Theater Spektakel 2018: Das Haus der herabfallenden Knochen

Zuletzt sahen wir uns in der Bühne Nord La plaza an. Damals herrschte eine saumässige Hitze, wir marinierten im eigenen Schweiss. Das ist bloss eine Woche her. Jetzt ist es draussen nieselig und kalt, wir tragen Pullis und Jacken und frieren immer noch. Ein Hoch auf den Wintereinbruch.
Vorher haben wir uns bei Mama Put was zu Essen geholt. Sehr fein, vor allem die Suya-Spiesse und die Bohnen, überreichlich portioniert, und auch das kenianische Tusker-Bier hat gemundet — aber es hat kaum Gäste gegeben. Verglichen mit dem letzten Mal, ist uns das Festivalgelände als Geisterstadt erschienen.

Immerhin geht die Kälte halbwegs vergessen, nachdem das szenische Konzert angefangen hat. Das Haus der herabfallenden Knochen ist eine Zusammenarbeit der Band Kante aus Hamburg mit dem südafrikanischen Trio Khoi Khonnexion sowie der namibischen Sängerin Nesindano «Nunu» Namises (hinzu kommt der kroatisch-deutscher Theatermacher Nikola Duric). Wie uns die Musiker nach der Vorstellung in einem Publikumsgespräch erzählen, kamen die Kante-Leute 2015 aufgrund der Flüchtlingskrise auf die Idee, einen Blick zurück in die Zeit des Kolonialismus sowie darauf zu werfen, wie diese Epoche nachwirkt, und nahmen Kontakt zu den afrikanischen Künstlern auf. Gemeinsam reisten sie durch Namibia und erarbeiteten zusammen Musikstücke, in die historische Begebenheiten sowie Volksmärchen einflossen.

Drehpunkt des Abends ist der Völkermord an den Herero und Nama von 1904 bis 1908 durch deutsche Truppen — von Deutschland erst 2016 offiziell als Völkermord anerkannt. Zurzeit ist in New York ein Genozid-Prozess um Reparationszahlungen hängig.
Hier kommt auch das Element der Knochen hinzu: Zum einen gibt es da ein Märchen um ein Spukhaus, eben eines mit Knochen, die aus dem Kamin herabfallen. Zum anderen geht es um ganz konkrete Knochen: Totenschädel von Herero- und Nama-Kriegern, die damals nach Deutschland gebracht wurden. Namibia fordert die Schädel schon seit langem zurück, um den Toten endlich ein angemessenes Begräbnis geben zu können. Erst 2011 wurden die ersten 20 von geschätzten Tausenden Schädeln zurückgegeben.
Immerhin ist der Rückgabeprozess seither am Laufen, auch wenn das Verhältnis von Deutschland und Namibia nach wie vor sehr gespannt ist.

Da passt das kaltgraue Wetter ja wieder.

Das Haus der herabfallenden Knochen erzählt keine Handlung, sondern hat einfach einen groben dramaturgischen Bogen, unter dem sich Geschichten, Märchen und szenische oder performative Momente versammeln. Hilfreich: An die Zuschauer sind Blätter mit der „Szenenfolge“ ausgeteilt worden. Da findet man unter „Beginning“ den Punkt „The Invention of Death (Moon and Hare)“, ein altes Märchen, das erzählt, wie ein bösartiger Hase dafür verantwortlich ist, dass bei Menschen der Tod Einzug gehalten hat.
Unter „Travel“ findet sich das erwähnte Gruselmärchen vom Haus der herabfallenden Knochen. Hinter „Fuck my ancestors“ (in der Sektion „Guilt B“) steckt eine Slam-Poetry-Performance, in der Kante-Sänger Peter Thiessen die eigenen Vorfahren beschimpft. Da wirds dann auch sehr lustig; Das Haus der herabfallenden Knochen ist durchaus keine todernste Sache.

Ziemlich skurill ist auch das Stück „Moving Tables“ (unter „Travel“): Da schieben die Musiker mehrere Schülerpulte von der einen Seite der Bühne zur anderen Seite der Bühne. Später im Publikumsgespräch kam auch prompt die Frage, was das zu bedeuten habe.
Die Antworten der Künstler: Nichts im Speziellen, es ging bloss um das Geräusch | das sind die Verhandlungstische, an die sich die Deutschen lange nicht setzen wollten | das symbolisiert die gemeinsame Bewegung in die Zukunft.
Es gibt bestimmt weitere mögliche Interpretationen, zum Beispiel die meiner Begleitung: Weil es ja Schülerpulte sind, tönt da auch die Vermittlung der Kolonialgeschichte mit (eine holprige Sache mit Misstönen).

Die Musik mischt Rock und Pop mit traditionellen afrikanischen Tönen wie dem südafrikanischen Pfeilbogen-Spiel. Es gibt da unfassbar mitreissende Stellen, in denen der Rhythmus den letzten Rest an Kälte vertrieb, und insbesondere Nesindano Namises und Jethro Boetman Louw (von Khoi Khonnexion) sind grandiose Sänger — sie mit einer überwältigenden Wucht, er mit der brüchigen, aber faszinierenden Stimme eines geborenen Geschichtenerzählers.

Das Haus der herabfallenden Knochen
Von Kante & Khoi Khonnexion
Deutschland, Südafrika, Namibia
Regie: Nikola Duric
Premiere: Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg, 2018
Bühne Nord
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