Gerechter Humor

maurer

Nichts nervt mehr im Theater als der sich selbst darstellende Zuschauer. Es gibt immer einen. Selbst dann, wenn wie an diesem Abend nur knapp 40 oder 50 Leute gekommen sind, um Thomas Maurer zu sehen. Dieser Typus lacht immer. Egal ob es lustig ist oder einfach nur ein Satz wie „Die Flagge von Österreich ist Rot-Weiss-Rot“ gesagt wurde. Er lacht, weil er der ganzen Welt oder dem ganzen Saal mitteilen will, dass er da ist. Und wenn eine so nervige Variante wie an diesem Abend neben einem sitzt, dann startet der Abend natürlich schon nicht gut. Besagter Mann lachte ständig so laut, dass ich mich verdammt konzentrieren musste, um das Gesagt überhaupt zu hören. Vielleicht sollte es Laientruppen geben für solche Menschen, wo sie sich treffen, einer läuft auf der Bühne auf und ab, er darf auch hinken, und die anderen unten dürfen völlig sinnfrei und ohne Grund lachen. Leider gibt es in den 2 Stunden Programm von Thomas Maurer eh viel zu wenig zu lachen. Weil es zu wenig lustig war. Er könnte also auch so eine Gruppe leiten. Der Mann war wohl auch verkühlt, und sein Stift, mit dem er Karikaturen direkt per Beamer an die Leinwand macht, spukte anscheinend, trotzdem hat mich der diesjährige Gewinner des deutschen Kabarett-Preises enttäuscht.

Warum geht man ins Cabaret? (Mir gefällt dieses Wort besser als Kabarett, weil es weniger ernst und auch vieldeutiger ist, das glaub ich zumindest.) Jenes Cabaret, das inzwischen, so wird es tausendmal wiederholt, als ziemlich altbacken gilt. Man geht dahin, weil das Lachen über Probleme befreiend ist. Es schafft auf eine gute Art Distanz und so kriegt man den Kopf frei, um über diesen Sachen nochmal nachzudenken und wenn es sich so schlimm entwickelt wie heute, oder vielleicht auch schon gestern, hilft das, die Situation für Menschen mit einem Bewusstsein etwas aushaltbarer zu machen. Da kann es zwar gut passieren, dass der Wille zur Veränderung und damit zur aktiven Tat abgebremst wird, weil es einer auf lustige Art wiedermal gesagt und man ja eh die richtige Einstellung hat. Aber selbst das ist okay, denn es kann auch der gegenteilige Effekt entstehen, man schöpft Kraft für den Kampf gegen das ständig wie ein Krebsgeschwür wachsende reaktionäre Denken und Handeln in den westlichen Gesellschaften.

Und es ist sicher besser als das alte Konzept vom Gottesdienst. Man könnte, wenn man will, sagen, die Aufklärung hat uns einen neue Form von Trost geschenkt, die auch noch Information vermittelt. Und nur dass das hier gesagt ist, es gibt kein Cabaret auf deutschen Privatsendern, auch dann nicht wenn man es Comedy nennt. Was es dort gibt, ist bloss Dieter Bohlen, wo die Kandidaten für die Castingshows durch das Publikum ersetzt wurden, wobei dieses zu blöd ist, das zu bemerken. Ja, die Leute gehen in die Schule und sie gucken Privatfernsehen. Geben und Nehmen. Aber wie auch immer. Sich darüber zu äussern, ist die Sache, die diese zu tiefst zynischen Leute machen, nicht wert. Das ist sogar noch langweiliger als Gottesdienst und dann auch noch ohne Trost.

Trotzdem finde ich, man kann sich eigentlich über alles lustig machen. Gesinnungspolizeiliche Massnahmen gegen bösen, nicht bloss schwarzen, bösen Humor finde ich lächerlich. Aber mit dem Wort lächerlich sind wir auch schon beim Problem, was nicht schön, oder sagen wir nicht gut, oder sagen wir nicht lustig ist, wenn man ernste Probleme lächerlich macht. Das löst zwar die Problem etwas auf, aber sie bleiben dann doch im Magen der Welt liegen, wie ein schlechter verdauter McDoof-Hamburger. Es sind Witze, denen auf halber Strecke die Luft ausgeht und die den Pass des Problems nicht schaffen, sondern mit dem Fahrrad wieder nach Hause radeln. Und das geschieht aus handwerklichen Gründen.

Es sind üble Zeiten, in denen wir leben, und ich fange gar nicht damit an die Probleme jetzt einzeln aufzuzählen, aber wenn man sie im Kontext des Cabarets anspricht, wie das Thomas Maurer tut, dann sollten die Pointen der Schwere der Dinge entsprechend sein. Das ist verdammt anspruchsvoll, und ich sage gar nicht, dass ich daran nicht selbst wie viele anderen grandios scheitern würde. Aber es ist eben problematisch, wenn man es erfolglos versucht, weil dann lachen wir nicht über uns, die wir unfähig sind, sondern eben über die Flüchtlinge oder über die dummen Rechtswähler, oder über den Klimawandel, und wir machen diese Dinge, obwohl sie sehr ernst sind, lächerlich. Es relativiert sich alles. Es entsteht ein „Solang wir hier im kalten dunklen Keller sitzen und lachen können, ist ja alles nicht so schlimm“-Gefühl. Und mein Gott, oder mein Universum, oder meine Natur, wer bin ich, dass ich das wem vorhalte. So wichtig ist Cabaret natürlich nicht, nicht so wichtig wie dieser Dreck, der auf den Privatsendern läuft, diesen geistig prüden Pornosendern, aber es ist eben offensichtlich nicht der Effekt, den Thomas Maurer erreichen möchte. Er möchte die Leute aufrütteln, aufklären, auf Widersprüche hinweisen, und das gelingt ihm auch ganz selten (sagen wir von 120 Minuten ca. 5-7 Minuten lang). Wäre ich sein Dramaturg, hätte ich ihm sein Programm auf eine Viertelstunde zusammengestrichen. Und die wäre super gewesen. Keine Frage.

Eher übel hab ich ihm dann genommen, dass er sich auch noch anfing anzubiedern. Das hasse ich, diese lächelnde, sich dem Publikum zuschunkelnde Ahaha-Getue. Ein guter Kabarettist hat sich vom Publikum abzugrenzen, es ist im besten Fall für seine Unfähigkeit zu leben zu verachten und nicht sich bei ihm einzuschleimen. Igitt, Igitt, obwohl es da auch noch viele andere Beispiele aus dieser Zunft gäbe, die das auf noch viel subtilere und damit auf noch grausigere Art machen. Nervig auch, dass Mauer dann einen riesigen Hammer auspackte, der Lärm machte, wenn er ihn sich in einer vermeintlichen, aber wenig authentischen Steigerung zur Verzweiflung, in die er an diesem Abend anscheinend geriet, auf den Kopf schlägt, weil er das immer macht, wie er sagt, wenn er es nicht mehr aushält. Das ist so platt und unlustig, obwohl es, wenn ich es hier schreibe, sogar noch witzig klingen mag, dass man wirklich verzweifelt auf die Uhr guckt und sich fragt, wie lange noch. 2 Stunden angesagt, 1Stunde 45 Minuten durch, hoffentlich überzieht er nicht. Rausgehen aus dem Theater, das ist nur was für elitäre Arschlöcher und ich mache das nur ganz selten.

Sein Thema war übrigens Toleranz. Aber er hat dazu nichts wirklich Schlaues gesagt. Das Beste war ein Zitat. (Für welches sich zwar der Abend fast gelohnt hätte: „Man kann nicht die Menschen durch Vernunft von etwas abbringen, wozu sie nicht durch Vernunft gebracht wurden“, Jonathan Swift.) Und laut Schreien heisst nicht, dass ich Nuancen bedienen kann, aber das haben eh 90 Prozent der Theaterwelt und Schauspieler noch nicht begriffen. Und nur, weil ein Abend einen chaotische Aufbau hat, fällt es trotzdem auf, wenn sich Witze wiederholen. Und Allgemeines und Relevantes sind nicht dasselbe. Relevant wäre ein Gedanken oder eine Aussage, die sich aus dem allgemein Bekannten herausschält. Das allgemein Bekannte muss man nicht wiederholen und der Witz, dass man aus einem bärtigen Muselmann Jesus machen kann, ist so alt wie mein Grossmutter väterlicherseits.

Ein weiterer Denkfehler, der durch den Einfluss von Poetry Slam auf das Cabaret noch verstärkt wurde, ist zu glauben, dass durch sprachliche Finesse Tiefe entsteht. Nein tut sich nicht. Dann lieber gemeinsam mit der Sprache am Inhalt scheitern. Verdammt! Alles in allem scheint hier ein Mann grosse Themen bespielen zu wollen, die auch noch super aktuell sein sollen, und endet dabei ratlos, merkt es aber nicht und muss deshalb besagte Verzweiflung bloss spielen, was er nicht besonders gut kann.

Was ich übrigens auch nicht mag, sind Kritiken, wo jemand einen Anlass primär dazu gebraucht eigene Gedanken zu äussern, statt denn Anlass selbst zum Gegenstand der Besprechung zu machen. Also hab ich jetzt noch diesen Rundumschlag gegen Schluss eingebaut. Obwohl es der Abend kaum wert war. Mehr gibt es leider nicht zu sagen. Es war ziemlich langweilig. Und so hab ich mir mit meiner Begleitung halt ein paar Gedanken über Cabaret als Ganzes gemacht, als wir beim Bier danach über den Abend sprachen.

Thomas Maurer: Der Tolerator
Tourdaten
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Ein Gedanke zu “Gerechter Humor

  1. Wieder eine dieser um sich schlagenden Kritiken von Saile, die sich nicht fürchten, sich selbst auch ins Gesicht zu schlagen.
    Zitat des Tages:
    „die Aufklärung hat uns einen neue Form von Trost geschenkt, die auch noch Information vermittelt.“ – wenn das mal nicht eine spitzzüngige Definition des Internets ist…

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