Von Brecht zu Broadway

Kurt Weill, das ist der, den mensch – wenn überhaupt – für die Musik zu Brechts Dreigroschenoper kennt.
Das Konzert Theater Bern hat sein Vaudeville Love Life aus der Zeit von Weills US-Exil ausgegraben und es neu inszeniert. Sein Name steht gross auf der Werbung; den Namen Alan Jay Lerners, der das Buch und die Songs geschrieben hat, muss mensch etwas suchen.

Das Ehepaar Samuel und Suzanne Cooper sitzt zu Beginn in einem Kinosaal. Ein Zauberer hebt deren Stühle empor, sodass sie in der Luft hängen. Sie beginnen sich zu streiten darüber, dass ihre Ehe „vor 150 Jahren“ noch in Ordnung gewesen sei, und überhaupt, schuld ist der andere. Der Zauberer zaubert ein flash back herbei, beziehungsweise die beiden in deren Anfangszeit zurück.

In den folgenden Szenen wird das kurze Glück der Familie – die beiden haben zwei Kinder: John und Elizabeth – und die allmähliche, später immer rascher voranschreitende Entfremdung und Zerrüttung des Familienlebens erzählt. Die Szenen sind motivisch jeweils durch einen Film oder ein Genre bestimmt, sodass die Inszenierungh gleichzeitig eine hommage an die us-amerikanische Filmgeschichte ist.

Die Familie kommt in der heilen Märchenwelt des Zauberers von Oz an; sie werden herzlich aufgenommen und Sam kann endlich seinen Laden eröffnen. Während der darauffolgenden Western-Szene gibt Suzanne ein Frühlingsfest, jedoch muss Sam auch seinen Laden schliessen; es kommt zu dramatischen Abschiedsszenen, denn am nächsten Tag muss er fortgehen – um in der Fabrik zu arbeiten. Die Modern Times sind angebrochen. Einerseits wird in den Szenen selbst gesungen, andererseits gibt es auch dazwischen Gesangseinlagen, welche die vorangehenden Szenen verarbeiten, beziehungsweise die folgenden vorwegnehmen. So singt auch vor der Modern-Times-Szene ein kleiner Arbeiterchor, der in bester Variété- und Musical-Manier das Tanzbein schwingt. Bei den tiefen Männerstimmen wünscht mensch sich, der Gesang wäre übertitelt worden – Bern ist ja provinziell, da musste mensch Konzert, Theater und Oper in ein Gebäude pferchen, die technischen Möglichkeiten wären also gegeben. (Vielleicht liegt das Problem aber auch bei meinen dauermetalbeschallten Ohren …) Im Hintergrund der Bühne sind jeweils Filmausschnitte aus den Filmen zu sehen, die das Motiv ausmachen.

Johns Karriere schreitet voran. Er ist als Eisenbahnbauer tätig. Einmal kommt er für zwei Tage nach Hause. Suzanne will ein drittes Kind: John geht bereits zur Schule und Elizabeth folgt ihm bald nach; allein würde ihr langweilig sein. Die Familienplanung scheitert jedoch am Terminkalender: heute hat John keine Lust und sonst ist er entweder am Arbeiten oder könnte bei der Geburt des Kindes nicht anwesend sein.

John ist wieder einmal vom Winde verweht, die Männer der anderen Frauen scheinen auch nicht mehr Zeit zu haben. Deshalb treffen sich die Frauen einmal wöchentlich. Ulrike Hallas, die Darstellerin der Suzanne, singt mit ihrer beeindruckend kräftigen Stimme davon, dass sich Suzanne einen Job suchen will.

Die Ehe rast immer mehr gen Abgrund zu; Suzanne tritt als Monroe auf und ein Nebenbuhler taucht auf, den Sam mit einem famosen slow-motion Faustschlag niederschlägt.

Es kommt, wie es unweigerlich kommen musste, die Ehe geht den Weg aller dramatischen Abschiede Hollywoods der 1940er-Jahre: Während im Bühnenhintergrund Humphrey Bogart und Laura Bacall die Turteltauben mimen, geben sich Sam – in einen Trenchcoat gegkleidet – und Suzanne, die ein Kostüm der 40er-Jahre trägt, den dramatischen Abschied.

Auftritt Zauberer: Die beiden sind nach der Scheidung immer noch unglücklich, auch wenn Sam seine neugewonnene „Freiheit“ beschreibt. Es kommt zu einem steppenwölfischen show down im Illusionstheater des Zauberers. Dieser versucht sie mit Illusionen – Esoterik, Horoskop, Mr. Zynisch und Miss Märchenprinz – abzulenken. Während Sam sich auf Mr. Zynisch einlässt und Suzanne beinahe Miss Märchenprinz verfällt, können sie sich aus der Patsche helfen. Einen faden Beigeschmack hinterlässt der Umstand, dass Samuel als Retter Suzannes erscheint, bloss weil sie kurzweilig an den Märchenprinz glaubte. Dabei war Sam ebenso Mr. Zynisch verfallen und in der Handlung ist ja gerade er es, der seine Liebsten vernachlässigt und der Karriere hinterherhechelt.

Sollte Theodor W. Adorno von Love Life gehört, es vielleicht gar gesehen haben, konnte er wohl kaum mehr als müde über den Versuch zu lächeln, à la Weill und Lerner die Kulturindustrie aus der Kulturindustrie heraus zu kritisieren. Es ist Weill jedoch auch nicht zu verübeln, dass er sich gezwungen glaubte, in den us-amerikanischen Betrieb einzusteigen, um sich über Wasser zu halten. Am ehesten Anstoss heutzutage geben wohl die realexistierenden Eintrittspreise.

Love Life
Musik von Kurt Weill, Buch und Songtexte von Alan Jay Larner
Regie: Joan Anton Rechi
Konzert Theater Bern

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