Karl’s kühne Gassenschau: Sektor 1 – Ein rühriges Spektakel

Karl’s kühne Gassenschau (oder wie die eingefleischten Fans es verkürzt nennen: KKG) ist eine feste Grösse, so heisst es. Eine Grösse in welchem Bereich?

Seit 1984 gibt es die Truppe, und während frühere Produktionen tatsächlich einst als Gassenschau funktionierten, zeichnen sich die Produktionen der letzten Jahre dadurch aus, dass es immer grösser, aufwendiger, bombastischer und spektakulärer zu- und hergeht.

„Sektor 1“ ist die 22. Produktion und das dritte Mal, dass wieder im Industriepark in Oberwinterthur gespielt wird. Hauptsponsor ist Coop, und die Stadt Winterthur übernimmt das Patronat. Das letzte Stück, „Fabrikk“, wurde von über 580.000 Zuschauer besucht. Die Macher nennen ihr aktuelles Stück einen „theatralen Höllenritt voller traumhafter Bilder, waghalsiger Maschinen, atemberaubender Stunts und intensiver Gefühle.“ Es geht um „eine Vision von modernem Volkstheater für ein breites Publikum.“ Die Zuschauer sollen „unterhalten, berührt und zum Nachdenken verführt“ werden.

Da gibt es ein Festgelände, auf welchem über 1000 Personen verköstigt werden können, Leuchtgirlanden, einen Souvenirshop. Der Körper will wie der Geist gefüttert werden. Die Logistik ist formidabel, die Preise verhältnismässig moderat (bis auf den Eintritt selber, kann man einwerfen). Die Winterthurer Verkehrsbetriebe bieten Sonderbusse an, der Stadtrat freut sich über KKG als kulturelle Erweiterung des eigenen Standortportfolios. Die Produktion ist jetzt schon ausgebucht und wurde für 2017 verlängert.

In der aktuellen Produktion namens „Sektor 1“ wird eine Zukunftsvision entworfen, in welcher der Abfall ins Weltall geschossen wird und die gesellschaftlichen Regeln manisch eingehalten werden müssen. Wer sich tapfer aufopfert und ohne zu Murren Regeln einhält und nie einen Tag auf der Arbeit fehlt, darf einen Tag lang zur Belohnung im ersten Sektor sich amüsieren. Das Amusement ist deprimierend: Per Instruktionen am Grill stehen, auf Kartonhirsche schiessen, einen zwei Meter Hügel Ski runter fahren. Freizeitbetätigung nach Stechuhr. So weit, so dystopisch.
Es ist aber auch keine deprimierende Zukunftsvision in der Form, wie sie daher kommt (deprimierend ist das Kleingeistige der Figuren). Wenn per Kran ein Müll-Raumschiff über die Bühne fliegt und die Abfallsäcke in den Weltall entlassen werden, lächelt das Publikum und macht „oh“ und „hui“. Die selben Abfallsäcke fliegen später wieder runter und verschandeln die grüne Astroturf-Idylle. Wir wollen grundsätzliche physikalische Einwände beiseite lassen, ob es ökologisch Sinn macht, Abfallsäcke ins Weltall zu schiessen oder ob solche nicht beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen müssten…

Die Bühne ist der heimliche Star dieser Produktion. Ein Open-Air-Theater mit einer Diorama-Bühne, welche sich vor dem Viertelrund der Tribüne entfaltet. Grüne Hügel, malerischer Teich, Bäumchen und brav gestutzte Hecken. Das ist akkurat, das sieht nach Golfplatz irgendwo in der Innerschweiz aus. Das ist steril, denn der Rasen ist Kunstrasen. Die Künstlichkeit der Kulturlandschaft, die auf natürlich macht.

„Sektor 1“ entwirft also keine radikale Dystopie. Dystopien sind ja eigentlich in Mode zur Zeit und selbst Hollywood freut sich narrisch über die Einnahmen, die es mit Geschichten einfährt, bei welchen die Welt in Luxus- und Arbeitssektoren, in Dekadenz- und Todeszonen unterteilt wird. Was KKG auszeichnet ist etwas typisch Helvetisches: Wenn die Arbeitskolonne der Straffälligen (die eigentlich Strafgefangene sind, denn ihre Strafen werden immer wieder unbestimmt verlängert) den Ruf der Arbeitssirene vernimmt, macht sie höchstens die Faust im Sack. Es hat etwas von-Rohriges, wenn sie dabei die Macht des Punk musikalisch beschwören, der ihnen Heimstatt ist („Punk lässt dich nie im Stich“), während sie sich auf gut Deutsch für dumm verkaufen lassen. Nicht nur machen sie die Drecksarbeit, ohne den Gedanken an Streik aufkommen zu lassen, sie sind behäbig zufrieden damit, ihr Exotentum zu kultivieren und sich als alternativer Lebensentwurf innerhalb dieser Gesellschaft zu zelebrieren (anstatt dagegen vorzugehen).
Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist davon abhängig, dass die Abfallsäcke, die wieder zurückkommen, rechtzeitig aufgeräumt werden. Sic Helvetia, oder: Wie ich die Bombe zu putzen lieben lernte. Denn wo es schmutzig wird, wird der wahre Charakter der Gesellschaft offenbar. Die zugrunde liegende tiefere Wahrheit ist denn, dass die verantwortlichen Instanzen keine Menschen, sondern Roboter sind – erschaffen durch die Menschen selbst, um die Regeln rigoros einzuhalten. Deren positronischen Gehirne sind aber offenbar von Schweizern programmiert, denn kaum regnet es ein bisschen mehr Abfall, als die Logistik entfernen kann, verbläst es dem Roboter das künstliche Hirn.

Man kann entgegnen: Hier wird eine Zukunftsvision einer Gesellschaft entworfen, die an ihrem eigenen Abfall erstickt. Was man aus den Augen schafft, kommt trotzdem wieder zurück eines Tages. Der ökologische Kollaps stehe kurz bevor. Gleichzeitig droht uns ein Terrorregime der Veganer: Es ist verboten, Fleisch zu essen und das Essen kommt aus der Tube. Alles ist durchreglementiert und wer aufmüpfig ist, wird per Taser stillgestellt („So wie damals, als ich wegen fünf Minuten zu viel einen Strafzettel erhielt. Die Verkehrspolizistin hätte mich auch am Liebsten getasert, als ich ihr die Meinung sagte!“). Das alles seien die bedenklichen Tendenzen, die heute bereits vorhanden wären und welcher wir uns bewusst werden sollten, bevor sie sich per Hintertür einschleichen und installiert werden. Solches könnte man entgegnen.
Tatsächlich wird durch ein solches Panorama aber keine Kritik geäussert. Kritik würde bedeuten, dass sich auch Jemand angesprochen und betroffen fühlte, dass es weh täte und dass es einen Aufschrei gäbe. Nein, die Bandbreite der vorhanden Haltungen erweist Jedem die Referenz. Keiner, der sich nicht bestätigt fühlen würde in seiner Meinung an der einen oder anderen Stelle. Das hingegen ist durchaus ein Kunststück, ökologische Apokalypse und liberales Wutbürgertum zu vereinen. (Man erinnert sich, das gelang in diesem Land der Ecopop auch schon.)
Die Dialoge vertiefen es nicht bis zu einem schmerzhaften Punkt, der nicht mehr auszuhalten wäre. Hingegen flechten sich Binsenweisheiten an Attitüden, Slogans demaskieren den Ideologen und wer der Liebe im Weg steht, ist sowieso ein halber Faschist. In dem Sinne ist es ein affektbedienendes Stück, dessen Dramaturgie nicht weiter denkt, als bis zu dem Punkt, wo durch das Publikum ein „Ui nei“, „So schlimm!“ oder „So schön!“ und „Nei, wie herzig!“ ausgestossen wird. Das ist eben der Unterschied zwischen rührig und berührend. „Sektor 1“ bedient ersteres.

Der heimliche Star… wie gesagt, ist die Bühne selbst. Und hier gilt es, sich festzuhalten. Was anfangs noch wie eine putzig-aufgeräumte Golfanlage scheint, zerbirst bald. Nicht nur der Abfallregen, auch die unter dem säuberlichen Arrangement versteckten Giftcontainer, ein Container voll Elektroschrott, die Müllberge, die sich aufblähen, brechen die Landschaft auf. Der hübsche Tümpel wird zum Malstrom, der seine Opfer zu Metal-Musik verschlingt (der bühnentechnische Höhepunkt), der Müllberg verschlingt krümelmonstermässig in einer Traumsequenz die unschuldige Jungfrau (was nun wirklich blosser Trash ist), das Fähnlein der Aufrechten stürmt den Hut auf der Stange (pardon: Den Überwachungsturm), die Feuerbälle gehen in die Nacht auf, dass einem die Hitze dieser im Gesicht liegt – und der opportune Roboterassistent schenkt sein positronisches Herz dem Wissenschaftler Doktor Schröder, damit dessen Zeitmaschine, die über die Müllkraterlandschaft davonschwurbelt, die benötigte Energie hat (ein Winkelried 2.0, der uns und sich zugleich ans Herz fasst).
Solche inhaltlichen Notlösungen ignorierend liegt die Attraktion in der Verwandlung der Bühne. Schon zu Anfang trügt der trübe Teich und der diabolische Zuschauer wartet darauf, dass Jemand dort hinein fällt. Dass die Sauberkeit nur dazu da ist, unserem Bedürfnis nach Zerstörung Auftrieb zu geben und dass diesem Bedürfnis nachgegeben wird, darin liegt die Erfüllung. Ein bisschen ist es wie bei den Nascar-Rennen: Der einzige Grund, diesem monotomen Im-Kreis-Fahren zuzuschauen, liegt darin, dass man auf einen spektakulären Unfall hofft. Und ebenso gibt die Inszenierung immer noch einen drauf. Nachdem die ersten Risse deutlich werden, wird dieser Mechanismus dauernd bedient. Aus den Rissen werden Verwerfungen, aus den Brüchen kontinentale Verschiebungen. Das nutzt sich dann zwar ab, dieses hinter dem Spektakel Herjagen, aber man kommt nicht umhin, das zu bestaunen und zu bewundern, bzw. die Arbeit der Bühnentechniker zu bewundern.
Inmitten all dieses Mülls und der Zerstörung des eigenen Bühnenbildes wird die Menschlichkeit neu geboren (und gleich noch ein Kind) und jetzt – so könnte man meinen – da die Oberfläche aufgesprengt ist und der wahre Charakter der Konsumgesellschaft sich zeigt, liesse sich doch eine Perspektive aufwerfen.
Denkste.
Zuletzt flüchten die Figuren also mittels Zeitmaschine in unsere Gegenwart (anstatt aufzuräumen und jetzt – wo die Roboter-Herrscher den Saft aufgegeben haben – das Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen) um dort zu warnen. Uns, die wir ja gemeint sind. „Hab ich doch immer gesagt!“ – denkt sich der politisch bewusste Bürger. „Es muss endlich mal gesagt werden.“ – kann sich jede Fraktion zu Buche schreiben lassen.
Dass die Figuren des eigenen Stücks nicht mehr in ihrer fiktiven Welt leben möchten und lieber zu uns in die Gegenwart flüchten, signalisiert dem Publikum, dass wir am Ende angekommen sind (wir wollen uns auch nicht fragen, wie unsere Gegenwart mit diese temporalen Flüchtlingen umgehen würde).

Entsprechend dem eigenen Wohlgefühl freut man sich über solche Bestätigung. Zum Dank gibt es Standing Ovations und zufrieden geht man aufs Festgelände, wo man ohne Bedenken sich ein Bier im Plastikbecher holt, den lauen Abend geniesst und wo das Auge über das saubere Gelände schweift, wo die Organisation gelobt wird und man sich freut, dass Alles noch so wohlig ist in diesem Land.
Helvetia – oh Graus!

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