Man merkt, dass sie eine bestimmte Bedeutung haben — aber keine Sau kann sie entziffern. Man hat den direkten Einblick in eine Gedankenwelt, die tausende Jahre zurückreicht, und kann sie doch nie ganz durchdringen.


Formling (Simbabwe), Joachim Lutz 1929

Frobenius lehnte übrigens die Fotografie als Mittel des Dokumentierens ab, nicht nur, weil sie damals vor allem noch schwarzweiss war, sondern auch, weil der künstlerische Nachvollzug näher an die Urheber*innen heranführt, zumindest seiner Theorie nach. Kein völlig verkehrter Gedanke.

Aber das heisst eben auch, dass die Bilder keine getreue Dokumentation, sondern eine künstlerische Interpretation sind. Womit sie wissenschaftlich immer schon nur von begrenztem Nutzen waren. Und spätestens mit dem Einzug der Farbfotografie hatten sich die Frobenius-Gemälde überlebt.
(Heutzutage geht man noch einmal einen Schritt weiter mit Computersimulationen, die zusätzlich die 3-Dimensionalität der Felsbilder berücksichtigen.)

Die Bilder verschwanden im Archiv. In den letzten Jahren jedoch wurden sie wiederentdeckt und fanden Wertschätzung aufgrund ihrer eigenen künstlerischen Qualität. Und immerhin: Einige Felsbild-Originale wurden verwittert oder zerstört (wobei menschliche Idiotie mitunter eine Rolle spielte), bevor sie anderweitig festgehalten werden konnten. So verbleiben die Frobenius-Aquarelle als einzige Zeugen in guter Qualität.


Tierköpfige Menschen (Libyen), Ruth Assisa Cuno 1932

Die Ausstellung versucht auch sonst, das Phänomen Frobenius in seinen verschiedenen Widersprüchen darzustellen. So half er dazumal mit, dem westlichen Publikum zu vermitteln, dass die „Primitiven“ in Afrika und anderswo eine raffinierte Kulturgeschichte hatten — aufgrund solcher Vorstellungen kollidierte er gegen Ende seines Lebens mit den Nazis.
Zugleich war das Frobenius-Projekt doch stets auch ein kolonialistisches Projekt, ein Beispiel für kulturelle Aneignung.

Apropos kulturelle Aneignung: Interessant ist in der Hinsicht der Ausstellungsteil zu den australischen Felsbildern. Denn dort liegt der Fall vor, dass die Bilder keine Relikte längst untergegangenen Völker sind, sondern Teil einer bis heute lebendigen Kultur. Da versteht die betreffende Aborigines-Gemeinschaft die dargestellten Figuren nicht einfach als Zeichnungen, sondern als lebendige Wesenheiten. Also ist es durchaus heikel, sie einfach zu kopieren und auszustellen. Weswegen das Museum Rietberg eine Erlaubnis besagter Aborigines-Gemeinschaft eingeholt hat, die Frobenius-Gemälde zu zeigen. (Und ich persönlich habe dann Abstand davon genommen, die entsprechenden Aquarelle zu fotografieren.)

Kunst der Vorzeit. Felsbilder der Frobenius-Expeditionen
Museum Rietberg, Zürich
12.3. bis 11.7.2021

 

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s