Theater Spektakel 2019: The Palestinian Circus

Auf der Seebühne liegen acht Holzkisten, und ein Trapez hängt von der Decke. Was wird sich hier wohl abspielen? Wir warten auf das Stück Sarab des Palestinian Circus. Der Name der Kompanie habe ich sofort gewisse Bilder im Kopf — es wird wohl um die Situation in Palästina gehen.
Nach und nach treten sieben AkrobatInnen auf, die Vorstellung beginnt. Wir erleben eine Abfolge von Szenen, in denen die Kisten immer wieder neue Funktionen übernehmen:

  • Einmal bilden sie eine Mauer, auf denen sich die Performer drängen. Sie wollen die Mauer überwinden, haben jedoch Angst vor dem Sprung.
  • Ein andermal dienen sie als eine Art Treppe, die zum Trapez führt. Eine Akrobatin wird ins Trapez gehängt, die Treppe wird abgebaut – sie muss oben bleiben, hilflos.
  • Und wiederum ein andermal stehen die Kisten für die Aussenwand eines Bootes. Die AkrobatInnen stehen darin und wiegen sich hin und her, als wären sie in hohen Wellengang geraten (dass das Stück auf der Seebühne gespielt wird, mit Ausblick auf den Zürisee und einige Schiffe, gibt der Szene eine spezielle Note).

Man merkt, es geht weniger um die palästinensische Sache im Spezifischen, als um die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt. Zugegeben, bei mir brauchte es eine Weile, bis sich die Bilder im Kopf angepasst haben.
Nach der Vorstellung gibt es eine Fragerunde; die AkrobatInnen und ihr Leiter, der Brite Paul Evans, stellen sich dem Publikum. Sie schildern, wie sie mit Geflüchteten sprachen, ihre Geschichten recherchierten. Sarab, das Wort im Titel, das arabische Wort für Fata Morgana, stehe für die Illusion eines besseren Ortes, eines besseren Lebens.
Natürlich flossen auch ihre Erfahrungen als PalästinenserInnen, also quasi als Flüchtlinge im eigenen Land ein. Daraus entwickelten sie Szenen mit akrobatischen Nummern.

Nun darf man von diesen AkrobatInnen keine Leistungen wie beim Zirkus Knie erwarten: Die Palestinian Circus School wurde 2006 in Ramallah gegründet und richtet sich an Kinder und Jugendliche. Ihre Ressourcen sind beschränkt, ihre Akrobatik ist eher einfach: Sie jonglieren, sie zeigen breakdance moves und stellen eine Kletterstange auf, die nicht höher als der durchschnittliche Maibaum ist. Es gibt keine Liveband, sondern Lautsprecher, aus denen Techno mit arabischen Einflüssen kommt. Spezialeffekte: Explosionsgeräusche und Schreie vom Band, eine Nebelmaschine. Sie tragen keine teuren Kostüme mit Pailetten.
Aber wie die Truppe die Mittel des Zirkus anwendet, um Geschichten zu erzählen, macht den Palestinian Circus sofort enorm interessant. Interessanter als den Zirkus Knie.

Hierfür ein weiteres Beispiel: Drei der Performer stehen auf jeweils einer Kiste – Schirmmützen und Körperhaltung machen sie als Autoritätspersonen kenntlich. Sie werfen Gummibälle, die ein Flüchtling einfangen und zurückwerfen muss, was schwieriger und schwieriger wird. Ein eingängliches Bild.

Während der Fragerunde meldet sich auch ein Mann, der offensichtlich völlig betrunken ist. Er schickt vor, dass er das Stück nicht gesehen hat (sich also nach dem Ende der Vorstellung reingeschlichen hat) und fragt die Mitglieder des Palestinian Circus, ob sie sich als Antisemiten verstehen. Leiter Paul Evans antwortet sehr souverän darauf, was mich vermuten lässt, dass das keine Frage ist, die der Zirkus zum ersten Mal hört. So ist das wohl mit den Bildern, die die Leute im Kopf haben.

The Palestinian Circus: Sarab
Künstlerische Leitung: Paul Evans
Theater Spektakel, Seebühne: So 25.8.–Di 27.8.
Premiere: Ramallah, 2018
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Theater Spektakel 2018: Unsere Übersicht


Bühne Nord, Steinfiguren auf der Saffa-Insel, Rote Fabrik

Coriolanus
Shakespeare in Kurzform

Das Haus der herabfallenden Knochen
Musiktheater zur Kolonialgeschichte (Highlight des Festivals)

Love Stories Donation Desk
Liebesgeschichten für das Gute

Les Louvres and/or Kicking the Dead
Ein Libanese erzählt Räuberpistolen

La plaza
Das Leben auf einem europäischen Platz (Enttäuschung des Festivals)

Pursuit of Happiness
Cowboys suchen das Glück

Reverend Billy and the Stop Shopping Choir
Earthalujah!

Theater Spektakel 2018: Das Haus der herabfallenden Knochen

Zuletzt sahen wir uns in der Bühne Nord La plaza an. Damals herrschte eine saumässige Hitze, wir marinierten im eigenen Schweiss. Das ist bloss eine Woche her. Jetzt ist es draussen nieselig und kalt, wir tragen Pullis und Jacken und frieren immer noch. Ein Hoch auf den Wintereinbruch.
Vorher haben wir uns bei Mama Put was zu Essen geholt. Sehr fein, vor allem die Suya-Spiesse und die Bohnen, überreichlich portioniert, und auch das kenianische Tusker-Bier hat gemundet — aber es hat kaum Gäste gegeben. Verglichen mit dem letzten Mal, ist uns das Festivalgelände als Geisterstadt erschienen.

Immerhin geht die Kälte halbwegs vergessen, nachdem das szenische Konzert angefangen hat. Das Haus der herabfallenden Knochen ist eine Zusammenarbeit der Band Kante aus Hamburg mit dem südafrikanischen Trio Khoi Khonnexion sowie der namibischen Sängerin Nesindano «Nunu» Namises (hinzu kommt der kroatisch-deutscher Theatermacher Nikola Duric). Wie uns die Musiker nach der Vorstellung in einem Publikumsgespräch erzählen, kamen die Kante-Leute 2015 aufgrund der Flüchtlingskrise auf die Idee, einen Blick zurück in die Zeit des Kolonialismus sowie darauf zu werfen, wie diese Epoche nachwirkt, und nahmen Kontakt zu den afrikanischen Künstlern auf. Gemeinsam reisten sie durch Namibia und erarbeiteten zusammen Musikstücke, in die historische Begebenheiten sowie Volksmärchen einflossen.

Drehpunkt des Abends ist der Völkermord an den Herero und Nama von 1904 bis 1908 durch deutsche Truppen — von Deutschland erst 2016 offiziell als Völkermord anerkannt. Zurzeit ist in New York ein Genozid-Prozess um Reparationszahlungen hängig.
Hier kommt auch das Element der Knochen hinzu: Zum einen gibt es da ein Märchen um ein Spukhaus, eben eines mit Knochen, die aus dem Kamin herabfallen. Zum anderen geht es um ganz konkrete Knochen: Totenschädel von Herero- und Nama-Kriegern, die damals nach Deutschland gebracht wurden. Namibia fordert die Schädel schon seit langem zurück, um den Toten endlich ein angemessenes Begräbnis geben zu können. Erst 2011 wurden die ersten 20 von geschätzten Tausenden Schädeln zurückgegeben.
Immerhin ist der Rückgabeprozess seither am Laufen, auch wenn das Verhältnis von Deutschland und Namibia nach wie vor sehr gespannt ist.

Da passt das kaltgraue Wetter ja wieder.

Das Haus der herabfallenden Knochen erzählt keine Handlung, sondern hat einfach einen groben dramaturgischen Bogen, unter dem sich Geschichten, Märchen und szenische oder performative Momente versammeln. Hilfreich: An die Zuschauer sind Blätter mit der „Szenenfolge“ ausgeteilt worden. Da findet man unter „Beginning“ den Punkt „The Invention of Death (Moon and Hare)“, ein altes Märchen, das erzählt, wie ein bösartiger Hase dafür verantwortlich ist, dass bei Menschen der Tod Einzug gehalten hat.
Unter „Travel“ findet sich das erwähnte Gruselmärchen vom Haus der herabfallenden Knochen. Hinter „Fuck my ancestors“ (in der Sektion „Guilt B“) steckt eine Slam-Poetry-Performance, in der Kante-Sänger Peter Thiessen die eigenen Vorfahren beschimpft. Da wirds dann auch sehr lustig; Das Haus der herabfallenden Knochen ist durchaus keine todernste Sache.

Ziemlich skurill ist auch das Stück „Moving Tables“ (unter „Travel“): Da schieben die Musiker mehrere Schülerpulte von der einen Seite der Bühne zur anderen Seite der Bühne. Später im Publikumsgespräch kam auch prompt die Frage, was das zu bedeuten habe.
Die Antworten der Künstler: Nichts im Speziellen, es ging bloss um das Geräusch | das sind die Verhandlungstische, an die sich die Deutschen lange nicht setzen wollten | das symbolisiert die gemeinsame Bewegung in die Zukunft.
Es gibt bestimmt weitere mögliche Interpretationen, zum Beispiel die meiner Begleitung: Weil es ja Schülerpulte sind, tönt da auch die Vermittlung der Kolonialgeschichte mit (eine holprige Sache mit Misstönen).

Die Musik mischt Rock und Pop mit traditionellen afrikanischen Tönen wie dem südafrikanischen Pfeilbogen-Spiel. Es gibt da unfassbar mitreissende Stellen, in denen der Rhythmus den letzten Rest an Kälte vertrieb, und insbesondere Nesindano Namises und Jethro Boetman Louw (von Khoi Khonnexion) sind grandiose Sänger — sie mit einer überwältigenden Wucht, er mit der brüchigen, aber faszinierenden Stimme eines geborenen Geschichtenerzählers.

Das Haus der herabfallenden Knochen
Von Kante & Khoi Khonnexion
Deutschland, Südafrika, Namibia
Regie: Nikola Duric
Premiere: Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg, 2018
Bühne Nord

Theater Spektakel 2018: Les Louvres and/or Kicking the Dead

Der Abend wurde unter dem Titel „Les Louvres and/or Kicking the Dead“ angekündigt — als wir uns aber auf unsere Plätze setzten, erwartete uns an der Videowand jedoch der Schriftzug „Kicking the Dead and/or Les Louvres“. Gibts auf der Welt denn nur Trug und Täuschung?
Und der Abend war auch weniger eine „performative Ausstellung“ als ein Vortrag mit Schauobjekten. Und ganz grundsätzlich: Walid Raad erzählte uns einfach eine Geschichte. Dazu zeigte er uns auf der Videowand Bilder; man denke an eine Powerpoint-Präsentation.

Diese Geschichte hatte es in sich, begann aber völlig harmlos: Der libanesische Künstler erzählte, wie er das belgische Ypern besuchte und dort im Erster-Weltkriegs-Museum einen Amerikaner namens Jack kennenlernte. Bei diesem handelte es sich um einen Vietnamveteranen, der früher in New York als Leichenbeschauer arbeitete. Einiges später kam Raad auf Jack zurück und erzählte unter anderem, wie dieser mal einem Toten in die Eier trat — darum das „Kicking the Dead“ im Titel. Bis dahin war das Konzept von Raads ausufernder Erzählweise bereits klar: Er nahm immer wieder kleine Details, um diesen in einer ausführlichen Recherche nachzugehen, fand dabei die abstrusesten Querverbindungen und hielt sich immer wieder an skurrilen Details auf.

Beispiel: Jack empfahl ihm Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, Raad stiess auf die Tatsache, dass Remarque ein grosser Kunstsammler war, und fand über diesen Strang zum Louvre in Abu Dhabi (darum „The Louvres“), den er persönlich besuchte, um unter anderem mit einem Bauleiter zu sprechen, der ihm wiederum davon erählte, wie der Urin und die Fäkalien der Arbeiter in einem eigenen Institut analyisiert werden, um Massnahmen gegen Dehydration einleiten zu können — dabei stellte man fest, dass die Arbeiter in den Hochsommer-Monaten kaum noch pissen, weil sie derart viel schwitzen, weswegen man ihnen Anzüge zur Verfügung stellte, die das Laktat in ihrem Schweiss (Laktat ist ein Salz der Milchsäure) in Strom umwandelt.

So ging das die ganze Zeit, und bald einmal brummte einem der Kopf vor lauter Daten, Fakten und Namen. Aber Raads Erzählung war stets faszinierend, witzig und voller Aha-Momente. Wem war zum Beispiel bewusst, dass das Chrysler Building in New York heutzutage dem Staat Abu Dhabi gehört? Und nur selten merkte man, dass Raad den Boden der Tatsachen verliess und Fakten mit Fiktion mischte. Eigentlich merkte man es nur dann deutlich, wenn die Geschichte ins Märchenhafte abdriftete, so zum Beispiel, wenn Raad erklärte, wie die Bilder aus der Remarque-Sammlung immer wieder in ihre originale Kisten zurückkehrten, ganz egal, wohin man sie verkaufte. Weil sie nämlich untote Gemälde waren.

Hier kam auch der Ausstellungsteil ins Spiel. Die Aktionshalle der Roten Fabrik war nämlich in zwei Teile geteilt; vorne war die Tribüne mit der Videowand, dahinter ein Ausstellungsraum. Da gab es zum Beispiel eine Wand mit Kisten, auf die die Bilder von Remarques Sammlung aufgemalt waren. Raad erklärte, das seien Nachbildungen der originalen Kisten in Abu Dhabi, wo man jeweils eine Kopie des betreffenden Bilde auf die jeweilige Kiste gemalt habe, um eben zu verhindern, dass das betreffende Gemälde in seine Originalkiste zurückkehrt. Im Zusammenhang der Erzählung ergab das durchaus Sinn.

Les Louvres and/or Kicking the Dead
Von Walid Raad
Libanon, USA
Premiere: Steirischer Herbst Graz, 2017
Rote Fabrik, Aktionshalle

Theater Spektakel 2018: La plaza

Es ist in erster Linie wegen diesem Bild, dass ich mir La plaza ansehen wollte. Da sieht man eine Gruppe von Statisten in eigentümlichen Ganzkörperstrumpfmasken. Interessant. Was verbirgt sich dahinter? Was ist das für ein Stück? Der Ankündigungstext nimmt sich ja eher kryptisch aus:

In ihrer neuen Arbeit «LA PLAZA» wird der öffentliche Raum zum Ort, wo Menschen und Geschichte, kollektive Erinnerung und unbekannte Zukunft aufeinandertreffen. Das Publikum wird Teil eines komplexen Geschehens, bei dem Sichtbares und Unsichtbares, Bilder und Gedankenwelten sich auf faszinierende Weise überlagern.

Aha. Das ist schwülstiger ausgedrückt als notwendig, so kompliziert ist es nämlich gar nicht. Zunächst einmal wird man als Zuschauer mit einer denkbar einfachen Bühne konfrontiert — graue Wände, grauer Boden, fertig. Ein regelrechter Leerraum. Dann spielen sich zwei nebeneinander laufende Handlungsstränge ab:

  • Da ist zum einen die Geschichte eines Theatergängers. Dieser schaut sich das Ende eines experimentellen Stücks an, das seit einem Jahr läuft, jetzt aber sein Finale findet. Danach geht er nach Hause. Das erzählt uns ein Text, der an die hintere Wand projiziert wird, jeweils auf Deutsch und Englisch. Die ersten zehn, fünfzehn Minuten sind allein diesem Strang gewidmet, dann kommt der zweite hinzu.
  • Dort sieht man die Vorgänge auf einem öffentlichen Platz über einen bestimmten Zeitraum, es dürfte so ungefähr ein Tag sein — es treten die erwähnten Statisten auf, die beispielsweise eine Gruppe von Touristen darstellen, denen eine Fremendführerin was erklärt.
  • Die beiden Geschichten haben im engeren Sinne nichts miteinander zu tun, aber es gibt bestimmte Resonanzen. So trifft der Theatergänger auf dem Heimweg eine Gruppe muslimischer Männer und denkt über Europas Verhältnis zum Islam nach. Gleichzeitig sieht man auf der Bühne Frauen in Kopftüchern — Musliminnen nach dem Besuch des Gottesdienstes?

    Die Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben sind das Interessanteste an La plaza. Mit der simplen Bühne und den Ganzkörperstrumpfmasken, die dem Ort und den Figuren alles Individuelle nehmen, bekommt das Geschehen etwas Allgemeingültiges. So ähnlich könnte sich das auf irgendeinem Platz in irgendeiner europäischen Stadt abspielen. Gleichzeitig erhält es auch etwas Surreales, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Figuren betont langsam bewegen und sphärische Klänge sowie wummernde Bässe aus den Lautsprechern eine hypnotische Geräuschekulisse aufbauen. Wobei es so einige Zuschauer gab, die die Musik bloss nervtötend fanden. Auf jeden Fall war die Lautstärke übertrieben; zum Glück wurden am Eingang Ohrenstöpsel verteilt.
    Auch davon abgesehen gab einige fragwürdige Momente. So sieht man einmal eine Gruppe von jungen Frauen, die völlig betrunken über den Platz torkelt. Eine davon bleibt im Suff am Boden liegen. Mehrere Menschen gehen an ihr vorbei, ohne zu helfen; schliesslich ziehen ihr zwei Kerle das Höschen aus und machen ein Foto von ihr. Da weicht das Stück vom blossen Beobachten ab und versucht eine Aussage zu machen, die allerdings arg platt rüberkommt.
    Und gegen Ende wird der Platz plötzlich zum Set — ein Filmteam dreht eine Szene, in der eine Frau eine Leiche identifiziert und von einem Mann getröstet wird. Die Sequenz hat eine nette Pointe, als das Leichentuch zurückgeschlagen wird, davon abgesehen fragt man sich aber: Wer um alles in der Welt würde eine solche Filmszene auf einem öffentlichen Platz drehen? Oder haben wir jetzt den Platz verlassen und befinden uns in einem Gerichtsmedizin-Set? Die Theatermacher halten ihr eigenes Konzept nicht durch.

    Dass das Stück gründlich misslingt, liegt dann allerdings an der Theatergänger-Story. Dies allein schon wegen der Form: Der Text wird Satz für Satz projiziert, jeweils mit einer langen Pause dazwischen, also in einer unerträglichen Langsamkeit. Nach zehn Minuten geht einem das auf die Nerven, nach einer Stunde ist man bereits dem Wahnsinn nahe. Unverzeihlich.
    Aber auch inhaltlich versagt hier das Stück. So denkt der Theatergänger über die Welt nach; über das Verhältnis von Europa zum Islam, wie schon gesagt; über eine Zukunft, in der Konzerne die Welt regieren, oder über die Rolle des Theaters. Aber da findet man keinen einzigen neuen oder originellen Gedanken, sondern nur Klischees und Banalitäten.
    Beispiel: Der Theatergänger schaut, bevor er schlafen geht, auf dem Computer einen Porno mit Linda Lovelace — und stellt, nach dem Orgasmus und nach einer Suche auf Google, fest, dass sie bereits tot ist. Und reflektiert darüber, wie seltsam doch der Umstand ist, dass er gerade zum Bild einer Toten gewichst hat (freilich nicht in so offenen Worten). Wie überaus tiefsinnig. Und schon deshalb unsinnig, weil sich heutzutage kein Mensch ein Lovelace-Video ansieht, sofern er nicht explizit auf vintage porn steht.

    Und als sei das alles nicht schlimm genug, wars im Theaterraum auch noch saunamässig heiss. Zum Glück haben die Verantwortlichen vom Spektakel draussen gratis Wasser verteilt. Und die Frau neben mir fächerte sich derart energisch Luft zu, dass es auch für mich reichte. Trotzdem: Die klimatischen Bedingungen waren denkbar schlecht. Das nächste Mal wären ein paar Ventilatoren ganz nett.

    So habe ich mir also ein Stück angesehen, bloss weil mir ein Szenenbild gefiel — und habe teuer dafür gebüsst.

    La plaza
    Von El Conde de Torrefiel
    Spanien
    Regie/Dramaturgie: Tanya Beyeler und Pablo Gisbert
    Premiere: Kunstenfestivaldesarts Brüssel, 2018
    Bühne Nord

    Theater Spektakel 2018: Love Stories Donation Desk

    Am Haupteingang des Theater Spektakels kann man seine Liebesgeschichte spenden. Man setzt sich zur Künstlerin an einen Tisch und sie stellt einem fünfzehn Fragen nach einem Katalog — dieser ist nach dem Vorbild von offiziellen Fragebögen gestaltet, wie sie viele EU-Länder an Nicht-EU-BürgerInnen stellt, die eine/n EU-BürgerIn heiraten möchten. Zum Beispiel: „What are your lover’s brothers and sister’s names? And yours?“ Oder: „Do you use birth control? What kind?“

    Sinnfälligerweise steht der Spendentisch auch Paaren offen. Ich ging mit der Allerliebsten hin. Erst wurde sie zehn Minuten befragt (inzwischen holte ich mir ein Bier), dann war ich dran. Anschliessend erhielten wir ein Zertifikat und einen Ausdruck unserer Fragebögen; es war ein grosser Spass, unsere Antworten zu vergleichen. Eine Version der — anonymisierten — Kataloge ging ins Archiv des LSDD über.

    Umgekehrt kann man nun zum LSDD gehen und nach einer Liebesgeschichte fragen. Das ist für jene gedacht, die zum Beispiel Liebeskummer haben, für Schriftsteller, die eine Inspiration brauchen, oder eben auch für Asylsuchende, die glaubwürdige Antworten für einen der erwähnten EU-Fragebögen benötigen. Das Projekt hat also durchaus eine politische Komponente, hinterfragt die Idee von behördlicher Kontrolle der Liebe, fördert zivilen Ungehorsam. Ob das in der Praxis tatsächlich so funktioniert, ist natürlich fraglich, aber immerhin stellt man sich ein paar Fragen. Wie würde man sich beispielsweise fühlen, wenn die eigene Beziehung bis hinein in die Intimitäten zum Untersuchungsgegenstand irgendwelcher Beamten würde?

    Love Stories Donation Desk
    Von Clara García Fraile in Zusammenarbeit mit Annefleur Schep
    Spanien
    Premiere: DAS Theatre Amsterdam, 2017
    Eingang Landiwiese

    Theater Spektakel 2018: Reverend Billy and The Stop Shopping Choir

    Schon seit den Neunzigern ist der Amerikaner William Talen als Reverend Billy unterwegs. Der Reverend ist eine Parodie auf evangelikale Priester, singt und predigt mit seinem Stop Shopping Choir gegen Konsumwahn, Krieg oder Umweltzerstörung, führt diverse politische Aktionen durch. (Aktuell wäre da Bikes Against Deportation, eine regelmässige Demo gegen die Ausschaffungsbehörde in New York.) Die Grenzen zwischen Ironie und Ernst sind fliessend.

    In Zürich gabs eine grosse Show auf der Seebühne, daneben aber auch mehre öffentliche Messen auf der Zentralbühne. Eine davon besuchten wir (soll heissen, wir bekamen zufällig mit, wie sie anfing, und gingen hin). Der Reverend und sein Chor waren schon deshalb auffällig, weil sie allesamt in rosaroter Aufmachung unterwegs waren. Dies in Reaktion auf die rosarote, aufblasbare Kapelle, die sich auf dem Gelände befindet. Wir sprachen nach der Show mit einem der Sänger*, und er erklärte uns, dass die Kirche tatsächlich nicht von Reverend Billy, sondern vom Spektakel stammte. Aber die Gäste wussten vorher davon und richteten sich entsprechend ein. Sie machten die Gummi-Kirche dann auch zu einem Teil ihrer Performance — nach dem Beginn auf der Zentralbühne wechselten Billy und der Chor mit dem Publikum in die Kirche, wo wir alle miteinander rhythmisch klatschten und sangen. War der Beginn draussen etwas verhalten gewesen, hatten die Zuschauer nur zögerlich mitgemacht, so kam in der Kapelle ein mitreissendes Gemeinschaftsgefühl auf. Dieses Twitter-Videogibt einen Eindruck davon.

    Das Gemeinschaftsgefühl dürfte auch damit zusammenhängen, dass man sich im Inneren der Kapelle so sicher vorkommt wie im Uterus; Reverend Billy wies dann auch darauf hin, dass die Eingangspforte deutlich an eine Vagina erinnert.
    An den sonstigen Inhalt seiner Predigt kann ich mich freilich nur noch vage erinnern. Es ging, wie gesagt, gegen Konsumwahn, Krieg und Umweltzerstörung, explizit auch gegen Trump. Und statt „Hallelujah!“ hiess es jeweils „Earthalujah!“. Die Leute in Zürich dazu aufzufordern, mit dem Shoppen aufzuhören, ist natürlich besonders passend.

    * Der Sänger war übrigens ein Brite, der sonst bei der Gruppe BP or not BP? mitmacht. Diese wurde 2012 von Theatermachern gegründet, die es störte, dass BP das Royal Shakespeare Festival sponserte. Die Gruppe führt immer wieder Aktionen im British Museum durch, für das der Ölkonzern ebenfalls ein wichtiger Sponsor ist.

    Zum Abschluss: Hier sieht man Reverend Billys Demo „Tourists Against Trump“, die er auch nach Zürich brachte.

    Theater Spektakel 2018: Coriolanus

    Die Idee ist simpel: Ein Mensch sitzt an einem Tisch und erzählt eine Geschichte mithilfe von Gegenständen. Die britische Gruppe Forced Entertainment gibt auf diese Art sämtliche Stücke von Shakespeare wieder; ihre sechs Mitglieder komprimieren abwechselnd Romeo and Juliet, Macbeth und Co. auf jeweils eine knappe Stunde.

    Wir haben uns Coriolanus angesehen, nacherzählt von Jerry Killick. Das Stück handelt von einem römischen Feldherren, der dabei hilft, Rom gegen die Armeen der Volsker zu verteidigen. Ganz schön hart ist dieser Typ — er erobert sogar im Alleingang die feindliche Stadt Corioli, weswegen er auch den Spitznamen Coriolanus erhält. Zurück in Rom wird er als Held gefeiert und als Konsul vorgeschlagen. Freilich müsste er hierzu das Einverständnis des einfachen Volkes einholen, aber seine people skills sind miserabel. Eins führt zum anderen, und bald findet er sich im Exil wieder. Tief in seinem Stolz getroffen, dient er sich als General den Volskern an, um sich an Rom zu rächen.

    Diese Geschichte erzählt uns also der Schauspieler. Dabei dient ihm ein Pokal als Coriolanus, oder eine Espressokanne als dessen Mutter. Drei Putzschwämme wiederum stehen für die Armeen der Volsker, zwei Batterien für die beiden Verschwörer, die die Römer gegen Coriolanus aufbringen. Und so weiter. Die Dialogsprache Shakespeares fällt weg, aber die verdichtete Version hat ihren eigenen Reiz und vor allem immer wieder einen lakonischen Humor. „The general doesn’t like this a bit.“

    Dass das Stück sich zu einem guten Teil um Öffentlichkeitswirkung in einer Demokratie dreht, bietet Gelegenheiten für Seitenhiebe auf gegenwärtige Verhältnisse, gerne auch gegen Trump. Und nicht zuletzt übt die warme Stimme von Jerry Killick eine grosse Sogwirkung aus.

    Table Top Shakespeare: Coriolanus
    Von Forced Entertainment
    England
    Regie: Tim Etchells
    Premiere: 2015
    Saal

    Theater Spektakel 2018: Pursuit of Happiness

    Ein grosser Karneval ist über die Landiwiese gekommen, es herrscht das Theater Spektakel. Die halbe Stadt drängt sich hier, so dass kaum ein Durchkommen ist; jede Ecke ist von Kleinkünstlern besetzt, Massen an Kindern flitzen herum. Ich habe Mitleid mit Laura Dilettante, die auf einer Mini-Bühne schöne Lieder singt und sich selbst auf Handorgel und Tröte begleitet, aber kaum gegen den allgemeinen Lärm ankommt.
    Zentrum des Geländes ist eine gigantische pinke Hüpfburg in Form einer Kirche. Reverend Billy und der Stop Shopping Choir treiben hier ihr Unwesen in ebenfalls pinker Aufmachung.
    Nicht nur die Tickets, auch das Bier, die Essensstände — sie sind wiedermal teuer. Fünf Franken kostet zum Beispiel die Tüte Kartoffelchips bei Patata. Die Chips sind handgemacht, dafür aber auch übersalzen und zur Hälfte weich. Da weiss man wieder, was man an den Zweifel-Chips hat. Aber der Caipirinha bei Tao Yuan ist anständig.

    Mein erstes Stück: Pursuit of Happiness, eine Ko-Produktion von von Nature Theater of Oklahoma (New York) und EnKnapGroup (Slowenien). Keine Angst, das Stück ist weitaus interessanter als der furchtbar generische Titel.
    Ein Saloon in Texas. Drei Cowgirls und drei Cowboys unterhalten sich darüber, ob sie glücklich sind. Da ist zum Beispiel ein Museumswärter, der in seiner Freizeit Kunst macht — allerdings schon seit 2006 nichts Neues mehr geschaffen hat. Er ist also nicht so glücklich. In regelmässigen Abständen bedrohen sich die Protagonisten mit Waffen und prügeln sich; Geräuscheffekte vom Band. Sie alle sprechen Englisch mit dickem texanischen Akzent, zum Teil mehr, zum Teil weniger glaubhaft. Das macht einen Teil des Reizes aus.

    Die zweite Hälfte des Abends gehört dem Barkeeper (Bence Mezei), der ein mexikanischer Caballero ist und den anderen von dem Drehbuch erzählt, das er geschrieben hat. Darin gehts um eine Tanzkompagnie, die in den Irak reist — mithilfe der Firma Red Bull –, direkt an die Front, um durch Tanzen den Frieden herbeizuführen. Eine skurille, morbide tour de force, die immer schrägere Dimensionen annimmt. Eine surreale Groteske über Weltpolitik. Ich musste ab und zu ein wenig an Monty Python denken.

    Pursuit of Happiness
    Von Nature Theater of Oklahoma und EnKnapGroup
    USA, Slowenien
    Text/Regie: Pavol Liska, Kelly Copper
    Premiere: Ljubljana, Dezember 2016
    Bühne Nord