Diese Welt lohnt sich

Eine Kritik zu einem Buch zu schreiben, das die nötige Aufmerksamkeit schon bekommen und dessen Vorwort Stefan Gärtner geschrieben hat, ist eigentlich reichlich sinnlos. (Nebenbei, wer nicht jeden Sonntag Gärtners kritisches Frühstück auf der Webseite der Titanic liest, oder zumindest seine monatliche Kolumne im Heft selber, kann eigentlich bei nichts mitreden.) Grad wenn man ein unbekannter Kulturblog ist, den niemand liest ausser den Betreibern selbst, so hat das was von Trittbrettfahren. Trotzdem, finde ich, kann Ruedi „Widmers Weltausstellung“ gar nicht genug rumgezeigt werden.

Das liegt nicht am Cover. Und damit fangen wir kurz mit dem an, was nicht gelungen ist. Die Zeichnung ist zwar sehr süss; ein blauer Widmergnom als Tischglobus. Aber durch das viele Weiss, verbunden mit dem Hellbraun des Tisches und einem gelben Kasten, der von Violett kaum gebrochen wird, kriegt man den Eindruck, dieses Buch sei für die Wartezimmer von Arztpraxen gemacht, wo es bestimmt auch oft landen wird und dann neben dem Nebelspalter liegt, und damit tut man dieser Sammlung von Karikaturen und Kolumnen wirklich unrecht. Das ist, als müsste der FC Winterthur immer in der 5. Liga spielen.

Aber eigentlich wollten wir ja voll des Lobes sein, das ist auch leicht, zumindest in der Schweiz ist Ruedi Widmer bekannt, und viele mögen ihn auch sehr, weil der Mann ist saugut in dem was er tut. Das ist unbestritten und darum nur die Frage spannend, warum ist er das? Es geht mir dabei nicht um seinen Blick für das Absurde, wie in der ersten Zeichnung des Buches, wo in einem Treppenhaus zwei Pfeile nach oben oder unten zeigen und dazu steht „Garderoben“/“Garderunten“. Mich nimmt wunder, warum sind seine politischen Ansätze so emanzipativ, also anregend zum Weiterdenken?

Was ich besonders finde, ist seine Fähigkeit den politischen Zeitgeist ohne Belehrungsanspruch kritisch zu hinterfragen. Es gibt ja in der Kunst das Problem, dass man entweder so klar Stellung bezieht, dass man eigentlich gar nicht mehr von Kunst sprechen kann, oder aber überhaupt nicht Stellung bezieht und dann eigentlich nur noch von Ästhetik sprechen kann. Natürlich versuchen viele das metaphysisch aufzuladen, aber das liegt eher daran, dass Religionen out werden, wenn man zu viel Geld hat und man deshalb Gegenständlichkeiten mit Sinn fluten will. Ein gutes Geschäft, aber hier nicht Thema. Dazu kommt das alte Problem der Katharsis, das auch das Kabarett hat, wo man danach rausgeht und sagt, ja, ich hab halt schon die richtige Meinung.

Widmer hat „Praktias“ bei der Titanic gemacht, die ihm angeblich zu mehr „Pimmel-, Neger- und Hitlerwitzen“ rieten. Daraus entstand dann das geniale „Die Wirklichkeit mit Fleisch nachempfunden“, das leider längst vergriffen ist und von dem ich nur Aufschnitte, ich meine Ausschnitte kenne. (Haha.) Die Titanic löst beschriebenes Probleme der politischen Kunst oft mit Brachialhumor, der so hässlich aufrüttelt, dass billige Identifikation schwer fällt oder aber dann ganz ins Absurde abgleitet und sonst irgendwo dazwischen pendelt. Widmer macht das meiner Meinung nach anders und mit einer anderen Haltung. Dies beschreibt Gärtner sehr gut in seinem Vorwort, wo er ungefähr meint, dass durch die Gelassenheit des Schweizer Widmers sowas wie Erwachsenenhumor entstehe, während er, Gärtner, immer noch verzweifelt wie ein Kind oder, so denkt man, wie ein Pubertierender sich aufregen und abgrenzen müsse. Da man Stefan Gärtner nicht widersprechen kann, weil dieser Mann fast immer Recht hat und seine Texte sozusagen gelebter Widerspruch sind– das wäre also, als wolle man in einen Tunnel ein Loch bohren  –,   möchte ich hier nur etwas ergänzen.

Die Stärke Widmers liegt gerade darin, dass er die Welt nicht verändern möchte mit seiner Kunst oder dies zumindest sehr gut verbirgt. Er ist kein gekränkter Idealist, sondern er wundert sich authentisch, wie Gärtner im Vorwort meint. Das kommt wohl daher, dass sich Widmer selbst nicht als Radikal-Linken sieht, sondern als gemässigten, also nicht glaubt, die grosse Revolution werde helfen, und sie somit auch nicht am Zeichentisch versucht. Wer hier nur zeitgeistigen Opportunismus unterstellen würde, täuscht. Es ist wohl viel eher ein ehrlicher Mut zur Betrachtung des Jetzt-Zustandes und dem eigenen Vermögen, ohne dabei in die Utopie zu flüchten. Das ist vielleicht härter oder im Gegenteil weniger ambitioniert, angepasster, aber vielleicht auch wirklich an der Zeit und mit der Zeit.

Mir sind immer wieder Menschen begegnet, die gerne gescheiter wären als sie sind oder mehr verstehen möchten, welche sich erhoffen, ihr Geist habe grössere Relevanz für die Zeit in der sie leben. Dies gleichen sie dann aus mit einer besonders radikalen Meinung zu politschen Themen. Übelstes Beispiel ist wohl Roger Köppel, aber das gibt es auch auf der linken Seite, auch wenn Radikalität, solange sie zur harten Analysen führt, kein Problem sein kann.
Vielleicht ist es nämlich so, wenn sich die Widersprüche zuspitzen, wie das im schon lange sogenannten Spät-Kapitalismus nun mal so ist, man mehr erreicht, wenn man pragmatisch versucht die Realität zuzuspitzen, statt sie radikal in Frage zu stellen. Das Zweitere ergibt sich eher durch das erstere und ist ausserdem momentan viel viel nötiger.

Jeder, der dafür Futter und Energie möchte, dem sei „Widmers Weltausstellung“ herzlich empfohlen.

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