haltung, flagge zeigen in leben und politik

„haltung“ von reinhold mitterlehner

inwiefern hängen form und inhalt zusammen? stellt form den kontext für den inhalt, formt der inhalt die form, oder formt die form den inhalt? spannende antworten auf diese frage gibt das buch „haltung“ des österreichischen schriftstellers reinhold mitterlehner. in diesem, seinem erstwerk, beschreibt mitterlehner aus der ich-perspektive die karriere eines typischen politikers als gewachsener funktionär einer konservativen, traditionellen volkspartei namens övp. dabei gelingt es dem schriftsteller, die sprache eines gesichtslosen, aber bemühten verwalters perfekt zu imitieren. die erfolgreiche karriere des politikers geht solange nach oben, bis er schliesslich vizekanzler und chef seiner partei ist, dann aber wird er von einem radikalisierten jungen nachwuchspolitiker gestürzt.

der aufstieg der zentralen figur des buches gestaltet sich wie nebenbei. es passieren keine grossen historischen brüche, und so geschieht auch privat und beruflich scheinbar so gut wie nichts. er wird halt präsident vom fussballverein bei dem er spielt, und irgendwann ist er halt gemeinderat. dann hat er halt fertig studiert und fängt halt in einer halbstaatlichen interessenvertretungsanstalt, von denen es in österreich hunderte gibt, zu arbeiten an, und irgendwann, nach ein-, zweimal nein sagen, aus gottgegebener bescheidenheit, ist er halt nationalratsabgeordneter, dann minister, geht halt zusammen mit seiner partei das erste mal in der geschichte eine koalition mit der rechtsextremen fpö ein, kriegt die demos mit, die sanktionen der eu, findet sie halt vollkommen übertrieben, verspürt aber halt eine gute arbeitsatmosphäre und hohe konzentration in dieser regierung, wird irgendwann dann halt später schliesslich parteichef. nebenläufig bis ganz nach oben. fleissig natürlich und vorsichtig im bösen wien, sich nicht des nachts zu besaufen. schliesslich taucht trotz aller vorsicht der ehrgeizige, rücksichtslose jungpolitiker auf, der den alten verdrängt und damit alles zerlegt, wofür dieser hätten stehen können, wäre es ihm denn möglich gewesen, je für etwas zu stehen.

die form des bemühten holperns, welche den text ausmacht, erlaubt, wunderbar beiläufig im buch widerspruch an widerspruch zu reihen. im kleinen zum beispiel so: der ich-erzähler beschreibt sich als aus einfachsten verhältnissen stammend, während er von der schreinerei seines clans mit 20 bis 30 angestellten erzählt, in welcher er aufgewachsen ist, oder dass sein vater chef der örtlichen polizei war oder von seinen noch reicheren tanten und onkeln mit den grossen autos.

im grossen dann zum beispiel so: beschrieben wird das handeln des politikers während der sogenannten „flüchtlingskrise“ 2015. die politik hat zuerst aus humanitären motiven gehandelt, er hat das unterstützt, weil er ein guter mensch sei, deutet der erzähler ernüchtert an, später aber, nach dem ersten schock, war er damit beschäftigt, die anzahl der asylantragsstellenden so gut es geht zu reduzieren. der protagonist agiert dabei erst nach menschlichen motiven und dann nach politischen. menschlich geht es darum, möglichst viele leute aufzunehmen und sie gut zu versorgen. politisch entwickelt sich eine situation, in der es sinn macht anders zu handeln, gegen menschenrechte, und unsere hauptfigur tut das dann auch.

unauffällig im buch eingewebt, wird die die aufnahme von flüchtlingen im fiktiven ort helfenberg geschildert, aus dessen mitte unser politiker stammen soll. (der name des dorfes ist meiner meinung nach unglücklich gewählt, weil der autor hier satirisch überspitzt, was er sonst an keiner stelle tut.) die dorfbewohner sind erst bemüht und dann überfordert. zum beispiel von dem gedanken, dass nach den ersten familien erst mal nur junge männer kommen, oder dass jemandes speckknödel (schweinefleisch) nicht gegessen werden. wie bedroht und hungrig sind die eigentlich, fragte man sich da. unser empathischer erzähler, als teil der gemeinschaft, versteht solche fragen natürlich.

auch die äusseren umstände ändern sich nach dem sommer 2015. der druck von rechts aussen wird angeblich immer grösser. und plötzlich, aber nicht erschreckend plötzlich, sondern selbstverständlich plötzlich, agiert die hauptfigur als politischer mitverantwortlicher für eine restriktive asylpolitik mit allen folgen. wenige seiten zuvor für das bleiberecht von migranten argumentierend, ergreift der parteichef im ernstfall die nötigen rechtlichen und strukturellen massnahmen, um möglichst wenig menschen aufnehmen zu müssen.

dramaturgisch ist das buch auf höchstem niveau. der fiktive politiker spricht mehrmals davon, wie migration dazu benutzt werde, „wir gegen sie“ zu spielen. er selbst hat aber auch gegner. einen jungen politiker mit namen kurz, aussenminister. dieser bereitet sich erst strategisch heimlich vor, um dann immer mehr mit der idee in die öffentlichkeit zu drängen, alle macht an sich zu reissen und dabei unseren ich-erzähler aus dem weg zu räumen. dieser nachfolger steht laut dem braven alten politiker für alles schlechte, was heutige politik betrifft: von oben herab, manipulativ, zahlen statt inhalte, hinterhalte und nicht zuletzt populismus statt demokratische prozesse als verhandlungen zwischen gleichgestellten partnern. dass der alte aber selbst, nach verantwortlichkeiten schreiend, das feld bereitet hat, auf welchem der verwerfliche neue star seine ernte einfahren kann, fällt unserem protagonisten nicht den bruchteil eines satzes lang auf. auch dass es nicht besonders glaubwürdig ist, für eine progressive migrationspolitik zu argumentieren, während er diese selbst nie unterstützt hat.

am meisten punktet sein herausforderer nämlich mit hass auf die armen der welt, indem er die neofaschisten von der fpö rechts zu überholen versucht. das prangert der ich erzähler nun ständig an, obwohl er selber exakt gleich gehandelt hat, man fragt sich: nicht anders handeln konnte? er ist aufgrund der manischen monothematik des herausforderers gezwungen, flagge, so nennt er das, zu bekennen. jene des verständnisvollen, grossväterlichen humanisten. Oder eben haltung zu zeigen. jetzt im nachhinein, wo es nicht mehr drauf ankommt. auch beim rücktritt des neuen, als der entscheidet, nach einem halben jahr blockade aller politischen entwicklungen in österreich sei genug frust gesammelt und ein guter moment zur wahl, bleibt der ich-erzähler neutral, motzt nicht öffentlich rum, setzt kaum seitenstiche ausser zu braven themen wie staatlicher bildung, dem problemkind des neoliberalismus, wie jeder weiss. sonst ruhiges abtreten.

mitterlehner ist mit seinem roman das kunststück gelungen, in einer zeitgenössischen, durch und durch politischen fachsprache die probleme der welt nur ganz am rande anzudeuten. ausser migration, und die ist ja ein thema, welches zumindest für mitteleuropäer immer die anderen betrifft. das buch ist in seiner art vollkommen unpersönlich. das politische ist hier nicht privat, und das definiert unser politiker als vernunft basierende freiheit. (freiheit steht hier als der leere hohlbegriff, die stellvertreter-metapher für eine nicht-aussage, so wie das heute in mode ist.) die probleme betreffen einen niemals als person, sondern immer als ein mit einer aufgabe betrauten verantwortlichen, der aber von der verantwortung ausgenommen wird, weil er sie übernimmt und damit er objektiv richtig handeln kann. ausser bei einem ebenfalls gut gesetzten und ausnahme-bestätigen-die-regel-betonenden kontrast in einem kurzen kapitel über den tod der tochter des politikers.

dazu kommt, dass man in einem solchen groschenroman über das öffentliche personal mit unterhaltenden anteilen einer seifenoper natürlich ständig verleitet sein könnte, die wahren vorbilder hinter den gezeigten karikaturen zu suchen. Beschrieben wird stattdessen eine fein vernetzte, sich aber eben nicht in öffentlich transparenten konflikten bewährende, sondern ökonomisch hierarchisierte verwaltungskaste, die nur der letzte rest anstand mit grossem kraftaufwand davon abhielt, so total daneben zu agieren wie der nachfolger nun vorhat.

den umstand der eigenen machtlosigkeit bei gleichzeitigem machtanspruch beschreibt der autor anhand der finanzkrise 2008 und der daraus unter anderem resultierenden staatlichen finanzspritze für den ankauf von neuwagen brilliant. natürlich sei es absurd, den privatverkehr weiter zu subventionieren, sinniert der im buch zu dieser zeit angeblich als wirtschaftsminister österreichs tätige ich-erzähler, aber dieselbe anzahl millionen euro hätten in den öffentlichen verkehr investiert kaum einen effekt gehabt, einfach weil der mangel an öffentlichen verkehr so gross sei, der nötige investitionsbedarf so gigantisch, dass die millionen verpufft wären, während durch diese millionen aber ein paar zehntausend alte wirklich schädliche autos gegen neue weniger schädliche autos getauscht werden konnten und dazu noch arbeitsplätze gesichert. hier werden die vertreter eines wirtschaftssystems, ohne es direkt auszusprechen, als alkoholiker gezeichnet, welche den umstieg von schnaps auf wein und bier für einen erfolg halten, genial!

obwohl es der autor mitterlehner nie ausspricht, ist der kern unseres protagonisten geprägt von einem simplen „früher war alles besser“-gedanken. damals, als man sich noch einig war, was man sich vormacht. inzwischen weiss niemand mehr, wer wann wo wem was vormacht. der ausblick in die zukunft beschreibt den karrierehengst, der ihm den arschtritt gegeben hat. der halt einfach eine bessere show macht, als figur überzeugt, reden kann, die leere verpackung mit mehr glanz auszugestalten weiss, dreister ist und mit der systematischen zerstörung des staates bis auf die ideologischen grundpfeiler sicherheit und wirtschaftsförderung ein echtes projekt am start hat. obwohl der neue unserem helden dessen meinung nach nichts voraus hat, ist die hauptfigur plötzlich geschichte, schutt und asche, trotz aller anpassung, und kann es nicht begreifen. er tritt von der grossen bühne ab und realisiert, wie ein rausch sind gut 60 jahre an ihm vorbeigezogen, und er hat nichts gelernt, ausser, dass er das meiste nochmals genau gleich machen würde. ein gewissermassen doppelt erschreckender und damit treffgenauer abschluss des buches.

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