Brecht und „Mackie Messer“ (2018)

Bertolt Brecht: Film, Theater und Publikum.

In Joachim A. Langs Film „Mackie Messer“ verschmelzen Brechts Person, sein Werk und seine Methoden auf eine Weise, die Brecht gerechter wird, als diesem vermutlich lieb wäre.

 

Zugegeben, diese Kritik kommt nicht gerade frisch daher — aber aus aktuellem Anlass (der Konverter führt diesen Donnerstag, 19.12. einen Vortrag zu Brecht durch, siehe unten) bietet es sich an, diesen verstaubten Text hervorzuholen.

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Karl’s kühne Gassenschau: Sektor 1 – Ein rühriges Spektakel

Karl’s kühne Gassenschau (oder wie die eingefleischten Fans es verkürzt nennen: KKG) ist eine feste Grösse, so heisst es. Eine Grösse in welchem Bereich?

Seit 1984 gibt es die Truppe, und während frühere Produktionen tatsächlich einst als Gassenschau funktionierten, zeichnen sich die Produktionen der letzten Jahre dadurch aus, dass es immer grösser, aufwendiger, bombastischer und spektakulärer zu- und hergeht.

„Sektor 1“ ist die 22. Produktion und das dritte Mal, dass wieder im Industriepark in Oberwinterthur gespielt wird. Hauptsponsor ist Coop, und die Stadt Winterthur übernimmt das Patronat. Das letzte Stück, „Fabrikk“, wurde von über 580.000 Zuschauer besucht. Die Macher nennen ihr aktuelles Stück einen „theatralen Höllenritt voller traumhafter Bilder, waghalsiger Maschinen, atemberaubender Stunts und intensiver Gefühle.“ Es geht um „eine Vision von modernem Volkstheater für ein breites Publikum.“ Die Zuschauer sollen „unterhalten, berührt und zum Nachdenken verführt“ werden.

Da gibt es ein Festgelände, auf welchem über 1000 Personen verköstigt werden können, Leuchtgirlanden, einen Souvenirshop. Der Körper will wie der Geist gefüttert werden. Die Logistik ist formidabel, die Preise verhältnismässig moderat (bis auf den Eintritt selber, kann man einwerfen). Die Winterthurer Verkehrsbetriebe bieten Sonderbusse an, der Stadtrat freut sich über KKG als kulturelle Erweiterung des eigenen Standortportfolios. Die Produktion ist jetzt schon ausgebucht und wurde für 2017 verlängert.

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Oh My Sweet Land

Meistens schaut man sich ja was an und kommentiert dann das Gesehene. Man sitzt da in einer Reihe mit anderen Menschen und richtet die Aufmerksamkeit ganz auf das dort vorne. Solches nennt sich Kritik. Die ganze Auseinandersetzung findet im Inneren statt.

Im Rahmen des „Blickfelder“-Festivals wurde letzten Samstag „Oh My Sweet Land“ im Schiffbau gezeigt. Die deutsch-syrische Schauspielerin Corinne Jaber spielt eine deutsche Syrierin. Sie steht alleine auf der Bühne in einer Küche, bereitet Kubah vor, während sie von ihrem Geliebten Ashraf erzählt, der zuerst aus Syrien geflohen ist, dann aber wieder zurück ging. Kochend erzählt sie, wie sie ihm folgt, wie sie durch die Flüchtlingslager im Libanon und Jordanien nach ihm sucht. Dabei erzählt sie die Geschichten, die sie gehört hat; was sie erlebt hat. Die Zwiebeln brennen zwischendurch an, wie das halt passiert, wenn man Kriegsgeschichten erzählt. Es vergeht einem ja auch der Appetit.

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Gastbeitrag: „Die Engagierten Zuschauer“

[Es handelt sich hier um einen Gastbeitrag des Kritikerclubs, der ursprünglich hier zuerst veröffentlicht wurde; gleichzeitig ist das ein Veranstaltungshinweis für deren Abschlusspräsentation diesen Freitag, 27.5. ab 19 Uhr im Literaturhaus.]

I

Es gehört zu meinen Pflichten, Schönes zu vernichten als Musikkritiker, Sollt ich etwas Schönes finden, Muß ich’s unterbinden als Musikkritiker. Mich kann auch kein Künstler überlisten, Da ich ja nicht verstehe, was er tut.“

(Georg Kreisler, Der Musikkritiker)

 

Kreislers Abrechnung mit den Musikkritikern ist selbst eine Kritik. Er drischt zwar auf dem Vorurteil herum, aber es ist ergötzlich. Auch wenn sich die Kritik seit den 60ern gewandelt hat (und vor allem die Kritiker und Kritikerinnen: Es gibt überhaupt mehr von zweiteren und erstere sind nicht mehr so alt und arrogant wie sie früher waren), so lebt das Vorurteil weiter. Es soll jetzt nicht darum gehen, dieses Vorurteil zu bedienen, aber ich möchte es doch als äussersten Punkt nehmen, von dem ich beginne. Es soll darum gehen, wie das Verhältnis zwischen Kritik und Publikum auch beschaffen sein könnte.

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The Babadook: Gut, aber nicht genial – Mehr Fett, bitte!

The Babadook

Selten sieht man solche Filme. Vordergründig ein Horrorfilm, aber dahinter steckt mehr. Der Film zwingt seine Inhalte auf, aber eben: Hintergründig. Vermutlich sollte ein Psychoanalytiker herbei gezogen werden, um die Tiefen auszuloten und zu ergründen. Einen tauchenden Analytiker bräuchte man also, der da runter geht, während wir mit dem Horrorboot gemütlich auf dem Wasser dahin treiben.
Der Film weckt Assoziationen, zu Tarkowskis „Solaris“: Denn auch hier geht es um das eigene Versteckte, das tief im Innern verborgene, das sich nicht zurück drängen lässt, hervor bricht, Gestalt annimmt und unnachgiebig verfolgt. In der Archaik hingegen ist der Ödipus Bezug; ohne es zu übertreiben lässt sich die Protagonistin als getrieben von einem Iokaste-Komplex bezeichnen.
Jennifer Kent hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, der Film hat einige Preise gewonnen und ist von der Kritik hochgejubelt worden.

Aber zum Inhalt (denn: Worum geht es denn eigentlich?). Weiterlesen