Ouija — Die Rückkehr des lustigen Hexenbretts

Bild: Universal

Für mich war Ouija die Entdeckung des letzten Jahres, denn solche Filme kommen nur noch sehr, sehr selten im Kino: Filme, die derart schlecht sind, dass sie unterhaltsam werden.
Keine Frage, Regisseur Stiles White und sein Team hatten einen richtigen Horrorschocker im Sinn. Aber die Handlung beginnt damit, dass sich jemand mit einer Lichterkette erhängt. Da hängt also eine Leiche im Treppenhaus, die von weihnachtlichen Lichtern beschienen wird, und wir sollen schockiert sein. Keine Chance. Auch danach ist Ouija eine einzige Parade von dummen Momenten, aber halbwegs kompetent und mit einem derartigen Tempo inszeniert, dass es niemals langweilig wird. Eine Achterbahn der unfreiwilligen Komik. Ich hab den Film damals in einer Pressevorführung gesehen und mich zusammen mit den Kollegen fast totgelacht. Das ist guter, bodenständiger Trash, nicht wie dieser billige, dröge Müll à la Sharktopus und Sharknado. Über das Zeug amüsiert sich nur der Pöbel, Ouija ist etwas für Connoisseurs. Hoch das Weinglas!

Da das Universum ab und zu doch gerecht ist, war Ouija ein Erfolg an den Kassen, so dass jetzt das Prequel ins Kino kommt – denn wir müssen ja dringend erfahren, wie genau die Leiche des Mädchen in den Keller gekommen ist. So landen wir mitten in den 1960ern. Das Haus aus dem letzten Film wird dazumal von der Familie Zander bewohnt: Mutter Alice (Elizabeth Reaser) hat alle Mühe, sich selbst und ihre beiden Töchter über die Runden zu bringen, seitdem ihr Mann das Zeitliche gesegnet hat. Geld verdient sie, indem sie trauernden Menschen weismacht, sie habe Kontakt mit dem Totenreich. Bei ihren Séancen hilft sie mit allerlei Tricks nach, zudem assistieren ihr heimlich die Kinder.
Jetzt soll man nicht glauben, Alice wäre eine böse Betrügerin, nein, sie ist ein herzensguter Mensch und will den Leuten bloss bei der Trauerarbeit helfen – notfalls verzichtet sie auf ihren Obolus. Merke, kein Wahrsager würde jemals seine Kunden bescheissen.

Jedenfalls kauft Alice eines Tages ein Ouija-Brett, um damit ihre Show ein bisschen aufzupeppen. Aber es kommt, wie es kommen muss: Mit dem Hexenbrett beschwört die falsche Geisterbeschwörerin aus Versehen einen echten Geist herauf, der prompt von ihrer jüngere Tochter Doris (Lulu Wilson) Besitz ergreift. Ach du Schande. Zum Glück ist der Leiter ihrer katholischen Schule ein Pfarrer (Henry Thomas). Kann er den bösen Geist aus dem Haus kicken?

Ouija: Origin of Evil stammt von Mike Flanagan und Jeff Howard, die zuvor mit Oculus einen netten kleinen Überraschungshit landeten. Da ging es um einen dämonischen Spiegel, der ein Geschwisterpaar über zwei Zeitepochen hinweg triezt.
(Fakt am Rande: Annalise Basso, die dort die jüngere Version der Schwester spielt, hat nun in Ouija: Origin of Evil die Rolle der älteren Tochter Paulina gekriegt.)
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Flanagan und Howard ganz genau um die Komik des ersten Teils wussten – denn was damals unfreiwillig war, forcieren die beiden nun offenbar mit Absicht, und zwar gekonnt. Soll heissen: Ouija: Origin of Evil ist ebenso lustig wie der erste Teil, aber diesmal bewusst darauf ausgelegt – zugleich wirkt der Film niemals so, als wäre er verkrampft auf witzig getrimmt. Das ist eine Balance, die man erst einmal hinbekommen muss. Respekt.

Da steht die kleine, besessene Doris auf dem Pausenplatz. Zwei Knaben, die sie schon öfters gemobbt haben, machen sich über sie lustig. Einer der beiden nimmt eine Steinschleuder hervor und zielt damit auf Doris‘ Kopf – doch sie dreht sich plötzlich um und blickt ihm direkt in die Augen. Der böse Geist zwingt den Knaben, die Steinschleuder auf sich selbst zu richten und zu feuern. Wir hören den Knall aus dem Off und sehen, wie die Klosterschwestern panisch zu dem Jungen rennen.
Die Szene ist ihrer augenscheinlichen Lächerlichkeit zum Trotz vollkommen ernst inszeniert und gehört gerade deshalb zum Lustigsten, was ich dieses Jahr im Kino gesehen habe.

Überhaupt, die kleine Doris! Lulu Wilson ist in der Rolle eine absolute Sensation. Sie hat bisher sowohl in Comedyserien (Inside Amy Schumer) wie auch in Horrorfilmen (Deliver Us from Evil) mitgespielt und sie beherrscht das Komische ebenso perfekt wie das Unheimliche.
Doris‘ grosse Schwester hat einen Freund, Mikey (Peter Mack). Der klingelt mal an der Tür. Doris ist grad allein im Wohnzimmer und öffnet ihm.
„Willst du etwas Cooles hören?“, fragt sie ihn.
„Sicher“, antwortet er.
Da schildert sie ihm, und zwar bis ins kleinste Detail, wie es sich anfühlt, gehängt zu werden. Auch ein Robert De Niro in seinen besten Zeiten hätte diesen Monolog nicht so gut hingekriegt wie Lulu Wilson.
(Und jetzt ratet mal, wie Mikey endet.)

Als dann Pater Tom vorbeischaut, um sich das Mädchen anzusehen, steht er mit dem Koffer in der Hand vor dem Haus wie seinerzeit Pater Merrin in The Exorcist. Ist ja klar, dass sich Flanagan und Howard jede Menge Anspielungen auf die Geschichte des Horrorfilms erlauben – schon der erste Teil war ein Amalgam aus allen möglichen Quellen, aber das Prequel legt einen spielerischen Umgang mit den Vorbildern an den Tag.
Dazu gehört auch, dass der Film mit dem klassischen Universal-Logo beginnt oder dass das Bild wie bei einem 35mm-Film daherkommt, ohne dass es sich einem aufdrängen würde. Inklusive dieser kleinen Signalzeichen, die früher dem Filmvorführer zeigten, wann er die Rolle wechseln muss (es brauchte eine Weile, bis mir das überhaupt auffiel). Diese Liebe zum Detail ist schlicht bewunderswert.

Grosse Freude hab ich zudem an der ganzen Einrichtung. Wie gesagt, die Handlung spielt in den 60ern. Mode und Inneneinrichtung schrammen nur ganz knapp daran vorbei, eine offene Parodie auf die Epoche zu sein. Man vergleiche das nur mal mit dem production design von Annabelle, einem Horrorfilm, der ebenfalls in den 60ern spielt, aber einen betont ernsten Ansatz wählt – und darum auch eine recht düstere Version des Jahrzehnts zeigt. Ist Annabelle die Manson-Family, so ist Ouija: Origin of Evil der freundliche Hippie von nebenan. Jedenfalls ist das endlich mal ein Horrorfilm in bunten Farben, statt immer nur in Grau und Braun.

Man kann sich Ouija: Origin of Evil übrigens auch ansehen, ohne den ersten Teil zu kennen – ich würde das sogar empfehlen, denn sonst vergeigt man sich die eine oder andere überraschende Wendung. Der Fluch der Prequels. Ein grandioser Spass sind aber beide Filme.

Ouija: Origin of Evil läuft ab dem 20. Oktober in den Schweizer Kinos.

Ärgerlich: In Zürich läuft nur die deutsche Synchronfassung im Kino (obwohl wir an der Pressevorführung die untertitelte Originalversion zu sehen bekamen). Ich hasse sowas und empfehle, die DVD/Blu-ray abzuwarten.
Ouija: Origin of Evil
USA 2016, 100 Min.
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan, Jeff Howard
Mit Elizabeth Reaser, Annalise Basso, Lulu Wilson, Henry Thomas, Peter Mack et al.
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