Mein Herrchen ist ein Tintenfisch

Grundsätzlich ist Pallas oder die Heimsuchung ein Invasionsroman: Eine technisch weit überlegene Rasse überfällt die Erde, tötet einen Grossteil der Bevölkerung und macht alles kaputt. Ein paar hundert oder tausend Menschen lassen die Aliens (die Tintenfischen ähneln) jedoch am Leben und nehmen sie mit auf ihren Heimatplaneten Pallas. Nach und nach stellt sich heraus, oder lässt sich zumindest vermuten, dass der Plan der Palladier schlicht darin besteht, sich die überlebenden Menschen als Schosstiere zu halten. Das erinnert an H.G. Wells‘ War of the Worlds, nur dass die Überlegenheit der Palladier total ist: Die Menschheit ist in kürzester Zeit unterworfen und es gibt keinen deus ex machina in Form irgendwelcher Grippeviren, die die Erde vor den Invasoren retten würde.

Die Handlung schildert uns ein Ich-Erzähler aus seiner äusserst beschränkten Perspektive. Er versucht verzweifelt, aus den Vorgängen einen Sinn zu ziehen, doch die Aliens und ihre Welt sind ihm als Menschen derart fremd, dass ihm das auch nach Jahrzehnten nicht gelingt. Wenn er den Palladiern irgendwelche Motive oder Beweggründe unterstellt, drängt sich der Verdacht auf, dass er sie unzulässig vermenschlicht — dessen ist sich der Erzähler allerdings auch selbst bewusst.
Die Übermacht der Ausserirdischen beisst sich mit dem Chauvinismus des Erzählers: Als patriotischer Franzose und Ex-Soldat fühlt er sich Schwarzen oder Frauen überlegen, ergibt sich umgekehrt aber auch einer Art Sklavenmentalität der tintenfischenen Herrenrasse gegenüber. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als den Palladiern seine Intelligenzu zu beweisen, zumindest ansatzweise eine Kommunikation auf Augenhöhe herzustellen — doch es bleibt dabei: Für die Palladier sind die Menschen nicht viel mehr als das, was ein Chihuahua für uns ist.

Ebenso eindrücklich wie die Fremdheit der Aliens, ist in Pallas auch der Untergang der menschlichen Zivilisation beschrieben. Die entführten Menschen haben nicht mehr bei sich als die Kleidung auf dem Leib, und diese ist nach ein paar Jahren verrottet. Sie konnten keine Werkzeuge oder sonst irgendwelche Gegenstände mitbringen. Der Planet selbst bietet bloss flachen Boden, iglu-artige Häuser und Steine, die alle aus demselben, leicht weichen Material bestehen — unmöglich, hier irgendwas herzustellen. Oder irgendwas aufzuschreiben. Nackt und untätig stromern die Menschen herum. Die Palladier füttern sie mit einem Brei, alle Ausscheidungen werden vom Boden automatisch absorbiert. Weil es sonst nichts zu tun gibt, haben die Leute viel Sex. Den unerwünschten Nachwuchs sortieren die Palladier aus.
Die übrigen Kinder wachsen heran — und für sie ist das Leben auf Pallas ganz normal; die Erde kennen sie nur noch aus Erzählungen. Mehr und mehr erkennt der Ich-Erzähler, dass die Menschheit der Zukunft eine völlig andere sein wird. Die Niederlage ist komplett, Hoffnung gibt es keine.

Über den Autor: Informationen zu Edward de Capoulet-Junac findet man nicht so ohne weiteres. Angeblich ist er 1930 geboren und hat neben Pallas nur einen weiteren Roman geschrieben: L’ordonnateur des pompes nuptiales (1961) — anscheinend wurde dieser nie auf Deutsch übersetzt. Ab und an liest man Mutmassungen darüber, dass „Edward de Capoulet-Junac“ ein Pseudonym sei. Aber Autor und Werk sind wohl schlicht zu unbekannt, als dass man darüber jemals Näheres erfährt.

Pallas oder die Heimsuchung (Pallas ou la tribulation)
Von Edward de Capoulet-Junac
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985
Erstveröffentlichung 1967 (Frankreich)

Französische Kritik zum Roman.

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