Diametrale Filmfestival Innsbruck

diametrale

Das kleine aber feine „Internationale Filmfestival für Experimentelles und Komisches“ DIAMETRALE startet in sein zweites Jahr. Es gab ein Wenzel-Storch-Special, für das ich leider, Schande über mich, keine Zeit gefunden hatte, und ich bin mir jetzt schon sicher, das noch lange zu bereuen. Auch die andere Programmpunkte des 3-tätigen Festivals klangen interessant. Erstmal muss man die Macher loben, dass sie sowas in Innsbruck auf die Beine stellen. In Tirol könnte man ohne die kulturellen Nahversorger in der Landeshauptstadt nicht überleben.

Mit der Setzung, nicht mehr nur Experimente im Visuellen, sondern auch in den Erzählungen zu suchen, ist dem jungen Festival im Vergleich zum letzten Jahr ein grosser Schritt nach vorne gelungen. Damals ging ich reichlich ratlos nach Hause und fragte mich, ob ich echt so eingeschränkt und fantasielos wie der kulturelle Mainstream Europas sei, dass ich mit diesen neuen Filmen nichts anfangen könne.

Teil des Festivals ist der internationale Kurzfilm-Wettbewerb, wo aus über 400 Filme deren sechs ausgewählt wurden. Gestartet wurde der Block der Wettbewerbsfilme mit einer kleinen Einleitung und als erstem mit einem Film von Nicolas Mahler aus dem Jahr 2009, „Mystic Music“, der ausser Competion lief. Danach folgten:

City Crush, Australien 2016, 14 min, von Mia Forrest
Der Film schildert verschiedene schräge Figuren in eine Suburbia in Australien. Da geht ein Mann in eine Art Priestergewand und mit drei grossen schwarzen Luftballons auf schräge Art unter eine Brücke durch und trifft dann auf einen grauen Sportwagen, der auf einem staubigen Parkplatz steht. Aus dem Auto steigt ein Breakdancer, der Kofferaum wird geöffnet und ein weissgeschminkter Mann steigt aus und kriecht davon. So geht es weiter. Es sind schöne, reichlich absurde Bilder, die nichts erzwingen wollen. Man kann dem Tanz eines dicken Mannes mit einem riesigen rosa Hasen der aufgeblasen wird, einfach zuschauen. Nett, aber hat mich aber nicht besonders vom Hocker gehauen oder berührt.

Ines Marches, Portugal 2017, 16min, von Tiago Rosa-Rosso
Der Filmemacher hat natürlich einen Supernamen, solche Details darf man nicht auslassen. Der auf einer Performance der Schauspielerin, deren Namen ich leider nicht mehr finde, beruhende Sketch ist sehr amüsant. Eine Frau betritt eine Wohnung und aus dem Dialog mit dem Vermieter, der ihr die Schlüssel übergibt, schliesst man, dass sie jetzt hier einzieht. Der Vermieter verlässt den Raum und dann beginnt ein ca. 10-minütiger Monolog verbunden mit improvisiert wirkenden Bewegungen und einem Teppich mit barockem Muster. Der Inhalt dreht sich ums Menschsein und die Verzweiflung, dieses blöde Hirn zu haben und die Welt doch nicht verstehen zu können. Sehr schön, sehr lustig, und in seiner Einfachheit die Wucht ermöglichend, nachdenklich zu stimmen. (Update: Ines Cartaxo ist der Name der Performerin)

Home Exercises, USA 2017, 22 min von Sarah Friedland
Der Film illustriert auf amüsante Weise, wie sich Rentner versuchen fit zu halten. Dabei ist nie ganz klar, ob das ernst gemeint ist oder nicht. Über den Tag verteilt werden zu verschiedenen Zeiten alte Menschen bei ihren Übungen beobachtet. Eine Frau, welche mehrmals eine Treppe ihre Wohnung runtergehen soll, andere Frauen, die ihr vom Sofa aus Bälle zu werfen, ein Mann, der seine Frau beim Wischen der schon sauberen Küche mit viel Begierde beobachtet und sie, als der passende Song kommt, zum Tanzen auffordert. Das ist witzig und berührend gleichzeitig und dabei immer sehr respektvoll gehalten. Ein schöner, fast schon dokumentarischer Film über die Zerbrechlichkeit des Alters, dem man aber irgendwie doch nicht alles glaubt, was er einem zeigt.

EAT, Deutschland 2012, 7 Minuten von Moritz Krämer
Ein Fotoshooting in einem Atelier. Es gibt eine Pause, und während das Model Richtung seiner Garderobe geht, fragt die Assistentin des Fotografen, ob dieses zugenommen habe. In der Garderobe isst das Model ein Joghurt und dazu läuft eine Werbung für Joghurt im Fernsehen. Darauf frisst das Modell beginnend mit einer Rose bis zum Fernseher und den Wänden die Garderobe auf und zieht sich schliesslich in einen grossen Hautsack zurück, den sie sich von den Lippen ausgehend über den ganzen Körper stülpt. Tolle Spezialeffekte und in der Lächerlichkeit stimmig, aber sonst etwas vorhersehbar. Der Bruch mit dem Hautsack ist meiner Meinung nach nicht gelungen.

Gray Umbrella, Iran 2017, 9 Min von Mohammad Poustindouz
Ein Mann schreibt darüber, wie ein anderer Mann in sein Leben trat, der in permanent mit einem schwarzen Regenschirm leicht auf den Kopf schlägt. Er kann dagegen nichts tun und irgendwann gewöhnt er sich daran. Die Geschichte beruht auf einer Novelle. Total genialer Kurzfilm der extrem viel erzählt, auch über das Land aus dem er stammt, aber eben vor allem auch über uns Menschen, die sich an alles gewöhnen. Der Film ist wunderbar gemacht. Mein Favorit.

Mata Laya Pata, USA 2017, 13 von Kevin Vu
Eine Frau steigt durch ein Steinfeld neben einer Leiche vorbei. Sie hat ihre Augen verbunden und setzt sich zum pinkeln hin. Im Verlauf des Films wird klar, dass sie auf einer Art Selbstupgrade Parcours ist, der von den unheimlichen Oma-Zwillingen Kathi & Cathi angeleitet wird und zum freiwillingen Selbstmord führen wird. Auch dieser Film ist einfach grossartig witzig und extrem schön gemacht. Wenn „Black Mirror“ sich weiterentwickeln möchte, müsste es in diese Richtung gehen.

Fazit zum Wettbewerb des Festivals: dieser hat sich im Vergleich zum letzten Jahr gesteigert. Die Verbindung mit dem Erzählen ist gelungen, ohne bei der Form Abstriche zu machen. Am Abend ginge das Programm noch etwas wilder weiter im PMK, aber dafür bin ich leider zu müde und zu abstinent. Gewonnen hat der Wettbewerb dann auch noch der richtige Film, nämlich „Gray Umbrella“. Einziger Wermutstropfen dieses schönen Nachmittags ist, dass der Filmemacher aus dem Iran nicht anwesend sein konnte, weil es zu kompliziert war, ihm eine Visum für das Festival zu besorgen. Aber wenigstens hatte er die Möglichkeit, uns den Horizont in diesem manchmal kleingeistigen Land mit seiner Arbeit zu erweitern.

Seite des Diametrale-Festivals: losgurkos.com

Das ganze Festival begleitet hat der blog des komplex-kulturmagazins.

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Ein Gedanke zu “Diametrale Filmfestival Innsbruck

  1. „Ein Mann schreibt darüber, wie ein anderer Mann in sein Leben trat, der in permanent mit einem schwarzen Regenschirm leicht auf den Kopf schlägt. Er kann dagegen nichts tun und irgendwann gewöhnt er sich daran.“

    Ha, klingt ein bisschen nach dem hier:

    Gefällt mir

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