Das war schon alles. Nichtssagend.

„Das war es. Das war schon alles. Nichtssagend.“ (S. 35)
„Gerede, Gerede, fortlaufend im Kreis um sich selbst drehend ohne viel Sinn […]“ (S. 39)
„Ob er sich schon den neuen deutschen Film angesehen habe. Warum sollte er ihn sich angesehen haben, er erhoffte sich davon auch keine Weisheiten. Man könne sich denken, wie der aussehen würde. Genauso beschissen wie das, was geschrieben wurde, genau so scheissig uninteressant. Also beschissen. Allles. Aus. Am Ende. Nichts mehr los. Das macht dich auf die Dauer krank. Lies ein paar Zeilen, und diese paar Zeilen werfen dich um. Mein Gott, was die sich alle so ständig einfallen lassen, nur weil die mal irgendwann zu schreiben angefangen haben.“ (S. 61f.)
„Er gab es auf.“ (S. 63)

Rolf Dieter Brinkmann, „Keiner weiss mehr“, Rowohlt 2013
Erstveröffentlichung: Kiepenheuer & Witsch 1968.
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Sri Lanka: Ein Waran kommt zu Besuch

Teilweise sieht man der Küste noch immer die Zerstörung an, die der Tsunami 2004 hinterlassen hat. Der Taxifahrer weist uns drauf hin. Keine Spur davon jedoch am Bentota Beach, wo die teuren Hotels stehen. Das The Surf liegt unmittelbar am Strand, nur etwas Rasen trennt es vom Sand. So haben wir vom Balkon unseres Zimmers aus freie Sicht auf den Ozean, auf die Farben der Sonnenuntergänge. In dem Teil der Welt sieht man die Bewegung der Sonne von blossem Auge.
Das Meer lädt uns dazu ein, direkt reinzuhüpfen, woraufhin uns ein Bademeister sofort wieder rauswinkt. Die Wellen von Sri Lanka sind tückisch, haben teils eine starke Unterströmung, die alles mit sich reisst. Achten Sie auf die roten Flaggen am Strand. Dort hinten können Sie rein.
Ein anderer Hotelgast meinte mal: „Die Einheimischen unterschätzen wahrscheinlich, dass wir Europäer in der Schule Schwimmen gelernt haben.“ Wie viele sind ertrunken, weil sie so gedacht haben?
Beim nächsten Schwumm sind wir achtsamer. Die Wellen sind ziemlich stark; das macht Spass. Der extreme Salzgehalt dagegen ist gewöhnungsbedürftig. Am Strand bieten Surflehrer ihre Dienste an. Für Anfänger ist der Bentota Beach genau richtig; Profis gehen eher an die Ostküste des Inselstaates.
Das The Surf hat zwei Pools. Der kleinere ist nicht von Rasen, sondern von Sand umgeben. Nachdem wir im Meer waren, spülen wir uns ab und schwimmen ein paar Runden im gechlorten Süsswasser. Wir schnappen uns zwei Strandliegen und legen uns unter einen Sonnenschirm. Unter den Hotelgästen gehören wir einer Minderheit an; der Grossteil besteht aus angejahrten, dicklichen Deutschen. Wie grosse, teils bleiche, teils rote Seelöwen liegen sie da, umsorgt von kleinen, schlanken, dunkelhäutigen Einheimischen.
Irgendwo schnattert ein Palmenhörnchen. Die Nager sehen aus wie Streifenhörnchen, haben aber einen langen, buschigen Schwanz – als hätte man einem Eichhörnchen den Schweif gerade gezogen. Die Viecher sind ganz schön wagemutig. Als wir morgens auf der Terasse des Restaurants frühstückten, ging meine Allerliebste rein, um am Buffet Nachschub zu holen. Und schon kletterte ein Palmenhörnchen ihren Stuhl hoch, um sich an ihrem Teller zu bedienen. Obwohl ich auf der anderen Seite des kleinen Tischchens sass.
Eine Touristin kreischt und bringt ihre Füsse auf ihrer Liege in Sicherheit. Nicht wegen eines Palmenhörnchens, sondern wegen eines Warans. Über die Echsen stolpern wir auf Sri Lanke immer mal wieder: Da spazierten wir eine Strasse entlang, und auf einmal entdeckten wir einen Waran, der sich bei einem Holzstoss sonnte. Oder da zuckten wir mal zusammen, als eins der Tiere aufsprang, weil wir es aufgrund seiner Tarnfarbe nicht entdeckten, bis wir fast draufgetreten wären. Diese Warane werden nicht gerade so gross wie die Komododrachen, aber im Vergleich zu unseren europäischen Eidechsen sind das doch massive Viecher.
Der Waran, der unseren Pool besucht, misst vielleicht einen halben Meter. Er ist gräulich braun, nur die Schnauze und die Krallenfinger haben einen Grünton. Er watschelt gemütlich um den Pool herum, gräbt bei der einen oder anderen Palme im Sand. „He’s hungry“, meint einer der Angestellten. Die Hotelgäste zücken ihre Smartphone (wir haben unsere Handys im Zimmer gelassen) und umringen das Tier, als wär’s irgendein Filmstar. Immerhin wahren sie einen respektvollen Abstand. Der Waran ignoriert sie geflissentlich. Da latscht einer der Gäste in die Szene wie ein Elefant in den Porzelanladen und erschreckt den Waran, der mit einer blitzartigen Geschwindigkeit, die man ihm niemals zugetraut hätte, davonspringt und sich bei der Terasse hinter einem Fusswaschbecken in Sicherheit bringt. Nach ein paar Minuten beruhigt er sich, setzt seinen Spaziergang fort und verschwindet irgendwann wieder in der Vegetation bei der Poolbar, aus der er hervorgekrochen kam.

Auf diesen kleinen Kerl stiessen wir direkt vor unserem Hotel.

Göteborg 2017: Konstmuseum

Der Hauptartikel zu Göteborg ist hier zu finden.

Der riesige Klotz da oben, das ist das Kunstmuseum von Göteborg (bei dem kleineren Klotz rechts daneben handelt es sich um die Konsthall, und vornedran sieht man den Poseidonbrunnen). Da bin ich also mit meiner Allerliebsten rein (die dann irgendwann in die Stadt Tee trinken ging, während ich im Museum weiter abnerdete).
Okay, was hab ich da also gesehen?

 
Nordisches Zeug

Herzstück der Sammlung ist die nordische (vorwiegend natürlich schwedische) Kunst um 1900 herum. Da hat man die Fürstenberg-Gallerie mit den opponenterna (dt. „Widersachern“), die in den 1880ern und -90ern aktiv waren. Dazu kommen die Künstler des nordischen Fin de siècle, ab 1900 die schwedischen Modernisten und schliesslich die Göteborger Koloristen in den 1930ern.

Pontus und Göthilda Fürstenberg förderten und sammelten ihrerzeit junge Künstler (bzw. ihre Werke), die sich unter anderem vom französischen Impressionismus inspirieren liessen und gegen alterhergebrachte Kunstvorstellungen rebellierten. Mir erscheint allerdings die Fürstenberg-Kunst selbst ziemlich steif und langweilig. Da überwiegen idyllische Naturdarstellungen und nackte Frauen ohne Genitalien.
Das Interessanteste an der Fürstenberg-Abteilung ist noch, dass man in den 1920ern im damals neuen Kunstmuseum die alte Fürstenberg-Gallerie nachgebaut hat (die war vorher ganz woanders), mit den roten Wänden und den Skulpturengruppen an den Wänden, die modernen Erfindungen gewidmet sind — da sind zum Beispiel klassische Frauenstatuen um ein Telefon gruppiert.
Interessant jedenfalls, dass das Museum ausgerechnet dort hinein ein zeitgenössisches Werk von Fredrik Raddum gesetzt hat: The Child ist die Plastik eines lachenden kleines Kindes, dem Äste aus den Ohren wachsen. Als hätte jemand im einem stickigen Atelier ein Fenster geöffnet.

Gegen die Jahrhundertwende und mit der schwedischen Moderne ist die Kunst dann um einiges freier geworden, es kommen Leute wie der Norweger Edvard Munch — der einzige nordische Maler, der mir vorher schon ein Begriff war (das Kunsthaus Zürich hat übrigens eine ziemlich tolle Sammlung seiner Werke).
Andere schnieke Werke: Die Wolke von Prins [sic] Eugen; Die Bauerstochter von Carl Wilhelmson.
Ein eigener Raum ist Ivar Arosenius gewidmet, dessen Arbeit zwischen klassischen Gemälden und Kinderbuchillustrationen pendelt, und dessen Humor mir sehr zusagt. Er hat zum Beispiel mehrere Selbstporträts gemalt, auf denen er sich selbst extrem grimmig darstellt — was schon ganz grundsätzlich witzig ist, aber dann kommt das sogenannte Selbstporträt mit Federvie und Schweinen, wo Arosenius in seiner grimmigen Art durch eine bunte Gegend mit glücklichen Bauernhoftieren herumspaziert. Grandios.

Sehr gefallen mir zudem die Göteborger Koloristen (man schaue sich nur Inge Schiölers Rothaariges Modell I oder Carl Kylbergs Heimkehr an).

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Kinorückschau 2017: Die Lustwiese der Ehre

Nachdem wir die schlechtesten Filme des Jahres durchgegangen sind, kommen wir zu den besten — jene Werke, die mich wieder damit versöhnen, dass ich den hoffnungslosen und unrentabeln Beruf des Filmkritikers ausübe. Jene Werke, die ich euch hiermit ans Herz lege.

 
13. Blue My Mind (Lisa Brühlmann, Schweiz 2017)
Ein Coming-of-Age-Drama über ein Zürcher Mädchen, das mit der Pubertät nicht nur die Sexualität für sich entdeckt, sondern an sich auch eine unheimliche Verwandlung feststellt. Die Dialoge klingen zum Teil furchtbar künstlich, teils aber auch herrlich natürlich: „Chli Cheekbones zeige!“ Ich habe ja den Verdacht, dass das damit zusammehängt, wie stark sich die Schauspieler ans Drehbuch halten – denn gerade die erwachsenen Professinellen sind kaum zum Aushalten. Aber vielleicht ist das auch grad die Absicht, und vielleicht täusche ich mich sowieso.
Wie dem auch sei: Sowohl in den gelungenen wie auch weniger gelungenen Momenten ist Blue My Mind ein erinnerungswürdiges Teenager-Märchen. (Wenn der Schweizer Filmnachwuchs künftig mehr sowas produziert und weniger 08/15-Sozialdramen, weisch wie wär ich froh!)

12. Rue de blamage (Aldo Gugolz, Schweiz 2017)
Jedes Mal, wenn ich von Zürich aus nach Luzern fahre, seh ich vom Zug aus die Statue auf dem Kreuzstutz-Kreisel: Ein riesiger Mann aus Beton mit blauen Metallstangen in den Händen. Was es damit auf sich hat, erfährt man in diesem Dokumentarfilm, und auch, was sich sonst so tut und was für Leute da leben an der Baselstrasse (dem Ghetto von Luzern). Regisseur Gugolz kommt erstaunlich nah ran an die Leute, ohne zum Voyeur zu werden; diese Balance muss man erst einmal hinbekommen.

11. Atomic Blonde (David Leitch, USA/Deutschland/Schweden 2017)
Dieses Jahr kam ja leider kein neuer Film von Nicolas Winding Refn ins Kino, aber Atomic Blonde ist the next best thing: Mit dem 80er-Jahre-Soundtrack, den neon-düsteren Bildern und der knallharten Gewalt erinnert diese James-Bond-Variation stark an das Werk des Dänen. Refn für den Mainstream, sozusagen. Charlize Theron empfiehlt sich nach Mad Max: Fury Road und diesem Film als weibliche Actionheldin unserer Zeit.
(Im Übrigen verdienen die Filmemacher Lob dafür, aus einer lahmen Vorlage etwas Lohnenswertes gemacht zu haben.)

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Kinorückschau 2017: Die Müllhalde der Schande

Schon klar, ich bin wieder verdammt spät dran mit meiner Kinorückschau. Aber man ist nicht zu spät, solang es noch Spinner gibt, die ihre Weihnachtsdekoration nicht weggeräumt haben.
Also: Welche Kinofilme haben mit 2017 begeistert? Welche hätten mir das Medium Film beinahe verekelt?
Wie üblich, kommen hiermit erst die schlechtesten Filme; der Beitrag mit den besten folgt demnächst.
Eins vorweg: Aufgrund einer beruflichen Änderung war ich 2017 nicht mehr darauf angewiesen (jedenfalls längst nicht mehr im selben Masse), Aufträge für Filmkritiken anzunehmen, sondern konnte weitgehend selbst entscheiden, welche Werke ich mir ansehe – soll heissen, ich liess eine Menge Filme bewusst aus. Kein Matthias Schweighöfer diesmal!
Bei jenen Filmen, über die ich schonmal was geschrieben hab, gibts entsprechende Verlinkungen.
Und ja, es wird im Folgenden extremst griesgrämig. Ihr seid gewarnt.

 
12. La La Land (Damien Chazelle, USA 2016)
Ihr könnt mich alle mal! La La Land fiel für mich als Musical grundsätzlich mal flach, weil mich kein Song und keine Tanznummer herausragend dünkte. Findet echt niemand sonst, dass der anzitierte Singin‘ in the Rain (1952) ein völlig anderes Niveau hat? Wirklich gestört hat mich aber, dass La La Land etwas aussagen will, nämlich über die Liebe zur Kunst und die Kompromisse, die man dafür eingehen muss, nicht zuletzt im Beziehungsleben. Ein interessantes Thema, zu dem der Film leider nur banale Antworten parat hat, ganz zu schweigen davon, dass die beiden Hauptfiguren die geistige Reife von Dreijährigen an den Tag legen. Ich konnte Mia und Sebastian auf den Tod nicht ausstehen (und dabei bin ich ein Fan von Emma Stone und Ryan Gosling).

11. Tiere (Greg Zglinski, Schweiz/Österreich/Polen 2017)
„David Lynch für den Kindergarten“, war mein Urteil nach der Sichtung am ZFF. Und dabei bleibe ich.

10. This Beautiful Fantastic (Simon Aboud, GB 2016)
Einer exzentrischen jungen Frau (Jessica Brown Findlay), die unter diversen Neurosen leidet, droht der Rauswurf aus ihrem Haus, sofern sie ihren Garten nicht in Ordnung bringt, aber wegen ihrer Neurosen fällt ihr das schwer. Zum Glück helfen ihr der bärbeissige Nachbar (Tom Wilkinson) und dessen netter Koch (Andrew Scott).
Der britische Filmemacher Simon Aboud hat Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (2001) gesehen und sich gesagt: „Das kann ich auch.“ Nein, kann er nicht. This Beautiful Fantastic kopiert die Amélie teilweise bis in die Details (die Frisur!), soll ebenso charmant, herzerwärmend und exzentrisch sein, ist aber bloss einfallslos, klischiert und nervtötend.

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Goeteborg 2017: Windige Inseln, Zombies und eine Fischkirche

Wir waren vier Tage in Schweden und haben keinen einzigen Ikea gesehen. Aber wir haben jede Menge Knäckebrot gegessen.

Es gab von der Swiss ein Sonderangebot für Flüge nach Göteborg. Also sind wir hin. Und haben gleich mal gemerkt, dass es im Grunde eine blöde Idee ist, im Herbst in den Norden zu fliegen — es war doch merklich kälter als in Zürich. Zwar ungewöhnlich warm für schwedische Verhältnisse, wie unsere Bed-and-Breakfest-Gastgeberin meinte, also konnten wir uns immer noch glücklich schätzen. Aber wir waren froh um unsere Schals und Wintermützen.
 
 
Schärengarten

Dass das Herbstklima dort oben eher rau ist, merkten wir zudem, als wir den Göteborger Schärengarten besuchten. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von bewohnten Felseninseln vor der Küste (unterteilt in einen nördlichen und einen südlichen Archipel). Wir nahmen die Färe nach Donsö, eine der südlichen Inseln. Diese ist über eine Brücke mit der Nachbarinsel Styrsö verbunden; über jene sind wir dann spaziert. Dort oben ging der Wind so stark, dass es uns fast runtergeweht hätte.
Wir waren über weite Strecken die einzigen Touristen in der Gegend. Kein Wunder, denn der Inseltourismus ist ganz und gar auf den Sommer ausgelegt. So hatten wir uns vorher ein Restaurant rausgesucht, allerdings nicht gesehen, dass jenes nur von März bis Oktober betrieb hat. Als wir dort waren, war geschlossene Gesellschaft — der örtliche Seniorenverein hatte Zusammenkunft.
Wir tranken dann kurz was in einem eher grauseligen Café (Bratten’s Wärdhus) gleich am Pier („Free Wifi!“, stand draussen angeschrieben. Denkste) und nahmen die nächstbeste Fähre zurück zum Festland.
Lustige Beobachtung am Rande: Die Leute auf den Inseln sind üblicherweise nicht mit richtigen Autos, sondern mit Golfwagen Unterwegs. Sehr süss.


 
 
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Biedermann und das Quadrat

Letzthin hab ich im Riffraff The Square gesehen, den neuen Film von Ruben Östlund, eine Satire auf den schwedischen Kunstbetrieb. Manchmal an der Grenze zur Plattheit: Ziemlich am Anfang hat Christian (Claes Bang) — Kurator eines Museums für Gegenwartskunst und Hauptfigur der Handlung — ein Interview mit einer amerikanischen Journalistin (Elisabeth Moss). Sie konfrontiert ihn mit einem Text von der Webseite des Museums (es ist der Beschrieb zu einer Ausstellung), einen Text, den Christian offenbar selbst nicht versteht. Haha, Kunsttexte sind schwer verständlich, sehr originell.

Lustiger sind da schon kleine, feine Beobachtungen. Der Raum, in dem das Interview stattfindet, enthält auch eine Installation, bestehend aus vielen Schotterhäufchen. An der einen Wand sitzt eine leicht übergewichtige Aufseherin auf einem Klappstuhl — das Bild hat etwas Rührendes. Einmal werfen Besucher einen Blick in den Raum, trauen sich aber nicht, hineinzugehen. Ein andermal kommt dann tatsächlich einer rein, so ein richtiger Hipster. Als er die Installation fotografieren will, bellt die Aufseherin, dass er das nicht dürfe. Das hat etwas von einem Roy-Anderson-Film.

Was einem aber wirklich im Gedächtnis bleibt, sind die Szenen, in denen Regisseur Östlund den Hebel bei sozialen Konventionen und Interaktionen ansetzt. Nach der Vernissage-Party schläft Christian mit der Journalistin. Ist schon der Akt in seiner alltäglichen Lächerlichkeit witzig, so wird es richtiggehend brutal, als die Frage aufkommt, wer das Kondom entsorgt — ein Abgrund der Geschlechterkriegs tut sich auf.
Die Journalistin hat übrigens einen Schimpansen zum Haustier. Es gibt nie eine Erklärung dazu, aber ich seh darin eine Anspielung auf Max, Mon Amour.

Herzstück des Films ist die Szene, die auch das Plakat ziert. Da hocken während eines Empfangs die ganzen reichen Gönner und Kulturmenschen herausgeputzt im Festsaal und erwarten ergebendst eine Performance. Da tritt auch schon der Künstler auf. Sein Ding: Er benimmt sich wie ein Affe. Prothesen an den Armen ermöglichen ihm einen Gang wie der eines Gorillas; er brüllt und grunzt, betatscht die Leute, benimmt sich immer wilder. Es dauert nicht lange, bis die Situation eskaliert.
Eine unglaubliche Szene, ein bitterböser Kommentar auf das Verhältnis von Künstlern und Publikum. Auf begüterte Bildungsbürger und Mäzene, die sich Künstler wie Haustiere halten, aber es gar nicht goutieren, wenn sich diese Haustiere daneben verhalten. Darauf, dass Künstler gern provozieren dürfen, dabei aber bloss nicht die gemütliche Konsumentenrolle des Publikums stören sollen. Überhaupt auf die Grenze zwischen Künstler und Publikum, auf das Rollenverständnis, auf die festgefahrenen Konventionen im herkömmlichen Kunstbetrieb.
Hat man The Square gesehen, kriegt man Lust, mit einer Fakel und einem Kanister Benzin ins nächste Kunsthaus zu rennen.

(Den Künstler spielt übrigens Terry Notary, der sich ganz wie der berühmtere Andy Serkis auf die Darstellung von Motion-Capture-Kreaturen spezialisiert hat, vor allem Affen: Kong in Kong: Skull Island, Rocket in der neuen Planet of the Apes-Trilogie.)

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