Attack of the Weekly Links: Literaturkritik, Seuchen, Verschwörungen und die Antifa

Nicht mitgemeint – Olivia Wenzels ‘1000 Serpentinen Angst’ im ‘Literaturclub’ | In einer Ausgabe des Literaturclubs wurde Olivia Wenzels Roman 1000 Serpentinen Angst besprochen. Darüber nun hat Maryam Aras auf dem Blog 54 Books eine Kritik der Kritik geschrieben. „Um das Konzept des literarischen Universalismus, wenn auf diese Weise ins Feld geführt, zu kritisieren und als Universalismus des zumeist weißen männlichen Kritikers bloßzustellen, müssen wir nicht unbedingt auf die Schwarze Literatur aus den USA schauen.“ Hier gibts übrigens die Kritik von 54 Books zu Wenzels Buch.

The Great Plagues: Epidemics in History from the Middle Ages to the Present Day | Eine Vorlesungs-Reihe des Gresham College über die grossen Seuchen der Menschheit. Die Reihe stammt von 2013/2012, entstand also Jahre vor der Corona-Krise, ist im Bezug auf die Gegenwart aber nichtsdestotrotz sehr erhellend. Und sie ist noch eine schöne Ergänzung zu meiner Kritik zu Stephen Kings The Stand.

Conspiracy Theories: A Threat to Democracy? | Und noch eine lohnende Vorlesung des Gresham College, diesmal eine über Verschwörungstheorien. Hat zumindest für mich einiges klarer gemacht und ein paar falsche Vorstellungen behoben.

The Philosophy of Antifa | Nachdem Trumpisten das Capitol stürmten, haben viele Leute in den Medien, auf Twitter und Co. gesagt, dass es genau wegen so etwas die Antifa braucht. Gleichzeitig haben sich viele beeilt, zu warnen, dass die Antifa auch nicht besser sei als die Trumpisten. Aber was ist die Antifa überhaupt, und was will sie? Dieses Video von Philosophy Tube scheint mir ein guter, unterhaltsamer Einstieg ins Thema.

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Attack of the Weekly Links: Schnaps, Langstrasse, Kanon

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Potcheen oder Poitín? Wenns um Alkohol geht, diskriminiere ich normalerweise nicht. Aber der irische Potscheen dürfte so ziemlich die ekelhafteste Plörre sein, die mir jemals untergekommen ist. Nun hat Kollege Albrecht von der Gruppe Konverter in seinen Montagsgedanken über die theoretischen Folgerungen des Gesöffs geschrieben.

Die unbekannte Langstrasse: David Sarasin hat für den Tagi einen alten Dokumentarfilm über die Langstrasse ausgebuddelt. Hier kann man sich das Ding auf der YouTube-Seite vom Schweizer Fernsehen angucken. Unbedingt empfehlenswert.

Bitte mehr Verbindlichkeit! Der Germanist Björn Hayer hat für die NZZ über Literaturkritik und Kanon geschrieben. Es brauche weniger Pluralismus in der Kritik und dafür mehr normative Poetik, die sich in einem festgelegten Kanon ausdrückt. Wie genau Hayer die Zeit um hundert Jahre zurückdrehen will, erklärt er leider nicht.
(Mir persönlich erscheint übrigens gerade Pluralismus als grösste Chance für eine Kritiklandschaft, die doch eigentlich ziemlich eintönig daherkommt, weil selbst der durchschnittliche Online-Kommentator – den Hayer mit professioneller Arroganz abwatscht – dieselben altgewohnten Schemata kopiert, die in allgemeiner Sichtweise zu einer „richtigen Kritik“ gehören. Aber die Diskussion betrifft eine andere Ebene.)

Kannibalismus im Internet

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Roman Bucheli, Feuilletonredaktor und Literaturkritiker bei der NZZ, regt sich auf über den gegenwärtigen Stand der Literaturkritik: Den Kannibalen fallen die Zähne aus.

Mehr denn je hat die Literaturkritik Massstäbe und Maximen verloren. Wer wüsste noch, was sie soll oder will, geschweige: müsste. Und wer, wenn er es wüsste, wagte, danach zu handeln? Die Kritik hat an Profil verloren – und damit an Relevanz im intellektuellen Diskurs und an Einfluss auf das literarische Geschehen. Sie hat sogar vergessen, dass sie Einfluss nehmen kann und soll. Sie ist müde und matt geworden.

Da musste ich an Tilmann Lahme denken, der 2011 in der Neuen Rundschau (Heft 1, S. 57-73) Folgendes herausgearbeitet hat:

Fassen wir zusammen: Die Literaturkritik steckt in der Krise. Ihr Niveau ist erbärmlich. Die Kritiker sind nicht nur inkompetent, sndern meist auch boshaft und neidisch. Das, was man als gute Kritik gelten lassen könnte, wird an den Rand gedrängt.
Und all das war schon immer so.

Denn wie Lahme aufzeigt: Bereits Adorno, Friedrich Sieburg oder Tucholsky haben jeweils zu ihrer Zeit den Kopf geschüttelt, wenn sie an die Literaturkritik dachten. Tucholsky: „Was die deutsche Buchkritik anbelangt, so ist sie auf einem Tiefstand angelangt, der kaum unterboten werden kann.“
Schon allein der Hinweis darauf, dass die Krise der Literaturkritik so alt wie die Literaturkritik selbst ist, ist schon wieder ein alter Hut.

Roman Bucheli weiss das wahrscheinlich auch, also ist es ein wenig enttäuschend, wenn er jetzt eine Krise statuiert, als wäre er der erste, dem das jemals eingefallen wäre. Übrigens ist in derselben Ausgabe der Neuen Rundschau mit Lahmes Text auch ein Text von Bucheli abgedruckt (S.10), ein Thesenblatt mit zehn Punkten. In den letzten beiden Punkten schält sich sein Verständnis von Kritik heraus:

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