Hund frisst Katze: Space Dogs vs. Stray

Space Dogs ist ein drastischer Film. Die Doku folgt einigen Strassenhunden in Moskau, schildert deren Alltag. Es ist kein schöner Alltag: Die Tiere durchwühlen Mülltonnen, werden von Hundefängern verfolgt. Einmal fressen ein paar Welpen vergiftete Köder und verenden daran. Ein andermal jagen zwei der Hunde eine Katze und erlegen sie. Die Kamera hält beim Todeskampf drauf.
Ich sah den Film in der Pressevorführung in Locarno; bei dieser Szene verliessen reihenweise Kolleginnen und Kollegen den Saal.

Dazwischen Archivaufnahmen aus der russischen Weltraumforschung. Moskauer Strassenköter wurden in den Fünfzigern eingefangen, operiert und in Raketen gesetzt. Laika erlangte Berühmtheit als das erste Lebewesen, das Menschen ins All schossen. Dort im All starb sie dann auch.

Stray ist ein nicht ganz so drastischer Film. Die Doku folgt einigen Strassenhunden in Istanbul, schildert deren Alltag. Einmal stossen zwei der Hunde auf eine Katze und jagen sie. Sie entkommt auf einen Baum. Auch wenn die Begegnung harmlos ausgeht: Mit der Erinnerung an Space Dogs im Hinterkopf musste ich schlucken.

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Videoex 2020: A Machine to Live in

Wenn ich sage, dass Brasília schön ist, würden sie sofort erkennen, dass mir die Stadt gefällt. Aber wenn ich sage, dass Brasília das Abbild meiner Schlaflosigkeit ist, sehen sie das als Vorwurf; aber meine Schlaflosigkeit ist weder schön noch hässlich — ich bin meine Schlaflosigkeit, sie ist gelebt, sie ist meine Verwunderung.*
Clarice Lispector, Brasília: cinco dias, 1964
* Schlecht aus dem Portugiesischen übersetzt von Gregor.

So schrieb die Brasílianische Schriftstellerin Clarice Lispector, nachdem sie 1962 Brasília besucht hatte, die damals brandneue Hauptstadt von Brasilien.
Schon 1891 wurde der Beschluss, eine neue Hauptstadt zu bauen, in der brasilianischen Verfassung festgehalten. (Damals erfüllte noch Rio de Janeiro diesen Zweck.) 1956 endlich wurde der Bau in Angriff genommen, und 1960 wurde Brasília von Präsident Juscelino Kubitschek eingeweiht. Stadtplaner Lúcio Costa, Architekt Oscar Niemeyer und Landschaftsgestalter Roberto Burle Marx trugen die Verantwortung für die Errichtung der Stadt.

60 Jahre nach der Einweihung haben nun Meredith Zielke und Yoni Goldstein, zwei Filmemacher aus Chicago, ein Porträt der Stadt gedreht: A Machine to Live in.
In einem Projektbeschrieb erklärt Goldstein den Film wie folgt: „[…] a hybrid genre documentary disclosing the historical and architectural links between the world’s first fully integrated modernist city project, Brasília, and the techno-mystical, esoteric, and transcendental spaces that have emerged around it.“

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African Mirror

Aus dem Nachlass des Berner Afrika-Experten René Gardi (1909–2000) sowie aus Archivmaterial, Tagebucheinträgen, Zeitungsartikeln, Tonaufnahmen etc. hat Mischa Hedinger diesen Dokumentarfilm montiert.

Der unzivilisierte Wilde, der erzogen werden muss. Der edle Wilde, der freier lebt als wir in der engen Schweiz.

Nackte Menschen in der Savanne. Männer im Anzug bei Vorträgen.

Kein Film für Denkfaule: Gardi wird nicht einfach als Rassist vorgeführt, sondern als komplexer Mensch in einem komplexen Kontext.

Zeitgeschichte: Französische Kolonialzeit. Unabhängigkeit. Antiimperialistische Jugend in Europa. Massentourismus kommt in Afrika an — Pauschalreisen mit Quelle.

Einerseit bekommt René Gardis Doku Mandara. Zauber der schwarzen Wildnis (1959) kein Prädikat „wertvoll“, weil die deutsche Filmbewertungsstelle den Kommentar furchtbar findet („phrasenhaft“). Andererseits geht der Film in den Kinos unter, weil Exploitationschrott wie Mondo Cane (1962) die Sensationsgier des Publikums besser stillt.

Und African Mirror hält der heutigen Schweiz den Spiegel vor — so erinnert das, was über die Inszenierung der „Wilden“ zu hören ist, an den unsäglichen Bruno-Manser-Film.

African Mirror
CH 2019, 84 Min.
Regie und Buch: Mischa Hedinger
Offizielle Website

„Er erzählte mir von Planetenbüros und vom Todesacker“

Lukas Marxt über seinen Dokumentarfilm Ralfs Farben

Wenn die Superstars in der Formel 1 auch noch Planetenchefs sind, dann gibt’s hinten dran halt auch das Bedürfnis, diese Führungspositionen bei Sieg der Weltmeisterschaft im Bereich der Planeten durchzusetzen.
Ralf Lüddemann (Libretto)

Mein Lieblingsfilm am vergangenen Locarno Film Festival war Ralfs Farben: Das Porträt eines Einsiedlers und Künstlers auf Lanzarote. Regisseur Lukas Marxt lässt ihn ausführlich zu Wort kommen. Einerseits merkt man, dass der Mann unter Schizophrenie leidet, zumindest fällt es schwer, seinen Gedanken zu folgen – andererseits sind diese Gedanken immer wieder philosophisch verblüffend und in ihrer poetischen Sprache sehr faszinierend. Man denkt an Martin Heidegger oder an den Dramaturgen Werner Schwab. Regisseur Marxt findet dazu karge, aber wunderschöne Bilder, in denen man sich verlieren kann: Wüsten, bienenstock-artige Häuserzeilen, eine Bananenplantage, ein Fallschirm, der von einem Hund verfolgt wird.

Filmwebsite

Im Interview schildert Marxt, wie es war, mit Lüddemann zu drehen, was es mit dem Hund auf sich hat – und wo man Ralf Lüddemanns Kunst erleben kann.

 
Wie bist du auf Ralf Lüddemann gestossen?

Ich traf Ralf Lüddemann 2012 auf Lanzarote, während der Recherchearbeit für meine Diplomarbeit: It Seems to Be Loneliness But It Is Not. Ich versuchte, mich vier Wochen zu isolieren, um eine Art von Einsamkeit zu erzeugen. Man kann natürlich nicht von Einsamkeit sprechen bei so einer kurzen Zeit; ich wollte einfach so wenig Kontakt mit anderen Menschen wie möglich haben. Ungefähr nach einer Woche lernte ich Ralf Lüddemann kennen, einen der zurückgezogensten Menschen dort in der Region. Wir trafen uns zufällig der Strasse und kamen ins Gespräch; er erzählte mir von Maschinen und Planetenbüros, die er gerade baut, und vom Todesacker, auf dem er arbeitet. Ich war fasziniert von seiner Sprache und seiner Gedankenwelt. Es liess mich nicht los, und in der restlichen Drehzeit besuchte ich ihn jeden Tag. Wir machten Audioaufnahmen, die ich dann transkribierte; das erschien in einem gleichnamigen Buch, das den Film begleitete.

Lukas Marxt

Der Künstler und Filmemacher wurde 1983 in Österreich geboren. Er studierte erst Geografie und Umweltsystem-wissenschaften, wechselte dann aber ins Kunstfach. Heute lebt er in Köln und Graz.
Website von Lukas Marxt

In dem Film war er aber noch nicht drin?

Nein, noch nicht. Aber im Buch waren Texte von ihm, über siebzig Seiten. Damals gabs schon die Idee, einen Film mit ihm zu machen. Aber die Umsetzung von Ralfs Farben begann erst 2014, 2015.

Die Dreharbeiten dauerten also mehrere Jahre?

Es gab mehrere Perioden, in denen ich ihn besuchte, insgesamt sieben oder acht Mal. Bereits 2015 holte ich Michael Petri mit an Bord, weil die Zusammenarbeit mit Ralf Lüddemann nicht ganz so einfach war. Da waren immer nur er und ich, und ich sehnte mich nach mehr Austausch. Also fragte ich Michael, ob er die Kamera macht. Auch in der Postproduktion arbeitete ich eng mit ihm zusammen.

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Le mystère Picasso: Ein stämmiger, haariger Affe malt

Mitte der Fünfziger erhielt der französische Regisseur Henri-Georges Clouzot (Les diaboliques) die Chance, Picasso beim Malen zu filmen. Um die Entstehung eines Gemäldes möglichst direkt abzubilden, stellte er dem Künstler eine halbtransparente Leinwand hin und filmte deren Rückseite. Wenn auch seitenverkehrt, so wurde doch die Strichführung unmittelbar nachvollziehbar.
(Wobei durchaus irritiert, dass der Tuschestift, den Picasso benutzt, teilweise nur halb durch die Leinwand drückt. Etwas besser hat das funktioniert in der Kurz-Doku Visit to Picasso, in der der belgische Filmemacher Paul Haesaerts Picasso auf Glasscheiben malen liess. Das war einige Jahre vor Clouzots Film, im Jahr 1949.)

Wie dem auch sei: In Le mystère Picasso entstehen vor den Augen des Publikums nun hingeworfene, skizzenhafte Bilder, teils in Farbe, meist unterlegt von Musik, ab und zu von Dialogen zwischen Regisseur und Künstler, vereinzelt nur vom Geräusch des Stifts, der über die Leinwand fährt (zum Glück nur bei einem, dem ersten Bild, denn das Geräusch des Stiftes ist ziemlich nervtötend).
Besonders spannend wird das dort, wo der Meister bestehende Striche übermalt, wo aus einem Bild ein anderes wird. Da wird zum Beispiel aus einem Blumenstrauss ein Fisch, aus dem Fisch ein Hahn und aus dem Hahn … eine Überraschung.
Die Bilder sind ein ziemliches Gekrakel, aber ein Gekrakel, dass doch deutlich Jahrzehnte an Erfahrung demonstriert. Unfassbar, was er da aus dem Handgelenk heraus auf die Leinwand schmeisst.

Nach einigen Bildern gibts einen Bruch. Wir verlassen die Leinwand und gucken ins Studio, sehen hinter die Kulissen. Wir sehen, wie der Maler mit dem Regisseur und dem Kameramann diskutiert. Picasso hat genug von der transparenten Leinwand, er will in Öl malen. Der Film wechselt von der Liveaufzeichnung zum Jump Cut: Jedes Mal, wenn Picasso wieder etwas Fortschritt gemacht hat, macht Clouzot wieder ein Foto. Keine Tusche-Skizzen mehr, sondern Gemälde in Öl und Gouache, vereinzelt Collagen.
„Die Leute werden denken, dass du das Bild in zehn Minuten gemalt hast“, sagt Clouzot einmal.
Picasso: „Wieso, wie lang hab ich gebraucht?“
Clozot: „5 Stunden!“

Man erlebt Picasso als einen Berserker des Überarbeitens, Verwerfens und Neumachens. Bei einem Strandbild will das Überarbeiten kein Ende mehr nehmen. „Es läuft sehr, sehr, sehr schlecht“, sagt er. Schliesslich verwirft er das Bild und fängt auf einer neuen Leinwand nochmal von vorn an.
(Man erinnert sich an den Bericht A Giacometti Portrait von James Lord – Alberto Giacometti setzte auch wieder und wieder neu an und wollte kaum fertig werden mit dem Porträt des Amerikaners. Stanley Tucci machte daraus den Film Final Portrait).
Diese Entstehungsprozess zu verfolgen, die beinahe unaufhörliche Mutation eines Bildes, ist das Spezifische an Le mystère Picasso. Die Bilder, die im Rahmen der Dreharbeiten entstanden, sollen übrigens zum grössten Teil vernichtet worden sein – das Eigentliche an diesen Kunstwerken ist die Aufzeichnung ihres Entstehens.

Le mystère Picasso ist also ein einzigartiger Einblick in die Arbeitsweise eines Künstlers – dokumentiert nebenher aber auch den Personenkult um Picasso. Der Film ist die haltlose Zelebrierung eines Genies. Einer Einführung mit pathetischen Worten folgt der Vorspann mit einer pompösen Fanfare; ähnlich pompös ist die Musik auch später öfters. Immer wieder wird einem gesagt, wie gefährlich das, was Picasso mache, sei – was schon etwas albern ist. Immerhin relativiert das der Blick ins Studio: Picasso erscheint da einfach als stämmiger, haariger Affe, der nichts als kurze Hosen und Sandalen trägt.

Le mystère Picasso
Frankreich 1956, 78 min.
Regie: Henri-Georges Clouzot
Mit Pablo Picasso

ZFF 2018: Liberami

Liberami
Von Federica Di Giacomo; Italien/Frankreich 2016, 90 min.
Sektion: Neue Welt Sicht: Italien

Die italienische Dokumentarfilmerin Federica Di Giacomo hat einen sizilianischen Exorzisten bei der Arbeit begleitet. Über ihn lernen wir eine Handvoll andere Exorzisten sowie viele Besessene kennen.

Liberami* ist ein Einblick in die brefremdliche Welt katholischer Tiefgläubikeit mitten in Europa. Da stockt einem öfters der Atem. Unfassbar, welche Absurditäten und Widersprüche die Priester und Gläubigen in ihrem Alltag leben. Wir sehen zum Beispiel, wie der Exorzist Teufelsaustreibungen übers Handy macht — er ist nämlich so beliebt, dass er es gar nicht mehr persönlich überall hinschafft, wo er gewünscht wird.

* Zu Deutsch: „Befreie mich“. Die Betonung liegt übrigens auf dem „e“ und nicht etwa auf dem „a“ (libErami statt liberAmi).

Beste Szene: Der Exorzist befreit eine Wohnung von Dämonen, indem er herumgeht und alles mit einer geweihten Salzwasserlösung besprengt — Möbel, Wertgegenstände und Bilder. Darunter auch das Gemälde einer Madonna mit Jesuskind („Das sollte in einer Kirche hängen“), das er mit dem Salzwasser benetzt, bis es vor Nässe trieft. Das war ein Moment, in dem ich selbst angefangen habe zu beten: „Lieber Gott, mach bitte, dass das nur ein Druck ist.“

Grund für die Austreibung ist übrigens, dass die (verstorbene) Besitzerin der Wohnung eine Affäre hatte — oder etwas in der Art, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Erben haben dann den Exorzisten geholt. Jedenfalls scheint da eine erzkonservative Lebensauffassung durch, bei der alles wortwörtlich des Teufels ist, was nicht exakt im Sinne der Kirche (oder der Verwandten) ist. Als besessen gilt bereits ein Junge, der die Schule schwänzt. Wer sich nicht konform verhält, befindet sich mit einem Fuss in der Hölle.

Bei den Ritualen wird schnell offensichtlich, dass die ganze Exorzismus-Sache vor allem eine einzige grosse Performance ist. Alles läuft schön nach vorgegebenen Ritualen ab; sowohl die Priester als auch die Besessenen erfüllen die von ihnen erwarteten Rollen (und ja, The Exorcist spukt ganz klar in den Köpfen der Beteiligten herum).
Die meisten Besessenen leiden wohl an echten, mehr oder weniger starken psychischen Problemen, aber fraglos nehmen sie auch einfach die Chance war, endlich mal die Sau rauszulassen, die alltäglichen Frustrationen loszuwerden. Psychische Hygiene im kontrollierten Rahmen. Ohne die Angst, gleich eingesperrt oder sediert zu werden. Dafür achten die Besessenen auch auffällig darauf, selbst bei den wildesten Ausfällen niemanden zu verletzten.

Man kanns auch mit der Fasnacht vergleich, nur dass ein Exorzismus individueller ist. Ein anderer Exorzist sagt mal amüsiert, dass einige der Besessenen anscheinend gar nicht erlöst werden wollen — sie würden die Aufmerksamkeit viel zu sehr geniessen.

Der Exorzismus erscheint also als eine Art Ventil für die persönlichen Leiden, die aus der gesellschaftlichen Schizophrenie erfolgen — Katholizismus als Lösung der Probleme, die er selbst erst verursacht. Aber der Exorzismus vestärkt die Probleme eher, als dass er sie löst.
So sehen wir am Anfang des Filmes ein Teenager-Mädchen, das gerade eine Gothic-Phase durchmacht und deswegen zum Exorzisten gebracht wird. Später sehen wir es als junge Frau, die ihre rebellische Teenager-Phase hinter sich gelassen hat und sich beim Exorzisten für ihre Erlösung bedanken will. Aber kaum, dass sie zurück in dieses Umfeld kommt, fällt sie ihn die alten Rollenmuster zurück.

In Liberami wird es nicht angesprochen, aber es dürfte bekannt sein, dass es schon Exorzismen mit Todesfolge gegeben hat. Bei dem, was der Film zeigt, scheint das nur konsequent.
Umso bestürzender, wenn am Ende erwähnt wird, dass weltweit die Nachfrage nach Exorzisten extrem steigt — die Kirche hat Probleme, genügend Nachwuchs zu finden. So viel zur Aufklärung in der westlichen Welt.

Die makabristische Richterin

Ni juge ni soumise ist ein Portrait über die belgische Ermittlungsrichterin Anne Gruwez, das sich als Dokumentarfilm versteht. Die lose Handlung stellt das Aufrollen eines alten Falles dar: Zwei Prostituierte sind ermordet worden, der Fall wurde nie geklärt. Der Film lebt von den trockenen Kommentaren und Bemerkungen der unkonventionellen Richterin. Der rote Faden wird immer wieder unterbrochen durch die Verhandlung aktueller Fälle. Anne Gruwez hat eine sehr direkte, teilweise auch recht politisch unkorrekte Art: Den beiden Prostituierten des alten Falles ist das Gebiss herausgebrochen worden. Kommentar: So ein Mund gebe „samtweiche Blowjobs“. (Ein andermal bekundet sie ihre Bewunderung für Prostituierte, die sich von stinkenden oder zumindest ungewaschenen Männern ficken lassen oder ihnen einen blasen.)

Die Szenen spielen oft in ihrem Bureau. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass Anne an ihrem Computer tippt, während die Angeklagten und deren Anwälte zu schweigen haben. Manche halten es aus, andere beginnen verzweifelt auf sie einzureden. Ein Secondobelgier fleht sie einmal an, ihm nicht das Leben zu versauern und nicht ins Gefängnis zu schicken, worauf sie bedauernd entgegnet, er würde ihr alle Voraussetzungen liefern, um sein Leben zu versauern.

Die Gespräche mit Angeklagten oder Zeug_innen schweifen oft zu allen möglichen Themen ab. Mit einer Domina, die des Einbruchs verdächtigt wird, unterhält sich Anne über deren Tätigkeit und BDSM. Das Publikum und Anne erfahren, dass die Domina ihr Können von einer 50-jährigen Belgierin erlernt habe. Sie sei in diese Richtung gegangen, um nicht mehr mit den Freiern schlafen zu müssen. Einige ihrer Klientel wollten bloss in einen Schrank oder in eine Kartonschachtel gesperrt werden und dabei frieren. Andere würden sie dafür bezahlen, dass sie im Zimmermädchenkostüm Abwasch und Haushalt der Domina machen dürfen. Interessiert erfährt Anne, dass es offenbar Männer gäbe, die sich den Penis fesseln lassen und an der Eichel mit einer Nadel verstochen werden wollen, was sie zum Orgasmus bringe.

Ein anderes Mal sitzen ein muslimisches Ehepaar und deren Tochter vor ihr. Der Sohn wurde beim Rasen erwischt. Gesprächsweise stellt sich heraus, dass Mutter und Vater Cousine und Cousin sind. Der Bruder des Vaters habe ebenfalls eine Cousine geheiratet, zusammen haben sie fünf Kinder. Das Gespräch driftet ab in eine Diskussion darüber, dass es aus genetischer Sicht nicht so klug sei, solche Ehen zu schliessen.

Der Film erhebt dokumentarischen Anspruch. Als Dokumentarfilm sollte er aber nicht gesehen werden. Zu sehr konzentriert er sich auf die Person Annes und auf den nächsten sarkastischen Kommentar. Wird er den vorhergehenden noch überbieten? Didier Péron hat in einer Rezension für libération kritisiert, dass der Film den Mordopfern die Würde raube, da sie blossgestellt würden und sich gegen die Bemerkungen nicht wehren können. Schwarzer Humor ist immer auch Übertretung des guten Geschmacks. Ob etwas noch schwarzhumorig ist oder doch nur noch abstossend und sensationslüstern, muss immer wieder neu verhandelt werden. Schwerwiegender ist, dass – gerade angesichts des dokumentarischen Anspruchs – das Rechtssystem und Annes Rolle darin gänzlich unreflektiert bleiben. Gelegentlich zeigt sich unfreiwillig, wieviel Macht eine Ermittlungsrichterin hat; das zu thematisieren hält niemand für nötig.

Der Film plätschert gemütlich vor sich hin. Zu lange geht er nicht. Kurz nachdem er angefangen hat, langweilig zu werden, ist er zu Ende.

Ni juge, ni soumise
Regie: Jean Libon und Yves Hinant
Belgien/Frankreich 2017, 99 min

ZFF 2017: My Life Without Air

My Life Without Air
Regie und Buch: Bojana Burnać
Kroatien 2017; 73 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Ein Porträt von Goran Colak, dem Weltrekordhalter im Freitauchen (also im Luftanhalten). Ein Einblick in die teils skurrilen Details eines skurrilen Sports. Bojana Burnać verzichtet weitgehend auf erklärende Kommentare (ein-, zweimal äussert sich Colak selbst), lässt die Bilder für sich selbst sprechen, lässt den Bildern Zeit. Der Film ist so zurückhaltend und streng wie der Protagonist.

Ein Moment berührte mich besonders: Burnać zeigt einmal, wie sich Colak seine Wohnung verlässt. Statt nun zu schneiden, behält die Regisseurin das Bild bei. Wir sehen nichts als die leere Wohnung: spartanisch eingerichtet, präzise aufgeräumt, peinlich sauber. Fast schon steril. Das einzige Lebenszeichen ist ein Roomba, der leise über den Boden surrt und seine Arbeit tut. Obwohl sich Colak nicht einmal in der Szene befindet, lernt man hier wahnsinnig viel über ihn.

ZFF 2017: Another News Story

Another News Story
Regie: Orban Wallace
GB 2017; 86 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

2015 geht der britische Filmemacher Orban Wallace mit einem Team nach Griechenland, um die Flüchtlingskrise auf der Insel Lesbos festzuhalten. Dort beobachtet er, wie ein Gummiboot voller Menschen an der Küste landet — und wie sich eine Horde von Reportern und Kameraleuten darauf stürzt wie die Geier. Damit hat er sein Thema: Wie die Medienleute vor Ort mit der Krise umgehen.

Wallace geht die Balkanroute ab, an der sich die Flüchtlingsströme entlang bewegen. Er begegnet immer wieder denselben Leuten, unter den Flüchtlingen ebenso wie unter den Reportern. In den zwei Monaten, in denen Wallace und sein Team unterwegs sind, erleben sie zentrale Höhepunkt der Krise. Wir sehen die Folgen der unmenschlichen Politik Ungarns unter Präsident Viktor Orban. Wir sehen die Journalistin, die nach zwei Flüchtenden tritt (eine interessante Aufbereitung des Falls gibt es hier), sehen, wie der ertrunkene Dreijährige Alan Kurdi zum Symbol der Krise wird — und wir sehen, wie sich nach den Anschlägen in Frankreich um das Bataclan plötzlich die öffentliche Meinung unsinnigerweise gegen die Flüchtlinge richtet.

Nach der Vorführung bantwortet Orban dem Publikum ein paar Fragen; er trägt Frack, denn grad vorher fand die Preisverleihung im Opernhaus statt. (Another News Story gewann allerdings nichts.) Wie er erzählt, waren die Dreharbeiten eine spontane, ungeplante Sache. Am Anfang hatten sie Probleme, überhaupt die Kamera zum Laufen zu bringen, weil noch keiner von ihnen mit diesem Modell gearbeitet hatte. Geld hatten sie so gut wie keines; sie schliefen ebenso in Zelten wie die Flüchtlinge, die sie begleiteten. Das erklärt wohl, weshalb dem Film ein bisschen die Sicht auf das grosse Ganze abgeht. Wie ein Zuschauer anmerkt, fehlt zum Beispiel die Perspektive der Redaktionen, also der Leute, die die Reporter ins Feld schicken, die bestimmen, von wo berichtet wird. Aber Wallace wollte auch keine klassische Doku mit erklärenden Interviews, sondern einen Erlebnisbericht.

Wallace wird ausserdem danach gefragt, wie er und sein Team die eigene Position inmitten der Ereignisse reflektiveren. Im Grunde sind Wallace und Co. ja bloss ein weiteres Medienteam. Ein ständiger Krieg mit sich selbst sei das gewesen, so der Filmemacher. Ihre Rettung war der Unterschied zwischen News und Dokumentarfilm: Sie gingen nicht hin, um am Ende einen dreissigsekündigen Beitrag fürs Fernsehen zu drehen, sondern blieben am Thema dran und nahmen sich Zeit, es auszuerzählen.

ZFF 2017: Let There Be Light

Let There Be Light
Regie: Mila Aung-Thwin, Van Royko
Drehbuch: Van Royko
Kanada 2017; 80 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Nukleare Fusion ist eine Alternative zur Kernspaltung und als solche eine eierlegende Wollmilchsau: eine fast unerschöpfliche, aber umweltschonende Energiequelle ohne radioaktive Abfälle. Klingt für mich fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein, aber es gibt Abertausende Wissenschaftler mit geringfügig besseren Kenntnissen der Teilchenphysik als ich, die daran arbeiten. So entsteht in Südfrankreich, unter Aufsicht der internationalen Organisation ITER, eine gigantische Maschine, in der man erstmals Fusion machen will (wenn alles klappt, schon im Jahre 2025).

Die kanadischen Dokumentarfilmer porträtieren das Projekt mit viel Begeisterung (zu viel Begeisterung?), und zeigen nebenher ein paar kleinere, privat finanzierte Projekte. Wer wird die technischen Probleme schliesslich überwinden? Die Leute vom internationalen Megaprojekt? Oder die Tüftler in ihren Garagen? Das wird die Zukunft zeigen. Der Optimismus der Beteiligten ist ansteckend, aber man fühlt auch die Frustration darüber, dass das öffentliche Interesse an der Fusion eingeschlafen ist und die Förderung mehr und mehr zusammenschrumpft.
Wie die Wissenschaftler betonen, ist die Fusion ein Projekt, das noch mehrere Generationen in Anspruch nehmen wird — wie früher der Bau einer Kathedrale. Aber diese Art von Langzeitdenken beisst sich natürlich damit, wie heutzutage Politik gemacht wird.

Ein Lob für den fantastischen Soundtrack von Trevor Anderson, der ein paar coole elektronische Einflüsse hat.
Eine Schelte für den Titel, der zum einen religiösen Unterton impliziert (den der Film zum Glück nicht hat)und zum anderen derart generisch ist, dass es kompliziert wird, den Film zu googeln. Und siehe da: Ebenfalls dieses Jahr kam ein anderer Film mit dem Titel Let There Be Light heraus: das Regiedebüt von Ex-Hercules-Darsteller Kevin Sorbo, der darin auch die Hauptrolle spielt — die Rolle eines Atheisten, der nach einer Beinahe-Todes-Erfahrung zum Christ wird. Jesses.