Die naive Kleinbürgerin

Nach der Chronologie der Publikation handelt es sich bei Hedwig Dohms Schicksale einer Seele um den zweiten Band ihrer Generationen-Trilogie. An diese Folge hält sich die Werkausgabe Edition Dohm. Der Logik der Trilogie zu Folge ist es der erste Band. (Den zuerst publizierten Band Sibilla Dalmar habe ich bereits besprochen.)

Unter editorischen Gesichtspunkten ist beim zweiten Band der Edition Dohm zu vermerken, dass er wiederum ein kluges Vorwort enthält. Die Herausgeberinnen gehen auf die formale Aspekte ein (gewisse Rezepient_innen kreiden dem Roman Dohms einen „schlichten Stil“ an) und kritisieren dabei auch die feministische Literaturwissenschaft, die in ihrer Dohm-Rezeption patriachale Ästhetik-Vorstellungen reproduziert und die stilistischen Finessen übersehen habe. Auch auf die Frage, ob es sich beim vorliegenden Roman um eine fiktionalisierte Autobiographie handelt, gehen sie ein und weisen auch in diesem Zusammenhang auf die Reproduktion ungeprüfter Aussagen und Annahmen hin. Im Gegensatz zum ersten Band der Edition enthält dieser angenehmerweise im Anhang Personen- und Sachanmerkungen, neben der schon aus dem ersten Band bekannten Dokumentation zeitgenössischer Rezensionen.

In einer Vorrede schreibt die Ich-Erzählerin Marlene an einen engen Vertrauten. Was es mit dem „schlichten“ Stil auf sich hat, erklärt sich hier: Er möchte gerne mehr über ihre Vergangenheit erfahren, weshalb sie sich daransetzt, autobiographische Briefe an ihn zu richten. Marlene kommt dabei der Forderung ihres Vertrautens nach, der diesen Stil von ihr verlangt. Wie Sibilla Dalmar ist dieser Roman durch eine dialogische Konstruktion charakterisiert.

In unterschiedlich langen Passagen erzählt Marlene von ihrer Kindheits- und Jugendzeit, wie sie in einer geistlos-kleinbürgerlichen Familie Berlins aufgewachsen ist und erzogen wurde. Neben kleinen Liebeleien und der Beschreibung verschiedener Personen dieses Milieus erwähnt sie auch grauslige Lehrer, die ihr oder Mitschülerinnen näher kamen, als der Anstand jemals erlaubt hätte. Schockiert sei sie vor allem gewesen, da es sich bei einigen dieser Männer um respektierte Familienväter gehandelt habe. Auch schreibt sie, dass sie erst, nachdem sie älter geworden war, verstehen lernte, was geschehen war.

Im Gegensatz zu Sibilla wächst wächst Marlene nicht in grossbürgerlichen Verhältnissen auf. Marlenes Mutter spart an allen Ecken – um das Geld für elegante Kleidung für sich und ihre Kinder auszugeben. Lesen ist Marlene eigentlich verboten, doch sie tut es heimlich, wird sie dabei erwischt wird, wird ihr das Buch weggenommen. Das lebendige geistige Interesse, das sie in ihrer Jugend zeigt, wird höchstens als Störfaktor wahrgenommen. Aufgrund ihrer Erziehung, die sich vor allem durch Abwesenheit einer Vorbereitung aufs Leben kennzeichet, bleibt sie lange in einer für sie äusserst gefährlichen Naivetät und in einer sie schädigenden Unwissenheit befangen. Auch in ihrer Ehe gibt es für sie weder Zeit noch Raum sich zu bilden.

„Mir fehlte es auch für ernste Lektüre an Ruhe. Immer war mein Sinnen und Trachten auf Walter [ihren Ehemann] gerichtet, und auf meine Hausfrauenpflichten. Da tauchte vielleicht plötzlich mitten in einem schwierigen philosophischen System ein Stück Käse vor meinem inneren Auge auf, das ich vergessen hatte, unter die Glasglocke zustellen, oder der Schreck über das Bier, das wieder einmal nicht auf Eis lag, überwog das Interesse an Kants Zeit- und Raumproblemen.“

Ihre Hochzeit war trist. Ihr Ehemann Walter verhält sich ihr gegenüber launig, acht- und respektlos. Er ist so frei, wie sie unfrei ist. Marlene wäre gerne Schauspielerin geworden, sie glaubt, Walter hätte von dieser Idee überzeugt werden können, doch es gab niemanden, der oder die sie gefördert hätte. Und sie liess sich ja schnell entmutigen.

Marlene wird von Walter gedemütigt, seine Affären zu verheimlichen bemüht er sich auch nicht sonderlich, und vom Dienstpersonal wird sie ebenfalls nicht respektiert. Walter nimmt sie kaum wahr und hält sie sozial isoliert, indem er sie höchst selten ihn an gesellschaftliche Anlässe begleiten lässt. Sie ist eine dieser Frauen, von denen es in der Hymne des femmes heisst: „Dans toutes les maisons, les femmes / Hors du monde reléguées.“ Während sie zunehmend Eintritt in die Salon-Gesellschaften erhält, stellt sie, auf sich bezogen, die Wirkung eines Pygmalion-Effektes fest: „Halte jemanden für einfältig, und du hinderst ihn, anders zu erscheinen.“ Doch die Isolation bezieht sich nicht bloss auf physische Separierung; sie setzt sich auch in den Salons fort. In der darauffolgenden Strophe der Hymne des femmes heisst es:

Seules dans notre malheur, les femmes

L’une de l’autre ignorée

Ils nous ont divisées, les femmes

Et de nos soeurs séparées.

Ein Bewusstsein dafür geht den Frauen, die in der Salonwelt verkehren, ab. Patriachale Mechanismen wirken darin insofern, als sie als „Frau / Liebhaberin von…“ auftreten, also über die Männer definiert sind, diese Definition akzeptieren und sich am Spiel der Intrigen und gegenseitigen Denunziation und der diffamierenden Gerüchteküche aktiv beteiligen.

Erst mit Marlenes Bekanntschaft mit der Adligen Charlotte beginnt für sie dieser Zustand aufzubrechen. Letztere nimmt sie in ihre Obhut, erzählt ihr und klärt sie darüber auf, was sich hinter dem schönen Schein der Salonwelt tatsächlich ereignet. Marlene glaubt ihr zwar, doch fühlt sie sich dadurch noch hilfloser, da sie noch stärker verspürt, wie unbefähigt sie ist bzw. sich fühlt, aktiv zu handeln.

Der Generationenunterschied und die Differenz der sozialen Herkunft zwischen Marlene und Sibille ist deutlich. Während erstere sich zunächst einmal aus ihrer Naivetät und ihren Minderwertigkeitsgefühlen befreien musste, hatte zweitere das Glück, eine verhältnismässig emanzipative Erziehung erhalten zu haben. Verhältnissmässig, denn sie beklagt sich in einem Brief an ihre Mutter einmal, viel zu sehr durch die Fesseln ihrer Erziehung zurückgehalten zu werden.

Ohne sich zur Scheidung entschliessen zu können, zieht Marlene aus der Entfremdung zwischen Walter und ihr die Konsequenz auf Abstand zu gehen. In dieser Zeit lernte sie Arnold, den Adressaten ihrer Autobiographie, kennen. In diesem Zusammenhang kritisiert Marlene die gesellschaftliche Verpönung inniger Freundschaften zwischen Frauen und Männern.

Für die Erholung, derer Marlene dringend bedarf, reist sie nach Rom zu Arnolds Schwester. Die Befreiung aus der Gesellschaft, in der sie sich bis anhin aufhalten musste, führt zu Erlebnissen der Befreiung und einem Bruch: „Bei Tag schrieb ich die Geschichte meiner Vergangenheit, abends oder in der Nacht meine Geschichte in Rom.“ Auch zu Arnold wird sie auf Abstand gehen.

Marlene glaubt im Zuge ihrer Reflexionen zu erkennen, dass sie sich einfach in alles gefügt und falsche Vorstellung gehabt habe, und entdeckt ihre Eigenverantwortung.

Hedwig Dohm: Schicksale einer Seele.
Hg. von Nikola Müller und Isabel Rohner. Edition Hedwig Dohm, Band 2. Berlin 2007.
Drei Generationen: Schicksale einer Seele | Sibilla Dalmar | Christa Ruland
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