Zurich Film Festival 2021, Teil 2: Die fünf Besten

Das Allgemeine und die Tiefpunkte des 17. ZFF hatten wir hier. Jetzt gehts um die Filme, die ich besonders gut fand und weiterempfehle.

 
A Cop Movie | Alonso Ruizpalacios, Mex 2021, 107 Min. | Diese Doku erzählt vom Polizeiwesen in Mexiko-Stadt mit einem Reenactment-Experiment. Eine Schauspielerin und ein Schauspieler stellen Teresa und Montoya dar, die bei der Polizei arbeiteten, bis sie wegen einem Fall von Vetternwirtschaft ihre Karriere verloren. Ein cleveres Spiel mit Realität, Theater und Polizeifilm-Klischees.

 
Life of Ivanna | Renato Borrayo Serrano, Rus/Nor/Fin/Est 2021, 80 Min. | Life of Ivanna hat den Dokumentarfilm-Wettbewerb gewonnen, und das zu Recht. Ivanna ist eine Indigene, lebt in der sibirischen Tundra als Rentier-Züchterin. Mit ihren fünf Kindern hat sie einen Wohnschlitten, eine Art Container auf Kufen mit einem Holzofen. Sie ziehen von Ort zu Ort. Eisige Kälte, gewaltige Stürme. Ein kleiner Sohn von Ivanna zündet für sie ihre Zigaretten an. Ein Highlight ist das Schlachten eines Rentiers; dann gibts frische (rohe) Leber und dampfendes Blut. Ivannas Mann verbringt seine Zeit in der nächstgrösseren Stadt. Er ist ein Taugenichts, säuft zu viel und schlägt Ivanna. Lässt sie sich das gefallen? Ein Leben des Extreme.

 
Swan Song | Todd Stephens, USA 2021, 105 Min. | Udo Kier als ein alter schwuler Coiffeur, der im Altersheim von Sandusky, Ohio versumpft und seiner grossen Liebe nachtrauert. Dann kommt ein letzter Auftrag: Er soll seine ehemals beste Kundin, die gestorben ist, für ihre Beerdigung herrichten. Das wühlt einiges auf. Inspiriert vom wahren Leben eines gewissen Pat Pitsenbarger. Sehr melodramatisch, mit charmant verstrahlten Dialogen. Ich habe geweint.

 
The Card Counter | Paul Schrader, USA/GB/China 2021, 112 Min. | Ein Glücksspieler (Oscar Isaac), der sich William Tell nennt, war einst als Soldat in Abu-Ghuraib stationiert und hat gefoltert. Er kam dafür ins Militärgefängnis, sein Vorgesetzter (Willem Dafoe) kam ungeschoren davon. Ein ehemaliger Kamerad beging Suizid; dessen Sohn (Tye Sheridan) will Vergeltung. Trockenes, eiskaltes Rachedrama mit einer fantastisch guten elektronischen Filmmusik.

 
The Innocents | Eskil Vogt, Nor/S/Dä/Fin/F 2021, 117 Min. | Eine Wohnsiedlung am Waldrand in Norwegen. Die kleine Ida zieht mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester, die Autismus hat, dorthin. Ein Junge und ein Mädchen aus der Nachbarschaft haben übersinnliche Fähigkeiten — und bald stellt sich heraus, dass auch Idas Schwester welche hat.
Das Problem: Der Junge hat eine böse Seite an sich. Bald kommts zwischen den übersinnlichen Kleinen zum Krieg.
Wir haben hier also quasi die Arthouse-Version von Scanners. Mit Kindern. Mein Lieblingsfilm des diesjährigen ZFF.

 
Die Gewinnerfilme des 17. Zurich Film Festivals gibts hier.

 

17. Zurich Film Festival
Zürich 2021
Do 23.9.–So 3.10.2021
zff.com
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Zurich Film Festival 2021, Teil 1: Das Allgemeine und die Tiefpunkte

Das 17. ZFF stand einmal mehr im Zeichen der Pandemie – in die Kinos oder ins Festivalzentrum durfte nur, wer ein Zertifikat vorweisen konnte. Dafür ist die Maskenpflicht gefallen, und wir durften (oder besser: mussten) uns wieder neben wildfremde Leute setzen. Es ist immer noch ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Neu am ZFF: Das Kongresshaus als Spielstätte. Dort gibts einen riesigen Saal mit fast 1300 Plätzen. Ich habs allerdings fertiggebracht, keinen einzigen Film dort zu gucken. Naja, vielleicht nächstes Jahr.

Ebenfalls neu: Das ZFF hat jetzt ein Signet, also ein kurzes animiertes Symbol mit Musik. Das vor jeder einzelnen Vorstellung gelaufen ist (selbst in den Pressevisionierungen). Die pompöse, plärrende Fanfare entwickelt nach dem zehnten oder zwanzigsten Mal durchaus einen gewissen Nerv-Faktor.

Jetzt aber zu den Filmen.

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Zurich Film Festival 2020: Corona, Geld und Holz

So, das 16. ZFF ist auch schon wieder vorbei. Es ging ohne gröbere Schnitzer vonstatten — trotz neuer Leitung und trotz Pandemie. Christian Jungen (künstlerische Leitung) und Elke Mayer (Geschäftsführung) konnten ihr Versprechen einhalten, ein physisches Festival ohne wenn und aber durchzuführen. „Wir stehen ein für das kollektive Filmerlebnis“, wie Jungen so schön sagte an der Medienkonferenz.

Wobei natürlich trotzdem einiges anders war als sonst. Wie schon zuvor am Fantoche, so dämpften Maskenpflicht, Distanzregeln und Co. ein wenig die Festival-Laune. Handkehrum herrschte ein gewisses Corona-Gemeinschaftsgefühl.

Die interessanteste Neuerung war sicherlich die erstmalige Durchführung des Tags des Zürcher Films, der einen Blick hinter die Kulissen der städtischen Filmindustrie ermöglichte. Eine Zusammenarbeit des ZFF und der Zürcher Filmstiftung.

Misstönig dagegen: Wie sich herausstellte, konnte das ZFF vor allem dank grosszügiger Staatshilfe duchgeführt werden, die anderen Kulturinstitutionen bisher versagt geblieben ist. Währenddessen entliess die NZZ — der das ZFF zur Hälfte gehört — kurz vor Festivalbeginn ihren Filmredaktor. Aus Spargründen.

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ZFF 2018: Liberami

Liberami
Von Federica Di Giacomo; Italien/Frankreich 2016, 90 min.
Sektion: Neue Welt Sicht: Italien

Die italienische Dokumentarfilmerin Federica Di Giacomo hat einen sizilianischen Exorzisten bei der Arbeit begleitet. Über ihn lernen wir eine Handvoll andere Exorzisten sowie viele Besessene kennen.

Liberami* ist ein Einblick in die brefremdliche Welt katholischer Tiefgläubikeit mitten in Europa. Da stockt einem öfters der Atem. Unfassbar, welche Absurditäten und Widersprüche die Priester und Gläubigen in ihrem Alltag leben. Wir sehen zum Beispiel, wie der Exorzist Teufelsaustreibungen übers Handy macht — er ist nämlich so beliebt, dass er es gar nicht mehr persönlich überall hinschafft, wo er gewünscht wird.

* Zu Deutsch: „Befreie mich“. Die Betonung liegt übrigens auf dem „e“ und nicht etwa auf dem „a“ (libErami statt liberAmi).

Beste Szene: Der Exorzist befreit eine Wohnung von Dämonen, indem er herumgeht und alles mit einer geweihten Salzwasserlösung besprengt — Möbel, Wertgegenstände und Bilder. Darunter auch das Gemälde einer Madonna mit Jesuskind („Das sollte in einer Kirche hängen“), das er mit dem Salzwasser benetzt, bis es vor Nässe trieft. Das war ein Moment, in dem ich selbst angefangen habe zu beten: „Lieber Gott, mach bitte, dass das nur ein Druck ist.“

Grund für die Austreibung ist übrigens, dass die (verstorbene) Besitzerin der Wohnung eine Affäre hatte — oder etwas in der Art, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Erben haben dann den Exorzisten geholt. Jedenfalls scheint da eine erzkonservative Lebensauffassung durch, bei der alles wortwörtlich des Teufels ist, was nicht exakt im Sinne der Kirche (oder der Verwandten) ist. Als besessen gilt bereits ein Junge, der die Schule schwänzt. Wer sich nicht konform verhält, befindet sich mit einem Fuss in der Hölle.

Bei den Ritualen wird schnell offensichtlich, dass die ganze Exorzismus-Sache vor allem eine einzige grosse Performance ist. Alles läuft schön nach vorgegebenen Ritualen ab; sowohl die Priester als auch die Besessenen erfüllen die von ihnen erwarteten Rollen (und ja, The Exorcist spukt ganz klar in den Köpfen der Beteiligten herum).
Die meisten Besessenen leiden wohl an echten, mehr oder weniger starken psychischen Problemen, aber fraglos nehmen sie auch einfach die Chance war, endlich mal die Sau rauszulassen, die alltäglichen Frustrationen loszuwerden. Psychische Hygiene im kontrollierten Rahmen. Ohne die Angst, gleich eingesperrt oder sediert zu werden. Dafür achten die Besessenen auch auffällig darauf, selbst bei den wildesten Ausfällen niemanden zu verletzten.

Man kanns auch mit der Fasnacht vergleich, nur dass ein Exorzismus individueller ist. Ein anderer Exorzist sagt mal amüsiert, dass einige der Besessenen anscheinend gar nicht erlöst werden wollen — sie würden die Aufmerksamkeit viel zu sehr geniessen.

Der Exorzismus erscheint also als eine Art Ventil für die persönlichen Leiden, die aus der gesellschaftlichen Schizophrenie erfolgen — Katholizismus als Lösung der Probleme, die er selbst erst verursacht. Aber der Exorzismus vestärkt die Probleme eher, als dass er sie löst.
So sehen wir am Anfang des Filmes ein Teenager-Mädchen, das gerade eine Gothic-Phase durchmacht und deswegen zum Exorzisten gebracht wird. Später sehen wir es als junge Frau, die ihre rebellische Teenager-Phase hinter sich gelassen hat und sich beim Exorzisten für ihre Erlösung bedanken will. Aber kaum, dass sie zurück in dieses Umfeld kommt, fällt sie ihn die alten Rollenmuster zurück.

In Liberami wird es nicht angesprochen, aber es dürfte bekannt sein, dass es schon Exorzismen mit Todesfolge gegeben hat. Bei dem, was der Film zeigt, scheint das nur konsequent.
Umso bestürzender, wenn am Ende erwähnt wird, dass weltweit die Nachfrage nach Exorzisten extrem steigt — die Kirche hat Probleme, genügend Nachwuchs zu finden. So viel zur Aufklärung in der westlichen Welt.

ZFF 2018: Christliche Fundis und Bienen

The Miseducation of
Cameron Post

Von Desiree Akhavan
USA/GB 2018, 91 min.
Sektion: Special Screening
vs.
Tell it to the Bees
Von Annabel Jankel
GB 2018, 106 min.
Sektion: Gala Premieren

The Miseducation of Cameron Post und Tell it to the Bees eigenen sich wunderbar für einen Vergleich, handeln doch beide Filme von ähnlichen Themen, wurden aber von ganz unterschiedlich talentierten Leuten gemacht.

Tell it to the Bees: Mitte der 50er-Jahre in Schottland. Nachdem sie von ihrem nichtsnutzigen Mann verlassen wurde, muss sich die Arbeiterin Lydia (Holliday Grainger) allein um ihren Sohn Charlie (Gregor Selkirk) kümmern. Und dann wird sie auch noch gefeuert. Zum Glück kann die frischgebackene Ärztin Jean (Anna Paquin) eine Haushälterin gebrauchen. Lydia zieht bei ihr ein — und verliebt sich in sie. Bald gehen Gerüchte um.

The Miseducation of Cameron Post: Anfang der 90er-Jahre in den USA. Das Teenager-Mädchen Cameron (Chloë Grace Moretz) wird auf dem Rücksitz eines Autos beim Fummeln erwischt — mit ihrer besten Freundin. Deswegen wird sie in ein christliches Lager geschickt, wo Jugendlichen ihre Homosexualität wegtherapiert werden soll.

Tell it to the Bees ist die Art von Film, die dabei herauskommt, wenn Filmemacher etwas über ein wichtiges Thema sagen wollen, aber zu faul oder zu dumm sind, um tatsächlich etwas zu sagen. Die Handlung ist weitgehend vorhersehbar, die Figuren sind eindimensionale Abziehbilder und gefilmt ist das Ganze ohne jede ästhetische Ambition. Neue Erkenntnisse oder überraschende Einsichten gibt es keine, alles bleibt streng dem melodramatischen Klischee verhaftet. Gerade die Liebe zwischen den beiden Frauen bleibt daherbehauptet — was die Arbeiterin und die Ärztin aneinander finden? Sie sind halt lesbisch. Das muss reichen.

Das einzig Interessante an Tell it to the Bees sind die Bienen. Die Ärztin besitzt nämlich ein paar Bienenstöcke, und die Nahaufnahmen daraus sind eine willkommene Abwechslung zu den ansonsten drögen Bildern. Freilich dienen die Insekten auch als billiges narratives Mittel. Die Ärztin erzählt nämlich Lydias Sohn, dass sie als Mädchen den Bienen ihre Geheimnisse verraten habe — Charlie tut es ihr nach. Was die Filmemacher nutzen, um den inneren Zwist des Jungen zu veräussern, denn wieso sollte man seine Innerlichkeit mühsam darstellen, wenn man Charlie einfach alles in die Kamera sagen lassen kann?
Darüber hinaus müssen die armen Viecher öfters für plumpe Symbolik und am Ende für ein idiotisches Finale herhalten (der einzige Handlungsmoment, der überrascht, eben weil er derart bescheuert ist).

Als positiver Gegenentwurf dazu kommt The Miseducation of Cameron Post daher. Da gibt es keine stereotypen Guten und Bösen, sondern zwiespältige Figuren mit Stärken und Schwächen. Cameron ist nicht einfach ein schuldloses Opfer, sondern hat ihre schlechten Seiten und tatsächlich persönliche Probleme, an denen sie arbeiten sollte. Und die Erwachsenen sind keine skrupellosen Fundis, sondern versuchen tatsächlich, den Jugendlichen zu helfen, durchaus mit Einfühlungsvermögen — aber halt mit fragwürdigen Mitteln und Voraussetzungen. Der Film gibt sich Mühe, seine Figuren und ihr gesellschaftliches Umfeld genau zu zeichnen, zu erklären, wie dieses Segment der religiösen USA tickt. Nachher ist einem vieles klarer.

Zugegeben, dass sich einer der Jugendlichen am Ende was antut, kommt alles andere als unerwartet, und manchmal tendiert der Film in den Dialogen zum Dozieren — aber insgesamt ist The Miseducation of Cameron Post angenehm realistisch und frei von melodramatischen Klischees.

Man merkt dann auch, dass sich die Filmemacher überlegt haben, wie sie das darstellen wollen. So spielen sie bei der Filmmusik und den Bildern mit dem 90er-Jahre-Stil herum, oder arbeiten mit der abwechselnd intimen oder klaustrophobischen Wirkung extremer Nahaufnahmen. Da war niemand zu dumm oder zu faul.

ZFF 2018: Orecchie

Orecchie
Von Alessandro Aronadio; Italien 2016, 90 min.
Sektion: Neue Welt Sicht: Italien

Stell dir vor, du sitzt in einer miserablen, völlig unlustigen Komödie — umgeben von Leuten, die sich kaputtlachen. So gings mir mit Orecchie. Dass der Film genau davon handelt, ist das einzig Lustige daran.

Ein Typ (Daniele Parisi) erwacht eines Morgens mit einem schmerzhaften Klingeln im Ohr. Dabei hat er schon genug Probleme: Der Aushilfelehrer (Philosophie und Geschichte) muss an ein Bewerbungsgespräch bei einem Verlag, und seine Freundin hat ihm einen Post-it-Zettel an den Kühlschrank geklebt: Sein Freund Luigi sei gestorben, um 19 Uhr sei die Beerdigung. Freilich kennt unser Held keinen Luigi.
Nun muss sich der Philosoph einen Tag lang herumschlagen mit aufdringlichen Nonnen, defekten Geldautomaten, inkompetenten Ärzten oder seiner Mutter, die sich gerade einen jüngeren Freund angelacht hat.

Orecchie (zu Deutsch: Ohren) gibt sich einen hippen, intellektuellen Anstrich mit schwarzweissen Bildern und jazziger Filmmusik (denn Woody Allen hat das ab und zu gemacht, und darum machen das jetzt alle Komödienregisseure mit „Anspruch“), aber lasst euch nicht täuschen: Das ist alles Holzhammerhumor, und die gelegentlichen philosophischen Anwandlungen bleiben durchgehend seicht. Da kommt zum Beispiel Camus vor*, aber Gott bewahre, dass da mehr kommt als die oberflächlichst mögliche Zusammenfassung.

*Wäre Nietzsche dann doch zu offensichtlich gewesen, oder kennt man den in Italien einfach weniger?

Was man lustig findet, ist ja durchaus subjektiv, aber ein unorigineller, fauler Witz ist immer ein unorigineller, fauler Witz. Eine Figur ist nicht automatisch lustig, wenn sie sich auf mühsame Art exzentrisch verhält, und schrilles Getue ist nicht der Höhepunkt der Komik. Da muss schon ein bisschen mehr kommen als: „Hahahaha, die Frau an der Rezeption widmet ihrem Handy mehr Aufmerksamkeit als den Patienten! Und dann hat sie auch noch lange Fingernägel, kaut Kaugummi und lacht laut! Wie überaus köstlich!“

Und dann diese ganzen Routinen um Alltags-Ärgernisse, die schon hundertausendmal durchgespielt worden sind. Da will unser Philosoph bei einer Fast-Food-Kette ein Menü bestellen, aber HAHAHAHAHA! der Typ am Schalter ist total unflexibel, was die Menüzusammenstellung anbelangt! Das ist nur noch einen Schritt weit entfernt von einer Nummer übers Kaffeebestellen bei Starbucks.
Oder da ist der erwähnte Freund der Mutter, der als „Performer“ arbeitet. Wir sehen eine dieser Performances, und das ist dann halt irgendwelcher willkürlicher Bullshit, der beklatscht wird — der Performer schreit herum und isst eine Zwiebel. Mit anderen Worten, das ist die Art von Parodie auf moderne Kunst, die nur von Leuten kommen kann, die noch nie in ihrem Leben etwas mit moderner Kunst zu tun hatten.

Jesses. Ich hatte jetzt einen Tag Zeit, um den Film zu verdauen, aber ich könnte schon wieder an die Decke gehen.

Am Ende geht unser Philosoph an die Beerdigung von Luigi und da wird endgültig klar, wessen Geist Orecchie ist: Der Philosoph hält eine kitschige Rede, in der er dem Konformismus ein Lob singt. Und nein, da gibts keine Spur von Ironie oder Sarkasmus. Er ist ein grummeliger Zyniker, der alle anderen Leute für dumm hält und keine Kompromisse eingehen will — jedenfalls wird das behauptet, aus der Handlung selbst wird das nur rudimentär ersichtlich –, aber dank den Begegnungen an diesem Tag lernt er, dass zu viel Denken nur unglücklich macht. Und dass Atheisten einsam sterben, im Gegensatz zu Gläubigen. Ja, ich schwöre, das ist weder ironisch noch sarkastisch gemeint. Der Film ist wirklich so spiessig. Aussagen des Regisseurs in Interviews decken sich damit.

Ich halte ja auch nicht viel von diesem Zynismus à la The Catcher in the Rye („Ihr seid alle Schafe, Mann!“), über den man hinauswachsen sollte, sobald man die Teenagerjahre hinter sich hat. Aber eine kritische Auseinandersetzung damit müsste auf einer intellektuellen Ebene stattfinden, auf der sich Orecchie zu keiner Sekunde bewegt.

Und ja, im übertragenen Sinn kann man den Film wie folgt lesen: „Hör auf, dich über schlechte Witze aufzuregen! Hör auf, über Botschaften nachzudenken! Lach einfach! So wie alle anderen! Lach einfach! Lach! Lach! LACH!“

HAHAHAHAHAHAHAHAHA!!!!

 
Ein ähnlicher, aber guter Film ist übrigens Oh Boy.

ZFF 2015: Dürrenmatt — Eine Liebesgeschichte

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Dürrenmatt — Eine Liebesgeschichte
Von Sabine Gisiger
CH 2015, 79 Min.

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Wer gerne Tiefschürfendes über Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, schaue sich Portrait eines Planeten an. Der Dokumentarfilm von Charlotte Kerr ist derart gut, dass sich auch Sabine Gisiger ausführlich daran bedient hat.
Im Verbleich dazu hat Gisiger eigener Versuch Dürrenmatt — Eine Liebesgeschichte arg wenig Fleisch auf den Knochen. Zwar interviewte sie die kleine Schwester des Literaten sowie zwei seiner Kinder, doch viel Spannendes zu sagen haben die nicht: „Er hat nicht gewusst, wie man persönlich redet.“ (Peter Dürrenmatt)
Interessant daran ist höchstens die extreme Familienähnlichkeit der Dürrenmatts untereinander. Als habe man sie alle aus demselben Reagenzglas geklont.

Dass schliesslich eine Liebesgeschichte das Zentrum dieses Dokumentarfilms sei, bleibt eine blosse Behauptung. Lotti, die erste Frau, ist einfach eine von vielen Figuren in der Nacherzählung von Dürrenmatts Leben. Und Charlotte Kerr, die zweite, wird in den letzten fünf Minuten noch rasch abgehandelt. Angesichts dessen, dass soviel Material von ihr stammt, eine Frechheit.

Der Film läuft am ZFF als Gala Premiere. Der reguläre Kinostart ist am 15. Oktober.

ZFF 2015: Unsere Tipps

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Wer freut sich sonst noch auf eine Überdosis Kino? Auf Bratwurst vom Sternengrill? Überfüllte Partys im Bellevue? Heute läuft nämlich das Zurich Film Festival 2015 an. Wir haben uns durchs Programm gewühlt und ein paar Highlights ausgegraben.

 
The Program
Der Titel spielt auf das Dopingprogramm an, das Lance Armstrong zusammengestellt hat – es hat ihm sieben Siege an der Tour de France eingebracht. Aber am Ende kommt alles raus. Selbst wenn man kaum Interesse am Radsport hat: Stephen Frears Drama entwickelt einen unheimlichen Sog. Mehr zum Film gibt’s hier.
Gala Premiere

The Miracle of Tekir
Die schweizerisch-rumänische Regisseurin Ruxandra Zenide erzählt ein faszinierendes Märchen um das Mysterium der Schöpfung – und die Weiblichkeit von Schlamm. Allein schon die Bilder sind ein Ticket wert.
Internationaler Spielfilm-Wettbewerb

Sicario
Vor zwei Jahren kam Denis Villeneuve mit Prisoners (und Hugh Jackman) nach Zürich und wurde als Regiegott gefeiert. Sicario ist nun ein Thriller über den Drogenkrieg an der Grenze zwischen Mexiko und den USA.
Gala Premiere

Krigen
Wenn es überhaupt jemanden gibt, der bessere Thriller als Denis Villeneuve macht, so ist das der Däne Tobias Lindholm. Nach R und Kapringen bringt er auch seinen dritten Film ans ZFF.
Internationaler Spielfilm-Wettbewerb

The Wolfpack
Sechs Brüder, die von ihrem Vater in der Wohnung eingesperrt werden. Hunderte von Filmen als einzige Verbindung zur Aussenwelt. Der Wunsch, die Filme nachzuspielen. Am Ende die Revolte gegen den Vater. Die New Yorkerin Crystal Moselle ist da auf ein grandioses Thema gestossen.
Internationaler Dokumentarfilm-Wettbewerb

The Living Fire
Und noch ein Dokumentarfilm – allerdings spielt Ostap Kostyuk mit den Mitteln des Spielfilms. Ebenso reizvoll ist der Gegenstand der sterbenden Schafhirtenkultur: Wer die vielen schweizerischen Alpsommerfilme der letzten Jahre spannend fand, findet hier einen Einblick die ukraninische Variante.
Internationaler Dokumentarfilm-Wettbewerb

Fish & Cat
Ein surrealer Thriller aus dem Iran, gedreht in einer einzigen Einstellung, getränkt in schwarzem Humor? Fish & Cat ist ein kleines Meisterwerk, das man auf keinen Fall verpassen darf.
Neue Welt Sicht: Iran

Regression
1990 in Minnesota: Ein Mädchen (Emma Watson) behauptet, ihr Vater habe sie vergewaltigt. Ein Polizist (Ethan Hawke) kommt einer bösartigen Verschwörung auf die Spur. Der neue Film des Spaniers Alejandro Amenábar ist Satanistenhorror alter Schule – und dreht das Genre doch vollständig auf den Kopf.
Gala Premiere

 
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