Hier kommt Christa

Christa Ruland ist der Abschluss Hedwig Dohms Generationen-Trilogie, erschienen 1902. (Hier gehts zur Besprechung des ersten Teils und hier zu jener des zweiten.) Aus dem Buch weht einem die Jahrhundertwende entgegen, die Moderne ist angebrochen. Im Gegensatz zu den Protagonistinnen der ersten beiden Teile ist Christa Ruland keine tragische Einzelne. Im Gegenteil, sie ist Teil einer freundschaftlich verbundenen Frauengruppe, die mehr oder minder non-konformistisch gesinnt ist. Neben Christa, die eigentlich Volksrednerin werden will, sind da die Schriftstellerin Julia und die Malerin Anselma, aber auch eine professionelle Radfahrerin in Pumphosen steht mit ihnen in Verbindung.

Der Umstand, dass diese Frauen eine Gruppe bilden, stellt freilich einen wesentlichen sozio-psychologischen Unterschied dar im Vergleich zu den beiden anderen Romanen: Die Frauen bestärken einander in ihren Ambitionen und motivieren sich gegenseitig – es bleibt jedoch nicht aus, dass sie sich gegenseitig ironisieren, vielleicht ahnend, dass die Moderne nicht so recht für sie angebrochen ist. So lässt sich Julia auf Redakteure ein, geht mit ihnen Abendessen oder – auch wenn sie es nicht so wahrnimmt – prostituiert sich für diese, um „im Gegenzug“ Förderung zu erfahren. Die anderen sind leicht skandalisiert, doch Julia rechtfertigt sich, so Liebe und Leben kennenzulernen, was ja notwendig sei, um schriftstellerisches Material zu sammeln. Ob sie daran glaubt oder sich selbst glauben macht – um die tatsächliche Unerreichbarkeit ihres Ziels der Eigenständigkeit nicht eingestehen zu müssen? –, etwas erreichen kann sie nur in Abhängigkeit von Männern, sich von diesen sexuell ausbeuten lassend.

Ihrem Vater steht Christa näher als der Mutter. Diese, eine bürgerliche Parvenue, die Inkarnation des Konformismus, die viel von ihren Salons hält, hat so gar kein Verständnis für die Eigensinnigkeit ihrer zweitältesten Tochter. Sie will Christa einen Reserveleutnant zur Heirat „schmackhaft“ machen, um die Rebellin endlich unter die Haube zu bekommen. In der Annahme, patriarchales Männlichkeitsgetue würde Christa beeindrucken, erzählt ihre Mutter, der Reserveleutnant habe sich duelliert. Christa lässt das kalt:

Als er am andern Tag im Hause erschien, fragte sie [Christa] gleich: „Sie haben sich duelliert?“ Er verneigte sich schweigend. „Haben Sie ihren Gegner zur Strecke gebracht?“
„Nicht ganz“, sagte er und lächelte dabei selbstgefällig. Dieses Lächeln – wahrscheinlich ein Lächeln der Verlegenheit – empörte Christa. Sie sah mit Widerwillen auf seine großen, knochigen Hände. „Ich kondoliere Ihnen, Herr Reserveleutnant.“
„Wozu?“
„Dass Sie bei dem Totschlag nicht geschickter verfahren sind.“
„Christa!“, rief die Mutter entsetzt.
Der junge Mann war totenblass geworden. Grußlos verließ er das Zimmer.

Christas Vater hat sich zwar von seinen sozialistischen Idealen der Jugend verabschiedet und ist, seiner aristokratischen Klientel sich anpassend, konservativ geworden, er entbehrt jedoch nicht eines gewissen Masses Esprits. Bei einem gemeinsamen Ausritt spricht er mit Christa über ihren Widerwillen zu heiraten:

„Es fehlte nur noch, Christel, dass du ‚Genossin‘ würdest.“
„Ist schon im Anzug. Bin eben dabei, Marx, Engels und Lassalle zu studieren und zu finden, dass du zu viel verdienst, Vater.“
Das war für den gefeierten Rechtsanwalt zu viel. Er zog so heftig die Kandare an, dass das Pferd sich bäumte und er Mühe hatte, es zu beruhigen. Er schäumte wie Brunnhild.
„Bleib mir vom Hals mit eurem Sozialismus. Willst du wissen, was der sozialistische Arbeiter ist? Der Proletarier, der stolz darauf ist, dass seine Stiefel Löcher haben und nicht geputzt sind, der sich seine Pauvreté für eine Tugend anrechnet und innerlich darüber erbost ist. Sozialistische Einrichtungen! Natürlich in jeder Werkstatt eine Chaiselongue und Kaminfeuer und jeder Arbeiter nicht nur sonntags sein Huhn im Topf, nein auch seinen Aal in Aspik und seine Gänseleberpastete.“
„Und vergiss das Trüffelmus nicht“, ergänzte Christel seine Rede.

Übrigens bemerkte ihr Vater dieser Szene vorangehend durchaus anerkennend, dass er mit Christa „wie mit Seinesgleichen“ reden könne. Ein Satz, der im Grunde schon sehr viel über die patriarchalen Zustände aussagt. Es verwundert nicht, dass Dohm in der mangelhaften Mädchen- und Frauenbildung eines der grössten Probleme erkannt hatte.

Christa kann jedoch noch so sehr gegen die Heirat sein, in der Sommerfrische wird sie von der Familie ausmanövriert. Sie heiratet den Baron Adrian von Lützow. Ab diesem Zeitpunkt wird die Erzählung mittels der Briefe weitererzählt, die sie an ihre ältere Schwester schreibt. Zwar liebe Christa Adrian, doch störe sie sich an seiner aristokratischen „Glattheit“ und an seinem formalen Verhalten. Auch widersetzt sie sich der Rolle, die mensch ihr zuschreiben will, nicht mehr als von Lützows Anhängsel, bloss Frau Baronin zu sein.
Wenn Christa ihrer Schwester von Leuten berichtet, die sie an Anlässen kennenlernt, erfolgt Seelen- und Personenanalyse und Spott über Geistlosigkeit und Konformismus der höheren Kreise der Gesellschaft, wie sie aus den ersten beiden Teilen der Trilogie schon bekannt sind. Darum wirken sie in Christa Ruland wie Wiederholungen. Viel schöner wäre, wenn es mehr bissige Spötteleien Christas gäbe, die sie im mündlichen Gespräch formuliert, wie die frechen Antworten an ihren Vater.

Es erstaunt keineswegs, dass Alexandra Kollontai gerade diesen Roman der Trilogie als eines ihrer Beispiele auswählte zur Beschreibung des Typus der neuen Frau: Die Frauengruppe des Romans diskutiert diesen Typus selbst. Doch Kollontais Begeisterung, auch für den Roman Dohms, wird im Grunde durch diesen selbst gedämpft: Von den Frauen sieht sich keine als neue Frau. Die Chemikerin Maria Hill schildert, das Studium sei gewiss von Freiheitsgefühlen begleitet gewesen, doch als Chemikerin komme sie nicht vorwärts, sie dürfe nur mechanische Tätigkeiten erledigen. „Überall Riegel und Hindernisse, die einem Mut und Freiheit nehmen. Nein, ich bin nicht zufrieden, aber gar nicht.“

Einen radikalen Entschluss fassend, beschliesst Christa, ihre Wahrnehmung zu ändern. Fortan will sie für ihre Umgebung viel mehr Sensibilität aufbringen und die Routinewahrnehmung durchbrechen. Die erste Konsequenz daraus ist, dass sie beschliesst, Vegetarierin zu werden, nachdem sie am Schaufenster einer Metzgerei innegehalten hat, ein noch blutender Schafskörper hing hinter dem Schaufenster, und sich der Grausamkeit bewusst geworden ist, die der Schlachtung von Tieren innewohnt.

Ein roter Faden, der alle drei Romane verbindet, ist die Kritik der Institution Ehe. Christa bemerkt, dass die behauptete „Einheit in der Ehe“ die Unterdrückung der weiblichen Individualität bedeutet. Deshalb fordert sie Zwei- statt Einheit – allen ihre Individualität. Sie besteht zudem darauf, dass die Partner_innen einen Rückzugsort, sozusagen a room for one’s own haben sollen. Damit ist sie mit Virginia Woolf und Voltairine de Cleyre einig, wobei en passant erwähnt sei, dass Letztere in ihrer Forderung nach gänzlich separierten Wohnräumen der Partner_innen am weitesten ging.

Frank, ein Journalist, mit dem Christa Bekanntschaft geschlossen hat, wird ihr intellektueller Gesprächspartner. Eines Tages hält er es für richtig, ihr Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum zur Lektüre zu geben.*
* Stirners Hauptwerk erlebte im Zuge der Nietzsche-Rezeption tatsächlich eine Renaissance.

Es ist bemerkenswert, dass alle drei Protagonistinnen Individualistinnen sind. Auch Sibilla Dalmar ist Nietzscheanerin. Steht der Individualismus in Zusammenhang mit einem „bürgerlichen“ Denken, das der Autorin zu unterstellen wäre? Ihr Scharfsinn für soziale Probleme und ihr Bewusstsein dafür, dass diese nur gesellschaftlich gelöst werden können, lässt dies abwegig erscheinen. Zuletzt jedoch reflektiert Christa Ruland als einzige auf ihren Individualismus und stellt diesen in Frage.
Hedwig Dohm hat ihre Generationen-Trilogie – in weiblicher Form – unter das Pindar-Zitat gestellt: „Werde, die du bist.“ Dieses Vorhaben scheitert entweder oder bleibt bis zuletzt offen.

Hedwig Dohm: Christa Ruland. Hg. von Nikola Müller und Isabel Rohner. Trafo Verlag (Berlin) 2008.
Drei Generationen: Schicksale einer Seele | Sibilla Dalmar | Christa Ruland
Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Hier kommt Christa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s