Die Nietzscheanerin

Der Roman Sibilla Dalmar aus dem Jahr 1896 ist eigentlich der zweite Teil von Hedwig Dohms (1831–1919) Drei-Generationen-Trilogie. Chronologisch betrachtet ist Sibilla Dalmar jedoch der erste publizierte Roman. (Die Besprechung von Dohms zweiten Roman findet sich hier.) Im Vorwort zum zweiten Roman beschrieb Dohm die mit der Trilogie verbundenen Idee:

In drei Romanen wollte ich drei Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts schildern, deren Repräsentantinnen, den Durchschnitt zwar überragend, doch Typen ihrer Zeit sein sollten. […]

Es würden demnach meine drei Frauengenerationen die Lebensbilder von Grossmutter, Tochter und Enkelin entrollen.

Alle drei Romane dienen der Illustrierung des Pindarschen Spruches: ‚Werde, die du bist.‘

Die Herausgeberinnen Nikola Müller und Isabel Rohner orientieren sich für die Edition Dohm, in der sie das Werk der radikalen Feministin wieder zugänglich machen, an der chronologischen Publikationsfolge. So ist 2006 beim trafo Verlag in Berlin Sibilla Dalmar als der erste Band dieser Edition erschienen.

Sibillas Mutter liest im Tagebuch der Tochter – dies ist nicht als Verletzung der Privatsphäre zu verstehen, sie selbst hätte es ihr erlaubt –, während sie darauf wartet, dass Sibilla mit ihrem Vater vom Ball zurückkehrt. Das Tagebuch charakterisiert sie als ehrgeiziges intelligentes Mädchen. Hier ist es noch die Erzählerin, später Sibilla Dalmar selbst, die der Struktur, der Erscheinung und den Auswirkungen der patriachalen Gesellschaft nachspürt:

Sibilla liebte ihre Eltern, den Vater ein wenig mehr als die Mutter, den lieben berühmten Vater, der nebenbei auch als Persönlichkeit so charmant war, während die Mutter nur Mutter war. Sibilla kam es gar nicht in den Sinn, dass diese Mutter auch ein Leben für sich haben könnte. Und in der Tat, sie hatte keins.

Die Erzählerin berichtet nun von Sibillas Jugend und ersten Liebesannäherungen zwischen ihr und Männern. Sibilla stutzt jedoch, als sie bemerkt, dass sich diese durchaus nur vorübergehend für sie interessieren. „Anfangs litten ihr Stolz und ihre Eitelkeit unter den Kränkungen, deren Ursache sie bald durchschaute. Dann aber bäumte sich dieser Stolz dagegen auf, er wuchs darunter. Sie wurde übermütiger, kälter, anspruchsvoller; sie liess ihren Launen freien Lauf. Sie wurde bewusstlos koketter – eine Art Rache: Wie du mir, so ich dir.“ Sibilla wird immer illusionsloser.

Den Kern dieses Romans machen die Briefe aus, welche Sibilla an ihre Mutter schreibt, nachdem sie von Berlin weg nach München gegangen ist. (Es sind nur diese Briefe wiedergegeben.) Einmal diskutiert sie mit ihrer Mutter darüber, was sie tun solle. Zwar könnte Sibilla an die Universität Zürich gehen, um zu studieren, doch wozu, fragt sie, wenn es doch keine Berufsaussichten für Frauen gäbe? So stelle das Studium noch keine Möglichkeit dar, dem Heiratszwang zu entkommen. Mangels Alternativen heiratet Sibilla einen Bankdirektor in spe, den sie recht sympathisch findet.

Durch Sibillas Briefe an ihre Mutter erscheinen kaleidoskopisch die verschiedensten Aspekte der höheren Münchener Gesellschaft. Einerseits fühlt sie sich als – nietzscheanische – Einzelne, philosophische Avantgarde, die sich in dieser Gesellschaft einsam fühlt, von einer für Frauen besseren Gesellschaft träumt – andererseits ist sie durch und durch von ihrer grossbürgerlichen Erziehung geprägt; über die Münchener Spiessbürger_innen, die in der Gesellschaft verkehren, schreibt sie verächtlich von oben herab. So berichtet sie ihrer Muter einmal von einer Frau, die eine schlechte Schneiderin habe.

Sibillas Sprache ist gehoben, für die Verwendung salopper Redensarten bittet sie ihre Mutter um Entschuldigung.

Das Erscheinen des Romans sorgte für einen Skandal in der Münchener Gesellschaft, die sich darin wiederzuerkennen glaubte. Das Pikante des Romans – das jedoch nicht dessen Hauptsache ist – zeigt sich darin, dass Sibille ihrer Mutter auch berichtet, welche Frauen und Männer miteinander gerade Liebesaffären pflegen. Aus ihren Schilderungen wird klar: Die bürgerliche Gesellschaft hält zwar noch an der Institution Ehe fest, doch ist diese längst schon untergraben.

Mit Sibilla Dalmar hat Dohm eine glaubwürdige komplexe Figur geschaffen. In ihren Briefen kommt die ganze Widersprüchlichkeit eines Menschens zur Darstellung. Da ist auf der einen Seite Sibillas nietzscheanisch-sozialistischer Traum einer besseren Gesellschaft und auf der anderen Seite unvermittelt daneben die Sehnsucht nach biederlicher Romantik und trauter Zweisamkeit mit einem – intelligenten – Mann.

Sibilla beschliesst einmal, allein zu einer Wanderung aufzubrechen. Während diesem Ausflug lernt sie den Sozialisten Albert Kunz kennen. Mit seinem Auftreten erscheint für Sibilla eine Reibfläche, eine Figur, mit der sie sich über ihre Ideen unterhalten und diese präzisieren kann. Diese Gespräche sind gerade aufgrund der Widersprüchlichkeiten, die sich darin manifestieren, interessant: Ihrer Mutter gegenüber kritisiert sie einmal Albert Kunz, dass er, Reden über Freie Liebe zum Trotz, der patriachalischen Denkweise verhaftet bleibe. Sibilla rechtfertigt jedoch ihm gegenüber, obwohl sie Sympathien für den Sozialismus hat, ihr luxuriöses Leben, indem sie darauf hinweist, dass sie nun einmal daran gewöhnt sei und nicht darauf verzichten könnte.

Die Herausgeberinnen sind offensichtlich darum bemüht, eine Edition zu erstellen, die einerseits den literaturwissenschaftlichen Standards entspricht, andererseits aber auch einem breiten Publikum zugänglich ist. Auf das Werk der heute kaum noch bekannten Dohm soll ja aufmerksam, es wieder zugänglich gemacht werden.

Im Vorwort analysieren sie die bisherige Dohm-Rezeption und widerlegen unfundierte Behauptungen. So habe Dohm in kaum überarbeiteter Form die Briefe ihrer eigenen Tochter in den Roman eingarbeitet. Diese Briefe sind jedoch verschollen und die Behauptungen deshalb gar nicht verifizierbar.

Die Herausgeberinnen machen auch ihre Editionsprinzipien transparent. Im Anhang wird ausserdem auswahlsweise die zeitgenössische Dohm-Rezeption dokumentiert. Einzig der Wunsch nach Sachanmerkungen bleibt in diesem Band leider unerfüllt. Dies ist doch etwas bedauernswert, da Sibilla Dalmar, als Tochter aus grossbürgerlichem Hause, immer wieder sich auf kulturelle, tagespolitische und gesellschaftliche Aktualitäten bezieht, die heute nicht mehr unmittelbar vertraut sind. Auch wenn sie Literatur zitiert, wäre mensch bisweilen um eine kurze Erläuterung froh.

Gerade da es sich um den ersten Band der Edition Dohm handelt, wäre eine grösser angelegte Einführung zu und Übersicht über Hedwig Dohm und ihr Leben, Werk und deren gesellschaftlichem Kontext wünschenswert gewesen. Die von den Herausgeberinnen dokumentierte Rezeption zeugt davon, dass Dohm einmal durchaus Bekanntheit genossen hatte, heute muss sie jedoch erst wieder entdeckt werden; deshalb wäre es von Vorteil gewesen, zumindest einen Abriss über ihr Leben zu geben und den historisch-gesellschaftlichen Kontext zu erschliessen, in dem Hedwig Dohm geschrieben hat. Sicher wäre es sehr interessant und zum besseren Verständnis auch wichtig zu wissen, was es am Ende des 19. Jahrhunderts hiess, als Frau nicht nur zu schreiben, sondern dabei auch radikal-feministische Positionen zu vertreten.

Nichtsdestotrotz ist den Herausgeberinnen und dem Verlag dafür zu danken, dass sie Hedwig Dohms Werk endlich wieder zugänglich machen.

Hedwig Dohm: Sibilla Dalmar. Hg. von Nikola Müller und Isabel Rohner.

Trafo Verlag Berlin 2006.

Drei Generationen: Schicksale einer Seele | Sibilla Dalmar | Christa Ruland
Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s