Fantoche 2017: Fisch, Katze, Dino

Letzte Woche war Fantoche – siehe meine Vorschau beim Züritipp. Ich hab mich dann auch höchstselbst nach Baden begeben, um mir möglichst viel anzugucken. Die offiziellen GewinnerInnen der Jury- und Publikumspreise sind allesamt hier aufgeführt, im Folgenden weise ich auf meine persönlichen Festival-Lieblinge hin.

L’acteur
Die Retrospektive war dieses Jahr dem französischen Animationsfilmer Jean-François Laguionie gewidmet, der seit über fünfzig Jahren in der Branche werkelt. Neben seinen letzten beiden Langfilmen Louise en hiver und Le Tableau sowie einem Dokumentarfilm über den Mann, gabs auch einen Programmblock mit Kurzfilmen. L’acteur (1975) ist die grandiose kleine Geschichte eines Theaterschauspielers, der sich vor einer Aufführung Spiegel schminkt, sich nach der Aufführung wieder abschminkt und anschliessend nach Hause geht. Wir sehen zum grössten Teil nicht mehr als das Gesicht des Schauspielers im Spiegel, und doch ist L’acteur aussergewöhnlich fesselnd und berührend.

Nachtstück
Regisseurin Anne Breymann erzählte im kleinen Q&A vor der Vorstellung, dass zwei Dinge ihr die Idee für ihren Kurzfilm gaben: Zum einen das Glücksspiel, zum anderen Steinmännchen. In Nachtstück gehts dann auch um Waldgeister, die sich nächstens auf einer Lichtung treffen, um gegeneinander zu spielen. Dies sind die Regeln: Man würfelt mit einer Handvoll Steinchen und knallt den Würfelbecher schliesslich auf den Tisch. Wer dabei das höhere Steinmännchen produziert, hat gewonnen. Bei den zwei Spielern in der Geschichte geht es dann sehr schnell um alles oder nichts. Sehr spannend, sehr atmosphärisch.

Negative Space
Während ein Mann zur Beerdigung seines Vaters geht, reflektiert er über sein Verhältnis zu diesem. Andere Väter und Söhne bauen zum Beispiel über die Beschäftigung mit Autos eine Beziehung auf, beim Ich-Erzähler und seinem Vater hingegen war es das Packen von Koffern.
Max Porter und Ru Kuwahata haben hier ein kleines Meisterwerk klassischer Erzählkunst hinbekommen: Sie übermitteln dem Publikum alle nötigen Informationen auf denkbar eleganteste Art und Weise*, finden einige wunderschöne Bilder** und beenden ihren Film mit einer simplen, aber genialen Pointe, für die es beide Male, als ich den Film sah, spontanen Applaus von den Zuschauern gab.

* Beispiel: Beim Blick in die Vergangenheit sehen wir die Mutter mit einer Zigarette in der Hand. In der Gegenwart sehen wir dann eine alte Frau in Trauerkleidung — als wir die Zigarette in ihrer Hand entdecken, identifizieren wir sie sofort als die Mutter. So banal das klingen mag, es ist vor allem ein tolle Nutzung von Bildsprache.
** Beispiel: Da fantasiert der Ich-Erzähler mal das Innere eines Koffers als Ozean, wo die Meerestiere Unterhosen oder Hemden sind.

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„Die Mauer ist gefallt!“

The Coldest City vs. Atomic Blonde: Vom Bücherregal auf die Leinwand

Diese Woche ist Atomic Blonde in den Zürcher Kinos angelaufen. Charlize Theron spielt eine britische Agentin, die im Berlin von 1989 nach einem Mikrofilm sucht, sich dabei durch Reihen von Gegnern prügelt und eine Affäre mit einer Französin beginnt. Theron ist eine Wucht, die Zweikämpfe sind brutal und und die Filmemacher tragen dick mit dem Style der 80er auf: New-Wave-Pop, Neonfarben, modetechnische Grässlichkeiten. Als hätte Niclas Winding Refn (Drive) für ein Mainstream-Publikum gedreht. Schlicht und einfach wundervoll. Meine ausführliche Meinung gibts hier beim Züritipp.

Nun basiert Atomic Blonde auf einem Comic namens The Coldest City, und weil mir der Film so gefällt, hab ich mir die Vorlage geholt. Das hätte ich mir sparen können: Die Verfilmung hat nur noch am Rande mit dem Comic zu tun, der für sich genommen wenig bemerkenswert ist. Aber aus dem Vergleich lassen sich einige spannende Einblicke in den Adaptionsprozess ableiten.
Aber zunächst ein paar Sätze zum Comic selbst:

 
Die Künstler

Der Brite Antony Johnston (Skript) ist kein Unbekannter in der Welt des Comics und der Videospiele. Er schrob für die Daredevil-Serie, textete Wolverine: Prodigal Son (eine Version des Marvel-Helden im Mangastil), adaptierte Gedichte und Prosa von Alan Moore für Comics, und von seiner Comicserie Wasteland habe sogar ich schon gehört. Ausserdem war Johnston Schreiberling bei den Dead Space-Games.

Die Bilder lieferte Sam Hart, wie Johnston ein Brite, lebt allerdings in Brasilien. Er hat für Judge Dredd und eine Comicversion von Starship Troopers gezeichnet, hat ansonsten aber eine heftige Faszination für historische Figuren, wie mir scheint: Outlaw — The Legend of Robin Hood, Excalibur — The Legend of King Arthur , Messenger – The Legend of Joan of Arc (aktuell arbeitet er an einem Comic über Grace O’Malley, die irische Piratenkönigin).

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Commando: Let off some steam

Cooke: You scared, motherfucker? Well, you should be, because this Green Beret is going to kick your big ass!
Matrix: I eat Green Berets for breakfast. And right now, I’m very hungry!
Cindy: I can’t believe this macho bullshit …

Commando ist ein Meisterwerk des Actionfilms, einer der besten Filme aller Zeiten und etablierte Arnold Schwarzenegger endgültig als muskelbepackten Actionhelden, der reihenweise One-liner von sich gibt. (Damals hatte er eben erst seinen Durchbruch mit den beiden Conan-Filmen und The Terminator.)
Schwarzenegger ist hier John Matrix (!), einst Leiter eines Spezialkommandos, jetzt aber im Ruhestand. Da entführen böse Leute seine Tochter (gespielt von einer blutjungen Alyssa Milano, die gerade eben in Who’s the Boss? angefangen hatte. Embrace of the Vampire und Charmed waren noch ein paar Jahre hin.) Die Lumpenhunde stellen Matrix vor die Wahl: Entweder, er reist sofort gen Lateinamerika ab, um ein bestimmtes Staatsoberhaupt zu töten – oder er kriegt das Mädchen per Post in Einzelteilen zugeschickt.
(Die Filmlogik will es, dass Matrix und sein Team einst einen Diktator ab- und einen guten Demokraten an seine Stelle setzten. Wie es die USA in Südamerika halt stets gemacht haben. Nun will der Diktator seinen Posten zurück.)
Die Schufte setzen Matrix in ein Flugzeug, er springt jedoch während des Startes ab, nachdem er seinen Bewacher heimlich das Genick gebrochen hat. (Zur Stewardess: „Don’t disturb my friend, he’s dead tired.“) Jetzt hat er genau elf Stunden, bevor das Flugzeug am Reiseziel ankommt und sein Manöver auffliegt. Bis dahin muss er die Spitzbuben ausschalten und seine Tochter finden. Immerhin hilft ihm dabei die Flugbegleiterin Cindy (Rae Dawn Chong).

Hier einige Bemerkungen zum Film:

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Locarno 2017: Lucky

Lucky
Regie: John Carroll Lynch
USA 2017, 88 Min.
Retrospettiva

Denkt an Fargo (den Film, nicht die überflüssige Serie). Die Polizistin hat einen Mann, Norm, der Enten malt für einen Briefmarken-Wettbewerb. John Carroll Lynch hat ihn gespielt, einer jener ewigen Nebendarsteller, die dauernd irgendwo auftauchen, ohne dass man sich ihre Namen merken würde (Face/Off, Gothika, Gran Torino, Ted 2, The Walking Dead etc.)

Lynch hat nun seinen ersten Film als Regisseur gedreht, Lucky, was nicht nur der Titel, sondern auch der Name der Hauptfigur ist. Lucky ist ein 90-jähriger Greis, glaubt nicht an Gott, lebt in einem abgelegenen Wüstenkaff, spult jeden Tag mehr oder weniger dieselbe Routine ab: Fitnessübungen nach dem Aufstehen, Zigaretten holen, Gameshows gucken, in der Lieblingsbar eine Bloody Mary trinken. Und rauchen. Jede Menge rauchen.
Lucky ist ein sensationeller kleiner Film, zunächst einmal wegen Harry Dean Stanton in der Hauptrolle. Wie Lynch ist er ein ewiger Nebendarsteller (und das schon seit 1956), hat sich aber immerhin mit Wim Wenders Paris, Texas zum Indie-Darling hochgearbeitet.
Stanton ist auch im echten Leben 90 Jahre alt (inzwischen 91), sieht allerdings aus wie 147. Ein ledriges, freundliches Reptil, dessen Worte man mitunter schwer versteht und dessen Gesichtszüge im Gesicht festgefräst scheinen – umso heftiger ist aber der Effekt, wenn Stanton aus dieser lethargischen Art ausbricht. Minimales Schauspiel, maximale Wirkung.

Lange bevor Lynch dazustiess, schrieben Logan Sparks und Drago Sumonja ihrem guten Freund Stanton das Drehbuch auf den Leib (wie Sparks im Podiumsgespräch erzählt). Angeblich haben sie nichts viel mehr gemacht, als die Lebensweisheiten des alten Mannes festzuhalten.
(Rührend übrigens, wie ergriffen Sparks da ist. Lucky feierte seine internationale Premiere im FEVI, dem grössten Kinosaal der Schweiz mit um die 3’500 Plätzen, fast völlig ausgelastet. „Da drin waren mehr Leute als in meiner Heimatstadt leben, wo wir gedreht haben!“)
Die erwähnten Lebensweisheiten sind vielleicht nicht immer ganz so tiefsinnig, wie gedacht (anscheinend ist Stanton ein Fan vom New-Age-Schwurbler Eckhart Tolle), zeichnen aber das Bild eines exzentrischen, spannenden Charakters.

Von Stanton abgesehen ist Lucky deswegen ein sensationeller kleiner Film, weil er eben ein kleiner Film ist. Zum grössten Teil besteht er aus einer Aneinanderreihung belangloser Geschehnisse, eine Handlung (mit Dramaturgie und so) gibt es nur ansatzweise: Eines Morgens hat Lucky eine Art Schwächeanfall und fällt hin. Sein Doktor (Ed Begley Jr.) empfiehlt ihm daraufhin, einen Heimpflegedienst in Anspruch zu nehmen – aber noch bevor man sagen kann: „Hui, ich weiss schon, worauf das hinausläuft“, endet dieser Handlungsstrang in der Sackgasse. Luckys lebt sein Leben mehr oder weniger so weiter wie bisher. Diese Verweigerung dramatischer Konsequenzen macht mir den Film ewig sympathisch.
Allerdings, Lucky kommt nach dem Unfall schon ein klein wenig ins Grübeln, wegen Sterblichkeit und Einsamkeit und so. Vielleicht öffnet er sich seinem Umfeld gegenüber. Aber wird er seine atheistische Weltsicht überdenken? Nein, wird er nicht, denn wir sind hier nicht bei The Bucket List oder einem ähnlichen Mistfilm. Im Gegensatz zu einem Mistfilm wie The Bucket List verkneift sich Lucky auch jegliche Sentimentalität (wo der Film in dieselbe zu kippen droht, bewahrt ihn stets Lynchs zurückhaltende Inszenierung davor).

Apropos Lynch: In einer Nebenrolle ist David Lynch zu sehen (nicht mit dem Regisseur verwandt, soweit ich das sehe), als Besitzer einer Schildkröte, die Reisaus genommen hat (dieser Lynch und Stanton sind ja alte Freunde, die schon vielfach zusammengearbeitet haben). Oder Tom Skerritt als ehemaliger Soldat, der mit Lucky (Ex-Navy) traurige Kriegsgeschichten austauscht (ein kleiner Bonus für Fans: Stanton und Skerritt sind zuletzt vor fast vierzig Jahren gemeinsam aufgetreten, nämlich in Alien). Oder da wären Beth Grant als Barbesitzerin und James Darren als ihr Freund. Oder Barry Shabaka Henley als Wirt des örtlichen Diners (die Rolle, die ursprünglich John Carroll Lynch hätte spielen sollen, bevor er den Regiestuhl übernahm). Ed Begley Jr. als Arzt hab ich schon erwähnt. Will sagen: Lucky versammelt einige der besten Namen, die das Hollywood-Altenheim zu bieten hat, und es ist eine Freude, diesen VeteranInnen zuzuschauen.

Zum Abschluss eine Beobachtung. Dieses Jahr kamen/kommen folgende drei Filme ins Kino: Logan, Lucky und Logan Lucky. So was Albernes, pfui!

Und noch eine allerletzte Anmerkung: Einer unserer Nachbarn hat einen Mops namens Lucky. Es vergeht kaum ein Tag in meinem Leben, an dem ich besagten Nachbarn nicht nach Lucky rufen höre.

Allerallerletzte abschliessende Überlegung am Rande: John Carroll Lynch hat am Podiumsgespräch auch erzählt, wie er ab und zu mit Stanton zu kämpfen hatte, weil dieser sich nicht genau an die Worte im Drehbuch hielt. Er (also Lynch) habe aber darauf bestanden, weil schliesslich jedes Wort im Drehbuch genau überlegt sein, von seiner Bedeutung und seinem Rhythmus her. Das ist genau die gegenläufige Arbeitsweise zu Verão Danado, wo die Dialoge von den Schauspielern improvisiert wurden — und der mir eben auch auf die Nerven ging, weil die Figuren viel austauschbaren Stuss von sich geben.
Schon klar, beide Filme hatten ganz unterschiedliche Zielsetzungen, aber das Beispiel zeigt vielleicht, dass man bei improvisierten Dialogen extrem darauf aufpassen muss, was am Ende herauskommt; dass man dabei angewiesen ist auf sprachgewandte Schauspieler und einen konsequenten Cutter.

Locarno 2017: Jacques Tourneur – Kurzfilme

Das PalaCinema ist nicht die einzige bauliche Änderung: Zu meinem tiefen Entsetzen musste ich feststellen, dass irgendwelche Unmenschen das Ex*Rex umgebaut haben. Die alten und abgewetzten, aber coolen weissen Ledersessel von einst wurden gegen neue, rote ausgetauscht. In so einer Umgebung kann man doch keine Retrospektiven zeigen! Noch schlimmer: Das Ex*Rex heisst jetzt GranRex. Und das prangere ich an.

 
Kurzfilme von Jacques Tourneur
USA, diverse
Retrospettiva

Die diesjährige Retrospektive ist Jacques Tourneur gewidmet, der so einige Meisterwerke des Horrorfilms schuf: Cat People (1942), I Walked with a Zombie (1943), Night of the Demon (1957) und mehr.
Aber die Retrospektive präsentiert auch sein restliches Zeug, die Kurzfilme zum Beispiel, die er von 1936 bis 1942 für MGM inszenierte, Auftragsarbeiten unterschiedlicher Art:
Propagandafilme wie Yankee Doodle Goes to Town (Sinngemäss: „Hört nicht auf die Pessimisten, wir werden den Zweiten Weltkrieg schon überstehen.“).
Kurzdokus über den Mann in der eisernen Maske oder über den Fluch und Segen des Radiums (die damaligen Hoffnungen in das Element als Heilmittel haben sich im Rückblick irgendwie nicht erfüllt).
Oder kuriose Storys wie Killer Dog (Parodie auf sensationalistische Berichterstattung: ein Hund wird vor Gerichts des Mordes an Schafen angeklagt) oder The Incredible Stranger (das Highlight des Programmblocks; mehr sag ich dazu gar nicht, schaut euch das Ding mal an, wenn ihr die Gelegenheit erhaltet, husthustyoutubehust). Sehr witzig ist auch The Grand Bounce.

Die Inszenierung ist immer ungefähr dieselbe: Die (durchaus aufwändigen Bilder) bleiben weitgehend stumm, abgesehen von der Musik und der Stimme eines Erzählers. Drei oder vier Beispiele stammten aus der MGM-Serie The Passing Parade, gesprochen vom damals wohl ziemlich bekannten John Nesbitt.
Lustiges Detail am Rande: In einigen der Kurzfilme wird Jacques Tourneur als „Jack Tourneur“ geführt (immerhin nicht als „Jack Turner“).

Als letztes im Programmblock kam Films de famille: schlicht ein Zusammenschnitt von Homevideos aus dem Privatzbesitz der Familie Tourneur. Da sieht man einen Segelausflug, den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer oder wie Tourneurs Frau ein Reh füttert. Packend, fesselnd, zum Nachdenken anregend. Am bemerkenswertesten ist noch, dass John Kelly, der in The Grand Bounce einen Boxer spielte, beim Segelausflug dabei war.
Auf 16mm gedreht, sind die Aufnahmen tonlos – doch bei der Aufbereitung haben sich irgendwelche Tonfragmente hineingeschlichen; ein dumpfen, maschinelles Stampfen und Dröhnen, das sich wie eine Vorform der Nine Inch Nails anhört. Zusammen mit den Homevideobildern ergibt das einen Effekt des totalen existenzialistischen Grauens.

Apropos Projektion: Wer auch immer in der Projektionskabine hockte, hatte anscheinend einen schlechten Tag, denn es gab eine ganze Reihe von Ton- und Bildausfällen. Es war aber amüsant, nach dem x-ten Mal an die zweihundert Leute gleichzeitig resigniert seufzen zu hören.

Filmfestival Locarno 2017: Verão Danado

Holy FUCK, ist es dieses Jahr heiss in Locarno! Wenn man ein Kino verlässt, fühlt es sich an, als würde man aus einer Tiefkühltruhe in einen aktiven Vulkan springen. Zwei Schritte in der Sonne und BAMM!, man verzischt in einer Dampfwolke. Passend also, dass ich mir als erstes einen Film angesehen habe, dessen Titel auf Deutsch soviel heisst wie Verdammter Sommer.

 
Verão Danado
Regie: Pedro Cabeleira
Portugal 2017, 128 Min.
Concorso Cineasti del presente

Da dieser Film von einer Generation handelt, die ziellos vor sich hindümpelt, darf es wahrscheinlich nicht wundern, dass auch die Handlung ziellos vor sich hindümpelt. Sie folgt Chinco (Pedro Marujo), der nach seinem Philosophie-Studium ohne Job dasteht. Statt Bewerbungen rauszuhauen oder zu Bewerbungsgesprächen zu gehen, hängt er mit Kumpels herum, nimmt Drogen und geht zu Partys. Das wird bald einmal repetitiv (noch eine Party und noch eine Party und noch eine Party …) und zieht sich bei einer Laufzeit von über zwei Stunden arg in die Länge.

Regisseur Pedro Cabeleira kam fast mit seinem gesamten Team an die Vorführung. Für einen Grossteil der Crew (auch für Cabeleria selbst) war Verão Danado der erste Spielfilm. Wie die Anwesenden erklärten, stand während des Drehs zwar das Grundgerüst der Story, die Szenen an sich waren aber zu einem Grossteil improvisiert – und den Eindruck macht das Ergebnis dann auch. Nichts als ewig lange, ausgewalzte Szenen, in denen irgendwelche Leute irgendwelchen Unsinn plappern oder in irgendwelchen Clubs herumhampeln. Ähnlich wie Sebastian Schipper in Victoria, so versuchen auch Cabeleria und Co. den Charme von feuchtfröhlicher Zusammenkünfte einzufangen, aber hier wie dort gilt: Von aussen betrachtet nervt besoffenes Geschwätz bloss.

Und was noch schlimmer nervt: Cabeleria ist ein grosser Fan von Stroboskopeffekten. Mehr als einmal musste ich mir eine Hand vors Gesicht halten, weil mir das verdammte Geblinke selbst noch bei geschlossenen Augen in denselben weh tat.
Wie Cabeleira erklärte, wollten er und seine Freunde ein junges, alternatives portugiesisches Kino machen, jenseits von öffentlicher Finanzierung und von hergebrachten Konventionen. Ein Film, der zu einem guten Teil buchstäblich unansehbar ist – das ist nun wirklich unkonventionell.

Ich scheine nicht der einzige gewesen zu sein, der mit Cabelerias Vision wenig anzufangen wusste, denn immer wieder schienen Smartphone-Screens auf (was mich bei einer anderen Aufführung genervt hätte, hier aber nicht, nur schon deswegen, weil auch die Figuren im Film die ganze Zeit am Telefon hängen), und es gab einen steten Strom von Zuschauern, die den Saal verliessen. Andererseits waren da am Ende auch viele, die begeistert geklatscht haben, und als das Q&A losging, meinte einer aus dem Publikum: „Ich verneige mich demütig vor dem Talent, das sich hier gezeigt hat.“ Und: „[Der Film] ist pure Grossartigkeit.“ Also hört nicht allein auf mich.

Im Übrigen fand ich längst nicht alles schlecht an Verão Danado, insbesondere das Tondesign gefiel mir: Immer wieder wird da an der Tonmischung herumgedreht, um allerlei faszinierende Effekte hinzubekommen. Da tanzt zum Beispiel Chinco mit einer Frau im Club, wobei die stampfende Musik allmählich derart extrem in den Bass kippt, dass sie kaum noch hörbar, fast nur noch zu spüren ist. Und wenig später, immer noch in der Clubszene, herrscht einmal plötzlich totale Stille, woraufhin ein Geigensolo einsetzt.
Surreale Elemente wie diese sagen mir zu. Nur nicht am Ende, wo wiederum während einer Clubszene der Ton wegfällt und stattdessen eine Stimme zu hören ist, die auf Englisch ein Gedicht vorliest, das ebenso pathosgetränkt und selbstherrlich wie flach ist – sowas bezeichnet man in Fachkreisen als prätentiöse Kümmelkacke.

Nochmals im Übrigen: Verão Danado lief im PalaCinema, dem brandneuen Multiplex, das an die Piazza Grande anschliesst. Endlich gibts in Locarno einen grossen Kinosaal mit bequemen Sitzen (die Plastikstühle im FEVI oder im Sala und Altra Sala hält ja kein Hinterteil aus). Zudem bleibt zu hoffen, dass das Festival nun die Zuschauermassen etwas besser in den Griff kriegt.

Riga: Jugendstil, Impressionismus und Falstaff

Es hilft, sich Folgendes vor Augen zu führen, immer wenn man irgendwohin reist: Du bist bloss ein doofer Tourist, also pass auf mit vorschnellen Urteilen. Beispiel: Als wir in Riga ankamen, hats geregnet, und tags drauf auch. Ich also: „Okay, das ist dann wohl der typische baltische Sommer.“
Ein Ortsansässiger, den wir über eine Bekannte kennenlernten und der uns nicht nur vom Flughafen abholte, sondern auch einmal einen halben Tag in der Stadt herumführte, stellte richtig, dass Lettland normalerweise durchaus tolles Sommerwetter hat. Es ist nicht die Arktis. Man denke nur mal daran, dass Jurmala – ein Städtchen, 25 km westlich der Hauptstadt – einer der beliebtesten Badeorte der Sowjetunion war. Und siehe da: Sobald es aufhörte zu regnen, wurde es in Riga so richtig sonnig und heiss.

Anderes Beispiel: Uns fiel auf, dass die Altstadt voll war mit Etablissements amerikanischer Ketten sowie mit amerikanisch inspirierten Lokalen. Subway. KFC. T.G.I. Friday’s. Pizza Hut. Ribs & Rock. Crazy Donuts. Pubs und Steakhäuser noch und nöcher. Eine Bar mit den Namen Moonshine. Kommt hinzu, dass wir in unserer Zeit in Riga nur einen einzigen Letten trafen, der kein Englisch konnte.
Ich ging also davon aus, dass die Letten nach dem Ereichen der Unabhängigkeit 1990 einen heftigen Tick für den Westen entwickelten. Aber auch hier rückte der erwähnte Ortsansässige meine Vorstellung gerade und sagte, es verhalte sich eher so, dass internationale Firmen Lettland nach dessen EU-Beitritt 2004 überrannt hätten. Die ganzen Subways und Co. seien eine relativ junge Entwicklung, und in ganz Lettland gibts nur diesen einen Pizza Hut, den wir da sehen. Wieder was gelernt.

Behaltet das also im Hinterkopf, wenn ich nun schreibe: Hier sind unsere Eindrücke von Riga.

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