Kraftakt gescheitert, Patient tot

Die Hauptfigur heisst Kraft, daher der Titel „Kraft“ und ist Rhetorikprofessor in Tübingen. Die erste Ehe ist gescheitert, die zweite stellt ein permanentes Scheitern dar. Kraft erfährt von einer Preisfrage, die ein äusserst fortschrittsgläubiger Investor in Anlehnung an Leibnizens Frage der Theodizee ausgelobt hat: „Theodicy and Techodicy: Optimism for a young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ Eine Million soll der Gewinner erhalten. Kraft erhofft sich, die Preisfrage in einem 18-minütigen Vortrag am besten beantworten zu können, um sich somit den bail out aus seiner zweiten Ehe zu verschaffen und damit deren permanentes Scheitern zu beenden.

Wenn eine Figur Kraft heisst, stellt das schon eine Steilvorlage dar für allerlei gewitzte oder unlustige Erzähler-Kommentare. Kraft ist überhaupt nicht kräftig, auch wenn er es von sich selbst glaubt. Das zu bemerken, braucht es die zahlreichen Kapitel-Motti nicht („Wo die Kraft nicht reicht, kommt die Täuschung hinzu“, Pietro Metastasio), die mit allerlei gelehrten Zitaten und Wortspielerei teilweise ebenfalls auf Krafts Kraftlosigkeit rumreiten und diese der Leserschaft unter die Nase reiben. Die Leserinnen und Leser ahnen schon nach dem ersten Kapitel, dass es Kraft nicht gelingen wird, die Preisfrage zu beantworten.

Würde das Buch nur davon erzählen, wie Kraft damit hadert, den Vortrage für die Preisfrage nicht schreiben zu können, und eine Bootsfahrt unternimmt, die im Fiasko endet, wäre das Buch Lüschers zweite Novelle geworden. Romanlänge erreicht das Buch deshalb, weil es parallel zu dieser Gegenwart Krafts Vergangenheit erzählt. In seiner Studienzeit hatte er den Ungarn Istvan kennengelernt, der ihn auch auf die Preisfrage aufmerksam machte. Dieser liebt es, sich als Dissident aufzuspielen, ist in Wahrheit aber nach einer Schach-Meisterschaft in Berlin einfach dort vergessen worden. Gemeinsam mit ihm lobt Kraft die neoliberale Wirtschaftstheorie in den Himmel, sie vergöttern Thatcher und Reagan und lieben es, andere, besonders linke, Studenten und vor allem Studentinnen mit ihren Ansichten zu provozieren. Ein Sympathieträger soll Kraft offensichtlich nicht sein. Aller ideologischen Grabenkämpfe zum Trotz landet Kraft mit einer linken Studentin im Bett. Beiläufig erfährt mensch, worauf es Kraft bei einer Frau ankommt. Das sind „Mütterlichkeit“ und ein „gebärfreudiges Becken“. Witzelt der Erzähler ohnehin gerne über Kraft, hält er sich an solchen Stellen mit seinem Urteil auffälligerweise zurück. Er scheint sogar mit Krafts Chauvinismus einverstanden zu sein: „Sein Aussehen war es nicht, wiewohl Kraft ein gut aussehender junger Mann war und sie nicht alle Tage von gut aussehenden jungen Männern für ihr breites Becken bewundert wurde.“ Zudem habe Ruth eine „existenzielle Schwäche“ für „Schwafler“. Mensch weiss nicht, ob der Erzähler darauf vertraut, dass dies Situationskomik sei und sich Kraft zu Genüge selbst lächerlich mache oder ob er Krafts Ansichten ganz ok findet.

Lüscher versucht hier also etwas was schon einige Male gemacht wurde: mittels einer mediokren, unsympathischen Figur eine Geschichte des Scheiterns zu erzählen. Das kann mensch machen. Kraft ist kein Diederich Hässling oder Professor Unrat (Heinrich Mann), die zutiefst unsympathisch sind. Er hat aber auch keine Ähnlichkeit mit Figuren Michel Houellebecqs, von denen mensch zutiefst abgestossen sein kann. Die Geschichte wird uns lauwarm serviert; der Erzähler stichelt von Anfang an gegen seine Figur. Dadurch verhindert er, dass sie auch nur für einen Moment ernst genommen wird.

Nachdem sich Kraft, wenn auch plötzlich und unerwartet, an der grossen Glocke aufgehängt hat – denn die Preisfrage konnte er unüberraschenderweise nicht beantworten – empfindet mensch doch noch etwas für diese Figur: Erleichterung.

Jonas Lüscher: Kraft.
Beck 2017.
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