Von Games- und Buchbesprechungen

Seit einiger Zeit überlege ich mir, zur Abwechslung mal hier ein Computerspiel zu besprechen. Mit Jahrgang 1992 bin ich mit dem Klassiker Age of Empires II aufgewachsen und erlebte als 11-, bzw. 12-Jähriger die grossartigen Spiele-Jahre 2002 und 2003. Seitdem Covid-19 sich ausgebreitet hat, verbringe ich wieder mehr Zeit mit Games und meiner ständig wachsenden Sammlung (*hust* Steam Sales *hust*).

Computerspiele sind schon längst mehr als die augenkrebsverursachenden Pixelhaufen der frühen Zeit. Die Welt der Computer- und Konsolenspiele hat sich in zahlreiche Genres ausdifferenziert. Die gegenwärtigen Trends bilden ein eigenartiges Gemisch von Innovation und Repetition. Während EA Games mit Fifa bösen Zungen zu Folge zum 21. Mal dasselbe Spiel veröffentlicht, entstehen gerade im Bereich der Indie-Studios Spiele, die bekannte Mechaniken umdenken oder neue Wege gehen. Der Erfolg von Demon´s Souls (2010 für die PlayStation erschienen) Dark Souls (2011 für die PlayStation, 2012 für PC erschienen) des Studios From Software hat ein neues Subgenres begründet, das so genannte «Souls-like», Games die sich an den Mechaniken der beiden Vorbilder orientieren. Immer öfter entstehen auch Ein-Mensch-Projekte wie das atmoshperic horror game «Adam – Lost Memories» oder der Shooter «Bright Memory». Wollte man die Games- und Filmbranchen miteinander vergleichen, wären die Giganten wie EA, Ubisoft und Blizzard Activision das Hollywood der Computerspiele, während die Indie-Entwickler das Pendant zum Arthouse Kino darstellten.

Ich hab jedoch festgestellt, dass ich keine Gamebesprechung schreiben kann, wenn ich nicht vorher auf die medialen Eigenheiten eingehe. Seit ich wieder mehr Zeit mit Spielen verbringe, habe ich ein Magazin wiederentdeckt, mit dem ich ebenfalls aufgewachsen bin: die PC Games. Beim Durchblättern wurden mir zwei Dinge bewusst. Erstens, gerade in Zeiten, in denen Games kaum noch auf CDs im Laden, sondern digital über Verkaufsplattformen wie Steam verkauft werden, ist eine Berichterstattung im Print-Medium von Vorteil. So stosse ich im Magazin immer wieder auf die eine oder andere (Indie-)Perle, die ich sonst nie bemerkt hätte.

Zweitens führten mir die Artikel nochmals vor Augen, dass Games anders rezensiert werden als Bücher. Um nicht all zu sehr Birnen mit Äpfeln zu vergleichen (auch wenn sich in beiden Fällen um Früchte handelt), würde ich die Besprechungen, die in Magazinen wie der PC Games oder der Gamestar erscheinen, mit Buchbesprechungen in Die Zeit, WOZ und Konsorten vergleichen. Natürlich sind das nicht die einzigen Rezensionsplattformen, mittlerweile ist es auch auf Steam möglich, Empfehlungen für andere Spieler*innen zu hinterlassen. Diese würde ich aber am ehesten mit Besprechungen auf Amazon vergleichen. Die weiteren Überlegungen konzentrieren sich auf die Print-Medien, genauer auf die PC Games. Mittlerweile erscheinen vereinzelt auch Besprechungen in grossen Zeitungen wie der Zeit, diese beschränken sich jedoch auf AAA-Titel und besprechen nur, was ohnehin schon alle kennen.

Medienbedingte Unterschiede zwischen Buch und Games waren mir natürlich zuvor schon bewusst. In beiden Fällen interessieren mich aber die erzählerischen Aspekte. Einer der wesentlichsten Punkte einer Gamebesprechung ist erstens, dass sie klar als Kaufempfehlung – sei es durch ein positives oder negatives Urteil – fungieren. Der Genuss von Games ist viel stärker an den Kauf derselben gebunden als es bei Büchern oder auch Filmen der Fall ist. Games wollen gut unterhalten. Darum ist es eine Überlegung wert, ob man sich den Vollpreistitel mit mässig guten Bewertungen oder vielleicht nicht doch vielgelobte Kurzweil zum Budgetpreis holt. Als Kaufempfehlungen sind die Besprechungen aber ehrlich.

Die Gamerezension stellt das Spiel vor, sagt, in welchen Genre es angesiedelt ist, wie innovativ oder klassisch es mit den Gattungsmerkmalen umgeht und ob es allen gefallen könnte, denen das Genre gefällt, oder sich nur an eingefleischte Fans einer bestimmten Reihe richtet. Ist das Spiel selbst für hartgesottene Fans eine Enttäuschung oder bestenfalls nur Mittelmass? Dann steht das im Fazit so drin.

Zweitens spielen bei Computer- und Konsolenspielen auch technische Aspekte eine Rolle. Will die Graphik eines Spiels hyperrealistisch sein und gelingt ihr das auch, oder ist das Spiel in einem detailverliebten Comicstil gezeichnet? Wimmelt es vor lauter Bugs und kommt es zu Abstürzen, oder läuft das Spiel reibungslos auf den meisten Rechnern? Ist das Spiel holprig angelaufen oder zum Veröffentlichungstermin nicht ganz fertig geworden, stellt sich auch die Frage, ob die Entwickler Abhilfe versprechen und diese auch wirklich leisten werden.

Drittens ist mir aufgefallen, dass Games nicht erst auf Verkaufsplattformen wie Steam, sondern auch im Print subjektiver bewertet werden, die Erfahrung mit dem Spiel und die Vorlieben der Redakteur*innen fliessen mit ein, und das ist gut so. Die Rezensionen werden dadurch sympathisch. Das ist bemerkenswert, da bei Buchbesprechungen ein Tabu auf der subjektiven Erfahrung liegt. Wahrscheinlich wirken einige Buchbesprechungen auch deshalb wie grosskotzige Werbung, weil sie die subjektive Darstellung unterdrücken und ihre Erfahrungen in ein pseudo-objektives Gewand kleiden. Den Reich-Ranicki der Spielerezension gibt es (meines Wissens) nicht und wird es hoffentlich auch nie geben. Selbst nicht wenige gnadenlose Verrisse auf Steam sind bemerkenswert transparent und gehen von der subjektiven Ebene aus: Was habe ich vom Spiel erwartet, warum fühlte ich mich enttäuscht. Geschmäcker sind verschieden. So sehr das eine Binsenwahrheit ist, so sehr trifft sie halt dennoch auf die Welt der Computer- und Konsolespiele zu. Indem die Rezensent*innen auch darüber schreiben, welche Sorte Games sie normalerweise zocken und welchen Genres sie aus dem Weg gehen, machen sie den Hintergrund transparent, vor dem sie über die Erfahrungen mit dem besprochenen Spiel berichten. Die Buchbesprechung, die mit dem Fazit endet «Als Strandlektüre ganz o.k., aber erwarten Sie keine komplexe Handlung» müsste erst noch geschrieben werden.

Wovon ich rede, wenn ich von Unterhaltung rede

Wenn hier Computerspiele als Unterhaltungsmedien aufgefasst werden, ist es naheliegend, auch ein Wort über Unterhaltung zu verlieren, da sie besonders im deutschsprachigen Raum als Gegensatz zu ernster Kunst und Literatur gedacht wird. Die Frage ist, ob Unterhaltung mit seichter Bespassung und Entspannung gleichgesetzt wird. Gewiss, es gibt Games, die genau darauf ausgelegt sind, nach Feierabend gespielt zu werden: Je nach Shooter kann ich mal in der Gegend rumballern und muss mir nicht zu viele Gedanken über anderes machen. Dennoch gibt es auch fordernde Shooter. Strategiespiele, gerade diejenigen, die in Echtzeit laufen, also nicht rundenbasiert sind, können von den Spieler*innen ganz schön was abverlangen. Diese Herausforderung ist durchaus unterhaltend, unter Entspannung stellt man sich aber etwas anderes vor. Viele Adventurespiele sind für ihren schrägen Humor bekannt. Zugleich sind die Rätsel, die die Spieler*innen lösen müssen, um die Handlung voranzutreiben, selten einfach, einige Spiele sind sogar für ihre schwierigen oder gar unfairen Rätsel bekannt. Von der bereits erwähnten Dark Souls-Reihe fange ich gar nicht erst an, sie ist berühmt und berüchtigt dafür, ihren Spieler*innen eine grosse Frusttoleranz abzuverlangen.

Umgekehrt kann die Lektüre von Kafkas Romanen und Erzählungen durchaus unterhaltend sein. Kafka selbst soll ja beim Vorlesen immer wieder in Gelächter ausgebrochen sein. Bei einer Grösse wie Kafka steht für den typischen Feuilleton der Unterhaltungswert jedoch überhaupt nicht im Vordergrund. Allenfalls geht es in einer Buchbesprechung um den Stil der Autorin, des Autors: Liest sich die Geschichte gut? Ich vermute, dass die Frage nach der Unterhaltung in Buchbesprechungen der etablierten Zeitungen nicht gestellt wird, weil die Segmentierung des Publikums, für das diese Frage relevant ist oder nicht, mit der Wahl der Zeitung geschieht. Computer- und Konsolenspiele bieten im Gegensatz eine derart bunte und vielfältige Palette an Genre und Subgenres mit ihren eigenen Fans, dass die Segmentierung durch die Wahl der Zeitschrift unmöglich ist.* Fragen wie «Ist dieses Spiel etwas für mich?» oder «Passt es zu meinem Typ Spieler*in?» sind Teil der Rezension.

*Die Segmentierung in der Gamepublizistik findet wenn schon über die Spielmaschine – PC oder Konsole (PlayStation, Xbox, Nintendo…) – statt und nicht über Genres. Das einzige Magazin, das sich einem einzigen Genre widmet, ist MMORE, das sich auf Online-Rollenspiele à la World of Warcraft spezialisiert hat.

Vor diesem Blogeintrag habe ich über den Versuch nachgedacht, Games wie Bücher zu besprechen. Die Art und Weise, wie Games rezensiert werden, sagt mir jedoch zu. Da Games primär ein unterhaltendes Medium sind, kommt die Streitfrage von E- vs. U gar nicht erst auf. Und Game-Magazine haben auch keine Hemmungen, auch mal im Fall fragwürdiger Praktiken Publisher zu kritisieren.

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