Theater Spektakel 2018: Les Louvres and/or Kicking the Dead

Der Abend wurde unter dem Titel „Les Louvres and/or Kicking the Dead“ angekündigt — als wir uns aber auf unsere Plätze setzten, erwartete uns an der Videowand jedoch der Schriftzug „Kicking the Dead and/or Les Louvres“. Gibts auf der Welt denn nur Trug und Täuschung?
Und der Abend war auch weniger eine „performative Ausstellung“ als ein Vortrag mit Schauobjekten. Und ganz grundsätzlich: Walid Raad erzählte uns einfach eine Geschichte. Dazu zeigte er uns auf der Videowand Bilder; man denke an eine Powerpoint-Präsentation.

Diese Geschichte hatte es in sich, begann aber völlig harmlos: Der libanesische Künstler erzählte, wie er das belgische Ypern besuchte und dort im Erster-Weltkriegs-Museum einen Amerikaner namens Jack kennenlernte. Bei diesem handelte es sich um einen Vietnamveteranen, der früher in New York als Leichenbeschauer arbeitete. Einiges später kam Raad auf Jack zurück und erzählte unter anderem, wie dieser mal einem Toten in die Eier trat — darum das „Kicking the Dead“ im Titel. Bis dahin war das Konzept von Raads ausufernder Erzählweise bereits klar: Er nahm immer wieder kleine Details, um diesen in einer ausführlichen Recherche nachzugehen, fand dabei die abstrusesten Querverbindungen und hielt sich immer wieder an skurrilen Details auf.

Beispiel: Jack empfahl ihm Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, Raad stiess auf die Tatsache, dass Remarque ein grosser Kunstsammler war, und fand über diesen Strang zum Louvre in Abu Dhabi (darum „The Louvres“), den er persönlich besuchte, um unter anderem mit einem Bauleiter zu sprechen, der ihm wiederum davon erählte, wie der Urin und die Fäkalien der Arbeiter in einem eigenen Institut analyisiert werden, um Massnahmen gegen Dehydration einleiten zu können — dabei stellte man fest, dass die Arbeiter in den Hochsommer-Monaten kaum noch pissen, weil sie derart viel schwitzen, weswegen man ihnen Anzüge zur Verfügung stellte, die das Laktat in ihrem Schweiss (Laktat ist ein Salz der Milchsäure) in Strom umwandelt.

So ging das die ganze Zeit, und bald einmal brummte einem der Kopf vor lauter Daten, Fakten und Namen. Aber Raads Erzählung war stets faszinierend, witzig und voller Aha-Momente. Wem war zum Beispiel bewusst, dass das Chrysler Building in New York heutzutage dem Staat Abu Dhabi gehört? Und nur selten merkte man, dass Raad den Boden der Tatsachen verliess und Fakten mit Fiktion mischte. Eigentlich merkte man es nur dann deutlich, wenn die Geschichte ins Märchenhafte abdriftete, so zum Beispiel, wenn Raad erklärte, wie die Bilder aus der Remarque-Sammlung immer wieder in ihre originale Kisten zurückkehrten, ganz egal, wohin man sie verkaufte. Weil sie nämlich untote Gemälde waren.

Hier kam auch der Ausstellungsteil ins Spiel. Die Aktionshalle der Roten Fabrik war nämlich in zwei Teile geteilt; vorne war die Tribüne mit der Videowand, dahinter ein Ausstellungsraum. Da gab es zum Beispiel eine Wand mit Kisten, auf die die Bilder von Remarques Sammlung aufgemalt waren. Raad erklärte, das seien Nachbildungen der originalen Kisten in Abu Dhabi, wo man jeweils eine Kopie des betreffenden Bilde auf die jeweilige Kiste gemalt habe, um eben zu verhindern, dass das betreffende Gemälde in seine Originalkiste zurückkehrt. Im Zusammenhang der Erzählung ergab das durchaus Sinn.

Les Louvres and/or Kicking the Dead
Von Walid Raad
Libanon, USA
Premiere: Steirischer Herbst Graz, 2017
Rote Fabrik, Aktionshalle
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