Mit den Werckmeisterschen Harmonien in der Filmkammer des Schreckens

Matthias, Heiko und Sebastian von Megalife Radio Podcasts sind schuld: Sie haben mich wieder in die Filmkammer des Schreckens gezerrt – und dort dazu gezwungen, über Die Werckmeisterschen Harmonien zu reden. Es handelt sich dabei um ein Werk des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, der verehrt wird für seine fröhlichen, bonbonbunten Feelgood-Movies.

An einer Stelle versuche ich, Musiktheorie zu erklären, und das Ergebnis dürfte jedem Menschen, der auf dem Gebiet bewandert ist, kalte Schauer über den Rücken jagen. Sorry!

Attack of the Weekly Links: Fundi-Zeichner, Galileo und Star-Trek-Intakes

Fred Carter ist gestorben | Anfang Mai ist Comiczeichner Fred Carter gestorben, mit 84 Jahren. Ich kann nicht sagen, dass es besonders schade um ihn wäre – er war ein christlicher Extremist, und sein berühmtestes Werk sind die Zeichnungen für die Chick Tracts. Menschenverachtendes Fundi-Zeugs. Das aber halt gut gezeichet ist. Der verlinkte Facebook-Thread bietet ein paar Beispiele für Carters Schaffen.

The Story of Galileo’s Trial | «Und sie dreht sich doch.» Was hat es eigentlich mit dem Galileo-Prozess auf sich? Irgendwas mit Kirche gegen Wissenschaft. John C. Hamer geht in seinem Vortrag von weit verbreiteten, aber verfälschten Vorstellungen aus und erklärt, wie es damals wirklich war.

Starfleet Believes in the Prime Directive | Die Idee ist genial: Der Mensch von Ryan’s Edits nimmt Outtakes aus den Star Trek-Serien, also Versprecher, Unfälle, Blödeleien etc. der Schauspieler:innen. Diese Outtakes schneidet er in die fertigen Szenen rein. Intakes nennt er das.
Weitere Beispiele: Worf is a Famed Klingon Warrior. Data Can’t Cope With Precognition. Archer Knows His Enemy. Geordi and Worf are In Sync. Data Doesn’t Handle Rejection Well. Yuta Takes Riker’s Breath Away.

Attack of the Weekly Links: Provokation und Witz, Fotos von Häusern, die Mafia in Las Vegas, Vietnams Kommunismus

Wer über Faisal Kawusi redet, muss von Comedy schweigen | Bernhard Hiergeist von Setup/Punchline über den Bezug von Provokation und Witz am Beispiel von Faisal Kawusi. «Der ist ja einer der Sorte Comedians, die lieber den Witz ausspart als die Provokation», schreibt Hiergeist und bringt ein Gegenbeispiel: Alex Stoldt, dem es um solide konstruierten Humor gehe. Wirklich sehr anguckenswert.
Allerdings würd ich dann doch anmerken: So lustig Stoldts Witze sind, fällt halt doch auf, dass die unterliegenden Vorstellungen (in dem Fall: von Beziehungen und den Geschlechtern) arg traditionell sind.

Post-Industrial England’s Boarded-Up Houses | Artikel für das Fotografiemagazin LensCulture der britischen Künstlerin Katharina Fitz. Für das Projekt Boarded-up Houses hat sie leerstehende, zugenagelte Häuser in Liverpool und Manchester fotografiert sowie gefilmt. Die Ästhetik ist gleichermassen charmant und erschreckend.

History of the Mob in Las Vegas | Der Cynical Historian über die Geschichte von Las Vegas und der Mafia. Ein Blick auf die Hintergründe des Mythos, den man aus Casino und Co. kennt.

Viet Minh? More like Viet Win | Der Podcast The Deprogram über Vietnams Kommunismus, mit der vietnamesischen Kommunistin Luna Oi als Gast. Erhellender Einblick in den real existierenden Sozialismus.

Wo ist das Kamel? Al Nassma, Kamelmilchschokolade (Arabia)

Die Allerliebste verbrachte letzthin ein paar Tage in Dubai. Ich bin zu Hause geblieben, aber sie war so lieb, mir ein paar Sachen mitzubringen. Darunter Kamelmilchschokolade.

Die Marke Al Nassma verkauft «die erste und feinste Kamelmilchschokolade», wie es auf jeder Tafel heisst. Hinter dem Produkt stecken der Kölner Unternehmer Martin Van Almsick und seine sudanesische Frau Hanan Ahmed. Die haben mit einer Dubaier Kamelfarm* und dem österreichischen Chocolatier Johann Georg Hochleitner zusammengespannt, seit 2008 läuft die Schokolade vom Fliessband.

* Die Kamelfarm Camelicious gehört letztlich Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, dem Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate.

Ein Teil der Herstellung lief anfangs über Manner in Wien, inzwischen wird vollumfänglich in Dubai produziert.

Vertrieben wird das Zeug als Luxussüsskram in den Duty-Free-Shops der Flughäfen der Welt. In Dubai kostet eine Tafel 29 Dirham, umgerechnet knapp 8 Franken. Nicht ganz günstig also. Die Verpackung ist hochwertig, die Tafel selbst ist in Goldpapier eingeschlagen.

Es gibt von Al Nassma diverse Sorten, probiert hab ich Arabia. Die ist mit einer nicht näher definierten Gewürzmischung versetzt.

Mir fehlt der Vergleich mit der ganz normalen Variante, aber viel merk ich von den Gewürzen nicht. Und auch sonst hält die Tafel für mich keinen besonderen Geschmack bereit – das Kamel an der Kamelmilchschokolade hält sich verborgen.

Al Nassma schmeckt wie eine ganz normale Milchschokolade aus dem Supermarkt. Nur die Konsistenz ist vielleicht etwas mehliger als gewohnt. Fand ich jetzt eher unangenehm.

Alles in allem: Das mit der Kamelmilch ist ein nettes Gimmick, aber rein geschmacklich ist diese Schokolade wenig bemerkenswert.

Auf der Schokoladen-Test-Datenbank Chclt.net gibts Kritiken auf andere Al-Nassma-Sorten.

Al Nassma
Kamelmilchschokolade. Sorte: Arabia
Preis: 29 Dirham (7.9 Franken)
Rückseite

Attack of the Weekly Links: Andy Fischli, Schweizer Bahnhöfe und die Riders of Filmkammer

Drei Augen sehen mehr als zwei | «Aber was soll hier dieses kosmische Pathos, das passt nun wirklich nicht zu Andy Fischli. Lassen wir deshalb lieber seine Bilder sprechen […]» Florian Keller über den Comiczeichner, der sich am 3. März das Leben genommen hat. Ein schöner Nachruf.
An der letzten Fantasy Basel hatte Fischli einen Stand. Ich ging hin, um mir Der grosse Wagen zu besorgen. Er selbst war dann aber gar nicht da. «Er kommt erst morgen», sagte sein Kollege. Ich: «Okay, ich kauf den Comic schon mal. Ich kann ihn sicher irgendwann in Zürich um eine Widmung bitten.» Dazu ist es nicht mehr gekommen.

Well There’s Your Problem | Episode 65: Santiago Calatrava | Der Well There’s Your Problem Podcast läuft bei mir gerade in der Dauerschleife. Thema sind Katastrophen aus dem Ingenieurswesen – explodierende Raketen, Zugunglücke, grosse Brände, Atomunfälle und Co. Aus einer linken Perspektive. Diese Folge ist vergleichsweise harmlos, es geht einfach um den spanischen Star-Architekten Santiago Calatrava und seine Projekte, die ebenso überteuert wie menschenfeindlich sind.
Oculus, mit fast 4 Milliarden Baukosten der teuerste Bahnhof der Welt, steht beim World Trade Center – während unseres New-York-Besuchs haben die Allerliebste und ich uns den auch angesehen. Wir fanden ihn eigentlich ganz schön, aber ziemlich steril. In erster Linie ist das ein Kaufhaus mit unnötigen Läden (Luxus-Zeug, das kein normaler Mensch braucht), und es gab keine Sitzgelegenheiten oder sonst irgendetwas, das zum Verweilen eingeladen hätte.
Calatrava hat aber auch den Bahnhof Stadelhofen und den Bahnhof Luzern entworfen, Orte also, die ich mindestens einmal im Monat passiere. Dass die Podcast-Jungs den Bahnhof Luzern als «schäbig» bezeichnen, find ich allerdings ungerechtfertigt. Fickt euch, Leute. Fickt euch ins Knie.

Die Rache der Filmkammer des Schreckens | Podcast zum Zweiten: Eine neue Folge der Filmkammer des Schreckens ist online. Thema ist der Mads-Mikkelsen-Film Riders of Justice.
Apropos: Demnächst einmal erscheint die zweite Folge des Arthouse-Ablegers (die erste handelte bekanntlich von The Green Knight), in dem dann wieder meine nervige Stimme zu hören sein wird.

«Die Nähe von Geburt und Tod war überwältigend» (Paywall) | Soul of a Beast ist eine wilde Mischung aus Sozialdrama, Science-Fiction und Samuraifilm. Aus Zürich! Ich hab mit Regisseur Lorenz Merz und Hauptdarsteller Pablo Caprez gesprochen.

«Judex»: Unaufgeregtheit und Vogelmasken

Mit Judex hat sich Regisseur Georges Franju (1912–1987) Anfangs der Sechziger ein Remake geleistet. Er war ein Fan des Stummfilm-Pioniers Louis Feuillade, und der hatte in den 1910er-Jahren Abenteuer-Serials wie Fantômas und Les Vampires gedreht und eben auch den ursprünglichen Judex (1916).

Im Zentrum steht ein gewisser Judex («SchÜ-dex»), eine Art Batman-Vorgänger. Als verkleideter Rächer kämpft er für Gerechtigkeit, das heisst, er legt er sich mit einem verbrecherischen Banker an, bekommt es aber auch mit einem skrupellosen Kindermädchen und ihren Handlangern zu tun.

Franju dampft die zwölf Episoden des Originals auf Spielfilmlänge ein und hat sichtlich Spass daran, die Absurdität der Handlung auf die Spitze zu treiben. Da jagen sich Twists und Zufälle.
Einmal brauchen die Verbündeten von Judex dringend jemanden, der eine Hausmauer hinaufklettern kann – genau in dem Moment kommt eine Akrobatin mit ihrem Zirkus vorbei, die zudem noch freundschaftlich mit einem der Helden verbunden ist. Die Welt ist ein Dorf!

Das alles ist milde amüsant, insgesamt hält sich der Unterhaltungswert jedoch in Grenzen. Das Erzähltempo ist doch ziemlich gemütlich-grossväterlich, und die Inszenierung durchzieht eine Art Unaufgeregtheit, die dem Spannungsaufbau hinerlich ist. Schockmomente und Thrillerszenen fallen flach, die Kampfchoreografien sind ein Witz, die Figuren reagieren auf die Handlungsentwicklungen üblicherweise phlegmatisch.
Als etwa das böse Kindermädchen feststellt, dass sie und ihre Handlanger eingekesselt sind, und ihr Partner meint, man könnte vielleicht mal was machen, antwortet sie mit einem Schulterzucken. Ja, wieso nicht, könnte man mal. Schwierig, da mitzufiebern.

Und das hat nichts mit veränderten Sehgewohnheiten zu tun. Im Jahr zuvor war der erste Bondfilm erschienen, Fritz Lang und Alfred Hitchcock haben zur selben Zeit Abenteuerfilme gedreht, die nach wie vor fetzen.
Franju dagegen war ein Meister des poetischen Genrefilms – Les yeux sans visage (1960) gilt zurecht als Klassiker des Horrorgenres. Ein Abenteuerfilm und dieser intime Stil jedoch, das beisst sich.

Oder vielleicht liegts auch nur an mir. Es gibt genug richtige Filmkritiker:innen, die Judex für seine traumwandlerische Qualität loben. Mir erscheint das eher als schnarchlerische Qualität.

Eins muss man ihm lassen: Die Bilder sind fantastisch. Ein Highlight etwa ist die Maskenball-Szene, in der die Gäste mit Vogelmasken auftreten. Ein surreal-gruseliger Anblick. Hier funktioniert die träumerische Atmosphäre auch für mich. (Vorbild waren anscheinend die Werke von Max Ernst.)

Und da wär noch das böse Kindermädchen. Gespielt von Francine Bergé, ist diese junge Frau von einer beeindruckenden Kaltschnäuzigkeit und damit mit Abstand die interessanteste Figur im Film.
Zudem: Ihr hautenges schwarzes Einbrecher-Outfit, das vergisst man nicht so schnell. Quasi die erste Catwoman der Filmgeschichte (kurz vor Julie Newmars Version in der 60er-Jahre-Batman-Serie).

Judex
F 1963, 103 Min.
Regie: Georges Franju
Drehbuch: Georges Franju, Jacques Champreux, Francis Lacassin
Mit Channing Polock, Francine Bergé, Édith Scob, Michel Vitold et al.

Attack of the Weekly Links: Harry Potters Sklaven und Stalins Sterben

Harry Potter | Der Youtuber Shaun hat alle Harry Potter-Bücher gelesen und sich die Verfilmungen angeschaut, und was er darin gefunden hat war Neoliberalismus-Propaganda und Sklaverei-Apologie. Uffza. Apropos: Schon etwas älter, aber nichtsdestotrotz erhellend ist Sarah Z‘ Video über Rowlings Transfeindlichkeit (falls sich jemand noch gefragt hat, was eigentlich hinter der Sache steckt).

The Death of Stalin W/The Proles of the Roundtable | Dass The Death of Stalin historisch äusserst fragwürdig ist, wusste ich schon. Nicht, weil ich mich mit der Sowjet-Geschichte auskennen würde, sondern weil ich das Video vom Cynical Historian gesehen hab. Und jetzt das: Der Left Media Podcast bespricht den Film aus marxistisch-leninistischer Sicht, und die werten Leute lassen kein gutes Haar am Film. Ist das Stalin-Apologie? Kann sein. Interessant ist die Perspektive auf jeden Fall. Ergänzung zum Thema: Genosse Klein hat The Death of Stalin und den zugrundeliegenden Comic hier mal besprochen.

Video der Woche

Mit dem Grünen Ritter in der Filmkammer

Einmal mehr haben mich die lieben Leute von Megalife Radio Podcasts in ihre Filmkammer des Schreckens gelockt. Und dort haben wir ausführlich über The Green Knight gesprochen – David Lowerys Verfilmung eines mittelalterlichen Epos.

Den Film hab ich bekanntlich (?)für den Tages-Anzeiger positiv besprochen und auf den ersten Platz meiner Kinorückschau 2021 gesetzt. Aber können die Kammerknechte Matthias und Heiko ebenfalls was mit dem Werk anfangen?

Cestius-Pyramide: Grabmal eines Ägypten-Liebhabers (Rom 2021)

Die Allerliebste und ich fahren von der Innenstadt Roms hinaus in den Südwesten, ins Viertel Testaccio. Hier wollen wir traditionell römisch essen – ein ehemaliger Mitbewohner (selbst Italiener) hatte uns das Flavio Al Velavevodetto empfohlen. Endlich eine richtige Carbonara!

Wir fressen uns voll, anschliessend gehn wir los in Richtung der nächsten U-Bahn-Station. Unser Weg führt an der Aurelianischen Mauer entlang, die den historischen Kern der Stadt umschliesst. Sie ist das grösste Monument des antiken Rom, erbaut wurde sie Ende des dritten Jahrhunderts. Zum grössten Teil ist sie noch immer vorhanden.

Plötzlich stehen wir vor einer Pyramide.

Diese ist in den Mauerverlauf integriert, gleich neben der Porta San Paolo (einem antiken Stadttor, ursprünglich «Porta Ostiensis») und der Piazzale Ostiense, einer grösseren Strassenkreuzung.

Was hat es mit dieser Pyramide auf sich? Sie ist viel kleiner als die ägyptischen Verwandten, und sie läuft deutlich spitzer zu. Sie sieht ziemlich frisch aus, aber wer würde eine moderne Pyramide in eine alte Mauer hineinbauen?

Später im Hotel recherchieren wir und finden raus: Das ist die Cestius-Pyramide. Sie entstand zwischen 18 und 12 v. Chr. als Grabmal des Gaius Cestius.
Ihre Seitenlänge an der Basis beträgt 29.5 Meter, die Höhe 36.4 Meter. (Zum Vergleich: Die Cheops-Pyramide ist viermal höher und siebenmal breiter.)

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