Das Weltall und der Guru: Ein Tag in Locarno

Zerstreutheit, Terminprobleme und schlichte Faulheit: Dieses Jahr habe ich es nur für einen Tag ans Filmfestival Locarno geschafft. Aber egal! Dafür erzähl ich jetzt auch genau, was ich gesehen und erlebt habe. Kurzfilme aus Kuba zum Beispiel, oder Alejandro Jodorowsky in Fleisch und Blut.

Kiarostami und Kuba

Just vergangenen Juli verstarb der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami. Mit Locarno verbindet ihn ein wichtiger Punkt seiner Karriere: Hier gewann er 1989 mehrere Preise für Where Is the Friend’s Home? Das war seine erste Würdigung an einem grösseren internationalen Filmfestival, ein Grundstein für die breite Anerkennung, die er heutzutage weltweit unter Cinephilen geniesst. (Ich beichte jetzt lieber nicht, dass er mir bis anhin nur vage ein Begriff war.)
Kiarostamis Sohn Ahmad erzählte über den Bronzenen Leoparden, den sein Vater dazumal mitbrachte: „Als er damit zurückkam, war es magisch.“ Der Preis sei daheim an prominenter Stelle ausgestellt gewesen: „Ich habe viel Zeit damit verbracht, ihn mir anzusehen.“

Ahmad Kiarostami war anstelle seines Vaters in Locarno dabei. Gezeigt wurden uns Filme aus einem Workshop des Black Factory Cinema. Drei dieser Workshops hat Abbas Kiarostami geleitet, den letzten im Januar auf Kuba. Filmando en Cuba con Abbas Kiarostami bestand aus einer Auswahl von sieben Kurzfilmen der TeilnehmerInnen, zuletzt sahen wir Kirostamis eigenen, leider unvollendet gebliebenen Beitrag Pasajera.
Mein persönlicher Favorit aus dem Haufen war Por si acaso des brasilianischen Filmemachers Pedro Freire. Jener stand ebenfalls auf der Bühne und erzählte, Kiarostami habe mal zu ihm gesagt, er mache seine Langfilme nur, um Kurzfilme drehen zu können. „Ich weiss allerdings nicht, wie ernst er das gemeint hat.“

Jedenfalls schildert Freire in seinem pseudodokumentarischen Kurzfilm, wie er in der Provinz einen Mann aufsucht. Dessen Sohn tauchte vor vierzehn Jahren in einem Dokumentarfilm des Regisseurs auf. Eben diesen Dokumentarfilm zeigt er nun dem alten Mann. Wir sehen, wie der junge Freire ein paar Kinder zu porträtieren versucht – diese wollen aber lieber eine Zombiegeschichte drehen. Gezwungenermassen macht Freire mit.
Als einer der Jungen am Tag darauf vorschlägt, eine Liebesgeschichte zu filmen, meint Freire, dafür habe er keine Zeit. Gerade da begegnet er einer jungen frankophonen Dokumentarfilmerin, die ihn darum bittet, für sie bei einem Interview als Übersetzer zu fungieren. Sie befragt einen Teenager zu seinem Leben. Kaum dass wir uns versehen, stecken wir in einer Dreickesgeschichte, in deren Verlauf die Freundin des Teenagers der Dokumentarfilmerin eine Ohrfeige verpasst. Oder ist das auch nur gespielt?
Wie auch immer, dieses Spiel mit den Zeit- und Realitätsebenen ist spannend – und am Ende wartet eine tolle Pointe. Por si acaso hat jedenfalls bei weitem am meisten Applaus eingeheimst.

Eine Umarmung fürs Universum

Ein Podiumsgespräch mit Alejandro Jodorowsky? Das konnte ich mir keinesfalls entgehen lassen.
Jodorowsky ist ein ziemlich durchgeknallter Vogel, ein Künstler und Esoteriker, eine regelrechte Kultfigur (dazu bald mehr). 1970 wurde die Welt auf ihn aufmerksam, und zwar dank seinem surrealen Western El topo. Mit einem ungleich höheren Budgeht ausgestattet, aber nicht weniger schräg waren Montana Sacra und Santa Sangre.
Es folgten etwas unschöne Begegnungen mit Hollywood – Jodorowskys Version von Dune kam trotz fortgeschrittener Vorbereitungen nie zustande (darüber gibt es sogar einen Dokumentarfilm), die Arbeit an The Rainbow Thief muss die Hölle gewesen sein. Jedenfalls zog sich Jodorowsky vom Filmgeschäft zurück, machte stattdessen Comics mit Moebius oder gab sich seinen esoterischen Forschungen hin. Bis er 2013 mit La danza de la realidad zurückkehrt, dem ersten Teil einer autobiographischen Trilogie, deren zweiter Teil (Poesía Sin Fin) ihre Schweizer Premiere jetzt auf der Piazza Grande feierte. Dazu wurde dem Regisseurs ein Ehrenleopard verliehen.

Deswegen also war Jodorowsky in Locarno und trat zu diesem Podiumsgespräch an, auf dem Forum des Spazio Cinema. Wie zu erwarten, wurde die Veranstaltung spektakulär.
Zunächst einmal musste man früh genug dran sein, um einen der Sitzplätze besetzen – ich rannte eine Dreiviertelstunde vorher hin, nachdem ich aus dem Kiarostami-Programm rauskam, und konnte mir gerade noch den allerletzten Platz schnappen. Dementsprechend voll war das Forum.
Unter all den Leuten befand sich gar ein Cosplayer, der sich verkleidet hatte wie der Alchemist aus Montana Sacra (den dazumal ja Jodorowsky selber spielte). Die junge Dame direkt vor mir bat ihn dann einmal während des Gesprächs darum, den Hut abzunehmen.

Nach einer kurzen Einführung durch den Filmkritiker Édouard Waintrop (der mich mal am Telefon angezischt hatte – verdientermassen – weil ich courgette falsch ausgesprochen hatte) und Jodorowsky selbst, durften auch schon die Leute Fragen stellen.

Ich geb jetzt mal nicht den ganzen Gesprächsverlauf wieder, sondern beschränk mich auf die Highlights. Da erzählte Jodorowsky mal von der ganzen Mühe, die man ins Kino investieren muss. Monate und Monate Aufwand, damit man am Ende einen Film von zwei Stunden hat. „Es ist schwierig, es ist schwierig … aber was für eine Freude! Ein unaufhörlicher Orgasmus.“
Wie man sich vorstellen kann, hält er nicht viel vom kommerziellen Kino: „Wer Filme nur für Geld macht, macht Idiotenfilme.“ Statt aufs Geld zu schauen, solle man sich lieber überlegen, was man sagen wolle. Überhaupt: „Was ist dein Ziel im Leben?“
Gefragt nach der meist rätselhaften Natur seiner Filme, nach dem Zusammenhang von Genie und Wahnsinn in seinem Werk meinte er: „Ich habe einmal Tractatus Logico-Philosophicus von Wittgenstein gelesen. Ich habe das Buch nicht verstanden. Ich brauchte zwei Jahre, um es zu verstehen.“ Soll heissen, nur weil man etwas nicht verstehe, sei es noch lange nicht einfach bloss verrückt. Man müsse sich halt eingehend damit auseinandersetzen.

Sympathisch war, dass er seine Frau Pascale auf die Bühne holte, als die Frage nach Kunst und Privatleben kam, und sie sprechen liess. Sie war ja die Kostümdesignerin bei La danza de la realidad und Poesía sin fin und bestätigte, dass sich gerade bei diesem Paar das Leben nicht von der Kunst trennen lässt.
Es gab dann auch lange Ausführungen zur griechischen Mythologie oder zum Schamanismus – an einer Stelle demonstrierte Jodorowsky an seiner Frau ein Ritual, bei dem man zum Schein die Augen entfernt. Einer der Fragesteller war mit seiner Freundin da und Jodorowsky wies die beiden an, sich zu umarmen. „Testet alle Möglichkeiten der Umarmung aus. Das ist wie im Kamasutra.“ In der Umarmung könne man das Universum spüren.
Eine Fragestellerin ging noch einen Schritt weiter und bat Jodorowsky selbst um eine Umarmung. Das gab dann eine Gruppenumarmung zusammen mit Jodorowskys Frau und dem Begleiter der Fragerin. Zum Glück macht Jodorowsky Filme – er könnte genau so gut ein Sektenführer sein.

 
Der Wunsch nach der Schwerelosigkeit

Im Fuori concorso sind aktuelle Werke zu sehen, die es eben nicht in den Wettbewerb geschafft haben. La natura delle cose lief in Locarno als Weltpremiere und ist der erste Langfilm der italienischen Dokumentarfilmerin Laura Viezzoli. Darin begleitet sie einen Mann, der an ALS leidet.

Zu den ersten Eindrücken gehört das Klicken des Monitors, mit dessen Hilfe Angelo – so heisst der Kranke – mit seiner Umwelt kommuniziert. Eine Kamera ist auf eines seiner Augen gerichtet und registriert die Bewegungen, mit der Angelos Blick über die Tastatur auf dem Bildschirm fährt. Es ist die einzige kontrollierte Bewegung, zu der der ansonsten vollständig Gelähmte noch in der Lage ist. Jedesmal, wenn sein Auge auf einem Buchstaben fixiert ist, macht es „klick“. Der Vorgang ist unerträglich langsam. Angelo: „Wörter werden zu Bergen, die man barfuss besteigt.“
Regisseurin Viezzoli geht dann auch schnell dazu über, ihre Gespräche mit Angelo zusammen mit einem Schauspieler nachzustellen (der Kranke wünscht sich einen Schauspieler mit einem Bariton, am liebsten Nino Manfredi – der zu dem Zeitpunkt allerdings auch schon ein paar Jahre tot ist).

So hören wir Angelo, wie er von seinem Leben und seinen Ängsten erzählt. Er war zum Beispiel Priester, bevor er eine Frau kennenlernte und heiratete. Und trotz seines tiefen Glaubens verweigert er alle lebenserhaltenden Massnahmen – dennoch überschreitet er die übliche Lebenserwartung um mehrere Jahre. Tag für Tag lässt er dieselben mühsamen Routinen über sich ergehen. Ob ihm die Pfleger eine Strickjacke anziehen oder ihn abends mit einem Kran ins Bett bringen: selbst die einfachsten Vorgänge brauchen ewig viel Zeit.
Und als ob das nicht schlimm genug wäre, nimmt die Beweglichkeit von Angelos Augen zunehmend ab. Die Rekalibrierung des Monitors wird immer schwieriger, die letzte Möglichkeit der Kommunikation wird ihm allmählich entzogen.

Dieser Mühsal stellt Viezzoli Archivaufnahmen von Weltraummissionen entgegen: Italien aus dem Orbit; Astronauten, die mit einem Mondfahrzeug herumrasen. Das ist genau die Freiheit und Schwerelosigkeit, die Angelo verwehrt ist. Der Film hat immer wieder meditative Momente, die Viezzoli solchen Bildern und der Musik überlässt. Wunderschön.

sala2016

Das Problem mit dem Gürtel

Ein Junge versucht sich Hosen anzuziehen, schafft es aber einfach nicht, den Gürtel richtig herum zu schnallen. Er ist Autist – und eine Plage für seine ältere Schwester. Sie kümmert sich um ihn, da der Vater ein nutzloser Alkoholiker und die Mutter mit dem Baby zu einem anderen Mann geflüchtet ist. Überfordert und frustriert, geht das Teenager-Mädchen mit ihrem Bruder nicht besonders feinfühlig vor. Eigentlich möchte sie lieber mit ihren Klassenkameradinnen feiern gehen.
Als nun die Erstkommunion des Bruders ansteht, sieht das Mädchen die Chance zu einer Familienzusammenführung: Sie überredet die Mutter, an die Feier zu kommen – und gleich zu bleiben.

Natürlich geht das nicht lange gut, aber so voraussehbar das auch ist: Melodrama kommt keines auf. Komunia hat keine grosse Katastrophen und nur am Rande eine klassische Dramaturgie. Die junge Regisseurin Anna Zamecka schildert in ihrem Erstling einfach den Alltag einer dysfunktionalen polnischen Familie, die Ängste und Hoffnungen eines Mädchens. Eben weil der Film aus seinem Thema keine Soap Opera macht, berührt er umso mehr – das unterscheidet ihn vom ähnlich angelegten Schweizer Drama Left Foot Right Foot. Zugute kommt Komunia zudem, dass Anna Zamecka im Gegensatz zu Germinal Roaux mit einem echten autistischen Jungen gearbeitet hat – Komunia ist ja eigentlich auch ein Dokumentarfilm, der sich allerdings einer klaren Abgrenzung zum Spielfilm weitgehend verweigert. Gerade das macht seinen Reiz aus.

Komunia lief im Programm der Semaine de la critique, das organisiert wird vom Verband der FilmjournalistInnen und jedes Jahr sieben Dokumentarfilme präsentiert. (Hinweis: Ich bin auch im Verband, wenngleich ich darüber hinaus mit der Sdlq nichts zu tun habe.)

 
So! Das war also mein Tag in Locarno.

 
Offizielle Webseite des Festivals
Die PreisträgerInnen von 2016

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