Der Selfiestick als Symbol unserer Epoche

Buchrezension | Im Essayband Die Welt im Selfie beschreibt der Journalist Marco d’Eramo (73) unsere Gegenwart als touristisches Zeitalter. Welche Rolle spielen Selfies in diesem? Und wieso macht sich ein Reisender etwas vor, wenn er sich vom Pauschaltourist distanziert?

Als ich mit der Allerliebsten das erste Mal in London war, besuchten wir unter anderem den Tower. In den Innereien der Anlage, im zweiten Stock des sogenannten White Tower, befindet sich die St John’s Chapel. Der Platz ist beschränkt, die Anzahl an Touristen hoch. Eine Tafel weist darauf hin, dass es verboten ist, Bilder zu schiessen. Trotzdem fuchtelte ein Mann aus einer italienischen Reisegruppe mit seinem Selfiestick herum – auf der Suche nach dem perfekten Winkel – und hätte damit beinahe den Kopf der Allerliebsten erwischt. Sie wurde wütend, packte den Selfiestick und wies den Besitzer in deutlichen Worten auf das Fotografieverbot hin. Den Stick durfte er aber behalten.

Dieser Mann ist für uns ein abschreckendes Beispiel geblieben: Teil einer Reisegruppe, laut und rücksichtslos, fotografiert wie bescheuert, statt sich auf den Moment einzulassen. Vor allem aber: Selfiestick. Brrrr. So wollen wir keinesfalls sein.

 

Reisende vs. Touristen

„Touristen sind immer die anderen“, so steht es auf dem Buchrücken von Marco d’Eramos Die Welt im Selfie. Das bringt eine weitverbreitete Praxis auf den Punkt: Dass man sich selbst als Reisenden sieht und sich als solcher von den Touristen distanziert. Elite gegen Pöbel.

Diese Unterscheidung zwischen dem Reisenden und den Touristen, so d’Eramo, ist von Anfang an (spätestens ab dem 19. Jahrhundert, als sich der moderne Tourismus entwickelt) Teil des touristischen Denkens – und dieses Denken ist massgeblich eine Frage der Klasse:
Der Adel schaut auf das Bürgertum herab, als dieses die Mittel und Möglichkeiten erhält, zu reisen. Und das Bürgertum schaut auf das Proletariat herab, als dieses die Mittel und Möglichkeiten erhält, zu reisen. Der Dünkel gegenüber dem Touristen ist so gesehen der Dünkel der unteren Klasse gegenüber — oder gegenüber der eigenen Klasse gegenüber, aus der man aufsteigen will. Wenn schon nicht materiell, dann zumindest kulturell: „Ich hab zwar kein Geld, aber wenigstens hab ich die richtige Gesinnung.“
Man bedenke stattdessen: Der Pauschalreisende reist oft pauschal, weil er aufgrund seiner ökonomischen Umstände weder über die Mittel noch über die Zeit (die Arbeitsstelle wartet) verfügt, um als Rucksacktourist loszuziehen. Ein Student dagegen, besonders einer aus gutem Hause, kann es sich leisten, ein paar Monate durch Asien zu trampen.

An d’Eramos Vorgehen schätze ich vor allem, dass er sich der wohlfeilen Kulturkritik entzieht. Im Nachwort meint er dazu:

Erst nach und nach wurde meine Unduldsamkeit, meine Irritation angesichts der klassistischen, oftmals offen reaktionären Andeutungen geweckt, die sich noch in den radikalsten, linkesten, antikapitalistischsten Kritiken breitmachen. Erst mit immer eingehenderem Studium wurde mir bewusst, dass hinter der Kritik am Tourismus nur die Weigerung steckte, sich im Spiegel zu betrachten und zu erkennen, dass die touristische Wahrnehmung bloss die besondere Weltwahrnehmung unserer Gesellschaft ist. (S. 293)

Wer mit dem Rucksack durch den asiatischen Urwald trampt und sich dabei zum Reisenden verklärt, verschleiert bloss, dass er genau so ein Teil des Systems ist wie der Tourist, der eine Pauschalreise unternimmt und mit irgendwelchen anderen Trotteln als Gruppe im Bus herumfährt. Selbst noch im besten Fall ist der Rucksacktourist wenig mehr als die Vorhut für die nachkommende Industrie. Er will stets jene Orte finden, an die der Tourismus noch nicht gelangt ist – bringt aber gerade damit den Tourismus dorthin. Indem der Reisende das Authentische sucht, zerstört er es.

 

Mark Twain war der erste Post-Tourist

Zugegeben, das ist ein Erkenntnis, die sich inzwischen herumgesprochen hat – man muss schon arg unreflektiert sein, um sich selbst als wahren Reisenden zu verstehen. Auch die Allerliebste und ich waren uns stets bewusst, dass wir uns zwar gern über andere Touristen aufregen, selbst aber doch immer Touristen bleiben. Um auf das vorherige Beispiel zurückzukommen: Uns ging zwar der Selfiestick-Typ auf die Nerven. Aber wir stellen auch fest, dass wir ebenso wie er Teil der Touristenmassen waren, die den Tower of London mit ihrer Anwesenheit verschandelten.

Für diesen Reisenden, der sich bewusst ist, dass er eigentlich nur ein Tourist ist, gibt es eine eigene Kategorie, nämlich die des Post-Touristen. Und d’Eramo zeigt schön, dass auch dieser Post-Tourist nichts Neues, sondern von Beginn weg ein Auswuchs des Tourismus ist.
Er findet ein frühes Beispiel dafür: Mark Twain. 1867 nahm dieser an der allerersten amerikanischen Kreuzfahrt (von New York aus zum Mittelmeer) teil. Im Buch The Innocents Abroad(1869) beschrieb er nicht nur diesen Meilenstein des modernen Tourismus, sondern machte sich bereits darüber lustig. Touristische Selbstironie.
Anmerkung am Rande: Twain schrieb noch weitere solche Reiseberichte, und zu seinen Lebzeiten verkauften sich diese Bücher um einiges besser als die über Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Ein letztes Mal zurück zu den Selfies: Selbst die Versessenheit, das festzuhalten, was man als Tourist sieht, ist der DNA des Tourismus eingeschrieben. So war es Brauch, noch vor der Entstehung des modernen Tourismus, dass Aristokraten ihren Nachwuchs auf grosse Reisetouren schickten:

Ein Rat, den man den abreisebereiten Sprösslingen unermüdlich mit auf den Weg gab, lautete, stets einen Zeichenblock bereitzuhalten, um Landschaften oder spektakuläre Anblicke, denen sie auf der Reise begegneten, zeichnerisch […] festhalten zu können, was den Effekte hatte, dass die Reisenden bei allem, was sie beobachteten, das „Malbare“ privilegierten. So kam es zur Entstehung der Kategorie des „Pittoresken“ (wörtlich „was sich zum Malen eignet“) […] (S. 22)

 

Las Vegas als Vorbild

Aber d’Eramo geht über den Tourismus an sich hinaus. Seine These ist eben jene, dass wir uns im touristischen Zeitalter befinden. Und er versucht, dieses Zeitalter zu charakterisieren. Er zeigt zum Beispiel, dass unsere Städte auch deshalb der Gentrifizierung anheimfallen, weil sie zur Kulisse für den Tourismus umfunktioniert werden – und dass ausgerechnet der Denkmalschutz dazu beiträgt, indem er aus Stadtzentren Freilichtmuseen macht.
Zugleich wehrt sich d’Eramo stets dagegen, den Tourismus als etwas rein Negatives zu begreifen. So bringt er seine Bewunderung für Las Vegas zum Ausdruck, eine der wenigen Städte in den USA, in denen die Gewerkschaften stark sind – denn anders als im Autobau oder bei der Landwirtschaft können die Chefs der Casinos und Hotels die Arbeit der Tourismus-Industrie nicht einfach ins Ausland auslagern. Und haben damit ein Druckmittel weniger gegen die Arbeiter.

Ab und zu driftet d’Eramo etwas weit vom Thema ab – da schreibt er zum Beispiel von der Sehnsucht nach der Fremde und landet irgendwann bei der Obsession des 20. Jahrhunderts für Ausserirdische: Diese sei umso grösser geworden, je weniger wir in unserem Alltag mit Tieren zu tun hatten. Als Jäger und Bauern standen wir noch in engem Kontakt mit dem Kreaturen um uns herum; nun sind wir weitgehend allein (von ein paar Haustieren abgesehen) – so allein, dass wir anfangen, in den Weiten des Universums nach Gesellschaft zu suchen.

Vielleicht ists schon aufgefallen: Man merkt d’Eramos Sprache mitunter an, dass er einst bei Pierre Bourdieu Soziologie studierte, und es hilft bei der Lektüre wohl, wenn man schon von marxistischer Theorie und solchen Sachen gehört hat — insgesamt ist Die Welt im Selfie aber im essayistischen Stil und recht süffig geschrieben.
Manchmal etwas allzu süffig: An einer Stelle zitiert d’Eramo den Brief „eines ausserirdischen Freundes“ (S. 80f.). Dieser wundert sich darüber, dass die Menschen sich jeweils im Sommer in „schachtelförmige Exoskelette aus Metall“ (Autos) zwängen und von den Ballungszentren an die Strände fahren. Zum Glück greift der Autor nur selten auf humoristische Einschübe dieser Art zurück.

Das Thema des Umweltschutzes kommt übrigens eher am Rande vor, und spezifisch die Diskussion um den Flugverkehr gar nicht. Dafür war Marco d’Eramo mit seinem Buch knapp zu früh dran.

 
Interview mit Marco d’Eramo bei der WOZ.
„In Italien besteht der Fehler darin, dass man Touristen als Hühner begreift, die es zu rupfen gilt, obwohl man sie besser wie Kühe behandeln sollte.“

Comic von Saile Klein zum Thema.

Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters
Von Marco d’Eramo
Suhrkamp 2018
363 Seiten
Original: Il selfie del mondo. Indagine sull’età del turismo, Feltrinelli 2017
Aus dem Italienischen von Martina Kempter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s