Theater Spektakel 2018: La plaza

Es ist in erster Linie wegen diesem Bild, dass ich mir La plaza ansehen wollte. Da sieht man eine Gruppe von Statisten in eigentümlichen Ganzkörperstrumpfmasken. Interessant. Was verbirgt sich dahinter? Was ist das für ein Stück? Der Ankündigungstext nimmt sich ja eher kryptisch aus:

In ihrer neuen Arbeit «LA PLAZA» wird der öffentliche Raum zum Ort, wo Menschen und Geschichte, kollektive Erinnerung und unbekannte Zukunft aufeinandertreffen. Das Publikum wird Teil eines komplexen Geschehens, bei dem Sichtbares und Unsichtbares, Bilder und Gedankenwelten sich auf faszinierende Weise überlagern.

Aha. Das ist schwülstiger ausgedrückt als notwendig, so kompliziert ist es nämlich gar nicht. Zunächst einmal wird man als Zuschauer mit einer denkbar einfachen Bühne konfrontiert — graue Wände, grauer Boden, fertig. Ein regelrechter Leerraum. Dann spielen sich zwei nebeneinander laufende Handlungsstränge ab:

  • Da ist zum einen die Geschichte eines Theatergängers. Dieser schaut sich das Ende eines experimentellen Stücks an, das seit einem Jahr läuft, jetzt aber sein Finale findet. Danach geht er nach Hause. Das erzählt uns ein Text, der an die hintere Wand projiziert wird, jeweils auf Deutsch und Englisch. Die ersten zehn, fünfzehn Minuten sind allein diesem Strang gewidmet, dann kommt der zweite hinzu.
  • Dort sieht man die Vorgänge auf einem öffentlichen Platz über einen bestimmten Zeitraum, es dürfte so ungefähr ein Tag sein — es treten die erwähnten Statisten auf, die beispielsweise eine Gruppe von Touristen darstellen, denen eine Fremendführerin was erklärt.
  • Die beiden Geschichten haben im engeren Sinne nichts miteinander zu tun, aber es gibt bestimmte Resonanzen. So trifft der Theatergänger auf dem Heimweg eine Gruppe muslimischer Männer und denkt über Europas Verhältnis zum Islam nach. Gleichzeitig sieht man auf der Bühne Frauen in Kopftüchern — Musliminnen nach dem Besuch des Gottesdienstes?

    Die Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben sind das Interessanteste an La plaza. Mit der simplen Bühne und den Ganzkörperstrumpfmasken, die dem Ort und den Figuren alles Individuelle nehmen, bekommt das Geschehen etwas Allgemeingültiges. So ähnlich könnte sich das auf irgendeinem Platz in irgendeiner europäischen Stadt abspielen. Gleichzeitig erhält es auch etwas Surreales, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Figuren betont langsam bewegen und sphärische Klänge sowie wummernde Bässe aus den Lautsprechern eine hypnotische Geräuschekulisse aufbauen. Wobei es so einige Zuschauer gab, die die Musik bloss nervtötend fanden. Auf jeden Fall war die Lautstärke übertrieben; zum Glück wurden am Eingang Ohrenstöpsel verteilt.
    Auch davon abgesehen gab einige fragwürdige Momente. So sieht man einmal eine Gruppe von jungen Frauen, die völlig betrunken über den Platz torkelt. Eine davon bleibt im Suff am Boden liegen. Mehrere Menschen gehen an ihr vorbei, ohne zu helfen; schliesslich ziehen ihr zwei Kerle das Höschen aus und machen ein Foto von ihr. Da weicht das Stück vom blossen Beobachten ab und versucht eine Aussage zu machen, die allerdings arg platt rüberkommt.
    Und gegen Ende wird der Platz plötzlich zum Set — ein Filmteam dreht eine Szene, in der eine Frau eine Leiche identifiziert und von einem Mann getröstet wird. Die Sequenz hat eine nette Pointe, als das Leichentuch zurückgeschlagen wird, davon abgesehen fragt man sich aber: Wer um alles in der Welt würde eine solche Filmszene auf einem öffentlichen Platz drehen? Oder haben wir jetzt den Platz verlassen und befinden uns in einem Gerichtsmedizin-Set? Die Theatermacher halten ihr eigenes Konzept nicht durch.

    Dass das Stück gründlich misslingt, liegt dann allerdings an der Theatergänger-Story. Dies allein schon wegen der Form: Der Text wird Satz für Satz projiziert, jeweils mit einer langen Pause dazwischen, also in einer unerträglichen Langsamkeit. Nach zehn Minuten geht einem das auf die Nerven, nach einer Stunde ist man bereits dem Wahnsinn nahe. Unverzeihlich.
    Aber auch inhaltlich versagt hier das Stück. So denkt der Theatergänger über die Welt nach; über das Verhältnis von Europa zum Islam, wie schon gesagt; über eine Zukunft, in der Konzerne die Welt regieren, oder über die Rolle des Theaters. Aber da findet man keinen einzigen neuen oder originellen Gedanken, sondern nur Klischees und Banalitäten.
    Beispiel: Der Theatergänger schaut, bevor er schlafen geht, auf dem Computer einen Porno mit Linda Lovelace — und stellt, nach dem Orgasmus und nach einer Suche auf Google, fest, dass sie bereits tot ist. Und reflektiert darüber, wie seltsam doch der Umstand ist, dass er gerade zum Bild einer Toten gewichst hat (freilich nicht in so offenen Worten). Wie überaus tiefsinnig. Und schon deshalb unsinnig, weil sich heutzutage kein Mensch ein Lovelace-Video ansieht, sofern er nicht explizit auf vintage porn steht.

    Und als sei das alles nicht schlimm genug, wars im Theaterraum auch noch saunamässig heiss. Zum Glück haben die Verantwortlichen vom Spektakel draussen gratis Wasser verteilt. Und die Frau neben mir fächerte sich derart energisch Luft zu, dass es auch für mich reichte. Trotzdem: Die klimatischen Bedingungen waren denkbar schlecht. Das nächste Mal wären ein paar Ventilatoren ganz nett.

    So habe ich mir also ein Stück angesehen, bloss weil mir ein Szenenbild gefiel — und habe teuer dafür gebüsst.

    La plaza
    Von El Conde de Torrefiel
    Spanien
    Regie/Dramaturgie: Tanya Beyeler und Pablo Gisbert
    Premiere: Kunstenfestivaldesarts Brüssel, 2018
    Bühne Nord
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