tirol: eine innenansicht

zuerst muss betont werden; tirol ist so was wie die bessere deutschschweiz, oder sagen wir, eine art deutschsprachige westschweiz. es läuft auch alles recht ordentlich, aber die arbeitsmoral ist entspannter, das essen ist besser und die witze sind es auch. ich lebe aus zufall in tirol und kann sagen, die lebensqualität ist wirklich sehr hoch, wenn man sich tirol denn leisten kann. dieses lob ist wichtig, weil jetzt kommt das bashing. 

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Attack of the Weekly Links: Rock in Ruinen, Übersetzungen, Tirol, Riots und Co.

Dead Milly – Sleep Well | Rock in Ruinen, ein bisschen träumen im Schnee, Romantik im Wald: Das neue Musikvideo der Band Dead Milly ist draussen.

Hauptperson Havanna – Ein Interview mit dem Übersetzer Hans-Joachim Hartstein | Spannendes Interview auf 54 Books mit jemandem, der spanische und französische Literatur ins Deutsche übersetzt. „Nur hatte Prieto den großen Fehler, wenn man so sagen will, für den deutschen Markt, dass er damals schon Kultusminister war und damit Mitglied der kubanischen Regierung und der Parteispitze und war dann für die Verlage plötzlich nicht mehr interessant.“ Eine schöne Ergänzung dazu ist dieses Interview auf dem Deutscher-Buchpreis-Blog mit einem, der deutsche Literatur ins Spanische übersetzt.

Neues aus Tirol / Februar 2021 | Der monatliche Bericht vom Exil-Schweizer Saile aus dem nächsten Osten. „Wenn man wie ich nach Österreich zieht, dann ist man beim ersten grossen Politikskandal noch total aufgeregt. […] Man ist dann sehr irritiert über das Desintressen der Einheimischen.“

Why Riots Happen | Nach dem Sturm auf das Capitol in den USA haben sich (zumindest in meiner Twitterblase) viele Leute beeilt, diesen mit den Black-Lives-Matter-Protesten gleichzusetzen. Wieso das kurzsichtig ist, zeigt dieses Video von Renegade Cut. Es lohnt sich, dafür die Altersbestätigung auf sich zu nehmen. (Dazu, wieso es grundsätzlich unlauter ist, rechte und linke Gewalt gleichzusetzen, hatten wir schon in der letzten Ausgabe unserer Linkparade eine Videoempfehlung.)

Anti-Vaxxers: What Went Wrong? | Video von Wisecrack über die Impfkritik-Bewegung, das einige Überlegungen auf den Punkt bringt, die ich mir auch gemacht habe. Zum Beispiel, dass Impfkritiker*innen nicht automatisch dumm sind, sondern dass es durchaus berechtigte Gründe gibt, gegenüber Staaten und Expert*innen kritisch zu sein (was aber leider auf falsche Pfade führen kann). Oder welche Rolle der Neoliberalismus dabei spielt. Eine thematische Ergänzung dazu ist das Video Who’s Afraid of the Experts? von Philosophy Tube.

Attack of the Weekly Links: Tirol, Haiku, Delirium

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Neues aus Tirol | Kollege Saile hat sich vorgenommen, künftig auf dem Konverter-Blog regelmässig Neues aus dem Tirol zu berichten. In der ersten Folge gehts unter anderem um Fussballclubs und die neue Trendsportart Zum-Wandern-Anstehen.

1945 (H) | Apropos Konverter-Blog: con1rail veröffentlicht dort regelmässig Fotografien, Gedichte und Haikus. Letzte Woche hat er ein besonders schönes eben solches, also ein Haiku, veröffentlicht.

delirium N°12 | Die 12. Ausgabe des delirium-Magazins ist draussen. Wiedermal haben Leute texte geschrieben und andere Leute Kritiken dazu. Am 22. August findet die Vernissage statt (also wieder einmal zielgenau dann, wenn ich nicht kann).

Eine Leinwand aus Geld

Ischgl
Von Lois Hechenblaikner
240 Seiten, 205 Abbildungen
Steidl Verlag, Göttingen 2020

Seit mehr als 25 Jahren fotografiert der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner den Skiort Ischgl. Dieser Hotspot des kommerziellen Bergtourismus erlebte im Zuge des Corona-Frühlings 2020 und seiner Rolle darin als Virenverteiler ein PR-Desaster. Hechenblaikner nutzte die Gunst der Stunde und veröffentlicht jetzt im Sommer darauf einen Bildband über Ischgl. Man könnte nun viel über Overtourism und den Verkauf der Berge schreiben, welchen die Bilder versuchen zu dokumentieren, das wird aber schon in begleitenden Texten im Bildband differenziert getan. Der Fotograf Hechenblaikner sieht seine Arbeit primär als jene eines kritischen Aktivisten wider den totalen Kommerz. Wer ihn aber darauf reduziert, wird ihm als Künstler nicht gerecht. Denn unabhängig von den Themen Natur, Ausverkauf der Heimat, Tirol und Tourismus zeigen die Bilder der zugesoffen Partysporttouristen vor allem den Ist-Zustand der heutigen Zeit in soziologisch distanzierter Ästhetik. Sie überzeugen durch eine tiefe Menschlichkeit, die eine sehr genaue Beobachtung ermöglicht. Wer sich Ischgl vor Ort und bei klarem Verstand, also ohne Drogen, antun würde, könnte es niemals so betrachten, wie es die Fotos dieses Buches zu leisten fähig sind. Man wäre viel zu abgelenkt oder angeekelt distanziert oder nicht im Stande, nüchtern zu bleiben.

Auf den Fotos selbst werden primär die Ischgler Après-Ski-Partys dokumentiert. Es sind Szenen von betrunken Gruppen in allerhand Verkleidungen inklusive Skiausrüstung, von massivem Alkoholkonsum und von schrecklichen Bausünden. Gezeigt wird der gewaltige Ausbau des Skigebietes genauso wie die verschiedenen Bars und ihre Programmankündigungen. Das Ganze wirkt wie die Fasnacht auf dem Land, einfach extrem aufgeblasen, verbunden mit Wintersport und dem höchstmöglichen Grad an Kommerz und Anzahl Gästen.

Früher galten die Berge als Ort des Schreckens und des Grauens sowie menschlicher Armut. Insbesondere im Paznauntal, wo Ischgl liegt. Niemand, der nicht musste, wollte da hin, geschweigen denn da leben oder länger als nötig Zeit verbringen. Dann, mit der Möglichkeit, Berge sportlich zu bezwingen und technisch einnehmen zu können, verloren sie ihren Schrecken. Der Berg wurde zur romantischen Projektionsfläche für Fremde. Die perfekte Kulisse für allerhand Träume, die niemals in Erfüllung gehen. Die Ischgler Bergbauern begannen die Kulisse wie alle in Tirol nach dem 2. Weltkrieg systematisch zu verkaufen. Nur waren sie noch einen Tick dreister im Marketing als alle anderen. In der Kulisse Skiferien boten sie nämlich die Möglichkeit, endlich mal richtig die Sau rauszulassen und sich bis zur Besinnungslosigkeit jene Wünsche zu erfüllen, für die man im Alltag zu arm, wenig mutig, langweilig, nüchtern oder scheu war. ”Relax, if you can…” ist ihr Werbespruch. Ganz ehrlich. Wer sich und sein Leben aushält, kann entspannen, alle anderen… Um das über die Jahre beizubehalten, musste allerdings an der Event-Schraube wieder und wieder enorm gedreht werden, bis zur totalen Dekadenz. Diese wird im Bildband dargestellt.

Lois Hechenblaikner: Ischgl, Idalp, April 2014
Ischgl von Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag.
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