«Occhiali neri»: Ein Horrormeister will nicht in Rente gehen

Mit seinen 81 Jahren und nach einer Dekade Pause hat Dario Argento noch einmal einen Film gedreht. Und zwar einen richtig, richtig schlechten. Alle Achtung.

Occhiali neri (Dark Glasses) fängt eigentlich gar nicht so furchtbar an, nämlich mit einer Sonnenfinsternis, von Rom aus gesehen. Schöne Bilder (Kamera: Matteo Cocco), gute Musik (Arnaud Rebotini). Zwar nicht zu vergleichen mit dem, was Argento zu seinen besten Zeiten hinbekommen hat, aber eine Bemühung ist spürbar.

Der positive Eindruck hält bis zum ersten Mord.

Eine Edelprostituierte verlässt ein Luxushotel und macht sich auf den Heimweg. Da wird sie von einem Killer in eine Hecke gezogen und mit einem Kabel gewürgt. Am Ende stolpert sie mit einer durchgescheuerten Kehle davon und verblutet auf dem Gehweg. Zufällig anwesende Passanten geraten aus dem Häuschen. Ein Hotelpage sieht einen Lieferwagen davonbrausen.

Das Sterben ist breit ausgewalzt. Viele Nahaufnahmen auf die blutende Wunde. Inszenatorisch konsequent einfallslos. Es stinkt nach Amateurfilm.

Argentos Schaffen war immer schon fragwürdig, was die Darstellung von Gewalt an Frauen anbelangt. Das hat sich nicht geändert. Früher hat er seinen Fetisch immerhin noch ästhetisch imposant auf Kamera bannen können, das ist aber auch schon ein Vierteljahrhundert her. Der einstige Horrormeister () ist ein Relikt aus einer Epoche, die er nur unzulänglich heraufzubeschwören vermag.

 
Worum gehts überhaupt?

Die Handlung dreht sich um Diana (Ilenia Pastorelli), ebenfalls Sexarbeiterin. Nachdem der Killer ihre Kollegin gemeuchelt hat, hat er es nun auf sie abgesehen. Sie wäre bereits sein viertes Opfer.

Allerdings: Sie entkommt seinem Mordanschlag mit ihrem Auto. Der Killer rast ihr in seinem Lieferwagen hintendrein. Am Ende der Verfolgungsjagd kollidiert sie mit einem anderen Wagen, darin eine chinesischstämmige Familie. Mutter und Vater sterben, ihr zehnjähriger Sohn Chin kommt ins Heim.

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Lebenszeichen: Werner und der Proto-Kinski

Der erste Film, den Werner Herzog mit Klaus Kinski drehte, war Aguirre, der Zorn Gottes (1972). Aber eigentlich war schon Herzogs Langfilmdebüt ein Kinski-Film: Lebenszeichen (1968).

Dort sehen wir Peter Brogle als Stroszek, einen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einer Verletzung und einem Aufenthalt im Lazarett auf die Insel Kos versetzt wird. Begleitet wird er von seiner Frau Nora (Athina Zacharopolou) sowie von zwei ebenfalls genesenen Kameraden – dem dicken, lauten Meinhard (Wolfang Reichmann) und dem dünnen, stillen Becker (Wolfang von Ungern-Sternberg).

Die vier richten sich in einem alten Kastell ein, wo sie ein griechisches Munitionslager bewachen. Viel kann die deutsche Armee mit dem Zeug nicht anfangen, weil deutsche Waffen und griechische Kugeln nicht kompatibel sind. Aber es wäre halt blöd, wenn das Material in die Hände der Partisanen fiele, die die umliegenden Berge unsicher machen.

Der Einsatz besteht aus Nichtstun und Langeweile. Im Schatten hocken und schwitzen. Der Höhepunkt der Aufregung ist, dass Meinhard Kakerlaken fängt oder dass ein «Zigeuner» (Julio M. Pinheiro) mit seiner Drehorgel vorbeischaut.

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The End of the Track: Ein Schmuddelfilmer fängt klein an

The End of the Track (1970) ist der zweite Spielfilm von Tun-Fei Mou (1941–2019), auch bekannt als T. F. Mous.
Wer sich mit dem extremen asiatischen Kino auskennt, weiss: Das ist der Regisseur von Men Behind the Sun (Hei tai yang 731), einem berüchtigten Exploitation-Film von 1988. Der handelt von den Kriesgräueln der Japaner während des Zweiten Weltkriegs in China. Genauer gesagt, von der Einheit 731 unter Führung von General Shiro Ishii (auch bekannt als japanischer Mengele). Der Film zeigt im Detail, wie die Einheit Experimente an Menschen durchführt.

Unter anderem ist zu sehen, wie die Militärärzte einer Frau die Unterarme einfrieren. Nach einer Weile darf sie sie in ein Becken mit warmem Wasser halten. Danach schält ihr ein Arzt die Haut der Arme von den Knochen wie Handschuhe.

Ein andermal locken die Ärzte einen chinesischen Jungen in einen Operationssaal – wo sie ihn betäuben und seine Organe für die Forschung entnehmen. Angeblich hat Mou für die Szene die Erlaubnis eingeholt, die reale Autopsie an einem Kind zu filmen.

Harter Stoff. Mou sagt in Interviews immer wieder, dass es sein Bedürfnis gewesen sein, die Welt über die Verbrechen der Japaner aufzuklären. Men Behind the Sun fährt aber, wenn wir Filme über ein anderes Menschheitsverbrechen zum Vergleich heranziehen wollen, weniger die Schiene von Schindler’s List als die von Ilsa, She Wolf of the SS.
Will sagen: Das ist Sensationalismus unter einem Deckmäntelchen von Pseudo-Aufklärung. Bestenfalls ist es Propaganda.

Der Film erhielt zwei Sequels von anderen Regisseuren, Mou selbst drehte später Black Sun: The Nanking Massacre (1995) über das Wüten der japanischen Armee in Nanking 1937. Daneben filmte er Martial-Arts-Filme, Action und Erotik.

Aber wie sieht nun das Frühwerk dieses Mannes aus?

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Disciples of Shaolin: Schlacht der Webstühle

Cheh Chang (1923–2002) war einer der ganz grossen Namen des Martial-Arts-Genres und des Hongkong-Kinos. Er stieg schon in den 1940ern ins Filmgeschäft ein, damals noch in Shanghai. Nach der Machtübernahme der Kommunisten verschlug es in nach Taiwan, weil er der Kuomintang nahestand und insbesondere Chiang Ching-kuo, einem Sohn von Parteiführer Chiang Kai-shek.
1957 zog es Chang nach Hongkong. Dort heuerte er beim Shaw Brothers Studio an und etablierte sich mit dem immensem Erfolg von One-Armed Swordsman (1967) als Regiestar.

Unter anderem führte er Co-Regie bei The Legend of the 7 Golden Vampires (1974), einer Zusammenarbeit der britischen Hammer Films mit dem Shaw Brothers Studio. Da kämpft Peter Cushing als Van Helsing in China gegen hüpfende Vampire.

Zur Erläuterung: Die Shaw Brothers waren damals die absoluten Könige der Hongkonger Filmindustrie und prägten das, was man sich unter einem Martial-Arts-Film vorstellt. Zumindest, bis das Konkurrenz-Studio Golden Harvest ihnen den Rang ablief (selbiges hatte es geschafft, einen gewissen Bruce Lee zu verpflichten).

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Wonder Woman, Teil 1 bis 1984

Nach grossem Hin und Her ist Wonder Woman 1984 inzwischen doch noch in den Zürcher Kinos gelandet. Wir erinnern uns: Wegen Corona hat Warner Bros. den Kinostart immer wieder vertagt und sich schliesslich auf eine Streaming-Premiere verlegt. Dort, wos ging, brachte Warner den Film zusätzlich ins Kino.
Für die Schweiz heisst das, dass man Wonder Woman 1984 seit Anfang März auf Sky Show gucken kann; erst jetzt mit der Kinoöffnung ist er auch in die Säle gekommen. Immerhin: Er hielt sich eine Weile in den Charts auf Platz 1 (inzwischen ist er auf Platz 7 runtergepurzelt).

Ich jedenfalls hab ihn mir auch angesehen, vorher aber noch den ersten Teil nachgeholt. Der Konsens der Kritik scheint zu sein: Wonder Woman ist kein Meisterwerk, aber solide, Wonder Woman 1984 dagegen eine Totalkatastrophe. Prüfen wir mal nach, ob das stimmt.

 
 

Wonder Woman

Auf einer magischen Insel im Mittelmeer versteckt sich das Volk der Amazonen und bewacht dort den sogenannten Gotttöter, eine Superwaffe, mit der man einen Gott töten kann. Gedacht ist sie für den bösen Kriegsgott Ares: Gottvater Zeus hat den einst besiegt, aber da er eine Rückkehr von Ares befürchtete, hat er eben den Gotttöter erschaffen. Hab ich oft genug „Gott“ gesagt?

Auf besagter Insel wächst Diana (Gal Gadot) auf, lernt zu kämpfen und stellt fest, dass sie besondere Kräfte hat. Die hat sie noch nicht wirklich unter Kontrolle, aber im Finale kann sie dann plötzlich damit umgehen und damit den Bösewicht besiegen. Ihr merkt schon, die Story ist sehr einfallsreich.

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Hund frisst Katze: Space Dogs vs. Stray

Space Dogs ist ein drastischer Film. Die Doku folgt einigen Strassenhunden in Moskau, schildert deren Alltag. Es ist kein schöner Alltag: Die Tiere durchwühlen Mülltonnen, werden von Hundefängern verfolgt. Einmal fressen ein paar Welpen vergiftete Köder und verenden daran. Ein andermal jagen zwei der Hunde eine Katze und erlegen sie. Die Kamera hält beim Todeskampf drauf.
Ich sah den Film in der Pressevorführung in Locarno; bei dieser Szene verliessen reihenweise Kolleginnen und Kollegen den Saal.

Dazwischen Archivaufnahmen aus der russischen Weltraumforschung. Moskauer Strassenköter wurden in den Fünfzigern eingefangen, operiert und in Raketen gesetzt. Laika erlangte Berühmtheit als das erste Lebewesen, das Menschen ins All schossen. Dort im All starb sie dann auch.

Stray ist ein nicht ganz so drastischer Film. Die Doku folgt einigen Strassenhunden in Istanbul, schildert deren Alltag. Einmal stossen zwei der Hunde auf eine Katze und jagen sie. Sie entkommt auf einen Baum. Auch wenn die Begegnung harmlos ausgeht: Mit der Erinnerung an Space Dogs im Hinterkopf musste ich schlucken.

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Wong Kar Wai und die Chungking Mansions


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Als die Allerliebste und ich 2018 einen Trip nach Hongkong machten, verbrachten wir drei Nächte in den berüchtigten Chungking Mansions. Der Gebläudekomplex liegt im Stadtteil Kowloon an der Nathan Road, einer der Hauptverkehrsadern von Hongkong. 1961 eröffnet, umfassen die Mansions fünf Wohnblöcke (von A bis E) und 17 Stockwerke. Dort findet man an die dreissig Restaurants, Clubs und Bars, 90 Gasthäuser, 380 Geschäfte und diverse Manufakturen.

4000 Menschen wohnen dort schätzungsweise, in erster Linie Angehörige von Minderheiten. Nirgendwo sonst in Hongkong findet man so viele Menschen aus Indien, Afrika oder dem Nahen Osten. Darunter Arbeiter aus Festlandchina und ein paar Touristen mit niedrigem Budget.

Die Mansions waren einst für gutbetuchte Mieter gedacht, haben sich über die Jahre aber einen miserablen Ruf erarbeitet. Es kam immer wieder zu Bränden, nicht zuletzt, weil die Zimmer der ursprünglichen Wohnungen in kleinere Zellen unterteilt wurden, mit wenig Rücksicht auf die Elektroinstallation. Hauptsache mehr Zimmer, denn je mehr Leute man reinquetschen kann, desto mehr Miete kriegt man. Die Bodenpreise von Kowloon gehören zu den höchsten der Welt.

In den Mansions geschahen immer wieder Morde und Vergewaltigungen. Sie waren ein Nest für Drogenhändler, Schmuggler, Prostituierte, illegale Einwanderer und Schwarzarbeiter. Nicht alle Gasthäuser und Restaurants hatten eine Lizenz, und es gab einige Fälscherwerkstätte. Nur die Kowloon Walled City war schlimmer (als es sie noch gab).

In den letzten zwanzig Jahren hat sich allerdings viel geändert. Die Mansions wurden in mehreren Phasen generalüberholt, die Sicherheitssysteme modernisiert und überall Kameras installiert. Die Polizei tat ihr Bestes, um die chinesische Mafia zu vertreiben.
So hatten die Allerliebste und ich nie irgendwelche Probleme, ausser, dass uns im Erdgeschoss ständig Inder Flyer für billige Anzüge andrehen wollten. Und ich bekam einen elektrischen Schlag, als ich auf unserem Zimmer mein Handy auflud. In unserem winzigen Raum war das WC zugleich die Dusche, also mussten wir immer aufpassen, das Toilettenpapier nicht nasszumachen.

 
Der Filmer und die Mansions

Dass die Chungking Mansions berühmt sind, ist zu einem guten Teil Wong Kar Wai zu verdanken, der ihnen mit Chungking Express (1994) und Fallen Angels (1995) ein Denkmal setzte. Er hat sie cool und zu einem Anziehungspunkt für Touristen gemacht, was wiederum eine Triebfeder für die erwähnte Sanierung gewesen ist. Die Mieten haben entsprechend zugenommen, viele alte Anwohner und Ladenbesitzer mussten ihren Platz räumen. Ein Gentrifizierungsprozess im Kleinen.

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Und morgen die ganze Welt

Bevor die Zürcher Kinos wieder geschlossen wurden, war ich noch ein letztes Mal im Riffraff. Angesehen hab ich mir Und morgen die ganze Welt (ein Drama über die Antifa/der deutsche Kandidat für die nächste Oscarverleihung). Regisseurin Julia von Heinz verarbeitet darin ihre Erfahrungen in der Antifa in den 90ern und kommentiert die gegenwärtige politische Situation in Deutschland. Der Titel spielt auf ein berüchtigtes NS-Lied an.

Mannheim: Luisa (Mala Emde) kommt aus gutem, gar adeligem Hause, studiert Jura und kommt dank ihrer Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) in einer Besetzung unter. Und hilft sogleich bei einer Störaktion gegen eine Politikerin der Liste 14 (gemeint ist die AfD). Es kommt zu einem Scharmützel mit dem „Sicherheitsdienst“ der Politikerin, der sich aus Neonazis rekrutiert — Luisa erbeutet dabei das Handy eines Rechtsextremen. Unsere Helden erhalten damit Zugriff auf Nazi-Kontakte.

Frage am Rande: Ist es nicht ein wenig hasenfüssig, dass anstelle der AfD eine fiktive Partei entworfen wird?

Am Anfang des Films steht ein Zitat aus dem deutschen Grundgesetz:

„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. […] Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Die Frage ist nun: Welche Art von Widerstand? Für Batte ist ganz klar: Nur friedlichen, bitte. Anders siehts Alfa (Noah Saavedra) — er organisiert bei der nächstbesten Gelegenheit eine Aktion, bei der Antifa-Aktivist*innen Autos von Neonazis kaputtschlagen und, wenn man schon mal dabei ist, die Neonazis selbst angreifen. Luisa wird dabei verletzt, aber abschrecken lässt sie sich davon nicht. Dietmar (Andreas Lust) flickt sie wieder zusammen, ein Bekannter von Alfa, ein Altlinker, der früher Bomben legte, sich nach einem Gefängnisaufenthalt aber weitgehend ins Private zurückgezogen hat.

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