Hund frisst Katze: Space Dogs vs. Stray

Space Dogs ist ein drastischer Film. Die Doku folgt einigen Strassenhunden in Moskau, schildert deren Alltag. Es ist kein schöner Alltag: Die Tiere durchwühlen Mülltonnen, werden von Hundefängern verfolgt. Einmal fressen ein paar Welpen vergiftete Köder und verenden daran. Ein andermal jagen zwei der Hunde eine Katze und erlegen sie. Die Kamera hält beim Todeskampf drauf.
Ich sah den Film in der Pressevorführung in Locarno; bei dieser Szene verliessen reihenweise Kolleginnen und Kollegen den Saal.

Dazwischen Archivaufnahmen aus der russischen Weltraumforschung. Moskauer Strassenköter wurden in den Fünfzigern eingefangen, operiert und in Raketen gesetzt. Laika erlangte Berühmtheit als das erste Lebewesen, das Menschen ins All schossen. Dort im All starb sie dann auch.

Stray ist ein nicht ganz so drastischer Film. Die Doku folgt einigen Strassenhunden in Istanbul, schildert deren Alltag. Einmal stossen zwei der Hunde auf eine Katze und jagen sie. Sie entkommt auf einen Baum. Auch wenn die Begegnung harmlos ausgeht: Mit der Erinnerung an Space Dogs im Hinterkopf musste ich schlucken.

Tote Katze hin oder her, auch Stray ist keine beschauliche Angelegenheit. Die Istanbuler Köter streiten sich mitten in einer Ausgehmeile um Knochen, kacken auf Grünflächen und verärgern damit Touristinnen, stossen auf eine Demonstration für Frauenrechte.

Die porträtierten Hunde gehören zu einer Gruppe von Strassenkindern. Bei denen handelt es sich um Syrien-Flüchtlinge; sie betteln und schnüffeln Leim.
Mit den Hunden gehen die Türk*innen recht freundlich um. Die Tiere werden ständig gefüttert, und wegen einer Eigenart der türkischen Gesetze müssen sie keine Hundefänger fürchten. Die Kinder dagegen werden immer wieder verscheucht. Als sie einmal notgedrungen auf der Strasse übernachten, werden sie von der Polizei verhaftet.

Space Dogs vergleicht das Schicksal der Moskauer Strassenhunde mit dem ihrer Vorfahren, zieht also einen grösseren geschichtlichen Bogen. Dazu gibts eine Erzählerstimme, eingesprochen vom Schauspieler Aleksey Serebryakov (Leviathan). Dieser Kommentar ist der Schwachpunkt des Films — er bietet wenig Information, dafür viel Poetisch-Verschwurbeltes.

Stray hingegen konzentriert sich ganz auf die Hunde. Keine Geschichtslektion, keine Erzählerstimme. Es gibt bloss einige Bildtafeln mit den nötigsten Infos und Zitate von Philosophen über das Verhältnis von Mensch und Hund. (Die Zitate hätts auch nicht unbedingt gebraucht.)

Bei beiden Dokus stellt sich die Frage nach der Verantwortung von Filmemacher*innen. In Stray stehlen die Kinder einmal einen Welpen. Regisseurin Elizabeth Lo hat in einem Artikel beschrieben, wie sie das vor ein Dilemma stellte: Sollte sie den Kindern das Hundchen wegnehmen und es zurückbringen? Die Sache hat sich dann allerdings von selbst erledigt: Als die Polizei die Kinder verhaftete, hat sie auch den Welpen beschlagnahmt.

Davon ausgehend stellt Lo weitere Überlegungen dazu an, inwiefern Dokumentarfilmer*innen in das Geschehen eingreifen sollen, das sie festhalten. Müssen sie objektiv bleiben und jeden Eingriff unterlassen? Dabei kommt Lo auch auf Space Dogs zu sprechen:

To remain passive when witnessing my subject suffer under the guise of remaining “objective” rings hollow when I am inevitably influencing the reality around me simply by being present as a cameraperson. […]

[…] In another instance, Nazar caught a cat while I was filming her, and having been in situations where dogs actually killed cats, I stopped recording to save the cat. Some might argue that our first duty as documentarians is to represent reality accurately – even the savagery of dogs, which has been thoroughly documented in films like Robert Gardner’s Forest of Bliss or the more recent Space Dogs. But I will never believe that any art or representation of life could be more important or valuable than life itself.
The Puppy with the One Blue Eye: A Documentary Filmmaker’s Dilemma, Talkhouse.com

Elsa Kremser und Levin Peter — sie sind das Regie-Duo hinter Space Dogs — sagen in einem Interview, sie hätten bei der Tötung der Katze gar nicht die Zeit gehabt, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie eingreifen sollen:

With the cat scene, it was happening to us, too. We were following them, and then this happened. Of course, we didn’t have the time to think; we just continued to do what we’d always been doing, filming them whether they were jumping on the car, killing the cat, or just eating a bone on the floor.
Elsa Kremser and Levin Peter on Space Dogs, Seventh-Row.com

Allerdings, die Szene in Space Dogs macht nicht den Eindruck, als wäre es zu schnell gegangen. Aber ich möchte nicht darüber spekulieren, was Kremser und Peter hätten anders machen können. Wo sie im Interview doch eh deutlich machen, dass das Nicht-Eingreifen bei ihnen zum Konzept gehört. Sie wollen der Natur der Hunde gerecht werden. Also das Leben zeigen, wie es wirklich ist. Genau das Argument, das Lo als heuchlerisch kritisiert.

Überhaupt, eine Doku bildet ja nie die reine Realität ab. Ebenso wie Lo sprechen auch Kremser und Peter darüber, wie sie als Dokumentarfilmer*innen eine Story konstruieren. Damit kann man sich also nicht rausreden.

Dann wiederum: Gibt es nicht in so ziemlich jedem Tierfilm eine Szene, in der ein Raubtier ein Beutetier reisst? Macht es einen Unterschied, ob ein Strassenhund eine Katze tötet oder ein Löwe eine Antilope? Was genau soll an Space Dogs also derart schockierend sein?

Wie dem auch sei: Space Dogs und Stray sind beide einen Blick wert, aber der Film über die Moskauer Hunde wird mir länger im Gedächtnis bleiben.

Space Dogs
Österreich/Deutschland 2019, 91 Min.
Regie und Drehbuch: Elsa Kremser, Levin Peter
Stray
USA 2020, 72 Min.
Regie und Drehbuch: Elizabeth Lo
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3 Gedanken zu “Hund frisst Katze: Space Dogs vs. Stray

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