Paterson

lp

Ich finde so ein Blog, wie dieser, darf sich ruhig mal selbst kritisieren. Wie kann man sich als eine Art Schwesterblog der Gruppe Konverter verstehen, bzw. den grössten Teil seiner notabene Gratisschreiberlinge von dort beziehen, und dann diesen Film und damit die Ideologie dieser Gruppe völlig ignorieren?

Die Gruppe Konverter Zürich, bei welcher der hier sich beschwerende Kritiker ebenfalls Mitglied ist, bezeichnet sich selbst grossspurig als die „Wegbereiterin des dillentantistischen Internationalen“. Jetzt könnte man natürlich die Frage stellen, was für Streber das sein müssen, die sich das Wort „Dilettant“ zutun, welches, das sagen Statistiken (sick!), jeder durchschnittsbegabte Mensch bei jedem zweiten Versuch falsch schreiben tut, doch da ist die Antwort einfach.

Typische Linke halt, die sich die Welt schöner denken als sie ist und damit automatisch positivistischen konservativen Projektionen, also Vorstellung der Geschichte bis hierher, ausgeliefert sind und sich somit dauernd Rezepte für die Vergangenheit ausdenken, dabei aber progressiv vorkommen. Oder noch einfacher: schlicht Angeber ohne Talent.

Aber lassen wirs ihnen gegönnt sein. Wer sich selbst als künstlerischen Diletant bezeichnet, hat bestimmt wenig kreative Ausdrucksmöglichkeiten, und da soll man nicht noch auf ihm rumhacken, sondern ihm seine Selbsthilfegruppen gönnen. Aber es ist schon auffällig, dass es sich bei besagter Gruppe Konverter um ein Lifestylekonstrukt handeln muss, denn ansonsten hätte man sich auf den Film Paterson zu mindestens hier beim Mutanten stürzen müssen, stattdessen Stille.

Nun was ist Paterson überhaupt? Es ist der neuste Film von Jim Jarmusch, aber doch schon aus dem Jahr 2016. Hätte also hier schon längst besprochen gehört. Und wenn auch der gute Jim etwas älter geworden ist und man inzwischen weiss, dass er das Filmemachen nicht neu erfunden hat, weil niemand ausser ihm diese Filme in den 80ern und 90ern hat drehen können, wo man noch ohne Internet in seinen Bauernhöfen im Appenzeller Hinterland sass, und sich an Dead Man erwärmte in einer kalten Winternacht so kurz nach der Wende.

So ist ihm mit Paterson ein weiteres wahres Meisterwerk gelungen und einen Hommage an den Dilettanten auf simpelste Art und Weise und in grosser Ruhe authentisch erzählt, ohne dabei zu Versimpeln durch Breittreten von Dramen wie bei z.B. „Manchester by the Sea“, wo sich ein Amerikaner fragt, ob ihn das Abbrennen seines Hause zu einer Persönlichkeit macht, sondern durch konkrete poetische Erzählung mit Mitteln des filmischen Kunstschaffens.

Paterson ist der Name des Wohnortes von Paterson, einem Busfahrer, der vor Schichtbeginn und in seinen Pausen Gedichte schreibt. Diese erscheinen im Film auf die Leinwand geschrieben und sind schön. Paterson schreibt sie in ein kleines Büchlein. Seine Freundin, die den Tag damit verbringt, von seltsamen Träumen aufzuwachen, die Wohnung umzugestalten und sich Geschäftsideen auszudenken, möchte, dass er das Büchlein zumindest kopiert oder aber wenigsten jemandem zeigt oder es an einen Verlag schickt. Abends geht Paterson mit seinem Hund in eine Bar und trinkt genau ein Bier. Der Film erzählt eine Woche seines Lebens, in der nicht so viel Spannendes passiert bis auf jenes Eine, das ich hier aber nicht verraten will, weil Plot.

Und vielleicht noch jener Geschichte von dem Liebespaar bzw. Ex-Liebespaar, welches in seiner Bar auftaucht und wo der Mann einfach nicht einsehen will oder kann, weil angeblich Liebe, dass die Frau nicht mehr will oder gar nie wollte mit ihm und daran verzweifelnd, schauen ihm alle verständnisvoll abgeneigt dabei zu, wie er den Verstand verliert. Nebenbei konkretisiert Jarmusch seine Vorstellung vom künstlerischen Potential der Dilettanten mit einem Kurzauftritt von Method Man des Wutang Clans in einem Waschsalon, der von Patersons Hund beobachtet Reime einübt.

Die Kunst braucht nicht mehr als sich selbst und ist trotzdem für den Menschen existenziell wichtig. „HipHop braucht kein Mensch. Mensch braucht HipHop.“ 5*deluxe. Muss der Mensch diese Kunst schützen, braucht es schon mehr als sie. Der sich selbst genügende Menschen, der in der Muse Freiheit findet, ist vielleicht eine etwas romantisch verspiesste Vorstellung von vollendeter Individualität, jedoch ist Bewusstsein ja nicht das Dümmste, was einem passieren kann. Angesichts meiner Sprache in dieser Kritik zum Beispiel merke ich gerade, dass ich in den vergangen Wochen viel zu viele Polittalkshows geschaut habe, was ganz offensichtlich reine, den Menschen verblödende Zeitverschwendung ist.

Ob ich den Film allerdings zu Ende geschaut hätte, wenn wir nicht zu zweit vor dem Fernseher gesessen wären, die Längen ausgehalten, die es für die Message braucht, weiss ich nicht. Ich schlafe bei so tollen Filme immer ein, wohl weil ich denke, ist eh alles gut.

Paterson, USA 2016, 123 Min
Regie & Drehbuch: Jim Jarmusch
Mit Adam Driver, Golshifteh Farahani u. a.
Werbung

2 Gedanken zu “Paterson

  1. Den Film hab ich mir sogar im Kino angesehen und wollte auch was drüber schreiben, war dann aber zu beschäftigt oder einfach zu faul. Ich fand auch jenes Eine sehr, sehr doof, hat mir ein wenig den Film kaputt gemacht.
    Patersons Gedichte im Film sind übrigens von Ron Padgett, die fand ich auch toll.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s