Mein Herrchen ist ein Tintenfisch

Grundsätzlich ist Pallas oder die Heimsuchung ein Invasionsroman: Eine technisch weit überlegene Rasse überfällt die Erde, tötet einen Grossteil der Bevölkerung und macht alles kaputt. Ein paar hundert oder tausend Menschen lassen die Aliens (die Tintenfischen ähneln) jedoch am Leben und nehmen sie mit auf ihren Heimatplaneten Pallas. Nach und nach stellt sich heraus, oder lässt sich zumindest vermuten, dass der Plan der Palladier schlicht darin besteht, sich die überlebenden Menschen als Schosstiere zu halten. Das erinnert an H.G. Wells‘ War of the Worlds, nur dass die Überlegenheit der Palladier total ist: Die Menschheit ist in kürzester Zeit unterworfen und es gibt keinen deus ex machina in Form irgendwelcher Grippeviren, die die Erde vor den Invasoren retten würde.

Die Handlung schildert uns ein Ich-Erzähler aus seiner äusserst beschränkten Perspektive. Er versucht verzweifelt, aus den Vorgängen einen Sinn zu ziehen, doch die Aliens und ihre Welt sind ihm als Menschen derart fremd, dass ihm das auch nach Jahrzehnten nicht gelingt. Wenn er den Palladiern irgendwelche Motive oder Beweggründe unterstellt, drängt sich der Verdacht auf, dass er sie unzulässig vermenschlicht — dessen ist sich der Erzähler allerdings auch selbst bewusst.
Die Übermacht der Ausserirdischen beisst sich mit dem Chauvinismus des Erzählers: Als patriotischer Franzose und Ex-Soldat fühlt er sich Schwarzen oder Frauen überlegen, ergibt sich umgekehrt aber auch einer Art Sklavenmentalität der tintenfischenen Herrenrasse gegenüber. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als den Palladiern seine Intelligenzu zu beweisen, zumindest ansatzweise eine Kommunikation auf Augenhöhe herzustellen — doch es bleibt dabei: Für die Palladier sind die Menschen nicht viel mehr als das, was ein Chihuahua für uns ist.

Ebenso eindrücklich wie die Fremdheit der Aliens, ist in Pallas auch der Untergang der menschlichen Zivilisation beschrieben. Die entführten Menschen haben nicht mehr bei sich als die Kleidung auf dem Leib, und diese ist nach ein paar Jahren verrottet. Sie konnten keine Werkzeuge oder sonst irgendwelche Gegenstände mitbringen. Der Planet selbst bietet bloss flachen Boden, iglu-artige Häuser und Steine, die alle aus demselben, leicht weichen Material bestehen — unmöglich, hier irgendwas herzustellen. Oder irgendwas aufzuschreiben. Nackt und untätig stromern die Menschen herum. Die Palladier füttern sie mit einem Brei, alle Ausscheidungen werden vom Boden automatisch absorbiert. Weil es sonst nichts zu tun gibt, haben die Leute viel Sex. Den unerwünschten Nachwuchs sortieren die Palladier aus.
Die übrigen Kinder wachsen heran — und für sie ist das Leben auf Pallas ganz normal; die Erde kennen sie nur noch aus Erzählungen. Mehr und mehr erkennt der Ich-Erzähler, dass die Menschheit der Zukunft eine völlig andere sein wird. Die Niederlage ist komplett, Hoffnung gibt es keine.

Über den Autor: Informationen zu Edward de Capoulet-Junac findet man nicht so ohne weiteres. Angeblich ist er 1930 geboren und hat neben Pallas nur einen weiteren Roman geschrieben: L’ordonnateur des pompes nuptiales (1961) — anscheinend wurde dieser nie auf Deutsch übersetzt. Ab und an liest man Mutmassungen darüber, dass „Edward de Capoulet-Junac“ ein Pseudonym sei. Aber Autor und Werk sind wohl schlicht zu unbekannt, als dass man darüber jemals Näheres erfährt.

Pallas oder die Heimsuchung (Pallas ou la tribulation)
Von Edward de Capoulet-Junac
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985
Erstveröffentlichung 1967 (Frankreich)

Französische Kritik zum Roman.

Annie Hall: Einmal ohne Allen, bitte.

 
1. Aus Charles Bukowskis Kurzgeschichte Schlechte Nacht (engl. Bad Night) in der Sammlung Jeder zahlt drauf (engl. Septuagenarian Stew, 1990):

Die Situation machte Monty irgendwie nervös. Wäre er doch lieber zum Baseballspiel gegangen. Oder vielleicht lief irgendwo ein Woody-Allen-Film. Woody hatte immer Probleme mit seinen Frauen. Aber seine Frauen waren alle schön und intelligent, und sie hatten immer Zeit für lange Spaziergänge im Park und so Sachen. Und Woody hatte immer einen gutbezahlten Job, und wenn es mit einer schönen, intelligenten Frau Probleme gab, griff er einfach zum Telefon und rief eine andere schöne, intelligente Frau an. Millionen von Männern wünschten sich, sie hätten Woodys Probleme mit Frauen.

2. Der Film Annie Hall erzählt davon, wie Annie (Diane Keaton) und Alvy (Woody Allen) sich kennenlernen, ineinander verlieben und wieder auseinanderleben.

3. Woody Allen spielt Alvy Singer, einen jüdischen, aus Brooklyn stammenden Komiker. Er spielt also sich selbst. Und er geht mir unsäglich auf die Nerven. Er ist nervös und weinerlich, unfähig zu normaler Kommunikation: Wenn er den Mund aufmacht, purzeln keine Sätze, sondern Stand-up-Routinen heraus. Und er ist nonstop am Jammern: Er weigert sich, im Kino einen Film anzuschauen, der schon angefangen hat, hat Panik davor, mit Annie zusammenzuziehen, will nicht in öffentlichen Garderoben duschen.
Einmal wird er nach Kalifornien eingeladen, um in einer Fernsehshow einen Preis zu überreichen, und quängelt herum, weil es für ihn Stress bedeutet, New York zu verlassen. Menschen, die ständig was zu mäkeln haben, sind das Allerletzte. Ausserdem ist Alvy ein herablassendes Arschloch, das seine Freundinnen runtermacht (er macht sich z.B. drüber lustig, dass Annie das Wort „neat“ verwendet). Ich finde das längst nicht so charmant wie all die Frauen in diesem Film.

4. Ohne Allens Manierismen wäre Annie Hall ein grossartiges Werk. Der Film stellt im Grunde eine ganz alltägliche Liebesgeschichte dar, ohne die ganzen blöden Liebesfilmklischees. Die nonlineare Erzählweise (Zeitsprünge, Aussparrungen und so) gibt ihm Tempo und Dynamik. Annie Hall ist ein Film, der auch davon handelt, was passiert, nachdem der Junge das Mädchen kriegt. Davon, dass Beziehungen schwierig am Laufen zu halten sind, und darüber, dass Sex oft enttäuscht.
Am Ende, nachdem sich Alvy und Annie getrennt haben, fliegt Alvy extra nach Kalifornien, um Annie zurückzugewinnen. Was in einem dahergelaufenen Liebesfilm das grosse romantische Finale einläuten würde, erweist sich in Annie Hall als eine dumme Idee, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
(Gerade dieser Realismus beisst sich aber heftig mit der herumkaspernden Kunstfigur, die Allen spielt.)

5. Sehr nett ist Allens Methode, hier die Vierte Wand zu durchbrechen. Er externalisiert die Gedanken von Alvy nicht nur, indem sich dieser direkt ans Publikum wendet, nein, Alvy greift sich auch wiederholt irgendwelche Figuren aus dem Hintergrund, um mit ihnen zu sprechen – so führt er einmal ein einzelnes, zusammenhängendes Gespräch mit einer Reihe von wechselnden Hintergrundfiguren.

6. Die beste Szene geht an Christopher Walken (oder „Christopher Wlaken“, wie er im Abspann heisst). Seht sie euch an. Es ist nicht zuletzt auch die lustigste Szene des Filmes, weil Wlaken seinen Part sehr trocken spielt, ohne das aufdringliche Getue Allens.

7. Apropos Wlaken: 1978 gewann er einen Oscar für The Deer Hunter — aber er ist nur einer von mehreren späteren Stars, die in Annie Hall einen Kurzauftritt haben. Shelley Duval (The Shining) gibt hier einen One-Night-Stand von Alvy. (Ist übrigens schon mal jemandem aufgefallen, dass Duval wie ein gottverdammtes Alien aussieht?) Jeff Goldblum (Jurassic Park) hat eine Minirolle als Partygast, der am Telefon hängt. Und gegen Schluss des Filmes sieht man aus der Ferne, wie Alvy und Annie sich mit ihren jeweiligen neuen Partnern vor einem Kino treffen. Alvys neue Freundin? Wird gespielt von Sigourney Weaver (Alien).

8. Die berührendste Szene: Annie versucht sich als Sängerin, tritt das erste Mal auf, in irgendeinem Club. Sie singt ein langsames, sanftes, romantisches Lied. Währenddessen unterhalten sich die Leute lärmend, eine Bedienung lässt was fallen, das Telefon läutet. Kein Schwein interessiert sich für sie. Es bricht einem das Herz.

Bonus: Vor einer Million Jahren oder so hab ich mit Dirk M. Jürgens vom Buddelfisch einen Comic über Woody Allen gemacht.

Annie Hall
USA 1977, 93 Min.
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen, Marshall Brickman
Mit Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts et al.

Die kleinen Monsterkiller

Walter Murchs Return to Oz (1985) gehört zu meinen Lieblingsfilmen — und ich finde ihn auch deutlich besser als den Musicalklassiker The Wizard of Oz von 1939 (übrigens: auch wenn es der Titel nahelegt, ist Return to Oz keine Fortsetzung, oder zumindest keine offizielle).
Denn wer zieht denn schon doofes Gesinge und Getanze schaurigem Grusel vor? Wer wollte ernsthaft behaupten, die unbeholfenen Kostüme und Kulissen von 1939 wären der technische Meisterleistung von 1986 überlegen? Und wer zum Teufel braucht Judy Garland, wenn er Fairuza Balk hat? (Balk war schon mit 11 Jahren die bessere Schauspielerin als die 17-jährige Garland, die eh viel zu alt für die Rolle war.)

Aber stellen wir die Filme mal beiseite, es gibt ja noch die Buchvorlage. The Wonderful Wizard of Oz erschien 1900; L. Frank Baum hat sich die Story ausgedacht, W. W. Denslow hat sie illustriert, zusammen haben sie Literaturgeschichte geschrieben — das Buch war derart erfolgreich, dass Baum bis zu seinem Tod 1919 dreizehn Fortsetzungsromane und viele weitere Texte über die Welt von Oz schrieb (ganz zu schweigen von seinen Nachfolgern, die das Werk fortführten).
Dem 30er-Jahre-Film ist wohl zu verdanken, dass vom ganzen Oz-Komplex nur noch das erste Buch der Öffentlichkeit geläufig ist. Wenn überhaupt: Wer heutzutage hat das Ding wirklich gelesen? Ausser mir, meine ich.

(Anmerkung am Rande: Return to Oz greift sich immerhin Elemente aus dem zweiten und dritten Buch heraus.)

Die Grundzüge der Handlung dürften wohlbekannt sein: Die kleine Dorothy lebt mit ihren Eltern in Kansas, wird aber von einem Wirbelsturm mitsamt ihrem Hund in das Land Oz getragen. Dort trifft sie eine sprechende Vogelscheuche, einen Mann aus Blech und einen feigen Löwen. Zusammen wollen sie beim Zauberer von Oz vorsprechen, damit der bei ihren jeweiligen Problemen hilft. Er stellt allerdings eine Forderung: Damit er ihnen ihre Wünsche erfüllt, müssen sie die böse Hexe im Westen beseitigen.

Bei der Lektüre kommt schnell der Verdacht auf, dass sich Baum freimütig bei Lewis Carrolls beiden Alice-Büchern hat inspirieren lassen: Hier wie dort landet ein kleines Mädchen in einem wundersamen Land, wo es ebenso wundersame Gestalten kennenlernt und es schliesslich mit einer bösen Matriarchin zu tun kriegt.
Nur, dass Alice Engländerin und Dorothy Amerikanerin ist. Böse gesagt: The Wonderful Wizard of Oz ist intellektuell deutlich simpler gestrickt, und fast alle Konflikte werden durch Mord und Totschlag gelöst. Dorothy und ihre Freunde bringen ja nicht nur zwei Hexen um (Achtung, Spoiler!), ohne sich dabei viel zu denken, sondern richten auch unter der Tierwelt von Oz ein wahres Gemetzel an. Einmal schickt ihnen die böse Hexe im Westen ihre tierischen Handlanger entgegen, um sie fertig zu machen. Da killt der Blechmann vierzig Wölfe mit der Axt oder dreht die Vogelscheuche vierzig Krähen den Hals um. The Wonderful Wizard of Massenmord.

Die erwähnten Alice-Bücher liest man auch als Erwachsener mit Gewinn, The Wonderful Wizard of Oz ist doch eher ein reines Kinderbuch. Keine Ahnung, wie das mit den Folgebänden aussieht; ich habe keine grosse Lust, mich da reinzustürzen. Aber Return to Oz finde ich immer noch toll.

Steht auf, ihr lieben Kinderlein: Young Swiss Comedy Nr. 14

Zurzeit befinde ich mich einmal mehr in einer Phase, in der ich mich verstärkt mit Stand-up-Comedy beschäftige: Nachdem ich Stewart Lee für mich entdeckt und sein Buch How to Escape My Certain Fate verschlungen habe, verbringe ich nun Tag und Nacht auf YouTube und gucke mir irgendwelche obskuren britische Komiker an.
Dem International Comedy Club sei Dank kann man sich als Zürcher besagte britische Komiker ansehen, grandiose Leute wie Al Murray, Dara O Briain, Frankie Boyle, Mike Wilmot, Simon Munnery … oder natürlich Jimmy Carr.

Aber nun hat mich auch wieder interessiert, wie es eigentlich mit der hauseigenen Stand-up-Comedy aussieht. Dafür ging ich, wie schon letzthin einmal, ins ComedyHaus am Albisriederplatz. Dort lief zum Saison-Abschluss Young Swiss Comedy, ein Programm mit Nachwuchskomikern, das schon an Lozärn lacht und Züri lacht zu sehen war.
Wir sahen also die drei angekündigten Comedy-Anfänger. Nach der Pause kam ein Überraschungsgast, dann traten nochmals die ersten drei auf. Soviel zum groben Ablauf, gell.

 
Moderation: Sepp Manser

Der Appenzeller Komiker aus dem Appenzell führte als Appenzeller Moderator durch den Abend. Er stammt aus dem Appenzell. Die erste Hälfte der Show über war er okay, nach der Pause trat er jedoch als „dä Sepp“ auf, die quälend unlustige Karikatur eines Appenzeller Bauern. Da erweist sich Manser als die Sorte Komiker, die eine seltsame Aufmachung und eine verstellte Stimme bereits für witzig hält.
Zudem brachte er es als „dä Sepp“ fertig, einen der Auftritte mit einem seiner Kommentare nachträglich ein wenig zu vermiesen. Aber dazu später.

 
Günter&Godi

Der „eidg. dipl. Meeresbiologe Günter Struchen“ ist eine Kunstfigur, in deren Namen Flavio Carrera Beschwerde- und sonstige Briefe an Behörden, Politiker oder Kinderkrippen schickt (ähnlich René Schweizer, siehe dessen Schweizerbücher).
Auch auf der Bühne trat Carrera als Struchen auf. Die Antwortbriefe las jeweils Gottfried „Godi“ Chummer (Michael Moor) vor, eine weitere Figur aus Struchens Umfeld. Die Beispiele stammen aus dem jüngsten Sammelband Fertig Robidog (erschienen 2015).

Die Struchen-Briefe sind eher so halblustig und ziehen ihren Humor vor allem aus der Verschriftung von Helvetismen wie „verbrätschen“. Wiederkehrende Manierismen wie „Losen sie einmal, es ist so“ laufen sich sehr schnell tot.
Die grössten Lacher brachte diese Anfrage an die Steuerverwaltung Bern: „Wenn ich eines Morgens mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf erwachen würde: Müsste ich dann immer noch die Steuererklärung ausfüllen, oder wäre ich per sofort zur Jagd freigegeben?“

Meist sind die Antwortbriefe deutlich witziger und hintersinniger (die Angeschriebenen merken eh fast immer, was gespielt wird). Da hat Struchen zum Beispiel einen Brief an die SBB verfasst, die Anrede lautet „Sehr geehrte Herren und Schätzelis von der SBB“. Nicht sehr geistreich. Die Antwort ist unterschrieben mit: „Ihr SBB-Schätzeli, Oliver A.“ Und zack! hat der Bürogummi den Struchen (bzw. Carrera) ebenso leichthändig wie erbarmungslos vorgeführt.

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New York #6: Zombies auf der Brooklyn Bridge

Eins vorweg: Wir schauten uns zwar das One World Trade Center an, das Empire State Building, das Chrysler Building, das Rockefeller Center und das Flatiron Building — aber wir gingen nirgendwo hinauf. 35 Dollar pro Person waren uns doch etwas zuviel für ein bisschen Aussicht. Wir sind geizig. Der Dachgarten des Metropolitan Museum reicht ja auch.
Fürderhin ersparten wir uns die Tour zur Freiheitsstatue, die nicht nur teuer ist, sondern auch ausschaut, als würde man Touristen auf Boote pferchen wie Rindviecher, die reif sind fürs Schlachthaus. Stattdessen fuhren wir mit der Staten Island Ferry, die Manhattan eben mit Staten Island verbindet. Denn: Die Fähre kommt der Freiheitsstatue nahe genug, dass man einen anständigen Blick auf sie werfen kann. (Ausserdem ist die Fähre gratis.)

Meist flanierten wir einfach durch die verschiedenen Stadtteile, gingen mit grossen Augen durch den Financial District, durchs Greenwich Village oder durch das (heutzutage durchzentrifizierte) Harlem.
Ganz spannend war die High Line. Das ist ein zwei Kilometer langes Überbleibsel einer einstigen Hochbahn, die zu einer Parkanlage umgebaut wurde.

An einem Vormittag überquerten wir zu Fuss die Brooklyn Bridge (das einzige Mal, dass wir Manhattan verliessen), wobei ich an Woodoo — Die Schreckensinsel der Zombies von 1979 denken musste. Der italienische Trashregisseur Lucio Fulci verpasste damals ein paar Statisten Zombie-Make-up und liess sie dann frühmorgens über den Fussgängerweg torkeln — das sollte im Film eine weltweite Apokalypse andeuten. Unterhalb der Statisten sieht man allerdings gemütlich Autos durchfahren. (Selbstverständlich hatte Fulci keine Erlaubnis irgendwelcher Art eingeholt, geschweige denn die Brücke sperren lassen.)
2014 war die Brooklyn Bridge in den Schlagzeilen, weil zwei Berliner Künstler über Nacht die US-Flaggen gegen weisse Fahnen ausgetauscht hatten. Über die Aktion machten die zwei anschliessend einen wunderbaren Kurzfilm, der die hysterischen Reaktionen der amerikanischen Öffentlichkeit dokumentiert: Symbolic Threats.

Im Financial District (Wall Street und so) schauten wir uns auch den Charging Bull an, die Statue eines wütenden Stiers. Der kam ja seinerseits vergangenen März in die Zeitungen, weil ihm Unbekannte die Statue eines mutigen kleinen Mädchens gegenübergestellt hatten — kurz vor dem Weltfrauentag. Wie man inzwischen weiss, war das weniger ein feministisches Statement, als der Werbegag einer Investmentfirma. Dennoch ein starkes Bild.
Wie dem auch sei: Vor Ort umschwärmten Horden von asiatischen Touristinnen den Stier — denn sie liessen sich mit seinem Hodensack in der Hand fotografieren.
Nachspiel: Zwei Wochen, nachdem wir wieder weg waren, wurden Stier und Mädchen um einen pissenden Hund erweitert. Die Leute haben zuviel Freizeit.

Was ich mir nicht nehmen lassen wollte: einen Besuch des Trump Towers. Von aussen ist das Gebäude halbwegs normal anzuschauen, von innen her aber genau so geschmacklos, wie man sich das vorstellt. Alles verkleidet mit rosa Marmor und Gold; in der Lobby rauscht ein Wasserfall. Es gibt eine Trump Bar, ein Trump Restaurant und einen Trump Souvenir Shop. Verblüffend, wie viel Ego ein einzelner Mensch haben kann.
Zum Vergleich: Nicht weit vom Trump Tower ist das Rockefeller Center. Nicht, dass sich Rockefeller (seinerzeit der reichste Mann der Welt) ein sonderlich bescheidenes Denkmal gesetzt hätte — aber er liess seinen Namen nicht auf jeder freien Oberfläche anbringen und die Architektur ist zwar arg monumental, aber halbwegs elegant.

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New York #5: Kulturprogramm

Unseren Besuch der Late Show with Stephen Colbert hab ich ja schon geschildert. Hier ist, was wir in Sachen Kultur sonst noch so unternommen haben.

 
Sleep No More

Das Highlight unseres Aufenthalts. Ursprünglich 2003 in London entwickelt, kam das Stück 2011 nach New York. Die Ausmasse sind beeindruckend: Mehrere Stockwerke des McKittrick Hotel wurden in eine Theaterlandschaft umgebaut. (Wir sind einfach nur fürs Stück hin, man kann aber auch im Hotel absteigen.)
Jedenfalls fängt man in der Hotelbar an, wo man eine Spielkarte in die Hand gedrückt bekommt. Die Leute mit derselben Karte werden dann irgendwann aufgerufen (wenn man also mit jemandem hingeht, besteht eine gute Chance, dass man getrennt wird) und erhalten jeweils eine Maske. Mit dieser auf dem Kopf wird man ins Treppenhaus und damit ins Stück entlassen.
1. Anmerkung am Rande: Man kann an der Bar Drinks bestellen, darf diese dann aber nicht mitnehmen. Wenn nun die eigene Spielkarte aufgerufen wird, man aber noch nicht ausgetrunken hat: Keine Panik. Man leere in aller Seelenruhe sein Glas — man kann immer noch mit der nächsten Gruppe mit. „Don’t rush a good thing“, wie mir der Gastgeber sagte.
2. Anmerkung am Rande: Mit Brille sind die Masken etwas unbequem. Im Zweifelsfalle Kontaktlinsen reinmechen.

Man kann sich auf den Stockwerken frei bewegen und die ausufernden Kulissen auf eigene Faust auskundschaften. Da findet man sich plötzlich in einem Friedhof wieder, in einem verlassenen Irrenhaus oder in einem einsamen Wald. Dabei läuft man immer mal wieder den Schauspielern über den Weg, denen man nach Belieben folgen und zuschauen kann. Ab und zu greifen sich die Figuren einen einzelnen Zuschauer heraus — der Typ im Süssigkeitenladen zum Beispiel gibt einem ein Bonbon. Hat man die Geduld, kann man sogar in herumliegenden Tagebüchern oder Akten den Hintergründen der Handlung nachgehen.
Am besten kann man Sleep No More wohl als Horrorgame in real bezeichnen.

Ich würde lügen, täte ich behaupten, ich hätte das Stück verstanden. Angeblich basiert es auf Macbeth, interpretiert durch die Linse von Hitchcock (inklusive Musik aus seinen Filmen). Kostüme und Kulissen haben also einen 40er/50er-Drall, erinnern aber auch englischen Gothic Horror. Die Figuren sprechen nur selten, drücken sich vor allem in (teils beängstigend artistischen) Choreographien aus — was zur surrealen, traumwandlerischen Atmosphäre von Sleep No More beiträgt. Mehr als einmal musste ich an David Lynchs Werk denken. Und ja, man findet in der Inszenierung ebenso Gewaltexzesse wie sexuelle Perversitäten. Nichts für Zartbesaitete.

Über das Stück gibt es übrigens auch einen Gag von Stand-up-Comedian Hannibal Buress.

 
„King Arthur: Legend of the Sword“ im Regal am Timesquare

Klar, es ist schon ein bisschen witzlos, in einem fremden Land ins Kino zu gehen, allzumal in einen solchen Film — King Arthur: Legend of the Sword hätten wir genau so gut in Zürich gucken können. Aber an jenem Abend waren wir zu müde für etwas Anderes und wenn man sich schon mal im Geburtsland der modernen Kinoevent-Anlage aufhält, kann man sich doch auch mal die amerikanische Multiplex-Erfahrung geben.

Nun, viel anders als im durchschnittlichen Schweizer Multiplex wars nicht. Bloss, dass in den USA freie Platzwahl herrscht und man sich nicht mit nervigen Untertiteln herumschlagen muss. Das mit der freien Platzwahl war in diesem Fall eh egal, weil der gigantische Kinosaal beinahe leer war — kein Schwein hat sich für KA: LotS interessiert, obwohl der Film just in dieser Woche neu gestartet war. Nicht, dass das schade wäre: KA:LotS ist geradezu schockierend scheisse.

Grob gesagt, hat Guy Ritchie (Snatch, Sherlock Holmes) versucht, eine Fantasystory frei nach der König-Arthur-Legende aufzumotzen, indem er sie erzählt wie seine Gangsterfilme — also mit vielen Regiesperenzchen (Zeitsprünge, Zeitraffer und so) und Figuren, die die ganze Zeit herumprollen wie irgendwelche Hooligans.
Geradeheraus erzählt wäre Kalots einfach ein banaler, konsequent unorigineller Fantasyfilm gewesen, wie sie seit dem ersten Lord of the Rings zu Abertausenden in die Videotheken gespült werden. (Der originellste Bildeinfall aus Kalots sind ein paar Kriegselefanten, die Ritchie natürlich aus The Return of the King geklaut hat.)
Ritchie versucht aber derart verzweifelt, cool zu erscheinen, dass ihm jegliches handwerkliches Können entgleitet — so beginnt Kalots mit einer ewig langen, zähen exposition dump, die jeglichen Enthusiasmus erstickt, den das Publikum allenfalls hätte haben können. Und Richie schafft es immer wieder, emotionale Momente derart auseinanderzureissen, dass ihnen jeglicher impact verloren geht.

Der absolute Tiefpunkt ist allerdings Jude Law als Bösewicht. Anscheinend völlig im Stich gelassen vom Regisseur, beschränkt sich seine Schauspielerleistung auf sinnloses Herumbrüllen. Meistens flucht er einfach wie ein cholerischer Vierjähriger, der gerade das Wort „fuck“ für sich entdeckt hat. Zum Fremdschämen.

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